Sollen wir Zeichen fordern?
Am Beispiel Gideon erklärt

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 30.09.2016

Leitverse: Richter 6

Ri 6,36-40: Und Gideon sprach zu Gott: Wenn du Israel durch meine Hand retten willst, so wie du geredet hast – siehe, ich lege ein Woll-Vlies auf die Tenne; wenn Tau auf dem Vlies allein sein wird und auf dem ganzen Boden Trockenheit, so werde ich erkennen, dass du Israel durch meine Hand retten wirst, so wie du geredet hast. Und es geschah so. Und er stand am anderen Morgen früh auf, und er drückte das Vlies, eine Schale voll Wasser. Und Gideon sprach zu Gott: Dein Zorn entbrenne nicht gegen mich, und ich will nur noch diesmal reden! Lass es mich doch nur noch diesmal mit dem Vlies versuche: Möge doch Trockenheit sein auf dem Vlies allein, und auf dem ganzen Boden sei Tau. Und Gott tat so in jener Nacht; und es war Trockenheit auf dem Vlies allein, und auf dem ganzen Boden war Tau.

Gideon war einer der Führer, die Gott erweckt hatte, um sein Volk während der Zeit der Richter in den frühen Tagen der Geschichte Israels zu regieren. Während einer Zeit der Invasion durch die Armeen Midians berief Gott Gideon, um die israelitischen Truppen zusammenzubringen und die ausländischen Eroberer zurückzuschlagen. Bevor Gideon sich selbst dem Kampf hingab, wollte er allerdings sicher sein, dass Gott Israel den Sieg geben würde.

In Richter 6,36-40 sehen wir, wie Gideon Gott gebeten hatte, an dem einen Morgen ein Wollvlies durch Tau nass zu machen und dann am nächsten Morgen völlig trocken zu lassen. Das Wollvlies sollte das Zeichen sein, dass Gott ganz klar Israel von den Midianitern retten würde. Gott gab Gideon das Zeichen, um das er gebeten hatte, und Gideon ging dann aus und schlug die Heere der Midianiter zurück.

Sollten wir diesem Beispiel Gideons folgen und Vliese auslegen? Lehrt Richter 6, dass es ein guter Gedanke ist, Gott um Zeichen seiner Bestätigung zu bitten, sei es für unsere Pläne oder um eine Entscheidung, von der wir denken, dass sie seinem Willen entspricht? Wie weit sollten wir diese Praxis des Vliese-Auslegens führen? Sind diese Vliese nur reserviert für bestimmte spezielle Gelegenheiten oder sollten wir erwarten, dass Gott uns jeden Tag Zeichen gibt? Ist das Auslegen eines Vlieses der Beweis für einen reifen Glauben oder einen unreifen Glauben? Wird unser Glaube durch Vliese gekräftigt, oder ist es besser, Gott nicht um ein Zeichen zu bitten?

Diese Fragen, so wie viele andere auch, kommen uns in den Sinn, wenn wir den Bericht von Gideon lesen. Wir wissen aus Römer 15,4, dass dieser alttestamentliche Abschnitt der Schrift zu unserer Unterweisung geschrieben und in das Wort Gottes eingeschlossen worden ist. Es gibt viele große Lektionen für Christen in dem Bericht Gideons, aber was ist nun die Lektion, die wir nach dem Willen Gottes aus der Begebenheit mit dem ausgelegten Vlies lernen sollen?

Bevor wir einen Beweis aus der Schrift für die Qualität des Glaubens Gideons holen, wollen wir uns an einen der wichtigsten Grundsätze der Schriftauslegung erinnern. Die Erzählung ist immer der Didaktik unterworfen, d.h., die Berichte der geschichtlichen Begebenheiten, die in der Bibel erwähnt werden, sind immer den Abschnitten der Bibel unterworfen, die klare Lehre bringen. Wir müssen immer unterscheiden zwischen dem, was passiert ist, und dem, was passieren sollte, wenn wir die Schrift lesen.

