Schwere Entscheidungen im Atomzeitalter
Hilfe zur Frage: Ist ein Krieg gegen den Irak richtig?

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 20.08.2002, aktualisiert: 11.11.2018

Leitverse: 5. Mose 7,2; Matthäus 5,39; Lukas 6,27; Römer 13,4

5Mo 7,2: Wenn der HERR, dein Gott, sie (die Feinde) vor dir dahin gibt, und du sie schlägst, dann sollst du unbedingt an ihnen den Bann vollstrecken. Du sollst keinen Bund mit ihnen schließen noch ihnen gnädig sein.

Mt 5,39: Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wenn jemand dich auf deine rechte Backe schlagen wird, dem biete auch die andere dar.

Lk 6,27: Aber euch, die ihr hört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen.

Röm 13,4: Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich! Denn sie (die staatliche Macht) trägt das Schwert nicht umsonst, denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut.

Einleitung

In den Augen eines Christen befindet sich die Welt, was Nuklearwaffen betrifft, zum gegenwärtigen Zeitpunkt [September 2012] in einer besorgniserregenden und verworrenen Lage. Besorgniserregend ganz offensichtlich deshalb, weil noch nie zuvor in der Geschichte so viel Zerstörungspotential in der Hand des sündigen Menschen lag. Von dieser verheerenden Kraft ist jetzt nicht nur ein großer Vorrat angehäuft, sondern sie ist auch schon zielgerichtet und könnte buchstäblich jeden Augenblick freigesetzt werden. Die gesamte Feuerkraft des Zweiten Weltkrieges entsprach 3 Megatonnen TNT. Derzeit sind auf diesem Planeten 18.000 Megatonnen in Atomarsenalen verfügbar. Schon allein 300 Megatonen besitzen genügend Feuerkraft, um alle großen und mittelgroßen Städte der Erde zu vernichten! Wie besorgniserregend! Wie furchterregend! 

Welchen Standpunkt nehmen wir als Christen ein?

Auch das Thema „Nuklearkrieg und -waffen“ ist sehr verwirrend. Welchen Standpunkt sollte ein Christ einnehmen? Sollte der Christ für ein Wettrüsten mit Nuklearwaffen eintreten, um größere und bessere und mehr Raketen zu haben als „die andere Seite“? Obwohl das Konzept „Frieden durch Stärke“ in vieler Hinsicht logisch und vernünftig ist, gibt es im Hinblick auf diesen Standpunkt offensichtlich schwerwiegende Fragen: Wo hören wir auf? Wie viele Raketen brauchen wir wirklich? Warum die andere Seite „unter Druck setzen“, um weiter aufzurüsten? Andererseits: Sollte der Christ völlig gegen Atomkraft und für die vollständige Zerstörung aller Nuklearwaffen sein?

Zuerst einmal scheint dieser Standpunkt richtig und gut zu sein, aber er vereinfacht die Sache zu sehr. Obwohl jeder Christ vom Verstand her die völlige Beseitigung der Nuklearwaffen von dieser Erde vorziehen würde, können wir das Rad der Zeit und die Geschichte nicht zurückdrehen. Nukleares Know-how wird bleiben. Sogar wenn es möglich wäre, jeden dazu zu bringen, bereit zu sein, seine Nuklearwaffen und technischen Unterlagen zu vernichten, so wissen wir doch, dass es nicht lange dauern würde, bis wieder Raketen auftauchen würden, sowohl in Dritte-Welt-Ländern als auch in Terrorgruppen.

Nein, bis zur Wiederkunft des Herrn wird es voraussichtlich unmöglich sein, diesen Planeten von Nuklearwaffen und -technologie zu befreien. Außerdem wissen wir, dass die Nukleartechnologie für gute Zwecke gebraucht werden kann. Forschung und Erfindungen von Menschen waren immer sowohl mit Gebrauch als auch mit Missbrauch verbunden (denken wir z.B. an das Feuer oder das Rad), und dies trifft auch auf die Anwendung der Nukleartechnologie zu.

