Einige Gedanken über Gottes Tun
Wie Gott mit seinen Kindern handelt

Peter Ludwig Friedrich Schlotthauer

online seit: 06.01.2017, aktualisiert: 10.12.2017

Sein Tun ist stets gesegnet,
selbst wenn es hart uns scheint.

Das Tun Gottes mit seinen geliebten Kindern und Knechten, die Ihm doch so nahestehen und so wertvoll sind, erscheint uns oft rätselhaft. Wir fühlen uns nicht selten versucht, zu fragen: „Warum, o Gott?“, aber wir erhalten keine Antwort. Denn Gott ist, wie Elihu zu Hiob sagt, „erhabener als ein Mensch. … Denn über all sein Tun gibt er keine Antwort“ (Hiob 33,12.13).

Gott findet es nötig, mancherlei Prüfungen und Schwierigkeiten über die Seinen kommen zu lassen, ja, „wir müssen durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen“ (Apg 14,22). Er hat uns sehr lieb, und „wen der Herr liebt, den züchtigt er; er geißelt aber jeden Sohn, den er aufnimmt“. Und zwar tut Er dies zu unserem Nutzen, „damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden“ (Heb 12,6.10). „Nicht von Herzen plagt und betrübt er die Menschenkinder“ (Klgl 3,33); es ist nicht seine Freude, uns weh zu tun; nein, Absichten väterlicher Treue und Güte leiten Ihn. Liebe und Weisheit vereinigen sich in allen seinen Wegen.

Die Knechte, die Gott in besonderer Weise in seinem Werk benutzen wollte, hat Er auch meist in besonderer Weise erzogen. Er selbst hat die Gefäße geformt und gebildet, und zwar oft durch schwere Prüfungen, um sie für den Dienst, den sie zu verrichten hatten, passend zu machen:

Josephs Füße wurden in den Stock gepresst, „er kam in das Eisen, bis zur Zeit, als Gottes Wort eintraf; das Wort des HERRN läuterte ihn“ (Ps 105,18.19).

Mose musste vierzig Jahre lang in der Einsamkeit der Wüste von Midian die Schafe hüten, ehe der Herr ihn als sein Werkzeug benutzte. Gott bereitete ihn zu für „seinen“ nachherigen wichtigen Dienst und für die vielen Leiden, die mit diesem Dienst verbunden waren. Es war eine schwere Aufgabe, ein widerspenstiges, allezeit zum Murren geneigtes Volk vierzig Jahre lang zu tragen und zu führen. Dazu bedurfte es eines Mannes, der sanftmütiger war als alle „Menschen, die auf dem Erdboden waren“ (4Mo 12,3). Ein solcher Mann war Mose. Aber wo hatte er diese Sanftmut gelernt? In der Schule Gottes! Auf demselben Weg gelangte er auch zu dem vertrauten Umgang und zu der kostbaren Gemeinschaft mit Gott, von der wir wiederholt in den Büchern Mose lesen und die niemand außer Mose genoss, selbst nicht der Hohepriester Aaron. Mose war treu in dem ganzen Haus Gottes, und Gott redete mit ihm nicht in Gesichten und Offenbarungen, sondern von Mund zu Mund, wie ein Freund mit seinem Freund redet (4Mo 12). Das konnte Mose inmitten eines hartnäckigen Volkes aufrechterhalten, so dass er sagen konnte: „Herr, du bist unsere Wohnung gewesen von Geschlecht zu Geschlecht“ (Ps 90,1), und so dass er entdeckte, dass das Beste oder der Stolz des kurzen, flüchtigen Erdenlebens Mühsal und Not ist (Ps 90). – Auch wir dürfen sagen, dass der Herr unsere Wohnung ist; und die Gemeinschaft mit Ihm ist auch unser bestes Teil. „Glückselig, die in deinem Haus wohnen! Stets werden sie dich loben“ (Ps 84,5).

Der Apostel Paulus war ein auserwähltes Rüstzeug. Aber ihm wurde ein Dorn für sein Fleisch gegeben, ein Engel Satans, der ihn mit Fäusten schlug, um ihn demütig zu erhalten (2Kor 12,7). Auch ließ der Herr ungewöhnlich viele Leiden und Trübsale über seinen treuen Knecht ergehen um seines Namens willen, aber zugleich auch damit Paulus imstande wäre, andere zu trösten.

