Stolz und Vorurteil
Auch bei der Bibellese?

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 22.05.2006, aktualisiert: 02.10.2018

Leitverse: Apostelgeschichte 17,11; 2. Timotheus 3,3.4; Markus 7,13; Galater 1,8

Apg 17,11: Diese [Leute aus Beröa] aber waren freundlicher als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich‘s so verhielte.

2Tim 3,3.4:
Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken, und werden die Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zukehren.

Mk 7,13:
[Ihr] hebt so Gottes Wort auf durch eure Satzungen, die ihr überliefert habt; und dergleichen tut ihr viel.

Gal 1,8:
Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht.

Einleitung

„Stolz und Vorurteil“ ist nicht nur der Titel eines bekannten historischen Romans. Stolz und Vorurteil sind zwei Probleme an der Wurzel vieler Bereiche menschlicher Konflikte – sogar in der christlichen Gemeinschaft! Ein Gebiet, wo wir am wenigsten erwarten würden, dass Stolz und Vorurteil ihre hässlichen Häupter erheben, ist das der biblischen Auslegung. Weil die Auslegung der Schrift anerkannten Regeln und Prinzipien folgt, sollte man denken, dass da kein Raum für Stolz und Vorurteil wäre. Leider ist dies nicht der Fall! Stolz und Vorurteil bahnen ihren heimtückischen Weg selbst in das Gebiet biblischer Studien und Auslegung. Tatsächlich kann das Eindringen von Stolz und Vorurteil hier so subtil sein, dass wir ein zusätzliches Prinzip biblischer Hermeneutik (Auslegung der Schrift) immer im Kopf behalten müssen: „Vorsicht vor Stolz und Vorurteil!“

Gefahren des Vor-Urteilens

Wenn wir die Apostelgeschichte lesen, sehen wir, dass der Apostel Paulus dem Stolz und Vorurteil der jüdischen Ausleger der Schrift die Stirn bot. Die Missionsstrategie des großen Apostels war es für gewöhnlich, mit den jüdischen Synagogen in den verschiedenen Städten, die er evangelisieren wollte, zu beginnen (z.B. Apg 17,1-3). In den Synagogen waren die Juden und auch die Proselyten mit den Schriften vertraut, und dies war ein Ausgangspunkt, von dem aus er das Evangelium von Christus predigen konnte. Traurigerweise reagierten die meisten Juden nicht positiv auf Paulus’ Auslegung der alttestamentarischen Schriften (z.B. Apg 17,5-8). Warum? Sie lehnten die Botschaft aus Stolz und Vorurteil heraus ab! Sie hatten sich ihre Meinung bereits gebildet. Sie hatten über die Schriften vor-geurteilt. Sie hatten vorgefasste Vorstellungen vom Messias und seinem Kommen, und in ihrem Stolz waren sie nicht offen, die Schriften neu zu überdenken und ihre wahre Auslegung herauszufinden.

Ist es möglich, dass auch wir durch Stolz und Vorurteil blind sind für die richtige Auslegung einiger Schriften? Haben wir irgendeine Schriftstelle aufgrund einer traditionellen Auslegung vor-beurteilt? Wurden wir in eine falsche Auslegung einiger Schriftstellen gedrängt? Haben wir uns geweigert, eine unserer in Stein gemeißelten Auslegungen bestimmter Schriftstellen zu überdenken, weil unser Stolz auf unser Bibelwissen bedroht gewesen wäre? Haben wir die Dreistigkeit, uns so zu verhalten, als wären wir hundertprozentig fehlerfrei in allen unseren Auslegungen? Lasst uns uns vorsehen vor Stolz und Vorurteil – selbst in unserer Bibelauslegung. 