Die Tatsache z.B., dass die Bibel uns sagt, dass Abraham bezüglich seiner Frau eine Lüge erzählte und damit seine Frau in Gefahr brachte, um sein Leben zu schützen (1Mo 12,10-20), sollten wir nicht so interpretieren, dass das nun bedeutet, dass es okay für uns ist, zu lügen und unsere Familienmitglieder in Gefahr zu bringen, wenn wir denken, dass es um unser Leben geht. In derselben Weise ist die Geschichte Gideons und auch die Begebenheit mit dem Vlies ein Bericht von dem, was geschehen ist, aber es bedeutet nicht notwendigerweise, dass es auch geschehen sollte. Wir müssen uns den Textzusammenhang beachten, in der die Geschichte Gideons steht, und sehen, ob Gideons Handlung die eines starken reifen Glaubens oder eines schwachen unreifen Glaubens war. Wir müssen uns selbst fragen, ob der Gesamtzusammenhang der Geschichte uns lehrt, dass wir den Handlungen des Charakters dieser Geschichte folgen sollen oder ob wir diese Handlung vermeiden sollen. Auch müssen wir den Rest der Bibel betrachten und sehen, ob es irgendwelche deutlich belehrenden Aussagen gibt, die das Thema des Auslegens von Vliesen berühren und die bestätigen, dass wir Gott um Zeichen bitten sollen.

Im Matthäusevangelium lesen wir zweimal, dass der Herr Jesus lehrt, dass das Bitten um Zeichen keine empfehlenswerte Haltung gegenüber Gott war. Er sagt bei beiden Gelegenheiten (Mt 12,39; 16,4), dass ein böses und ehebrecherisches Geschlecht ein Zeichen begehrt. Offensichtlich waren die Motive, die dieses böse und ehebrecherische Geschlecht hatte, ein Zeichen von Gott zu fordern, völlig verschieden von den Motiven eines Gläubigen, der ein Zeichen von Gott erbittet. Allerdings zeigt die Bibel an, dass selbst ein Gläubiger einen unreifen Glauben beweist, wenn er Zeichen benötigt. Erinnern wir uns, dass unser Herr den Mangel an Glauben des zweifelnden Thomas mit der Aussage tadelt: „Gesegnet sind die, die nicht gesehen und doch geglaubt haben“ (Joh 20,29). Wir können dann sagen, dass die Daumenregel für den wachsenden Christen die folgende sein sollte: Wandelt im Glauben und nicht durch Wollvliese! Oder um 2. Korinther 5,7 zu zitieren: „Wir wandeln durch Glauben und nicht durch Schauen.“ So sehen wir, dass die klar belehrenden Abschnitte der Schrift, die mit dem Bitten um Zeichen zu tun haben, dahin tendieren, uns anzuzeigen, dass das Auslegen von Vliesen nicht der reifste Ausdruck des Glaubens ist oder eine Gott ehrende Antwort des Glaubens wäre.

Wenn wir die Geschichte Gideons (das, was passierte) im Licht dieser Belehrungen (das, was passieren sollte) anschauen, dann wird es uns ganz klar, was diese Begebenheit mit dem Wollvlies illustriert. Gideon handelte nicht auf der Basis eines starken und sicheren Glaubens, sondern vielmehr auf der Basis eines schwachen und unsicheren Glaubens. Gideon bat Gott um ein Zeichen, nachdem Gott schon mit Nachdruck verheißen hatte, dass Er Israel von den Midianitern retten wollte. Der Herr hatte Gideon schon geschickt, um die Midianiter zu schlagen. „Geh hin in dieser deiner Kraft und rette Israel aus der Hand Midians! Habe ich dich nicht gesandt?“ (Ri 6,14). Dann hatte der Herr dem Gideon verheißen, dass Er mit ihm sein wollte und dass er definitiv die Midianiter schlagen würde. „Da sprach der HERR zu ihm: Ich werde mit dir sein, und du wirst Midian schlagen wie {einen} einzelnen Mann“ (Ri 6,16). Weiter hatte Gott dem Gideon schon ein bestätigendes Zeichen gegeben: in der Art und Weise, wie Er auf Gideons Opfer antwortete. Ein Wunderfeuer hatte angezeigt, dass Gott Gideon und sein Opfer annahm. Dieses Feuer hatte das Opfer verzehrt, das Gideon gebracht hatte. Welchen weiteren Beweis benötigte Gideon noch, um zu wissen, dass der Gott Israels dabei war, Gideon einen vollständigen Sieg über die Midianiter zu geben? Und doch hatte Gideon den Mut, zu Gott zu sagen: „Wenn du Israel durch meine Hand retten willst, so wie du geredet hast“ (Ri 6,36). Wie enttäuschend und doch wie bekannt! So oft ist es auch mit uns wie bei Gideon. Wir bezweifeln die direkten Verheißungen, die Gott uns schwarz auf weiß in der Schrift gegeben hat. Warum z.B. riskieren wir körperliche Probleme aufgrund von Stress, wenn wir uns doch klar gesagt wird: „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er ist besorgt für euch“ (1Pet 5,7)?

