Zungenrede – heute noch?
1. Korinther 12; 14

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 28.02.2004, aktualisiert: 03.01.2018

Leitverse: 1. Korinther 12; 14

Vorwort

In diesem Artikel möchte ich auf die „Geistesgabe“ des Sprachenredens oder Zungenredens eingehen. Das Wort Gottes sollte dazu immer aufgeschlagen daneben liegen. Es war mein Wunsch, mich von Vorurteilen frei zu machen und bereits übernommene Sichtweisen kritisch zu hinterfragen.

Noch einen Gedanken möchte ich vorwegschicken. Das Thema „Zungenreden“ hat schon viele Gemüter erhitzt und sicher auch hier und da zu Spaltungen geführt. Es liegt mir fern, irgendeinen Grabenkampf gegen unsere Geschwister aus charismatischen Kreisen zu führen, sondern ich möchte lediglich versuchen, dieses Thema anhand von Bibelstellen zu behandeln. Persönlich bin ich der Überzeugung, dass eine gesunde Lehre Christen vereinigt und nicht trennen wird. Da wir bei der Behandlung dieses Themas auf Schlussfolgerungen und Interpretationen angewiesen sind, möchte ich mich so vorsichtig wie möglich, aber doch auch so deutlich wie nötig ausdrücken. Bevor nun jetzt jemand, der die Zungengabe befürwortet, hier abbricht, möchte ich ihn doch herausfordern weiterzulesen, da ich auch nicht die Ansicht vertrete, dass es die Zungenrede heute überhaupt nicht mehr geben könnte.

Wer ist der Geber der „Geistesgaben“?

Bevor wir uns mit dem eigentlichen Thema des Zungenredens beschäftigen können, müssen wir einige Vorfragen beantworten. Wenn wir dies nicht tun, stehen wir bereits im Ansatz in Gefahr, schiefzulaufen.

Der Ausdruck „die Gaben des Heiligen Geistes“ oder auch „Geistesgabe“ vermittelt eigentlich einen falschen Eindruck. Viele denken dabei daran, dass der Heilige Geist bestimmten Menschen Gaben gegeben hat. Richtig ist aber, dass der große Geber der Gaben der Herr Jesus selbst ist. Denn wir lesen in Epheser 4,7.8:

Eph 4,7.8: Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus. Darum sagt er: „Hinaufgestiegen in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben“ {Ps 68,18}.

Also nicht der Heilige Geist teilt die Gaben aus, sondern der zum Himmel aufgestiegene Jesus Christus, wenn auch der Heilige Geist nicht unbeteiligt ist – siehe 1. Korinther 12,11: „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will.“

Wem und wozu wurde die Gabe gegeben?

Die zweite Frage lautet: Wem und wozu wurde die Gabe gegeben? Lesen wir Epheser 4,11:

Eph 4,11: Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, …

Diese Stelle zeigt sehr schön, dass der Herr Jesus der Geber jeder Gabe ist. Auch zeigt zumindest Epheser 4, dass zum Beispiel ein Lehrer nicht nur eine Gabe empfangen hat, sondern dass er selbst auch eine Gabe an die Gemeinde ist. Nicht nur der Mensch, sondern auch die Gemeinde empfängt durch den verherrlichten Herrn im Himmel eine Gabe. Wofür? Lesen wir in Epheser 4,12 weiter: „… zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes Christi.“

Wir halten also fest: „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus“ (Eph 4,7), und: „Jedes Glied hat da seinen besonderen Platz, und damit ist immer ein bestimmter Dienst verbunden“ (H.L. Heijkoop, Der Brief an die Epheser). Aber diesen Dienst bekommt man nicht, um sich selbst zu bedienen, sondern für die Auferbauung und Vollendung des Leibes Christi. Dies deutet m.E. der Vers 12 an: „zur Vollendung der Heiligen, … für die Auferbauung des Leibes Christi“ (Eph 4,12).

Das Ziel der Gaben ist, dass „wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“ (Eph 4,13).

