Enttäuschungen und Stolz
Aus Enttäuschungen lernen ...

Floyd McClung

© Jugend mit einer Mission, online seit: 07.05.2001, aktualisiert: 24.05.2019

Leitverse: Psalm 51,19; Psalm 119,75

Ps 51,19: Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist; ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht erachten.

Ps 119,75: Ich weiß, HERR, dass deine Gerichte Gerechtigkeit sind und dass du mich gedemütigt hast in Treue.

Einleitung

Haben dich andere Menschen enttäuscht? Hat dich jemand, der dir nahestand, durch sein Handeln verletzt und enttäuscht? Vielleicht hattest du gewisse Erwartungen, die sich nicht erfüllten, oder du verstehst nicht, warum eine Verheißung des Herrn für dich sich nicht erfüllte?

Enttäuschung kann zu Schmerz, Entmutigung, Bitterkeit, Zorn, Zweifel und Angst führen. Wenn es sich um eine große Enttäuschung handelt, können die Folgen monate- oder sogar jahrelang nachwirken. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass wir lernen, mit Enttäuschungen fertig zu werden.

Unsere Enttäuschungen können aber zu einer Quelle großen Segens werden, wenn wir in der rechten Weise auf sie reagieren. Nichts kann uns emotional verletzen, es sei denn, wir reagieren darauf mit der falschen Einstellung. Der springende Punkt ist unsere Reaktion auf Enttäuschung. Entweder verletzt sie uns oder sie hilft uns. Die enttäuschenden Umstände werden vorübergehen, aber unsere Reaktion auf sie wird eine psychische und geistliche Wirkung hinterlassen, die von langer Dauer sein kann.

Solange es Menschen gibt, wird es Enttäuschungen geben. Mit Enttäuschungen fertig zu werden bedeutet, mit den Schwächen der Menschen fertig zu werden. Es bedeutet, Geduld und Anpassungsfähigkeit zu entwickeln und Gottes Wege zu verstehen. Es bedeutet zu lernen, in jeder Lage so zu reagieren, wie es Gott wohlgefällig ist. Dies bedeutet nicht, sich im Leben misshandeln zu lassen, sondern zu lernen, den Menschen mit einer christusgemäßen Haltung zu begegnen.

Frieden halten

Wenn wir als Christen lernen, einander zu lieben und zu akzeptieren, so ist dies so ähnlich, wie wenn Geschwister lernen, zusammen zu essen, ohne zu streiten. Ich kann mich erinnern, wie ich mich beim gemeinsamen Abendessen mit meiner Schwester Judy und meinem Bruder Alan sehr stritt. Ich erfuhr auch, dass mein Vater solche Auseinandersetzungen beim Essen auf keinen Fall duldete. Er bestand darauf, dass wir lernten, friedlich zusammen zu essen.

Ich kann mich auch an Gelegenheiten erinnern, da ich mich mit meinem jüngeren Bruder Alan stritt, aber wenn wir zur Schule gingen, verteidigte ich ihn bis zum Letzten, wenn ihm irgendeines der anderen Kinder ans Leder wollte!

Neigen wir in Gottes Familie nicht dazu, uns ähnlich zu verhalten?

Manche unserer Enttäuschungen entstehen, weil wir voneinander zu hohe Erwartungen haben. Christ zu werden bedeutet nicht, dass wir und alle anderen plötzlich vollkommen sind. Wir müssen lernen, unsere Geschwister zu lieben, gerade so, wie wir lernen müssen, friedlich zu essen.

Wenn wir über das Verhalten eines Bruders oder einer Schwester enttäuscht sind, dürfen wir sie nicht abweisen oder die Gemeinschaft mit ihnen abbrechen. Gott hat sie vielleicht in unser Leben gebracht, um uns etwas zu lehren. Der Psalmist sagte: „In deiner Treue hast du mich gedemütigt“ (Ps 119,75). Vielleicht sind gerade die Menschen, die wir als echte Anfechtung empfinden, eine liebevolle „Demütigung“ vom Herrn, um uns mehr Liebe und Geduld zu lehren. Wenn wir außerdem so liebevoll wären, wie wir zu sein glauben, hätten wir keine Probleme im Umgang mit schwierigen Menschen. Wenn in unseren Herzen nichts anderes als Liebe wohnte, würden wir immer liebevoll reagieren. Ich bin sicher, dass Gott die schweren Erfahrungen in unserem Leben zulässt, ja sogar manchmal einplant, so dass unsere Charakterschwächen und falschen Haltungen ans Licht gebracht werden und Er Sich ihrer annehmen kann.