Begrenzte Nuklearnutzung

In Anbetracht der Probleme im Zusammenhang mit den beiden gerade genannten Standpunkten sollten Christen sich vielleicht für eine Art von begrenzter Nuklearnutzung einsetzen: nur für gute Zwecke und für Verteidigungskriege. Wenn man die anderen Wahlmöglichkeiten berücksichtigt, erscheint diese Haltung als die vernünftigste, sie ist aber ebenfalls nicht ohne ernsthafte Fragen: Wer definiert und kontrolliert „gute Zwecke“? Angenommen, die andere Seite erhält eine Mitteilung, es würde sich nicht an „Fair Play“ gehalten? Kann ein sogenanntes Abrüstungsprogramm überwacht werden? Gibt es im Nuklearzeitalter überhaupt so etwas wie einen Verteidigungskrieg?

Wenn wir uns der Bibel zuwenden, um Hilfe zum Durchdenken und Beantworten dieser komplizierten Fragen zu bekommen, stoßen wir sogleich auf sich widersprechende Prinzipien (s. die ausgewählten Bibeltexte!). Wie können Christen im Licht solcher Schriftstellen zu einem festen Standpunkt in Bezug auf Nuklearwaffen kommen? Aufgrund dieser scheinbaren inneren Widersprüche von biblischen Grundsätzen haben Christen die Kirchengeschichte hindurch vier unterschiedliche Ansichten über Krieg vertreten:

Vier christliche Ansichten über den Krieg

  1. Der christliche Pazifist betont die Bibelstellen, die dazu auffordern, die andere Wange hinzuhalten und die Feinde zu lieben, und ist deshalb gegen die persönliche Teilnahme am Krieg. Einige christliche Pazifisten würden so weit gehen, zu sagen, dass eine Nation sich nicht in kriegerische Aktivitäten hineinziehen lassen sollte. Wir sollten uns auf Gott verlassen, dass Er mit dem Aggressor auf seine Art umgeht, ungeachtet des Nukleararsenals und der Boshaftigkeit des Feindes.

  2. Eine zweite christliche Ansicht über Krieg ist die des biblischen Nichtwiderstandes. Vertreter dieser Meinung glauben nicht nur, dass Gott menschlichen Regierungen das Recht gegeben hat, sich selbst zu regieren (1Mo 9,1-17), und dass Völker sich deshalb verteidigen müssen, sondern sie glauben auch, dass einzelne Christen in diesem Bereich eine Verpflichtung ihrem Land gegenüber haben, allerdings nur als „Nichtkämpfer“. Während Ungläubige Waffen tragen dürften, dürften Christen dies nicht, weil das Gesetz Christi sie zu einem höheren Stand berufe. Im Gegensatz zum christlichen Pazifist, der nichts mit dem Militär zu tun haben will, ist der christliche „Nichtwiderständler“ bereit, sich an sogenannten „guten“ Bereichen von Militärunternehmen zu beteiligen, wie z.B. im geistlichen Amt oder im medizinischen Korps einer Armee. Einige „Nichtwiderständler“ sind sogar bereit, in zivilen Kompanien mit militärischen Verträgen zu arbeiten, solange sie einen Status beibehalten können, den man mit den Worten beschreiben könnte, dass man die Kugel zwar bauen, aber nicht abfeuern darf [am. Sprichwort].

  3. Eine dritte christliche Ansicht über Krieg ist der Gedanke des Präventivkrieges oder das Kreuzzugkonzept, das genaue Gegenteil des christlichen Pazifismus und des Nichtwiderstandes. Der Kreuzfahrer legt das Gewicht auf jene Schriftstellen, die die Vernichtung des Feindes (z.B. 5Mo 7,2) billigen. Der Kreuzzug-Gedanke besagt, dass die „gute Seite“ sich am Krieg beteiligen sollte, um zügelloses Unrecht zu beheben und Gebiete zurückzufordern, die in der Hand der „bösen Seite“ sind. Die meisten Christen, die diese Ansicht vertreten, würden mit Freuden in einem ihrer Ansicht nach „heiligen Krieg“ kämpfen.