Das müssen wir sehr gut verstehen, besonders wenn es gleich speziell um die Gabe des Zungenredens geht. Eine Gabe wurde nicht dazu gegeben, dass man persönlich erbaut wird oder dass andere einem Respekt zollen müssen [obwohl man auch sagen muss, dass 1. Korinther 14,28 Raum lässt für die Annahme, dass die Zungengabe auch der Selbstauferbauung dienen kann – jedenfalls ist das aber nicht das Hauptziel dieser Gabe, wie aus dem ganzen Kapitel 14 deutlich hervorgeht]. Bei einer Gabe darf nie die Person im Mittelpunkt stehen, sondern immer Christus und sein Wort. Die Gabe des Evangelisten hat die Aufgabe, Menschen zu dem einen Leib hinzuzufügen. Der Lehrer, dem es gegeben wurde, bestimmte Dinge zu erklären und verständlich auszudrücken, muss sich nicht selbst etwas erklären, sondern er tut es im Hinblick auf andere. Der Hirte wird sich nicht selbst weiden wollen, sondern er führt seinen Dienst im Hinblick auf andere aus. Und so ist jede Gabe immer darauf ausgerichtet, wem sie dienen kann – auch die Sprachengabe! Deshalb sagt der Apostel Paulus auch in 1. Korinther 14,1.3: „Eifert aber um die geistlichen Gaben, vielmehr aber, dass ihr weissagt … Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung.“

Auch in 1. Korinther 12,7 heißt es: „Einem jedem aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben.“ Hier könnte auf dem ersten Blick der Eindruck entstehen, als ginge es hier tatsächlich um den Nutzen dessen, der eine Gabe ausübt. Aber das ganze 12. Kapitel zeigt, dass wir hier nicht an den Nutzen für die Gabe oder den Ausübenden einer Gabe denken müssen, sondern an den Nutzen für den einen Leib. Später ist zum Beispiel von dem Auge die Rede. Das Auge ist ja nicht für sich selbst gegeben worden, sondern damit der ganze Leib licht sei. Jedes Glied im Leib Christi übernimmt eine Funktion, die ein anderer nicht übernehmen kann, und er übernimmt diese Funktion für andere, zum Nutzen anderer Glieder.

Natürlich hat auch jener, der eine Gabe ausübt, einen Nutzen, denn er ist beim Ausüben einer Gabe, zum Beispiel bei einer Wortverkündigung, auch immer „Absender“ und „Empfänger“ – die Worte, die eine Gabe ausspricht, sind ebenso für ihn selbst. In dem Moment, wo wir durch eine Gabe etwas an andere austeilen, sind wir sozusagen eine doppelte Person: Wir sind im gleichen Moment Austeiler und Empfänger – insoweit hat auch die Gabe selbst einen Nutzen davon. Jeder, der einmal einen Dienst für den Herrn tun durfte, wird den Segen empfunden haben, den er dadurch empfangen hat.

Mit der Taufe des Heiligen Geistes verhält es sich nebenbei ähnlich. Die Taufe des Heiligen Geistes ist nicht eine persönliche Segnung – das wäre Versiegelung –, nein, die Taufe des Heiligen Geistes fügt uns zu dem einen Leib Christi hinzu (1Kor 12,13). Wir werden zusammengeschmiedet mit anderen Gliedern des Leibes. Wenn wir von dem Herrn Jesus – wie in den Evangelien verheißen wurde – mit dem Heiligen Geist getauft werden (z.B. Mt 3,11), dann werden wir zu dem einen Leib hinzugefügt. Das Wesen der Geisttaufe ist nicht, dass wir dann alle in Zungen reden, sondern, dass wir zu dem einen Leib Christi hinzugefügt werden. Der Apostel Paulus sagt in Epheser 2,18: „Denn durch ihn haben wir beide [Juden und Heiden] den Zugang durch einen Geist zu dem Vater.“ Und in 1. Korinther 12,13 heißt es: „Denn auch in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden.“ – Wenn der Heilige Geist wirkt, dann steht Er selbst nie im Vordergrund. In Apostelgeschichte 2,11 lesen wir: „Wie hören wir sie die großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden?“ In Johannes 16,14 heißt es: „Der Heilige Geist wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird er empfangen und euch verkündigen.“ – Der Heilige Geist wird nie sich selbst groß machen, sondern immer den Herrn Jesus – siehe auch Johannes 15,26: „Wenn aber der Sachwalter gekommen ist …, so wird er von mir zeugen.“

Daraus lernen wir: Eine Gabe/Dienst wird sowohl dem Bruder und der Schwester gegeben (1Kor 12; Eph 4; Röm 12). Aber in erster Linie sind diese Glaubensgeschwister dann Gaben von dem verherrlichten Herrn für seine Gemeinde (Eph 4; 1Kor 12). Eine Gabe ist nie für sich selbst, sondern immer für andere.

