Fangt die kleinen Füchse!
Hohelied 2,15

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 11.03.2001, aktualisiert: 01.09.2018

Leitvers: Hohelied 2,15

Hld 2,15: Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse, welche die Weinberge verderben; denn unsere Weinberge sind in der Blüte!

Einleitung

Das Frühjahr ist die Zeit des Jahres, wenn alles erwacht und blüht – dies gilt auch für die Liebe. Der kalte, scharfe Wind und die toten Zweige verschwinden. Eine warme, sanfte Brise und farbenfrohe Blüten kommen hervor. Aufkeimendes Leben und aufkeimende Liebe sind überall. Es ist schön zu leben! Wie herrlich, dann einen Spaziergang in einem Park oder einem Wald zu machen mit einer Person, die man liebt!

Warte einen Augenblick! Was hat all diese „aufkeimende Liebe im Frühjahr“ mit der Bibel zu tun? Und was hat das mit unserer Überschrift zu tun? Das klingt nicht gerade biblisch. Oh doch, die Bibel hat über die Liebe zwischen den beiden Geschlechtern eine Menge zu sagen – auch zu „aufkeimender romantischer Liebe“. In Wirklichkeit hat das ganze Buch Hohelied mit romantischer Liebe zu tun. Am Titel kannst du sehen, dass der Text der Bibel entnommen ist. Und wir werden weiter unten sehen, dass der Ausdruck „kleine Füchse fangen“ im Hinblick auf eine Liebesbeziehung eine sehr interessante bildliche Bedeutung hat. Übrigens hat dieser Ausdruck nichts mit dem „Hinterherlaufen hinter dem anderen Geschlecht“ zu tun! Aber bevor wir weitergehen, um die Bedeutung des Ausdrucks „kleine Füchse fangen“ zu sehen, wollen wir uns noch einige allgemeine Gedanken zum Hohenlied machen.

Verschiedene Auslegungen

Manche wachsende Christen haben das „Lied der Lieder“ noch nie gelesen, und viele sind nicht in der Lage, es zu verstehen. Andere Christen hingegen, die es gelesen und studiert haben, wissen, dass nicht alle Bibelausleger und Kommentatoren in der Auslegung dieses Buches übereinstimmen. Manche Ausleger sagen, dass es in der Geschichte um zwei Liebhaber geht, während andere meinen, dass es um drei Liebhaber geht. Die „Drei-Liebhaber-Theorie“ kam zum ersten Mal im späten 18. Jahrhundert auf und ist daher noch nicht alt in der Kirchengeschichte. Bei dieser Theorie findet die wahre Liebesaffäre nicht zwischen dem König Salomo und dem sulamithischen Mädchen statt, sondern zwischen einem jungen Mädchen und einem Hirtenjungen. Die Sulamithin (vielleicht aus dem Bereich Sunem in Nord Israel) und ihr Hirte sind aus dem gewöhnlichen Volk, sie verlieben sich und planen zu heiraten. Dann aber kommt der „Bösewicht“ in diesem „Melodrama“, es ist König Salomo. Als er ein Auge auf das schöne Mädchen wirft, begehrt er es und entführt es in seinen großen (Hld 6,8) königlichen Harem. Aber trotz seines Umwerbens und seines Besitztums kann Salomo das Herz des Mädchens nicht gewinnen. Sie bleibt ihrem geliebten Hirtenjungen treu und redet und träumt immer nur von ihm. In der Zwischenzeit kommt der geliebte Hirte nach Jerusalem, um zu sehen, wie er sein geliebtes Mädchen aus der Hand des Königs Salomo befreien könnte. Zum Schluss gibt Salomo dem Mädchen seine Freiheit zurück. Sie und ihr Hirtenfreund reisen in ihr Land zurück, glücklich, bald die Hochzeitsglocken läuten zu hören.