  4. Eine vierte christliche Ansicht über Krieg vertritt die Theorie des gerechten Krieges. Nach dieser Auffassung dürfen christliche Bürger an Verteidigungskriegen ihres Heimatlandes teilnehmen. Solange diese Kriege als „gerechtfertigt“ betrachtet werden (einen Krieg im Vorhinein als gerechtfertigt zu betrachten, ist oft nicht möglich; im Nachhinein kann man einen Krieg oft aufgrund besseres Wissen nicht mehr als gerechtfertigt betrachten), dürfe ein Christ beim Militär dienen; er dürfe sogar Waffen tragen und nötigenfalls schießen, um zu töten. Im Fall des „gerechten Krieges“ darf eine Nation nicht „den Erstschlag unternehmen“ und „das Messer zücken“, um den Angreifer zu unterwerfen. Nur Militärziele dürften ausgewählt werden, und die Kriegsstrategie dürfe keine Eroberungs- oder Rachepläne beinhalten. Plünderung und blinde Zerstörung sind, theoretisch, dem gerechten Krieg fremd.

    Im Konzept des gerechten Krieges ist Krieg das letzte Mittel, nämlich dann, wenn alle anderen Bemühungen, den Angreifer zurückzuhalten, gescheitert sind. Da die Waffen der Gegenwart in verwüstenden Überraschungsangriffen eingesetzt werden können, denken heute viele Befürworter des gerechten Krieges, dass Präventivschläge mit der Theorie des gerechten Krieges vereinbar sind; vor allem dann, wenn es überwältigende Beweise für böse Pläne des Feindes gibt, sei ein Präventivschlag nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar ein Mittel der Verteidigung. Seit der Zeit Augustins (ca. 400 n.Chr.) vertrat die Mehrheit der Christen mehr oder weniger die Theorie des „gerechten Krieges“.

Untersuchung der Schriftstellen, die gegen Krieg sprechen

Wie gehen nun die Befürworter der Theorie des „gerechten Krieges“ mit jenen Schriftstellen um, die gegen Krieg zu sprechen scheinen? Die scheinbaren Widersprüchlichkeiten in diesen Schriftstellen lösen sich auf, wenn man sie in ihrem genauen Kontext betrachtet. Im Zusammenhang mit den „Halte-die-andere-Wange-hin“-Schriftstellen geht es nicht um Verteidigung des Staates. Um die Verteidigungspolitik einer Regierung handelt es sich vielmehr in Römer 13. Die Staatsgewalt (Röm 13,1) hat tatsächlich das Recht, zum Schutz des Lebens und Wohlergehens der Bürger, über die sie herrscht, das Schwert zu tragen (Röm 13,4). Solche Polizeiaktionen würden folgerichtig Einsätze gegen äußere als auch gegen innere Übeltäter einschließen. Diese biblische Autorität bedeutet allerdings nicht, dass souveräne Staaten heute die „Schwertrechte“ hätten, die Israel im Alten Testament hatte.

Man würde die Schriftstelle aus dem Zusammenhang reißen, wenn man solche Befehle wie in 5. Mose 7,2 als Grundlage für eine Politik der Nichtwaffenruhe oder als Rechtfertigung für Auslandseroberungen nähme. Diese Befehle wurden dem alten Israel als direkte Anordnung gegeben, die heidnischen Kanaaniter aus dem Land, das Gott seinem Volk gegeben hatte, zu entfernen. Als Theokratie (direkte Regierung durch Gott) hatte das Israel des Alten Testamentes keine Trennung von Kirche und Staat; es wurde direkt von Gottes Wort durch seine Propheten geleitet.

