Methoden der Verk√ľndigung
Zeitgemäße bibeltreue Verkündigung

Hartmut Jaeger

© H. Jaeger, online seit: 31.08.2001, aktualisiert: 14.01.2018

Es ist leichter, eine Predigt zu halten, als darüber zu reden. Denn die Bibel beinhaltet keine Predigtlehre mit klar formulierten Prinzipien. Verkündigung ist außerdem ein geistliches Geschehen, in dem Geistesleitung und Methode zusammenkommen. Allerdings macht eine noch so gute Methode eine Predigt nicht geistlich, auch wenn der Heilige Geist sich Methoden sucht. Methoden sind Umwege der Liebe, um zum Ziel zu kommen. Deshalb beschäftigen wir uns überhaupt mit methodischen Fragen. Man kann noch so viel über das „Wie“ der Predigt hören, aber damit ist noch nicht geklärt, ob man ein von Gott berufener Verkündiger ist. Schließlich fehlt eine offene Gesprächskultur, eine „Predigtbewertung“. Wenn Paulus in 1. Korinther 14,29 schreibt: „Die anderen sollen urteilen“, ist das eine wesentliche Hilfe zur Weiterentwicklung von Gabe und Methode der Verkündigung.

1. Mögliche Fehlentwicklungen in der Verkündigung

  • Man will keinem weh tun und alle gewinnen. Das führt zu einer wertfreien und damit wertlosen Verkündigung. Wer alle gewinnen will, wird alle verlieren.

  • Man hat ein übersteigertes Harmoniebedürfnis, das führt zu einer kraftlosen (zahnlosen) Verkündigung.

  • Man passt sich den Denkmustern eines organisatorischen Systems an, was zu einer systemorientierten Verkündigung führt (vgl. Mk 7,7-9).

  • Man passt sich Traditionen an, das führt zu einer weltfremden Verkündigung. Plötzlich werden gut gemeinte Traditionen zu biblischen Prinzipien. Die Inhalte können nicht mit der Bibel begründet werden. Oft sind solche Predigten mit einem Vokabular gespickt, was für viele unverständlich ist.

  • Man fragt zu schnell, was mir der Text bringt, ohne den Text selbst gründlich zu erarbeiten. Das führt zu einer emotionalen (oberflächlichen, nicht abgesicherten) Verkündigung. Man konzentriert sich zu sehr auf die Auslegung und vernachlässigt die Anwendung, und das führt zu einer theoretischen (kopflastigen) Verkündigung.

2. Die Bedeutung der Verkündigung

Bibeltreue Verkündigung geht von Gottes Wort aus (vgl. Röm 10,16.17). Sie ist Grundlage des Glaubens. Gottes Wort muss gepredigt werden. Denn wie sollen sie hören ohne einen Prediger (Röm 10,14)? Die Verkündigung nimmt eine zentrale Stelle in unserem Gemeindeleben ein.

In 2. Timotheus 4,2 schreibt Paulus: „Predige das Wort, stehe bereit zu gelegener und ungelegener Zeit; überführe, weise zurecht, ermahne mit aller Langmut und Lehre!“

Das hier mit „predige“ übersetzte Wort steht ca. 65-mal im Neuen Testament, wenn es um Verkündigung geht; es bedeutet so viel wie „Herold sein, gute Botschaft ausrufen, verkündigen“. Gerade diese Stelle macht deutlich, welche Verantwortung der Verkündiger hat. Denn bevor Paulus schreibt: „predige = herolde“, weist er auf den Auftraggeber hin (2Tim 4,1).

Geistgewirkte Predigt ist darum ein wertvolles Geschenk Gottes. In der Verkündigung geben wir die offenbarten Wahrheiten Gottes weiter und durch die Verkündigung können Menschen zum Glauben kommen. Die Verkündigung ist eine gewaltige Chance!

3. Leitsätze für eine „zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung“

Obwohl es in der Bibel keine fest umrissene Predigtlehre gibt, können wir Prinzipien ableiten. Dazu haben wir die Reden Jesu, die Predigten von Paulus und Petrus und viele praktische Hinweise für das Gemeindeleben in den Briefen. Ohne sagen zu wollen: „So muss es sein“, können wir allgemein gültige Leitsätze formulieren, die wir beachten dürfen, damit wir unserem Auftrag als Verkündiger gerecht werden.

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung entspringt einer tiefen Liebe zum Herrn Jesus, zu seinem Wort und zum Zuhörer.

    Die Liebe zum Herrn Jesus ist das Herzstück der Verkündigung. Die Liebe zum Wort Gottes prägt den Inhalt. Die Liebe zum Zuhörer fragt nach der rechten Art.

    Es ist die Aufgabe bibeltreuer Verkündigung, den Zuhörern immer wieder die Bibel lieb zu machen. Wir zeigen ihre absolute Zuverlässigkeit. Wir betonen ihre Aktualität. Wir weisen auf ihre Glaubwürdigkeit hin. Wir wecken Respekt gegenüber dieser absoluten, göttlichen Autorität. Wir haben als Verkündiger nur eine Überlebenschance, wenn wir die biblischen Prinzipien herausstellen.

