Das „Sünde-als-Krankheit“-Modell
Wenn Sünde nicht mehr Sünde genannt wird ...

John Fullerton MacArthur

© CLV, online seit: 17.09.2002, aktualisiert: 30.12.2017

Anmerkung der Redaktion
Mit folgendem Artikel will die SoundWords-Redaktion keineswegs die Existenz verschiedener Krankheitsformen, wie ADS oder Fehlsteuerungen im sexuellen Bereich usw., wegdiskutieren. Auch geht es überhaupt nicht darum, gegen medizinische oder therapeutische Behandlung das Wort aufzunehmen. Viele Verhaltensweisen bedürfen sicherlich unterschiedlicher Unterstützungsmaßnahmen im medizinischen, psychotherapeutischen oder sozialen Bereich, um eine Heilung zu vereinfachen. Wir sind jedoch auch überzeugt von der Notwendigkeit, die der bekannte Bibelausleger John MacArthur sieht, darauf hinzuweisen, dass in der heutigen Zeit eine große Gefahr besteht, Sünde nicht mehr Sünde zu nennen und den von Gott vorgegebenen Weg der Buße und des Abstehens von der Sünde in den Hintergrund zu schieben.

Die vielleicht am weitesten verbreitete Art der Schuldverdrängung ist, jedes menschliche Fehlverhalten als eine Art Krankheit zu klassifizieren. Trinker und Drogensüchtige können Kliniken zur Behandlung ihrer „chemischen Abhängigkeit“ aufsuchen. Kinder, die sich dauernd einer Autorität widersetzen, werden dadurch entschuldigt, dass man sie als „hyperaktiv“ oder als an einem „Aufmerksamkeitsdefizit“ leidend bezeichnet. Fresser sind nicht mehr zu verurteilen – sie leiden an „Essstörung“. Selbst dem Mann, der das Geld für den Lebensunterhalt seiner Familie nimmt, um damit Prostituierte zu bezahlen, soll mit barmherzigem Verständnis begegnet werden, denn er ist ja „sexsüchtig“.

Ein FBI-Agent war fristlos entlassen worden, nachdem er zweitausend Dollar unterschlagen und sie dann an einem einzigen Nachmittag in einem Kasino verspielt hatte. Später klagte er vor Gericht. Er behauptete, dass seine Spielsucht eine Art von Invalidität und infolgedessen seine fristlose Entlassung ein Akt illegaler Diskriminierung wäre. Er gewann seinen Prozess! Darüber hinaus musste seine Krankenversicherung eine Therapie zur Heilung seiner Spielsucht bezahlen – so, als ob er an einer Blinddarmentzündung erkrankt wäre oder einen eingewachsenen Fußnagel gehabt hätte.

Heutzutage wird alles, was bei den Menschen selber im Argen liegt, schnell zu einer Krankheit gemacht. Was wir einmal Sünde zu nennen pflegten, wird eher als eine ganze Reihe von Behinderungen angesehen. Immoralität und Schlechtigkeit in jeder Form werden nun als Symptome dieser oder jener psychologischen Krankheit identifiziert. Kriminelles Verhalten, perverse Leidenschaften und jede nur vorstellbare Sucht: Alles wird entschuldbar gemacht, weil diese Dinge als medizinische Leiden eingestuft werden. Selbst alltägliche Probleme wie emotionelle Instabilität, Depression und Angst werden fast ausnahmslos als quasi-medizinische anstatt als geistliche Not beurteilt. Der amerikanische Bundesverband der Psychiater (American Psychiatric Association) gab ein umfangreiches Buch heraus, um Therapeuten bei der Diagnose dieser neuen Krankheiten zu helfen. Das Buch The Diagnosticand Statistical Manual of Mental Disorders (Third Edition, Revised) – oder auch DSM-III R, wie es gern abgekürzt genannt wird – führt folgende „Störungen“ auf:

  • Verhaltensstörung: „gewohnheitsmäßiges Verhalten, durch das die Rechte anderer verletzt werden; das betrifft sowohl gesellschaftlich wesentliche als auch altersmäßig zu erwartende Normen“.
  • Oppositionelle Trotzstörung: „allgemein negative, feindselige und trotzige Verhaltensweise“.
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung: „beherrschende, überstarke Gefühlsregungen; der Schrei nach Aufmerksamkeit“.
  • Antisoziale Persönlichkeitsstörung: „gewohnheitsmäßig unverantwortliches und gesellschaftsfeindliches Benehmen, das in der Kindheit oder frühen Jugend beginnt und im Erwachsenenalter fortdauert“.

Diese Aufzählung könnte noch weiter fortgesetzt werden. Zahllose Eltern, die von solchen Diagnosen beeinflusst wurden, weigern sich, ihre Kinder für deren Ungehorsam zu bestrafen. Statt dessen suchen sie Therapien für „oppositionelle Trotzstörung“, „histrionische Persönlichkeitsstörung“ oder was auch immer an neuen Diagnosen zu dem unbändigen Benehmen ihres Kindes passt.