Die Tatsache, dass wir alle vielleicht schon Vliese ausgelegt und möglicherweise auch Gottes Antwort durch Wunderzeichen gesehen haben, bedeutet noch nicht, dass Gott auch Gefallen an dieser Art unseres Wandels im Glauben hatte. So wie auch Eltern sich manchmal herablassen, den ängstlichen Fragen und Bitten ihrer Kinder gegenüber für Zusicherung oder Bestätigung nachzugeben, so beruhigt auch Gott bisweilen die Fragen unseres schwachen Glaubens. Aber die Eltern möchten, dass ihre Kinder reifer werden und zu dem Punkt kommen, wo sie nicht ständig eine Versicherung oder eine ungewöhnliche Demonstration der Bestätigung brauchen. In gleicher Weise möchte Gott, dass seine Kinder im Glauben wachsen zu dem Punkt hin, wo sie es nicht mehr nötig haben, Vliese auszulegen und um Zeichen zu bitten. Der Punkt ist nicht, dass die Geschichte Gideons uns lehrt, dass es falsch ist, Vliese auszulegen, und dass es falsch ist, Gott um Zeichen zu bitten. Aber der Bericht von Gideon und dem Vlies wird in der Schrift erwähnt, um uns zu zeigen, dass es ein unsicherer, zweifelnder Glaube ist, der Zeichen begehrt, und dass es gewöhnlich der ängstliche, unreife Gläubige ist, der Vliese auslegt.

Eine sehr ermunternde Lektion, die wir bei der Betrachtung der Geschichte Gideons und des Vlieses auch nicht aus den Augen verlieren wollen, ist diese, dass Gott unseren Mangel an Glauben toleriert und sein Werk mit uns trotz unseres unreifen Glaubens weiterführt. Er kann uns sogar diese Zeichen geben, um die wir gebeten haben, um unseren schwachen Glauben zu stärken.

Obwohl es aus der Schrift klar ist, dass Gideon kein Gigant des Glaubens war, sollten wir nicht die Tatsache aus den Augen verlieren, dass er einen wahrhaften Glauben hatte. Er hatte vielleicht nicht so einen tapferen Glauben wie manch anderer der alttestamentlichen Helden, aber es muss betont werden, dass Gideon nicht ohne Glauben war. Als Gott Gideon berief, dass er den heidnischen Altar seines Vaters niederreißen sollte (Ri 6,25-27), tat er dies bei Nacht, weil er zu ängstlich war, dies bei Tage zu tun. Aber er tat es!

Der Glaube muss nicht tapfer sein, um echt zu sein. Wie ermunternd für uns, die wir im Glauben so oft so zaghaft sind. Wiederum sehen wir, dass Gideon Angst hatte vor dem Kampf, und er benötigte einen Traum, der ihn ermunterte, den Schritt im Glauben zu gehen (Ri 7,9-15). Aber Gott wusste alles über Gideons schwachen Glauben, und nachdem Er noch einmal klar und deutlich gesagt hatte, dass Gideon die Midianiter schlagen würde (Ri 7,9), sagte Er zu Gideon: „Wenn du Angst hast anzugreifen, so gehe in das Lager mit deinem Knecht Pura und höre, was sie dort sprechen. Danach wirst du ermutigt sein, das Lager anzugreifen“ (Ri 7,10.11). Wie gnädig ist Gott! Gottes bewunderungswürdige Geduld und seine Herablassung zu dem schwachen Glauben Gideons (der mehr Wert auf den midianitischen Traum als auf das klare Wort des Herrn legte!) zeigt uns das Ausmaß seiner Gnade zu unserem Kleinglauben. Was für eine Ermunterung für uns, die wir so oft wie Gideon mehr ermutigt werden, „Beweise“ zu sehen, als einfach Glauben zu haben an die Verheißungen des Wortes Gottes. Aber Preis sei Gott, „er kennt unsere Gebilde und ist eingedenk, dass wir Staub sind“ (Ps 103,14).

Die Tatsache, dass Gideon trotz seines Versagens im Hebräerbrief (Heb 11,32) unter den Helden des Glaubens aufgeführt wird, zeigt uns, dass von Gottes Perspektive aus die Tatsache unseres Glaubens letztendlich wichtiger ist als die Stärke unseres Glaubens. All das ist ermunternd für uns. Allerdings bedeutet das nicht, dass Gott seinen Stempel der Bestätigung auf das Auslegen von Vliesen oder auf einen schwachen furchtsamen Glaubens setzt.