    Die Liebe zum Zuhörer hilft uns, unser Bibelwissen richtig anzubringen. „Jesus blickte ihn an, gewann ihn lieb und sprach …“ (Lk 10,21). Der Herr Jesus liebte seine Zuhörer und deshalb hörten sie ihm auch so gerne zu, gerade diejenigen, die unter der Kälte der Lieblosigkeit litten.

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung spricht vom Wesen Gottes.

    Der moderne Mensch ist religiös, denn 64% glauben an Gott, aber nur noch 12% an den Gott der Bibel (lt. Focus 1999). Wir müssen Menschen sagen, wer Gott ist und wie er ist. Falsche Gottesvorstellungen und mangelnde Gottesfurcht haben katastrophale Folgen.

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung verfolgt ein Ziel.

    Ich las folgendes Beispiel: „Ein hagerer Geschäftsmann, der wie von tausend Teufeln gehetzt zur Abfertigung am Flughafen rennt und ein Ticket verlangt wird am Schalter gefragt: Wohin möchten Sie? Die Antwort: Geben Sie mir einfach ein Ticket – ich hab überall zu tun! Dieser Mann mag wohl überall zu tun haben, aber er kommt nirgendwo an, wenn er sich nicht irgendein Ziel setzt.“

    Wer das Ziel nicht kennt, wird den Weg nicht finden. Wir formulieren in einem Satz, was wir sagen wollen, und wir fragen: Welche Teilziele sind sinnvoll?

    Jemand hat gesagt: „Eine Predigt ist nicht wie ein Böller, der abgefeuert wird, nur weil er Krach macht. Sie ist wie das Gewehr des Jägers. Bei jedem Schuss will er etwas treffen.“

    Das Ziel aller Verkündigung finden wir in 2. Mose 19,17: „Mose aber führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen.“ Das ist unsere vornehmste Aufgabe als Verkündiger.

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung ist ein Brückenschlag.

    Die Verkündigung verbindet zwei ganz verschiedene Bereiche. Sie baut eine Brücke zwischen Gottes unwandelbarem Wort und der sich ständig im Wandel befindenden Gesellschaft. Der Verkündiger will Gottes Botschaft an den „Mann“ bringen. Wir reden nicht zu uns selbst und auch nicht zu Gott, sondern zur Erbauung, Ermunterung und Tröstung der Gemeinde (1Kor 14,3). Wir wollen Menschen erreichen. „An der Bibel ist nichts auszusetzen. Sie ist lebensnah. Aber ich muss meinen Teil dazu beitragen, dass die Predigt so lebensnah wird wie die Bibel, weil ich möchte, dass die Leute am Ende sagen: Ach so!, und nicht: Ja, und?“ (Stuart Briscoe)

    Der Zuhörer muss den Eindruck gewinnen, dass wir seine Situation verstehen. Wenn der Zuhörer sagt: „Ja, das stimmt, ja, so ist es“, haben wir viel gewonnen. Dazu ist es wichtig, sich die Zuhörer schon bei der Vorbereitung vorzustellen. Je besser wir uns in ihre Lage versetzen können, desto leichter fällt der Brückenschlag.

    Wenn wir versuchen, den Alltag unserer Zuhörer zu reflektieren, werden wir sehr bald feststellen, dass wir den schwierigen Fragen des Lebens nicht ausweichen dürfen (z.B. sexualethischen Fragen). Wir wollen Herzen treffen und keine theologischen Lieblingsthemen abhandeln.

    Geht der Verkündiger vom Bibeltext aus, ist die Arbeit am Text von entscheidender Bedeutung, ob der Brückenschlag gelingt oder nicht. Der Weg vom Text zur Predigt ist zeitaufwendig, intensiv, anstrengend, aber schön und lohnenswert. „Der Ackerbauer, der sich müht, muss als Erster an den Früchten Anteil haben“ (2Tim 2).

    Wir sollten um Ausgewogenheit zwischen Texterarbeitung, Auslegung und Anwendung ringen. Wer saubere Texterarbeitung betreibt, findet zu einer angemessenen Auslegung, die Spiegelung in unsere Zeit führt zur Anwendung. (Buchtipp: Hendricks, Bibellesen mit Gewinn)

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung nimmt Stellung zu den Fragen unserer Zeit und leitet die Antworten vom Bibeltext ab.

    Aktualität ist notwendig. Paulus holt die Menschen am Altar ihrer Zeit ab. Er lief durch Athen. Dabei entdeckte er den Anknüpfungspunkt für seine Botschaft (Apg 17,22-24). Als Verkündiger müssen wir „die Altäre dieser Welt“ kennen und auch um „die Altäre der Geschwister“ wissen. Je besser wir informiert sind, desto aktueller kann die Verkündigung sein. Wir müssen wissen, was die Menschen heute beschäftigt. Dazu lesen wir eine gute Tageszeitung und auch säkulare Literatur. Wir sind informiert darüber, was die Menschen bewegt.