Während Römer 13 den Staaten heute also nicht das Recht gibt, einen Eroberungsfeldzug zu unternehmen, gibt diese Stelle ihnen jedoch das Recht und die Verantwortung, „Schwerter“ zu haben und sie zu gebrauchen, um Gesetz und Ordnung aufrechtzuhalten. Die Tatsache, dass Nationen diese Autorität missbrauchen (zu der Zeit, als Römer 13 geschrieben wurde, betrieb z.B. das Römische Reich zweifellos notorischen Missbrauch), nimmt den souveränen Staaten dieses Grundrecht und ihre Verantwortung nicht weg. Über die Größe und die Zahl der „Schwerter“ lässt sich diskutieren, aber die Befürworter des gerechten Krieges würden zugeben, dass diese Schriftstellen nahelegen, dass das „Schwert“ den Frieden bewahren soll.

Schlussgedanken

Unsere Zusammenfassung verschiedener christlicher Positionen und Fragen bezüglich moderner Kriegsführung ist zugegebenermaßen kurz gewesen und hat das Problem hoffentlich nicht zu sehr vereinfacht dargestellt. Wir merken, dass es für den Christen in unserem Nuklearzeitalter nicht einfach ist, eine Wahl zu treffen. Die Existenz von Nuklearwaffen hat viele Christen dazu gebracht, ihre Haltung zum Krieg zu überdenken. Das Potential der Nuklearkraft für die immer zahlreicher werdenden terroristischen Gruppen hat bewirkt, dass viele christliche Pazifisten ihren früheren Standpunkt verändern. Die unheilvolle Bedrohung durch einen nuklearen Holocaust hat viele Christen, die einmal den Standpunkt des gerechten Krieges vertraten, dazu geführt, die Haltung eines „nuklearen Pazifismus“ anzunehmen. Unaufhörliche technologische Fortschritte in großem Umfang im Bereich der ABC-Waffen (atomar, bakteriologisch, chemisch) erschweren außerdem noch die Entscheidungen, mit denen der Christ konfrontiert ist.

Die Bibel gibt einem souveränen Staat zweifellos das Recht und die Verantwortung, Leben und Wohlergehen seiner Bürger zu schützen und sich dazu gegen Angriffe zu verteidigen. Über diese Grundvoraussetzung hinaus können wir allerdings kein Dogma aufstellen, was die Einzelheiten christlicher und auf die Bibel begründeter Positionen betrifft. Der Umfang des Nukleararsenals eines Landes, das Verteidigungskonzept „Krieg der Sterne“, die Frage eines Präventivschlages, der Wert von Abrüstungsverhandlungen und -verträgen, der Grad christlicher Mitwirkung und die Berechtigung von Kriegsdienstverweigerung: Dies alles sind Fragen, in denen Christen unterschiedliche Entscheidungen treffen, abhängig von ihren Überzeugungen und ihrem Gewissen.

Weitere Studien unserer ausgewählten Texte und anderer verwandter Schriftstellen werden sicherlich einen Einfluss auf diese Überzeugungen haben. (Studiere zum Beispiel im Zusammenhang 2. Mose 20,13; 5. Mose 17,16; 1. Chronika 21,1-7; 2. Chronika 26,9-15; Matthäus 26,52; Lukas 3,14; 22,36-38; Johannes 18,36; Römer 12,14-21; 1. Petrus 2,18-20.)

Als Christen sollten wir einander nicht verurteilen oder wegen unterschiedlicher Meinungen verachten (s. Röm 14,10-12). Lasst uns vielmehr gemeinsam für Frieden beten (1Tim 2,1-8). Wir alle sehnen uns nach dem Tag, an dem der Friedefürst wiederkommen und allen Bedrohungen und Schrecken des Nuklearzeitalters ein Ende setzen wird.


Originaltitel: „Tough Choices in a Nuclear Age“
Quelle: www.growingchristians.org

Übersetzung: Gabriele Naujoks

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