Nicht nur ist die Praxis des Auslegen von Vliesen ein Anzeichen eines unreifen Glaubens, sondern damit sind auch einige Probleme verbunden. Ein Problem ist, dass du mit deinem Vlies niemals wirklich sicher werden kannst. Nehmen wir an, du hast Gott um ein Zeichen vom Himmel gebeten, damit du weißt, ob du eine bestimmte Reise machen oder eine bestimmte Beziehung weiterverfolgen sollst, und drei Tage später siehst du eine Sternschnuppe. „Wow!“, sagst du. Aber dann beginnst du dich zu fragen: „War das nun das Zeichen von Gott oder war das nun gerade Zufall?“ Was tust du dann? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass du dasselbe tust, was Gideon getan hat. Dann wirst du die Grenzen in Bezug auf das Zeichen etwas enger ziehen, um wirklich sicher zu sein. „Herr, lass mich in den nächsten 48 Stunden drei Sternschnuppen am nördlichen Himmel sehen, wenn meine Entscheidung dein Wille ist.“ Aber du kannst niemals genug Vliese auslegen, um hundertprozentig sicher zu sein. Und wo endet da der Glaube und wo beginnt die Manipulation Gottes?

Die Grenzen enger zu ziehen, führt zu einem anderen Problem. Vliese auszulegen mag nicht falsch sein. Aber es kommt sehr gefährlich nah an das Versuchen des Herrn, und das ist ganz klar falsch. Als die Pharisäer und Sadduzäer Christus um ein Zeichen baten, sagt die Schrift, dass sie Ihn versuchten, indem sie ein Zeichen vom Himmel forderten (Mt 16,1). Die Bibel lehrt ganz klar, dass es eine Sünde ist, Gott zu versuchen oder auf die Probe zu stellen. „Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen“ (5Mo 6,16). Wenn du die Autobahn überquerst und erwartest, durch ein Fahrzeug nicht verletzt zu werden, weil Gott verheißen hat, uns zu beschützen, bedeutet das, Gott zu versuchen.

Ein Christ, der ein Vlies auslegt und um ein Zeichen bittet, versucht zwar nicht direkt Gott, aber wenn er anfängt, bei den Zeichen, die er fordert, die Grenzen enger zu setzen, dann bewegt er sich in diese Richtung. Wenn wir den Herrn bitten: „Lass das Telefon morgen Mittag klingeln, wenn Du willst, dass ich diesen neuen Job annehmen soll (oder an den neuen Ort gehen soll)“, dann haben wir Gott in Wirklichkeit eingesperrt, eingesperrt in eine selbstgemachte Box. Wir haben unsere Bedingungen festgelegt, und wir zwingen Gott, seinen Willen für uns nach unseren Bedingungen zu bestätigen. Kommt es nicht gefährlich nahe daran, Gott zu versuchen? Je enger wir die Grenzen ziehen, um Gottes Hand zu erzwingen, desto näher kommen wir dann an die o.g. Illustration mit der Autobahn. Wie viel besser ist es, die normalen Mittel, die Gott uns gegeben hat, zu benutzen, um Entscheidungen zu fällen: als Erstes die Richtlinien der Schrift einschließlich eines geheiligten Allgemeinverstands und dann Gott zu bitten, unsere Entscheidungen zu bestätigen oder uns zu anderen Entscheidungen zu bringen auf den Wegen, die Er selbst gewählt hat.

Gott zu bitten, unsere Entscheidung zu bestätigen, ohne Ihn in Bezug auf die Art und Weise, wie Er das tut, einzuengen, ist nicht dasselbe wie Vliese auszulegen. Den Herrn zu bitten, dass Er uns in einer klaren Art und Weise zeigt, wenn wir eine Entscheidung gefällt haben oder dabei sind, eine Entscheidung zu treffen, die nicht in Übereinstimmung mit seinem Willen ist – das ist nicht dasselbe, wie um ein spezielles Zeichen von Gott zu bitten. Der Herr spielt nicht mit uns. Er möchte, dass wir richtige Entscheidungen fällen, und Er hat Wohlgefallen daran, uns in diesen Entscheidungen zu bestätigen. Wir müssen nicht Vliese auslegen, um unseren Vater daran zu erinnern, dass seine geliebten Kinder, die Er durch und durch kennt, seine vollkommene Unterstützung in ihrem Wandel des Glaubens benötigen. Wir können seiner Verheißung vertrauen.

„In all euren Wegen, erkennt ihn, und er wird eure Pfade lenken“ (Spr 3,6).

Lies auch: „Wie erkenne ich den Willen Gottes?


Originaltitel: „Faith and Fleeces“
Quelle: www.growingchristians.org

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