Der heimliche Miterzieher
Epheser 5,10

Hartmut Jaeger

© H. Jaeger, online seit: 23.08.2001, aktualisiert: 09.09.2018

Leitvers: Epheser 5,10

Eph 5,10: Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist!

Ein heimlicher Miterzieher

Der Mensch ist so geschaffen, dass er erzogen werden muss. Erziehen (lat. educere) meint „hervor-, heraus-ziehen“ des Menschen zu Gott, dem Schöpfer. Er-ziehen erfordert vom Er-zieher Kraft, Geduld, Ausdauer und klare Vorstellungen vom Erziehungsziel. Erziehen ist bewusstes pädagogisches Handeln mit einer bestimmten Zielsetzung. Ich kann nur ziehen, wenn ich vorangehe. Deshalb ist das Stichwort Vorbild eins der wichtigsten in diesem Zusammenhang.

Achtung! Wenn wir unsere Kinder nicht erziehen, machen es andere. Und von diesen anderen gibt es mehr als genug. Da sind vor allen Dingen solche, die mehr unterschwellig wirken. Ihr Einfluss im Erziehungsprozess ist uns gar nicht so bewusst. Deshalb ist es meine dringende Bitte: Lasst uns auf die heimlichen Mitzieher unserer Kinder achten!

Der heimliche Mitzieher Nr. 1

Kein anderer hat das Freizeitverhalten der Deutschen so geprägt wie er. Zweifellos ist er der bedeutendste heimliche Miterzieher. In mindestens 98% aller Haushalte ist er zu Hause.[1] In den meisten Wohnungen hat man ihm einen Ehrenplatz zugedacht. Im Wohnzimmer, dort wo sich das familiäre Leben abspielt, braucht man sich nur in die Sitzgruppe fallen zu lassen und schon ist jeder auf einen Punkt ausgerichtet: auf den Fernseher. Wer meint, seine Kinder könnten unbeschadet fernsehen, irrt.

Überforderung

Im Juli 1987 saß eine Expertenrunde von Ärzten, Pädagogen etc. zusammen. Sie stellten fest, dass Kinder unter vier Jahren von sich aus kein Interesse an Fernsehsendungen haben, weil sie das Dargebotene noch nicht verarbeiten können. Die schnelle Bildfolge, die unendlich vielen visuellen und akustischen Reize sind für das kindliche Gemüt belastend. Fernsehen führt zu Stress und Angst. In der Fachsprache spricht man von Verlustängsten. Kinder identifizieren sich sehr stark mit einem Filmhelden. Wenn dieser plötzlich stirbt, erlebt das Kind diesen Tod als starken Verlust im eigenen Leben. Eltern klagen über Schlafstörungen bei ihren Kindern. Kinder müssen beim Fernsehen so viel in ihr Unterbewusstsein aufnehmen, dass sie erst in der Nacht zur Verarbeitung kommen.

Wer das Fernsehen als Bildungsmedium rechtfertigt, ist durch Wissenstests längst widerlegt. Fernsehen verbessert nicht das Sachwissen. Die Informationsflut überfordert die Kinder und die reinen Fakten von Fachsendungen liegen im Schatten sensationeller Einzelheiten, die als Verpackung dazugehören.

Jerry Mander, der selbst fünfzehn Jahre als Public-Relation-Manager beim amerikanischen Fernsehen gearbeitet hat, schreibt: „Der Fernseher eignet sich eher zur Gehirnwäsche, zur künstlichen Einlullung … denn als Mittel zur Anregung bewusster Lernprozesse.“[2]

Entfremdung

Der Fernseher ist nicht nur ein Phantasiezerstörer, sondern entfremdet das Kind von der unmittelbaren Erfahrung mit der Natur. Der handelnde Umgang mit den Dingen wird ersetzt durch passives Sehen. So haben wir es immer mehr mit „Schlaumeiern“ zu tun, die „Stückwissen“ aus Fernsehsendungen anbringen, aber keine Erfahrungen im handelnden Umgang mit der Materie haben. Damit geht den Kindern etwas Wesentliches im Erziehungsprozess verloren.

Aber wir müssen an dieser Stelle auch von der Entfremdung des Kindes in der Familie sprechen. Fernsehen ändert das Familienleben. Wie oft läuft der Fernseher während der Mahlzeiten? Das Miteinander wird zum Nebeneinander. Anstatt miteinander zu reden, zu spielen und zu basteln, schaut jeder mit starrem Blick in eine Richtung. Manchmal liefert das Einschalten der „elektronischen Mutter“ eine willkommene Ruhepause für die gestresste leibliche Mutter. Haben wir schon einmal überlegt, wie viele Kinder diesen Weg als einen Entzug mütterlicher Nähe und Wärme empfinden? Im März 1985 probten 28 Familien in Dortmund den Fernsehentzug. „Vier Wochen wurden Hobbys wieder gepflegt.“[3] Diese Erfahrungen bestätigen die Verfechter einer fernsehfreien Erziehung, weil Kreativität und soziales Verhalten nicht vor dem Fernseher gelernt wird.