Ein Autor sagt:

Der Krankheitsmodell-Lösungsweg in Bezug auf menschliches Verhalten hat uns als Gesellschaft so überwältigt, dass wir außer Rand und Band geraten sind. Wir wollen Gesetze verabschieden, die krankhafte Glücksspieler entschuldigen, welche, um ihrem Laster frönen zu können, Unterschlagungen begehen und dann die Versicherungsgesellschaften zur Zahlung ihrer Behandlung zwingen. Wir wollen Menschen behandeln, die in keiner partnerschaftlichen Beziehung treu bleiben können und (im Falle von Frauen) sich deshalb haltlosen Männern zuwenden oder die (im Falle von Männern) zahllosen sexuellen Bindungen nachgehen, ohne wahres Glück zu finden. Und all das (neben vielen weiteren Formen des Fehlverhaltens) wollen wir Süchte nennen. Was soll diese neue Suchtindustrie bezwecken? Mehr und mehr Süchte werden entdeckt; dadurch gibt es immer neue Suchtgefährdete. Das geht so lange, bis wir alle in unserer eigenen kleinen Abhängigkeitswelt mit anderen Süchtigen, wie wir selbst, eingeschlossen sind, nur unterschieden durch die besonderen Belange unserer Neurosen. Man stelle sich eine solch abstoßende und hoffnungslose Welt einmal vor. Indessen nehmen all die Abhängigkeiten, die wir definieren, an Häufigkeit zu.

Noch schlimmer ist, dass die Anzahl der Menschen, die an solchen neu ernannten „Krankheiten“ leiden, immer stärker zunimmt. Die Therapieindustrie löst offensichtlich nicht die Probleme, die in der Heiligen Schrift „Sünde“ genannt werden. Statt dessen überzeugt sie lediglich eine große Anzahl von Menschen davon, dass sie schrecklich krank und deshalb für ihr verkehrtes Verhalten nicht verantwortlich seien. Es erlaubt ihnen, sich selbst als Patienten (und nicht als Missetäter) anzusehen. Darüber hinaus werden sie dazu ermutigt, sich einer oftmals langwierigen (und teuren) Behandlung zu unterziehen. Diese Behandlung kann jahrelang dauern, manchmal sogar lebenslang. Außerdem scheint es so, dass eigentlich niemand mit der völligen Heilung eines an solchen Krankheiten Erkrankten rechnet.

Durch das „Sünde-als-Krankheit“-Modell verdienen die Therapeuten Milliarden; wegen der Aussicht auf langzeitige oder sogar lebenslange Therapie der Patienten ist ihre Zukunft gesichert! Ein Psychologe, der diesen Trend untersucht hat, behauptet, dass der Art und Weise, wie Therapeuten ihre Dienste vermarkten, eine klar zu erkennende Strategie zugrunde liegt:

  • Die Verpsychologisierung des Lebens muss fortgeführt werden.
  • Schwierigkeiten, die jeder irgendwie hat, müssen zu allgemeinen Problemen aufgewertet werden.
  • Das Problem muss dem Patienten so dargestellt werden, dass er es akzeptieren muss, weil eine andere Lösung überhaupt nicht in Frage kommt.
  • Heilung (psychologische, nicht geistliche) muss angeboten werden.

Er stellt fest, dass viele Therapeuten ihre Behandlungen bewusst auf viele Jahre hinaus verlängern. Selbst nachdem das eigentliche Problem (das den Patienten dazu bewegt hatte, eine Therapie aufzusuchen) gelöst oder vergessen wurde, dauert die Behandlung fort:

Sie setzen die Behandlung so lange fort und der Patient wird vom Therapeuten so abhängig, dass ein zusätzlicher Zeitraum erforderlich ist (manchmal sechs Monate oder länger), um den Patienten darauf vorzubereiten, sich wieder vom Therapeuten zu lösen.

Selbst alltägliche Probleme wie emotionelle Instabilität, Depression und Angst werden fast ausnahmslos als quasi-medizinische anstatt als geistliche Not beurteilt.

„Genesung“ (die Parole für Programme wie Anonyme Alkoholiker etc.) wird bewusst als ein Programm auf Lebenszeit angelegt. Wir sind es inzwischen gewohnt, dass jemand, der seit vierzig Jahren nicht mehr getrunken hat, in einem Treffen der Anonymen Alkoholiker aufsteht und sagt: „Ich bin Bill und ich bin ein Alkoholiker.“ Die gleiche Methode machen sich inzwischen alle „Abhängigen“ zunutze wie Sex-Abhängige, Glücksspiel-Abhängige, Nikotin-Abhängige, Wut-Abhängige, Frauenschläger-Abhängige, Kinderbelästigungs-Abhängige, Schulden-Abhängige, Selbstmissbrauchs-Abhängige, Neid-Abhängige, Versagertums-Abhängige, Überfressungs-Abhängige oder was es sonst noch geben mag. Menschen, die an solchen Übeln leiden, werden dazu erzogen, von sich selbst als „Genesenden“ zu sprechen, nicht als „Genesenen“. Wer es wagt, von sich zu sagen, dass er von seinem Problem befreit sei, dem unterstellt man, dass er sein tatsächliches Abhängigsein nur nicht wahrhaben wolle.


Aus dem Buch Das verlorene Gewissen, CLV, 2002, S. 22–24
Hinweis von SoundWords: Die Fußnoten zu diesem Text wurden entfernt und können bei Bedarf im Buch nachgelesen werden.
Der CLV-Verlag bietet auch einen kostenlosen Download an!
www.clv.de

Weitere Artikel in der Kategorie Seelsorge (61)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...