Wir müssen ständig an die Beröer erinnert werden, die täglich in der Schrift forschten, ob das, was Paulus lehrte, wahr war. Die Juden in Thessalonich waren voller Stolz auf ihre jüdische Herkunft und ihr jüdisches Erbe. Ihr Vorurteil machte sie blind für jegliche Auslegung außer der „überlieferten Satzung“ (Mk 7,13). Dies verschloss nicht nur ihren Verstand vor der richtigen Auslegung der Schrift, sondern trieb sie sogar dazu, alles, was sie konnten, zu tun, um den Dienst des einen zu unterminieren, der die richtige Auslegung der Schrift hatte (siehe Apostelgeschichte 17,13)! Als wachsende Christen müssen wir sicherstellen, dass derselbe sündige Geist keinen von uns beeinflusst! Der beste Schutz vor Stolz und Vorurteil in der Auslegung ist die Geisteshaltung der Beröer: ehrliche und aufgeschlossene Untersuchung der Schriften. Hüten wir uns vor Stolz und Vorurteil!

Unsere angenehmen Auslegungen

Betrachten wir ein paar Gebiete, wo Christen verwundbar sind. Zuerst einmal beeinflussen Stolz und Vorurteil unsere Bibelauslegung, wenn wir uns entscheiden, der angenehmeren Auslegung zu glauben. Natürlich ist es einfacher, der angenehmeren Auslegung irgendeiner Schriftstelle zu folgen, aber unglücklicherweise könnte diese „angenehme“ Auslegung die falsche sein! Die falschen Lehren von der Allversöhnung (Rettung der ganzen Menschheit) und davon, dass die Ungläubigen keine ewige Strafe zu erwarten haben, sind offensichtliche Beispiele für „angenehmere“ Auslegungen, die dem klaren Text der Bibel fälschlicherweise aufgezwungen wurden.

Aber einige Fälle sind nicht so klar! Viele Christen glauben zum Beispiel, dass alle Gläubigen vom Herrn selbst vor der großen Trübsal, vor der „Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis“ (Off 3,10), in den Himmel heimgeholt werden. Warum glauben wir dieser Lehre? Lasst uns sichergehen, dass wir sie glauben, weil wir die Schrift sorgfältig ausgelegt haben, und nicht, weil es angenehmer ist, zu glauben, dass die Gläubigen dem Zorn Gottes entrinnen werden, der über diese Erde kommen soll!

Was ist das Schicksal von Babys, die sterben, bevor sie eine Chance hatten, dem Herrn zu antworten? Sind sie Teil der „erwählten Schar der Gläubigen“? Es ist sicherlich „angenehmer“, zu glauben, dass diese „unschuldigen“ Kinder für immer im Himmel sein werden. Aber sind wir, die wir diese angenehmere Lehre glauben, voreingenommen in unserer Schriftauslegung, einfach weil diese Lehre „angenehmer“ ist? Wenige Schriftstellen, wenn überhaupt, berühren direkt das Thema von Babys oder Kindern, die sterben, bevor sie ein „Alter der Verantwortung“ erreichen, d.h. eine Zeit, zu der sie fähig sind, Gottes Rettungsangebot zu verstehen und darauf zu antworten (s. z.B. 2Sam 12,23; Mt 18,10; Mk 10,14). Wir wissen mit Sicherheit aus der Schrift, dass Babys nicht „unschuldig“ geboren werden (s. z.B. Ps 51,5; Röm 5,12)! Wir wissen jedoch auch mit Sicherheit, dass Gott ein liebender und gnädiger Gott ist (2Pet 3,9) und dass unser Herr Jesus eine besondere Liebe für Kinder an den Tag gelegt hat (s. Mt 18,2-6; Mk 10,14-16).