Merkmale des Stolzes

Für den Menschen, der lernt, sich an Gott zu wenden und Ihn zu fragen, warum Er eine Situation eintreten ließ und was er dadurch lernen kann, führen Enttäuschungen zu ungeheurem Wachstum und geistlicher Erkenntnis. Auf der anderen Seite ist Stolz das größte Hindernis, um durch Schwierigkeiten und Enttäuschungen zu lernen. Stolz ist unser größtes Hindernis für geistliches Wachstum! Die Überwindung des Stolzes ist der Schlüssel zum Sieg und zur Erkenntnis. Betrachten wir einmal folgende Merkmale des Stolzes:

  • Stolz sieht die Fehler der anderen, versucht aber niemals, sich mit den Schwächen anderer zu identifizieren.
  • Stolz sagt nie: „Ja, ich habe das auch getan“, oder: „Ich verstehe dich. Nur Gottes Gnade hat mich davor bewahrt, das Gleiche zu tun.“
  • Stolz ist nicht bereit, Fehler oder persönliche Verantwortlichkeit einzugestehen, oder versucht, wenn dies dennoch der Fall ist, das falsche Verhalten unter allen Umständen zu rechtfertigen.
  • Stolz ist damit beschäftigt, anderen die Schuld zu geben, sie zu kritisieren und aufzuzeigen, warum sie im Unrecht sind.
  • Stolz führt zu Härte, Arroganz, Selbstgenügsamkeit und Unabhängigkeit.
  • Stolz ist mehr daran interessiert, in den Augen anderer gut dazustehen, als vor Gott rechtschaffen zu leben.
  • Stolz ist mehr daran interessiert, einen Streit zu gewinnen, als daran, Freunde zu behalten.
  • Stolz sagt niemals die Worte: „Ich bin im Unrecht. Es ist meine Schuld. Kannst du mir vergeben?“
  • Stolz gibt uns das Gefühl, dass wir geistlicher oder Gott näher sind als andere. Wir sind uns zu gut dazu, um öffentlich mit bestimmten Gruppen oder Menschen in Zusammenhang gebracht zu werden.
  • Stolz führt zu einer fordernden Haltung.
  • Stolz konzentriert sich darauf, was nicht für uns getan worden ist, anstatt zu sehen, was bereits für uns getan wurde.
  • Stolz schaut auf die Vergangenheit oder Zukunft, ist jedoch niemals mit der Gegenwart zufrieden.
  • Stolz hat Undankbarkeit zur Folge. Stolz sagt: „Ich verdiene mehr oder etwas Besseres.“
  • Stolz führt dazu, andere zu ignorieren oder ihnen aus dem Weg zu gehen.
  • Stolz bewirkt Zwietracht.
  • Stolz verleitet uns dazu, uns mit anderen zu vergleichen und folglich auf andere herabzusehen.
  • Stolz sagt, „meine“ Gruppe besitzt größere Erkenntnis als andere.
  • Stolz führt zu einer unbelehrbaren und unverbesserlichen Haltung.
  • Stolz verführt uns dazu, Situationen danach zu beurteilen, was sie für uns bedeuten und nicht für Gott.
  • Stolz kann das Leben eines Menschen nicht aus Gottes Perspektiven sehen.
  • Stolz führt zu einer negativen, kritischen Haltung, zu Verleumdung und übler Nachrede.
  • Stolz ist geschwätzig, abwertend, schädigt den guten Ruf anderer und ist jederzeit bereit, Neuigkeiten über das Versagen und die Sünde anderer zu verbreiten. Stolz gibt Gott und anderen die Schuld, wenn etwas nicht gelingt.
  • Stolz rechtfertigt Bitterkeit und Groll.
  • Stolz führt zu dem unheilvollen Kreislauf des Selbstmitleids.
  • Stolz sagt, wir könnten so geistlich werden, dass wir endlich frei von Stolz sind; dies führt uns zu einer manchmal geradezu absurden Form von Selbstgerechtigkeit und entwertet das Kreuz Jesu Christi.

Es war die schmerzlichste und enttäuschendste Erfahrung meines Lebens, als ich das Ausmaß meines eigenen Stolzes und den anderer erkennen musste. Ich hatte niemals gedacht, es könnte in meinem Leben geschehen. Ich hatte von Zwietracht, heftigen Auseinandersetzungen und Gemeindespaltungen gehört, aber es kam mir nie in den Sinn, dass ich so etwas selbst erleben würde.