In der traditionellen „Zwei-Liebhaber-Theorie“ vom Hohenlied haben wir den historischen Bericht von König Salomos wahrer Liebe zu dem bäuerlichen Mädchen aus Sunem. Salomo hatte dieses wunderbare Mädchen während einer Reise in den Norden seines Königtums gesehen – vielleicht während eines Besuches in seinen königlichen Besitz oder seinem Weinberg. Die Sulamithin arbeitete nahe bei den Weinbergen ihrer Familie (Hld 1,6), als Salomo sie erblickte. Sie hatte keine Ahnung, dass sie schon bald ein „Aschenputtel“ werden sollte. Statt dass Salomo seine Macht als König gebraucht, um dieses hübsche Mädchen in seinen Harem zu bringen, entschied er sich, sich als Hirte zu verkleiden, um so das Herz dieses Mädchens langsam für sich zu gewinnen. Der Plan funktionierte! Später tat Salomo dem Mädchen seine wahre Identität kund, und kurze Zeit später war das Paar verheiratet. Selbstverständlich scheute König Salomo keinen Aufwand für diese Hochzeit. Die Hochzeitsprozession mit allem Prunk wird bis zum Ende von Kapitel 3 beschrieben; die eigentliche Hochzeit findet in Kapitel 4 statt; und sie wird vollendet im 1. Vers von Kapitel 5. Zusammen mit dem königlichen Palast und unter dem Auge der Öffentlichkeit setzt sich die Liebe zwischen dem König und seiner Braut fort und wird tiefer und nimmt bis zum Ende des Buches zu. Das bedeutet nicht, dass die Geschichte endete mit dem Hinweis: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann …“

Nein, diese Geschichte ist kein Märchen, sondern eine wahre Lebensgeschichte – trotz der poetischen Form, in der sie geschrieben ist. In Kapitel 5 zum Beispiel lesen wir von einem Missverständnis der beiden Liebenden. Und am Ende von Kapitel 7 und beim Beginn von Kapitel 8 erscheint die Sulamithin ein wenig nervös bei all den Repräsentationsaufgaben des öffentlichen Lebens am königlichen Palast. Sie hätte Salomo viel lieber mit in ihr einfaches Dorf genommen, wo sie aufgewachsen war. Oh, sie wollte frei sein von allen gesellschaftlichen Zwängen und Tabus und ihre Zuneigungen in der Öffentlichkeit zeigen, so dass sie die Möglichkeit hätte, ihren Mann in der Öffentlichkeit zu küssen – wie einen Bruder (Hld 8,1). Aber trotz dieser Wellen konnte die Liebe zwischen Ehemann und Frau weiter wachsen. Ihre Liebe triumphierte über alle Missverständnisse. Auch die kleinen Enttäuschungen konnten ihre Liebesbeziehung nicht zerstören.

Wenn wir so an unseren Beziehungen nur in gleicher Weise arbeiteten – in unserer Liebesbeziehung zum Herrn, in unserer Liebe zu der Person, die Gott uns an die Seite gestellt hat oder noch zur Seite stellen wird, und in unserer Liebe zueinander! Das ist genau das, wo die Arbeit, „kleine Füchse zu fangen“, wichtig wird.

Arbeiten an der Beziehung

Die Bemerkung mit den Füchsen kommt in dem Lied an der Stelle vor, die das Ende einer herrlichen Frühlingswanderung durch die gerade erwachende Natur beschreibt (Hld 2,10-13). Die Liebenden entschließen sich, an ihrer Beziehung zu arbeiten und nichts hereinkommen zu lassen, was diese Beziehung zerstören könnte. Sie vergleichen potentielle Problemgebiete in ihrer blühenden Romanze mit kleinen Füchsen. Wie kleine Füchse den Weinberg schon durch Nagen an den zarten Reben ruinieren können, genauso können die kleinen Probleme, die in einer wachsenden Liebesbeziehung kommen werden, diese Liebesbeziehung zerstören. Diese „kleinen Füchse“ müssen gefangen werden, bevor sie weiteren Schaden anrichten können.