Die Leviten waren vom Herrn als Diener erwählt, um nahe bei Ihm zu sein und die Geräte der Stiftshütte zu tragen. Der Herr liebte sie und sorgte für sie; aber wir lesen in Maleachi 3,3, dass der Herr sie „reinigen und läutern wird wie das Gold und wie das Silber, so dass sie dem HERRN Opfergaben darbringen werden in Gerechtigkeit“.

David war ein Mann nach dem Herzen Gottes; aber jahrelange Leiden und Trübsale ergingen über ihn, nachdem er bereits zum König gesalbt war. Er wurde umhergejagt wie ein Rebhuhn auf den Bergen. Aber vergessen wir nicht, dass ohne diese Leiden die meisten seiner Psalmen nicht geschrieben worden wären. Alle seine äußeren und inneren Leiden, seine Feinde und Versuchungen mussten zu den Psalmen mithelfen. Und wie mit David, so war es mit Paulus. Ohne das Gefängnis in Rom würden wir wohl mehrere der herrlichsten Briefe des Apostels entbehren müssen. So bringt Gott große Segnungen aus großen Leiden und Trübsalen hervor.

Johannes war der Jünger, den Jesus liebte (Joh 13,23; 19,26; 21,7.20). Und dieser geliebte Jünger musste in die Verbannung nach Patmos gehen; aber dort diktierte ihm der Herr die Offenbarung zu unserem großen Nutzen. Die große Drangsal, von der in Offenbarung 7 die Rede ist, wird zu großem Segen ausschlagen für eine Schar, die niemand zählen kann, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen. Sie wird ein besseres und gründlicheres Missionswerk tun als alle Missionare unserer Zeit.

Das Feuer ist nötig und nützlich. Ohne das Feuer würden die kostbaren Metalle ungeläutert bleiben. So ist es mit den unterschiedlichen Trübsalen und Prüfungen, die Gott über die Seinen kommen lässt. Sie dienen zu ihrer Läuterung und zur Bewährung ihres Glaubens (1Pet 1,6.7). Aber welch eine Gnade ist es für uns, zu wissen, dass der Schmelzer am Schmelztiegel sitzt, wenn er die kostbaren Metalle reinigt (Mal 3,2-4). Er beobachtet genau den Hitzegrad und lässt das Feuer nicht heißer werden, als es unumgänglich nötig ist. Er zieht seine Augen nie ab von dem Gerechten. „Den Elenden errettet er in seinem Elend, und in der Drangsal öffnet er ihnen das Ohr“ (Hiob 36,15).

Von Hiob sagte Gott zu Satan: „Hast du achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn seinesgleichen ist kein Mann auf der Erde, vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend“ (Hiob 1,8). Und doch ließ Gott solch schwere Leiden und ungewöhnliche Trübsale über ihn kommen. Aber alles geschah zu seinem Besten (Hiob 42) und zu unserem Trost: „Von dem Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen, dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist“ (Jak 5,11). Satan legt die Trübsale anders aus. Er sagt, dass Gott sehr unbarmherzig und ungerecht sei, dass Er gefühllos sei unsern Leiden gegenüber und unser Schreien nicht höre. Aber wir dürfen ihm unser Ohr nicht leihen und ihm nur nicht glauben; er ist ein Lügner.

Die Diamanten sind edle Steine. Man findet sie in verschiedenen Größen, Formen und Farben. Sie sind selten und kostbar. Aber alle haben die Bearbeitung, das Schneiden und Schleifen nötig. Dieses geschieht mit der größten Vorsicht und erfordert viel Zeit und Mühe. Ein guter Diamantschleifer ist ein Künstler. Der Wert eines Diamanten wird durch einen guten, kunstgerechten Schliff außerordentlich erhöht. Man macht den Stein möglichst vielseitig, um seinen Glanz zu vermehren; denn so manche Seite, so manche Fläche ein solcher Diamant hat, so manchmal wirft er das Licht in wunderbarem, blitzendem Glanze zurück. Nun, in ähnlicher Weise verfährt Gott mit den Seinen, mit seinem Eigentumsvolk. Er bearbeitet und schleift die Steine mit weiser, kunstgerechter Hand, und Er nennt seine Diener, die Ihm so wert sind, „funkelnde Kronensteine“ (Sach 9,16). Sie sollen eine „prachtvolle Krone“, „ein königliches Diadem“ sein in der Hand ihres Gottes (Jes 62,3). Sie sind sein Schatz, eine sehr kostbare Perle (Mt 13).