    Dabei haben wir die einmalige Chance, Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu geben, indem wir die Bibel befragen. Denn faszinierend ist: „Die Bibel ist nicht modern, aber auch nicht antik, sie ist zeitlos.“ (Luther)

    Die Antworten werden aus der Bibel abgeleitet. Das gibt der Verkündigung biblische Autorität. Die Zuhörer sollen nachvollziehen können, wie wir zu der einen oder anderen Aussage kommen. Das heißt, der Bibeltext soll leben und reden.

    An dieser Stelle wird deutlich, was die Kennzeichen einer vollmächtigen Predigt sind:

    • Die Probleme und die Denkweise unserer Mitmenschen kennen und verstehen.
    • Die Bibel kennen – nur so können wir klare Antworten geben.
    • Die Bibel anwenden und anhand der Bibel Lösungsvorschläge nennen.
    • Zu den Themen eigene Erfahrungen nennen.
    • Korrekt sein: kritische Zuhörer nutzen die kleinste Falschaussage, um die ganze Predigt zu hinterfragen. Darum müssen z.B. Fakten stimmen.
    • Konkret sein: Die Predigt endet mit klaren Vorschlägen für die praktische Umsetzung.

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung vermittelt biblische Werte – unabhängig davon, ob sie dem Zeitgeist widersprechen oder nicht.

    Wertevermittlung ist eine wesentliche Aufgabe für die Zukunft. Nur wer Werte vermittelt und lebt, bietet Orientierung.

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung ist verständlich.

    Einfach reden ist nicht einfach. Wer lernen will, einfach zu reden, sollte die Inhalte seinen Kindern erklären. Wie viel wird gepredigt und wie wenig wird verstanden! Paulus schreibt in 1. Korinther 14,19: „Lieber Worte mit dem Verstand …“ Gott will, dass die Predigt verstanden wird. Sie soll dem Zuhörer nützlich sein.

    Wer verständlich reden will, muss wissen: Das Verb ist König. Geschilderte Handlungen sind mitteilungsintensiver als theoretische Beschreibungen von Sachverhalten.

    Das klassische Beispiel: „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Eine bekannte Parodie dieses Sprichworts setzt die Handlungen in Substantive um: „Nach Aushebung einer Grube zum Zwecke der Schädigung anderer liegt auch für den Urheber ein Hinabstürzen im Bereich der Möglichkeiten.“

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung ist anschaulich.

    Wir denken über den Einsatz von Medien nach. Nun hatte der Herr Jesus keinen Tageslichtschreiber, aber er setzte Gegenstände ein und gebrauchte Bilder aus der Natur. Einfache Graphiken helfen, komplexe Sachverhalte darzustellen. Allein der Bibeltext auf Folie und das Aufzeigen von Gedankengängen kann eine Verkündigung sehr anschaulich und verständlich machen.

  • Zeitgemäße, bibeltreue Verkündigung führt in die Entscheidung und ruft zur Umkehr.

    Wir müssen buchstäblich auf den Punkt kommen. Dazu gehört ein guter Schluss. Während der Predigt sammeln wir „Blumen“, zum Schluss überreichen wir jedem Zuhörer einen „Blumenstrauß“.

Schlussgedanken

In der Regel haben wir in unseren Kreisen keine offene Gesprächskultur „Predigtbewertung“ entwickelt. Wenn Paulus in 1. Korinther 14,29 schreibt: „Die anderen sollen urteilen“, ist das eine wesentliche Hilfe zur Weiterentwicklung von Gabe und Methode der Verkündigung. Ich wünsche mir, dass unser Thema auch dazu anregt.

Einerseits will ich alle, denen der Herr eine Gabe zur Verkündigung gegeben hat, motivieren, diese anzufachen (2Tim 1,6), andererseits lege ich eine Messlatte, die nicht leicht zu bewältigen ist. Wir müssen hart arbeiten, um unsere Gabe weiterzuentwickeln. Von nichts kommt nichts. Ohne Fleiß kein Preis. Und wenn wir dann alles getan haben, was in unseren Möglichkeiten liegt, wissen wir sehr wohl: Unser Herr muss Gnade schenken. Ohne seine Hilfe läuft nichts. Deshalb: Lassen wir uns motivieren und nicht demotivieren. Denn wir haben eine herrliche Aufgabe. Wir sind Herolde Gottes. Ihn wollen wir ehren.

Im letzten Jahr sprach mich jemand an: „Ich habe beobachtet, dass du in letzter Zeit mehr vom Herrn Jesus redest.“ Das hat mich motiviert. Denn er soll Ziel und Inhalt aller Verkündigung sein.

Lies auch: „Der Dienst des Wortes“ von C.H. Mackintosh


Aus der Zeitschrift Perspektive,
mit freundlicher Genehmigung: Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg
www.cv-dillenburg.de

Weitere Artikel des Autors Hartmut Jaeger (1)

Weitere Artikel in der Kategorie Nachfolge (69)

Weitere Artikel in der Kategorie Gemeinde (105)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...