„Kleine Füchse“ scheinen immer dann zu kommen, wenn alles in unserer Liebesbeziehung richtig gut geht – wenn die „Weinberge in der Blüte stehen“. Nimm z.B. unsere Liebesbeziehung zum Herrn. Immer wenn alles gut zu laufen scheint, kommt der „kleine Fuchs“ der Nachlässigkeit herauf, Nachlässigkeit im täglichen Lesen der Wortes Gottes oder die Nachlässigkeit im beständigen Gebet. Und was ist mit unserer Liebesbeziehung zu dem Menschen, den Gott für uns bestimmt hat? Wie oft produzieren die „kleinen Füchse“ von verletzenden Worten unnötige Zerwürfnisse in der Beziehung, die ansonsten so schön sein könnte. Und dann sind da die „kleinen Füchse“ von kleinen Neidereien und kleinen Missverständnissen, die unsere Liebe zueinander zerstören wollen. Wie schade! Ohne einige entschlossene „Fang“-Aktionen unsererseits werden die kleinen Füchse weiter fressen, bis sie zu großen Füchsen geworden sind!

Sex ist o.k.

Egal, welche Auslegung man für das Hohelied nimmt – so können doch viele Anwendungen aus dieser Geschichte gemacht werden. Diese Geschichte ist eine Geschichte voller Lektionen für uns. Das kommt daher, weil es eine Liebesgeschichte ist. In jeder Liebesgeschichte in der Bibel finden wir viele wertvolle Lektionen für uns, die wir auf unsere eigenen Liebesbeziehungen anwenden können. Vermutlich die großartigste Lektion, die wir aus dem Hohenlied der Liebe lernen können, ist, dass Sex o.k. ist. Sex ist nicht ein „Bloß-nicht-bloß-nicht“ oder einzig dazu da, um die menschliche Rasse zu vermehren! Nein, körperliche Liebe zwischen Mann und Frau ist ein wunderbares Geschenk Gottes. Solange sie sich in den von Gott bestimmten Grenzen bewegt (und die Bibel zeigt ganz deutliche Grenzen), ist Sex etwas Wunderbares. Einige von den antiken Rabbinern erlaubten einem hebräischen Jungen nicht, das Hohelied vor seinem 30. Geburtstag zu lesen, damit seine Gedankenwelt vor „ungesunden Phantasien“ bewahrt würde. Aber in Wirklichkeit zeigt das Hohelied Salomos eine gesunde Sicht von dem, was Sex ist, und lehrt uns die Heiligkeit der Liebe und der Ehe.

Christus und seine Gemeinde

Weil dieses Lied der Lieder die tiefe und wunderschöne Liebe zwischen Mann und Frau aufzeigt, bekommt diese Geschichte selbstverständlich eine tiefere Bedeutung. Sie ist so auch eine schöne Illustration von der Liebesbeziehung von Christus zu seinem Volk. Gott hat es so vorgesehen, dass die Liebesbeziehung zwischen einem Mann und seiner Braut ein Spiegelbild ist von der Liebesbeziehung zwischen Christus und seiner Braut, der Kirche (Eph 5,31.32). Was für ein gewaltiges Zeugnis für den Herrn, wenn du dir von Anfang an vornimmst, dass sie das wunderbare Geheimnis von der Liebe des Herrn zu uns widerspiegelt! Das setzt harte Arbeit voraus, weil viele „kleine Füchse“ gefangen werden müssen. Lass die „kleinen Füchse“ nicht die Botschaft verderben, die Gott durch deine Ehe verbreiten will.

Hinterlistige kleine Füchse sind nicht immer einfach zu fangen, aber es ist auch nicht unmöglich. Die Probleme, die in jeder wachsenden Liebesbeziehung kommen werden, sind nicht immer einfach zu „fangen“, aber mit eifriger Bemühung und göttlicher Hilfe sind diese Aufgaben nicht unüberwindbar.


Originaltitel: „Catch the Foxes“
Quelle: www.growingchristians.org

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