Wir hatten in der Tat eine so große Betonung auf Beziehungen und Einheit gelegt, darauf, eine „Familie“ zu sein und einander zu lieben, dass ich stolz darauf war und uns für vorbildlich hielt. Ich sah andere Gruppen und ich verachtete sie (ich sah das damals jedoch nicht so) wegen ihrer Oberflächlichkeit und mangelnder persönlicher Ausstrahlung. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit bestimmten Teilen des Leibes Christi öffentlich in Zusammenhang gebracht zu werden, wegen deren ungeschliffenen Evangelisationsmethoden und deren Mangel an tiefgreifender Jüngerschaft.

Ich lehrte über Prioritäten im Leib Christi, über Verwundbarkeit und Treue. Ich betonte die Tatsache, dass die Gemeinde eine Gemeinschaft von Gläubigen ist und wie wichtig es sei, für andere da zu sein und tiefe Beziehungen zu knüpfen. Ich betonte den christlichen Lebensstil, das Reich Gottes und Gerechtigkeit. Ich lehre diese Dinge zwar immer noch, aber vor zehn Jahren lehrte ich sie so überzogen, dass nicht mehr Jesus im Mittelpunkt stand, sondern das Gemeinschaftsleben.

Das war natürlich das große Problem. Wir waren eine Gemeinschaft von Menschen, die völlig selbstbezogen und verblendet war: Wir sahen uns selbst als eine besondere Gruppe, und wenn dies geschieht, entstehen immer große Probleme. Wir hatten uns selbst so hohe Maßstäbe gesetzt, dass es nicht nur für andere Gläubige unmöglich war, diesen Maßstäben entsprechend zu leben; wir konnten es selbst auch nicht.

Und so griffen wir einander an. Der Weihnachtstag 1975 war der traurigste Tag meines Lebens. Ich saß an jenem Morgen auf meinem Bett und dachte über meine zerstörten Träume nach: Ich hatte von einer liebevollen Gemeinschaft von Menschen geträumt, die das Evangelium so radikal auslebten, dass sie die Welt erschütterten. Aber scheinbar hatte ich nicht die Sündhaftigkeit des Menschen in mein Erfolgsrezept einkalkuliert. Unser Versagen war so verheerend, und ich war durch meine eigene Sünde und die Sünde anderer so verletzt, dass ich am Leben selbst verzweifelte. Ich war darüber zutiefst erschüttert. Ich hatte mich selbst niemals als schwach betrachtet. Aber nun dachte ich an Selbstmord als Ausweg aus dem Schmerz und der Enttäuschung. Ich war von mir selbst enttäuscht, von anderen und sogar von Gott. Warum hatte Er dies geschehen lassen? Warum hatte Er mich nicht gewarnt? Warum hatten mich Freunde enttäuscht? Warum hatten mich Menschen hinter meinem Rücken beschuldigt?

Es war ein unbeschreiblicher Schmerz. Ich fühlte mich niedergedrückt, verstoßen, verraten und zeitweise war ich voller Wut und Feindseligkeit. Unser kleines Paradies der Liebe und der heilsamen Beziehungen hatte sich einen Augenblick lang in eine Hölle kaputter Beziehungen verwandelt; wir erfuhren die brutale Wirklichkeit dessen, was es bedeutet, ohne Gottes Gnade zu leben. Die Leiterschaft war uneins. Unsere Gemeinschaft war gespalten. Die Mitglieder entschieden sich für die eine oder andere Partei. Und es fanden Sitzungen statt. So viele, dass ich ihrer müde wurde. Wir trafen uns alle zusammen, um über unsere Probleme zu sprechen, und wir trafen uns zu Hause, um übereinander zu reden. Dann hatten wir Sitzungen, um die Sitzungen zu besprechen. So viele unnötige, schmerzliche Worte. So viel Misstrauen und Beschuldigungen.

Ich blicke jetzt auf jene schrecklichen, düsteren Monate mit großer Dankbarkeit Gott gegenüber zurück. Es war der schmerzlichste Abschnitt in meinem Leben und der beste. Gott tat während jener Zeit der Uneinigkeit und zerstörten Träume mehr, um mir mein Innerstes, meine tiefen inneren Unsicherheiten und meinen Stolz und meine Unabhängigkeit zu zeigen, als in meinem ganzen bisherigen Leben zusammengenommen. Und er zeigte mir auf der anderen Seite mehr von seiner Barmherzigkeit, Liebe und Treue, als ich mir je hätte träumen lassen.