In 2. Timotheus 2,13 lesen wir: „Sind wir untreu, so bleibt er doch treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ Wie sollten wir diesen Vers interpretieren, der sich an Gläubige richtet? Ist dies ein Versprechen ewiger Sicherheit für alle Gläubigen, gleichgültig ob ein Gläubiger ein treues Leben führt oder ob nicht? Oder ist es eine unangenehme Warnung an den Gläubigen, dass Gott seinen Prinzipien treu bleiben muss und der untreue Gläubige keine große Belohnung empfangen wird? Damit Gott einen untreuen Gläubigen belohnen könnte, müsste Er sein eigenes Wesen verleugnen! Wenn wir diesen Text auslegen, müssen wir vorsichtig sein, nicht die „angenehmere“ Auslegung zu wählen. Selbstverständlich lehrt die Bibel die ewige Sicherheit des Gläubigen, aber dieser Text im Timotheusbrief behandelt nicht notwendigerweise dieses Thema. Tatsächlich scheint der Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass die „unangenehme“ Auslegung in diesem Fall vermutlich die richtige ist! Und wenn die richtige Auslegung nicht besonders „angenehm“ ist, müssen wir die heilsame Lehre (2Tim 4,3) annehmen und ertragen.

Unsere traditionellen Auslegungen

Stolz und Vorurteil können unsere Auslegung beeinflussen, wenn wir uns entscheiden, die traditionellere Auslegung zu glauben. Die traditionelle Auslegung von 1. Petrus 3,18-20 zum Beispiel ist, dass Christus zwischen seinem Tod und seiner Auferstehung in die Hölle hinabstieg und seinen Sieg über Sünde und Satan verkündete. Diese Sicht ist im Apostolischen Glaubensbekenntnis enthalten. Aber diese traditionelle Auslegung könnte die falsche Auslegung sein – es ist in der Tat schwer, diese Auslegung mit dem Rest der Schrift zu untermauern! Eine andere Auslegung dieses Abschnitts ist, dass der Herr selbst durch Noah zu den ungehorsamen und ungläubigen Leuten in Noahs Tagen sprach. Wegen ihres Unglaubens und ihrer Ablehnung des Rettungsweges sind ihre Seelen jetzt im Gefängnis und warten auf das Jüngste Gericht. Diese Auslegung, die nicht die traditionelle ist, ist hermeneutisch gesünder, weil sie zu dem passt, was das Evangelium offenbar aussagt – dass der Herr direkt in die Gegenwart des Vaters kam, als Er starb (s. Lk 23,46). Und sehr wenig biblische Untermauerung kann für die „traditionelle“ Auslegung von 1. Petrus 3,18-20 gefunden werden.

Ein anderes Beispiel, wo Tradition leicht unsere Schriftauslegung beeinflussen kann, ist die Art und Weise des Taufens. Die meisten von uns folgen einfach der Tauflehre und Tauftradition der Kirche, in der sie aufgewachsen sind, statt zu einer persönlichen Überzeugung bezüglich der Taufe durch ein ehrliches und sorgfältiges Studium der Schrift zu gelangen. Vorsicht vor Stolz und Vorurteil hier! Entscheidungen in Bezug auf die Taufe von Kleinkindern oder Erwachsenen und in Bezug auf das Untertauchen oder das Besprengen mit Wasser sollten sich allein auf die Schrift gründen und nicht auf die Tradition. Kannst du deine Position zur Taufe, einschließlich ihrer Art und Weise, mit gesunder biblischer Hermeneutik unterstützen? Oder hat die Tradition deiner Kirche deine Position bestimmt? Denk daran: Unser Herr Jesus prangerte die Pharisäer für ihren Stolz und ihr Vorurteil an, womit sie ihre Traditionen über das Wort Gottes stellten (Mk 7,13)!