Nur die fruchtbringende Rebe ist wertvoll für den Weingärtner. Darum beschäftigt er sich so viel mit ihr und reinigt sie von allem, was sie am Fruchttragen hindern könnte (Joh 15). Ein Weingärtner sagte einmal, dass die Reben beim Beschneiden weinten; aber es schade ihnen nichts, es sei im Gegenteil gut für sie. So ist auch eine Betrübnis und Traurigkeit Gott gemäß gut; denn eine solche Betrübnis „bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil“ (2Kor 7,9.10). Die Tränen der Gläubigen, die in einer solchen Stimmung geweint werden, sind Gott angenehm. Er zählt diese Tränen und legt sie in seinen Schlauch (Ps 56,9). Lasst uns auch nicht vergessen, dass „die mit Tränen säen, mit Jubel ernten werden“ (Ps 126,5). „Am Abend kehrt Weinen ein, und am Morgen ist Jubel da“ (Ps 30,6). Nicht lange mehr, so wird Gott jede Träne von unseren Augen abwischen (Off 21,4).

Ohne Presse gibt es kein Öl und keinen Wein, durch die man Gott und Menschen ehrt (Ri 9). Erst wenn das Rauchwerk fein zerstoßen war und auf feurige Kohlen gelegt wurde, gab es seinen duftenden Wohlgeruch (2Mo 30,36; 3Mo 2,2). So werden die Gebete der Gläubigen, die durch allerlei Trübsale und Versuchungen hervorgebracht werden, zu einem wohlriechenden Weihrauch vor Gott. David sagt: „Lass als Rauchwerk vor dir bestehen mein Gebet“ (Ps 141,2; vgl. auch Off 5,8). Wir lieben allerdings äußere Ruhe und Wohlergehen; aber sie sind nicht gut für Fremdlinge und Pilger. Wir vergessen dann nur zu leicht unseren Platz und unsere Berufung. Darum die ernste Warnung: „Hüte dich“ (5Mo 8,11)! Als Israel infolge der Ruhe und Segnungen fett wurde, schlug es aus und verachtete den Fels seiner Rettung (5Mo 32,15).

Die Palme wächst, wie man es in den heißen Ländern sehen kann, bei oder unter der Last. Durch das immer schwerer werdende Gewicht der reifenden Datteln zerreißt der Bast, der wie ein Gewebe von festen Bindfäden die Herzblätter zusammenhält und sie daran hindert, sich zu entfalten. – So geht es auch mit uns. Wie manches will sich da auch wie ein unzerreißbares Gewebe um das Herz legen und unser geistliches Wachstum verhindern! Aber der treue und weise Gott, der unser Wachstum am inneren Menschen wünscht, benutzt Schwierigkeiten und Drangsale, Kreuz und Leid als die geeigneten Mittel, um das Herz von den Fesseln der Welt und des Fleisches zu befreien und so die Entfaltung des neuen Lebens zu fördern. So schreibt denn auch der Apostel Paulus im Blick auf seinen Leidensweg an die Korinther: „Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch unser innerer Tag für Tag erneuert“ (2Kor 4,16). Darum ermattete er nicht, sondern war inmitten der Leiden allezeit gutes Mutes.

Viele Menschen essen ihr Leben lang täglich Brot und denken nie über den wunderbaren Weg nach, den das Brotkorn zu gehen hat. Der Herr Jesus nahm von allem Notiz und benutzte oft die einfachsten irdischen Vorgänge zu ernsten oder ermunternden Belehrungen. Sollten wir nicht auch hierin von Ihm lernen? Das Korn wird gesät, stirbt, wächst, reift, wird eingesammelt, gedroschen, gesichtet, gemahlen, dann zu Teig gerührt, zu Broten geformt und endlich in den heißen Ofen geschoben, ehe es zu dem wird, was das Herz des Menschen zu stärken vermag (Ps 104,15). Alles das muss der Herr auch mit uns tun. Wenn Menschen ihre Hand daran zu legen wagen, machen sie große Fehler. Retten, Reinigen, Sichten, Zubereiten, Formen, Bilden usw. – alles ist Gottes Werk. Er ist der Töpfer und hat Macht über den Ton; und sein Werk ist stets vollkommen.