Durch die Schmerzen, die ich in jener Zeit erfuhr, und durch die Heilung und Befreiung, die kamen, als ich mich vor Gott und anderen demütigte, lernte ich viele Lektionen. Ich lernte unendlich viel über Gott. Der Durchbruch kam schließlich in meinem eigenen persönlichen Leben, als Gott mir die Ursache meiner eigenen falschen Einstellungen anderen gegenüber zeigte; dann erfuhr ich Gottes Barmherzigkeit in einer nie geahnten Tiefe. Tränenüberströmt hörte ich Ihn leise zu mir reden: „Ich vergebe dir, und ich gebe dir alles zurück, was verloren war.“

Aufgrund dieser Erfahrung bin ich mir der Gefahr des Stolzes stärker bewusst und empfinde tiefes Mitleid mit denjenigen, die Schmerz und Enttäuschung besonders in menschlichen Beziehungen erfahren haben. Es ist mir bewusst, dass wir nicht die Probleme eines jeden selbst durchleben müssen, um ihre Schmerzen nachzuempfinden. Wahres Mitgefühl für andere ist ein Geschenk des Heiligen Geistes und rührt nicht von gefühlsmäßiger Sympathie her. Jesus hat niemals gesündigt, aber Er versteht Sünder besser als irgendein anderer. Die Erfahrung von Schmerzen und Enttäuschungen kann uns jedoch viel empfänglicher und empfindsamer für die Nöte anderer machen, wenn wir auf das, was wir erleiden, in der rechten Weise reagieren.

Demut

David demütigte sich. Er demütigte sich in der Tat immer wieder. Aus diesem Grund heißt es in der Bibel, dass er ein „Mann nach Gottes Herzen“ war. In Psalm 51,19 heißt es: „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ Unter Zerbrochenheit verstand David nicht Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit oder eigene Verletzungen. Es war Demut das Gegenteil von Stolz. Dies war der Grund, warum David aus jeder Enttäuschung in seinem Leben lernte. Seine wunderbaren Psalmen des Lobpreises wurden in den Feuerproben der Enttäuschungen des Lebens geformt. Wollen wir lernen, Gott so zu vertrauen wie David?

Um dies zu tun, müssen wir Demut lernen. Wenn wir enttäuscht werden, können wir entweder demütig sein oder wir können uns verhärten und stolz werden. Es gibt keinen Mittelweg. Eine Mischung von Demut und Härte wird nicht die Ergebnisse herbeiführen, die Gott will. Selbst wenn wir in einer Situation nichts Unrechtes getan haben, müssen wir dennoch lernen, unseren Feinden zu vergeben und sie zu segnen; dies kann nur geschehen, wenn wir ein demütiges Herz haben.

Umgang mit Enttäuschungen

Einige Prinzipien haben sich mir dabei im Umgang mit Enttäuschungen als hilfreich erwiesen. Ich gebe sie hier in Form von Fragen wieder, die ich mir selbst stellen kann.

  1. Herr, was willst du mich in dieser Situation lehren? Welche Haltung sollte ich haben? Was sollte meine Reaktion sein? Welche biblischen Prinzipien habe ich in dieser Situation möglicherweise verletzt?
  2. War ich in irgendeiner Weise ungehorsam? Habe ich das Richtige getan? War der Zeitpunkt richtig gewählt, wurde die richtige Methode gewählt, und waren die richtigen Menschen daran beteiligt?
  3. Muss ich in dieser Enttäuschung irgendjemandem vergeben?
  4. Muss ich in dieser Situation einen gottesfürchtigen Menschen um Rat bitten?
  5. Konzentriere ich mich zu sehr auf die geistliche Bedeutung dieser Situation und übersehe dabei irgendwelche praktischen Lektionen?
  6. Welche Berichtigungen und Veränderungen muss ich vornehmen?
  7. Wem sollte ich jetzt dienen, anstatt mir um mich selbst Sorgen zu machen?

Es fällt manchen Menschen schwer, die Lehren des Lebens zu verinnerlichen. Wenn wir ohne das Beispiel gottesfürchtiger Eltern oder ohne weise, liebevolle Züchtigung aufgewachsen sind, kann die Anwendung der aus den Enttäuschungen gelernten Lektionen schwierig oder bedrohlich sein. Dann neigen wir möglicherweise dazu, uns abgelehnt, unterdrückt oder verängstigt zu fühlen, obwohl die Situation eigentlich von Gott dazu bestimmt ist, unser Wachstum zu fördern. Wenn wir immer wieder diese Erfahrungen machen, müssen wir erst noch lernen, in bestimmten Bereichen unseres Lebens zu wachsen.


Aus Das Vaterherz Gottes,
Verlag Jugend mit einer Mission, S. 98–108

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