Unsere Lieblingsinterpretationen

Ein anderes gefährliches Gebiet, wo Stolz und Vorurteil unsere Auslegung beeinflussen, ist, wenn wir immer unserer „Lieblingsauslegung“ glauben. Wir haben immer die Tendenz, die Auslegung eines Textabschnitts vor-zubeurteilen, je nachdem, was unser Lieblingsprediger oder -autor sagt oder was unsere Lieblingskirche oder -denomination lehrt. Nehmen wir zum Beispiel die Debatte um Herrschaft und Erlösung [„Lordship salvation“ debate]. Unser Lieblingsprediger oder -autor könnte lehren, dass die Erlösung einer Person zweifelhaft ist, denn „wenn Jesus nicht Herr über alles in unserem Leben ist, dann ist er überhaupt nicht unser Herr“. Andererseits könnte unser Lieblingsprediger oder -autor lehren, dass Christus zum Herrn über unser ganzes Leben zu machen, sicherlich ein wünschenswertes Ziel ist, aber nicht notwendig für die Erlösung. Schließlich gibt es in der Bibel viele Beispiele von Gläubigen, die nicht hundertprozentig hingegeben waren! Nun, was ist die Antwort? Die Antwort ist: Geh nicht davon aus, dass dein Lieblingsprediger oder -autor das letzte Wort hat! Damit würdest du dem Vorurteil gestatten, deine Auslegung zu beeinflussen! Bilde dir keine Meinung, bis du alle Fakten ausgegraben hast – aus der Bibel! Sei wie die Leute aus Beröa (Apg 17,11) und durchsuche die Schriften selbst. Untersuche Gottes Wort, besonders bei kontroversen Themen, und lass dich von der Schrift überzeugen; lass deine Lieblingsredner oder -autoren dabei beiseite!

Wie ist das beispielsweise mit der ganzen Debatte um das Tausendjährige Reich und die Entrückung? Ist es möglich, dass deine Bibelauslegung diesbezüglich durch Stolz und Vorurteil beeinflusst worden ist? Glaubst du, was deine Lieblingskirche oder -denomination lehrt, oder gründen sich deine Schlussfolgerungen auf dein eigenes sorgfältiges und ehrliches Bibelstudium?

Der Apostel Paulus sagte den Galatern, dass sie ihm – oder gar einem Engel vom Himmel – keinen Glauben schenken sollten, wenn er ihnen eine „andere Auslegung“ des Evangeliums von Christus gäbe! Das ist eine ziemlich starke Ausdrucksweise, aber sie zeigt die Wichtigkeit dieses Prinzips. Erinnern wir uns daran, dass die meisten Kulte und Sekten auf den Lehren eines Lieblingspredigers beruhen! Selbst wahre Gläubige können bei der Auslegung in gefährliches Wasser gesogen werden, wenn sie blind den Lehren einer christlichen Persönlichkeit, die sie favorisieren, folgen – und davon gibt es dieser Tage viele! Sei nicht leichtgläubig! Sieh dich vor Stolz und Vorurteil vor, wenn du den Lehren deiner Lieblingsprediger zuhörst oder christlicher Musik oder Persönlichkeiten aus dem Sport, Fernsehpfarrern, „Fernsehkirchen“ oder Lieblingsautoren!

Wir könnten andere Gebiete erwähnen, wo Stolz und Vorurteil auf subtile Weise hereingekrochen kommen und unsere Bibelauslegung beeinflussen können. Die Beispiele, die wir erwähnt haben, sollten uns motivieren, wie die Gläubigen in der Stadt Beröa zu sein, die „täglich in der Schrift forschten“, um zu sehen, ob Paulus’ Lehren wahr waren. Lasst uns an die Unversöhnlichkeit der Juden denken, die dem Apostel Paulus nicht zuhören wollten, und uns vorsehen – uns bewusst sein –, wie unser Stolz auf Traditionen oder Herkunft unsere Schriftauslegung beeinflussen kann! Lasst es uns unseren persönlichen Vorurteilen nicht erlauben, uns bequemerweise dazu zu führen, dass wir glauben, was angenehmer ist, oder dass wir fröhlich annehmen, was ein Lieblingsprediger oder -autor sagt, ohne sorgfältig in den Schriften nachzulesen. Und lasst uns uns vornehmen, dass nichts uns daran hindern wird, unsere Auslegungen zu hinterfragen und mögliche Fehler zu korrigieren! Lasst uns das, was wir glauben, durch sorgfältige und ehrliche persönliche Prüfung und Studium von Gottes Wort bestimmen!


Originaltitel: „Beware of Pride and Prejudice“
Quelle: www.growingchristians.org

Übersetzung: S. Bauer

Weitere Artikel des Autors David R. Reid (92)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...