Der Herr weiß auch solche zu behandeln, die, wie Moab, still auf ihren Hefen gelegen und darum ihren Geschmack behalten haben (Jer 48,11). Er weiß den Wein auszuleeren und von Fass zu Fass zu tun, so dass der Gläubige gnädig und milde wird wie alter Wein, der als Arznei zur Stärkung der Schwachen gebraucht werden kann. Der Apostel ruft seinem Kind Timotheus zu: „Sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist“ (2Tim 2,1)! Von Natur ist das Gegenteil bei uns der Fall. Wir sind stark in uns selbst, unser Wille ist ungebrochen, und wir vertrauen auf unser eigenes Wissen und Können. Wie gut, wenn dieser alte Geschmack uns nicht bleibt! Aber wie manches Mal müssen wir von Fass zu Fass ausgeleert werden, bis dieser alte Geschmack sich verliert und bis die Gnade, die in Christus Jesus ist, unsere Stärke wird!

Jeremia sagt in seinen Klageliedern: „Es ist gut für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage“ (Klgl 3,27). Wie ernst und wahr ist dieser Ausspruch! Das früh getragene Joch befreit von Selbstvertrauen, bewahrt vor Hochmut, lehrt Geduld und Ausharren und ist deshalb überaus nützlich für spätere Tage. Jeder, der dieses Joch mit Nutzen getragen hat, wird den Herrn als bleibendes Teil genießen, was auch immer kommen mag. So jemand hat gelernt, still auf die Rettung des HERRN zu warten; er hat erfahren, dass die Erbarmungen des HERRN alle Morgen neu und dass seine Treue groß ist. Ja, seine Seele sagt: „Der HERR ist mein Teil …; darum will ich auf ihn hoffen“ (Klgl 3,24). Eine solche Herzenseinstellung ist gut und gesegnet und dient zur Verherrlichung Gottes.

Baruk, der Sohn Nerijas, sah sich zu seiner Zeit sehr enttäuscht, als sein treuer Dienst für die Wahrheit ihm immer neue Schwierigkeiten und Leiden einbrachte, so dass er schließlich ausrief: „Der HERR hat Kummer zu meinem Schmerz hinzugefügt! Ich bin müde von meinem Seufzen, und Ruhe finde ich nicht“ (Jer 45,3). Wir mögen uns zuweilen versucht fühlen, ihm zuzustimmen, wenn wir nicht auf Trübsale vorbereitet sind. Die Apostel aber rühmten sich der Trübsale; sie waren darauf vorbereitet und kannten ihren gesegneten Zweck: „Wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung,  die Bewährung aber Hoffnung; die Hoffnung aber beschämt nicht“ (Röm 5,3-5). „Haltet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Prüfungen fallt, da ihr wisst, dass die Bewährung eures Glaubens Ausharren bewirkt. Das Ausharren aber habe ein vollkommenes Werk, damit ihr vollkommen und vollendet seid und in nichts Mangel habt“ (Jak 1,2-4).

Wir haben nötig, gestärkt zu werden mit aller Kraft nach der Macht seiner Herrlichkeit – nicht um große Werke zu tun, sondern „zu allem Ausharren und aller Langmut mit Freuden“ (Kol 1,11). In einem alten Lied heißt es: „O selig ist der Mensch geschätzt, den Gott in Kreuz und Trübsal setzt!“, und in einem der ältesten Bücher der Bibel lesen wir: „Glückselig der Mensch, den Gott straft! So verwirf denn nicht die Züchtigung des Allmächtigen“ (Hiob 5,17)! So lasst uns denn Mut fassen in der Hochschule unseres Gottes und uns willigen Herzens seinem Tun mit uns unterwerfen! Was auch immer kommen mag – Gott ist treu und wird uns nicht über unser Vermögen versucht werden lassen (1Kor 10,13). Er wird mit der Versuchung auch einen Ausweg schaffen. Lasst uns in Trübsalen vor allem nicht dem bösen Feind unser Ohr leihen!