Geistige Umweltverschmutzung

„Ohne Gewalt und Porno läuft nichts.“[4] Gewalt ist fernsehgerechter als Frieden. „Das Beobachten aggressiver Handlungen im Film bewirkt beim fernsehenden Kind selbst nicht nur das Erlernen und Ausüben von Aggressionen, sondern auch deren häufigeres In-Erscheinung-Treten.“[5] Fernsehen verherrlicht Gewalt. Konflikte sind fernsehgerechter als Zusammenarbeit. Das Aggressionspotential wird erhöht.

Weiterhin trägt Fernsehen zum Abbau von Autoritäten bei. In einer einzigen Kindersendung „Spaß am Dienstag“ wurden die Erwachsenen von Kindern als „Saubande, Schweine und blöde Erwachsene“ bezeichnet. Wen wundert es da noch, wenn ähnliches Vokabular von Kindern auch woanders gebraucht wird.

Ganz zu schweigen von der Beeinflussung der Kinder auf dem ethisch-moralischen Sektor. Es gibt wohl kaum eine Sendung, die der biblischen Ethik und Moral standhalten könnte. Ganz im Gegenteil – wie viel Pornographie erleben Kinder am Bildschirm?! Wer glaubt, das bliebe ohne Nachwirkungen, läuft mit verbundenen Augen durchs Leben. Neben der Sexwelle schwappt inzwischen auch die Okkultwelle in die Wohnzimmer. Mystische Inhalte, weiße und schwarze Magie zieren so manchen Fernsehfilm.

Kinderseelen werden geschunden. Viel zu früh werden ihnen die Probleme der Erwachsenenwelt vorgestellt.

Das Fazit

Mir geht es bei den oben gemachten Ausführungen nicht um die Verabschiedung eines 11. Gebotes: Du sollst nicht fernsehen. Wer nicht fernsieht, weil er es nicht darf, hat nicht begriffen, worum es geht. Wir sollten so leben, dass wir unseren Lebensstil, auch unsere Zeiteinteilung vor Gott und unseren Kindern verantworten können. Ein bewusstes Leben in der Verantwortung vor Gott macht jeden Erzieher sensibel für die heimlichen Miterzieher. So kann ich aus eigener Erfahrung nur jeden zu einer fernsehfreien Erziehung ermuntern. Das fordert uns natürlich heraus. Wer heute aufs Fernsehen verzichtet, muss attraktive Alternativen bieten. Aber ich durfte es im Rahmen meiner zweiten Staatsarbeit erleben, wie Kinder – selbst solche, die schon als fernsehgeschädigt bezeichnet werden mussten – eine alternative Freizeitgestaltung dankbar annahmen. Ich sehe heute noch die Drittklässler vor mir, wie sie mit Begeisterung „alte“ Gesellschaftsspiele als echte Alternative zum Fernsehen entdeckten, wie sie sich über die Vorteile des Breitensports im Gegensatz zum Fernsehen unterhielten oder wie sie sich gegenseitig aus ihrem Lieblingsbuch vorlasen. Warum? Diese Angebote werden ihren kindlichen Bedürfnissen viel eher gerecht.[6]

Wer sich dazu nicht durchringen kann, sollte auf jeden Fall das „Pantoffelkino“ in den kältesten Raum der Wohnung stellen, sich dort die oft ins Feld geführte Nachrichten- oder Sportsendungen gezielt ansehen, um dann schnellstens zurück in das Zentrum der Wohnung zu ziehen. Außerdem muss es für jeden verantwortungsbewussten Erzieher ein Grundsatz sein, die Kinder nie allein vor der „Glotze“ sitzen zu lassen. Nicht nur um den Fernseher rechtzeitig ausschalten zu können, sondern um im Nachgespräch das Gesehene mit den Kindern zu verarbeiten.

Bei alle dem sollten wir den Paulus-Aufruf vor Augen haben: „Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist!“ Die wertvollen Jahre der Kindheit wollen wir für Erfahrungen der Kinder nutzen, die ihr geistliches Leben einmal positiv beeinflussen. Und die positive Beeinflussung geschieht keineswegs durch Fernsehen, sondern durch ein vorbildliches Leben nach den göttlichen Maßstäben und die biblische Unterweisung.

 

Anmerkungen

[1] idea v. 18.10.89.

[2] Mander, J.: Schafft das Fernsehen ab! Rowohlt 1979.

[3] Westfalenpost v. 30.03.85.

[4] idea 44/89.

[5] Ärzte-Zeitung/ Nr. 208 v. 25.11.87/ S. 25.

[6] Jaeger, H.: „Alternative Möglichkeiten der Freizeitgestaltung als Regulativ zum übermäßigen Fernsehkonsum“, Dortmund, 1985.


Mit freundlicher Genehmigung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
aus Die Wegweisung (heute: Perspektive)
www.cv-dillenburg.de

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