Eine der schwersten Prüfungen für den Diener des Herrn ist es, wenn Gott dem Bösen seinen Lauf lässt. So war es zur Zeit Elias, Jeremias und Johannes des Täufers. In solchen Tagen ist es gut, die Worte des Herrn zu beachten: „Glückselig ist, wer irgend nicht an mir Anstoß nimmt“ (Lk 7,23). Unser natürliches Herz ist so verkehrt und trotzig, so leicht unzufrieden mit dem Tun Gottes, sei es, dass Er uns andere Wege führt, als wir dachten; sei es, dass Er uns etwas abgeben heißt, was wir so gern behalten hätten; sei es, dass Er das Böse gehen und uns bittere Erfahrungen machen lässt auf dem Weg des Zeugnisses und Dienstes für Ihn. Jona freute sich über den Wunderbaum mit großer Freude; aber derselbe Gott, der den Baum gegeben hatte, ließ ihn wieder verdorren und sandte sogar noch einen schwülen Ostwind und die Glut der Sonne über seinen Knecht. Prüfung auf Prüfung!

Anderen Knechten Gottes erging es ähnlich. „Alles dieses kommt über mich!“, sagte Jakob (1Mo 42,36). „Ich erwartete Gutes, und es kam Böses“, klagte Hiob (Hiob 30,26). „Man hofft auf Frieden (oder Wohlfahrt), und da ist nichts Gutes; auf die Zeit der Heilung, und siehe da, Schrecken“, rief Jeremia in seinen Tagen aus (Jer 8,15); und Johannes der Täufer ließ den Herrn fragen: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11,3). In solchen Prüfungen offenbaren sich die Gedanken unseres Herzens. Es zeigt sich, wie schwach und kleingläubig wir sind und wie wenig wir in der Schule unseres Gottes gelernt haben. Das ist sehr demütigend, besonders für alte Schüler, die schon so lange den besten aller Meister und Lehrer gehabt und so oft die freundlichen Worte von Ihm gehört haben: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir“ (Mt 11,29).

Zu jener Zeit“, lesen wir in Matthäus 11,25, „hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde.“ Was für eine Zeit war es? Nun, Johannes war an seinem Herrn irre geworden; das Volk nannte Jesus einen Fresser und Weinsäufer, einen Freund der Zöllner und Sünder; über die Städte, in denen Er die meisten Wunderwerke getan hatte, musste Er sein schreckliches „Wehe dir!“ aussprechen – alles war gegen Ihn, und all seine Arbeit, all sein Mühen schien umsonst gewesen zu sein. Zu jener Zeit sprach Jesus: „Ich preise dich, Vater“! Nun, „diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“ (Phil 2,5). Der Jünger ist nicht über den Meister und der Knecht nicht größer als sein Herr. Darum „habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn. … Befestigt eure Herzen; denn die Ankunft des Herrn ist nahe gekommen. … Nehmt, Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben. Siehe, wir preisen die glückselig, die ausgeharrt haben“ (Jak 5,7-11). Die „Wolke von Zeugen“ ruht jetzt von allem Leid und Ungemach aus. Viele von ihnen wurden gesteinigt, zersägt, versucht, starben durch den Tod des Schwertes, gingen umher in Schafpelzen und Ziegenfellen, hatten Mangel, Drangsal und Ungemach, sie irrten umher in Wüsten und Gebirgen, in Klüften und Höhlen der Erde. Die Welt war ihrer nicht würdig. Sie passten besser für den Himmel. Gott liebte sie und nahm sie zu sich.

Wir sind auf dem Weg zu demselben herrlichen Ziel. Noch ein wenig Geduld und Ausharren, noch eine kurze Zeit des Kämpfens, des Dienens und Leidens und die ewige Ruhe folgt. Wie werden wir droben im Licht Gott für all sein Tun mit uns preisen! Dort wird uns alles klar und deutlich werden, was uns hier unten dunkel und rätselhaft war.


Originaltitel: „Einige Gedanken über Gottes Tun“
aus Botschafter des Heils in Christo, Jg. 45, 1897, S. 253–263

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