Die Liebe als Triebfeder für die Gabe

Nicht nur, dass es die unbeschreibliche Liebe des Christus ist, der dem Leib Gaben gegeben hat, um seine Gemeinde zu reinigen, zu nähren und zu pflegen, so ist auch die Liebe Gottes ausgegossen worden in unsere Herzen. Es heißt in Römer 5,5:

Röm 5,5: Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist.

Diese Liebe muss nun die Triebfeder für jede Ausübung einer Gabe sein. Ein Hirte, der nur „Spaß“ daran hat, andere zu ermahnen und zu kritisieren, was sie alles falsch gemacht haben, oder ein Lehrer, der anderen zeigen möchte, wie gelehrt er ist, oder ein Evangelist, dem es darum geht, anderen zu beweisen, wie feurig er predigen kann, hat nur wenig bis gar nichts von der Triebfeder verstanden, die nötig ist, um eine Gabe auszuüben. Der Herr Jesus wurde „Freund der Sünder“ genannt; Gott hatte die Welt so geliebt, dass Er nicht wollte, dass irgendjemand verlorengehe. Was war das für eine vollkommene Triebfeder? Es war die Liebe Gottes selbst, die nun ausgegossen wurde, durch den Heiligen Geist, in unsere Herzen. Wie war der Herr Jesus besorgt und bekümmert um das eine Schaf, das verlorengegangen war. Wie liebte Ihn der Vater dafür, dass Er bereit war, sich als der gute Hirte für die Schafe hinzugeben (Joh 10,17). Diese Liebe muss die Triebfeder eines Hirten sein, der diese Gabe empfangen hat.

Es ist nicht von ungefähr, dass im ersten Korintherbrief ausgerechnet zwischen den Kapiteln 12–14 das 13. Kapitel über die Liebe steht. Dort, wo es um den Missbrauch der Gaben geht, widmet der Apostel Paulus dieser Liebe ein ganzes Kapitel. Aus uns heraus können wir diese Liebe nicht aufbringen. Wir können eine Gabe empfangen haben, aber sie bringt uns und anderen so lange nichts, solange wir keinen Gebrauch davon machen. Und das Fleisch kann dies nicht bewerkstelligen. Aber wer aus dem Geist geboren ist, hat die Kraftquelle in sich und die Möglichkeit, die Gabe, die er vom Herrn bei oder nach seiner Bekehrung empfangen hat, zu nutzen und nutzbringend einzusetzen. Wir können nun mit dem Herzen Jesu Christi lieben, weil die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist in uns ausgegossen wurde. Wir können nun zu einer Quelle lebendigen Wassers werden. Aus uns können Ströme lebendigen Wassers fließen (Joh 7). Warum? Weil der Herr Jesus damals in Johannes 7,39 sagte: „Dies aber sagte er von dem Geist, welchen die an ihn Glaubenden empfangen sollten; denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.“

Daraus lernen wir: Eine Gabe kann nur durch die Kraft des Geistes und durch die Triebfeder der Liebe nutzbringend eingesetzt werden!

Drei Missverständnisse

1. Empfang des Geistes und Zungenrede gehören zusammen

Wir kommen nun zu der speziellen Gabe des Zungenredens. Dabei möchte ich zuerst einige Missverständnisse ausräumen. Es gibt Christen, die die Taufe mit dem Heiligen Geist mit dem Zungenreden derart verquicken, dass sie sagen, dass man erst dann den Geist empfangen hat, wenn man auch in anderen Sprachen sprechen kann. Das führt dann oftmals dazu, dass viele Gläubige verunsichert werden, manche den christlichen Weg ganz aufgeben und andere in der Gefahr stehen, sich selbst etwas vorzumachen. Aber mit der Schrift ist diese Interpretation nicht zu rechtfertigen. Natürlich finden wir das Zungenreden öfter mit der Gabe des Heiligen Geistes verbunden (Apg 2; 10; 19), doch dies ist überhaupt nicht zwingend und noch lang kein Indiz dafür, dass diese beiden Dinge in irgendeiner Abhängigkeit voneinander stehen. Denken wir nur an die dreitausend Menschen, die in Apostelgeschichte 2,41 errettet und getauft wurden. Es heißt dort zwar, dass sie die Gabe des Heiligen Geistes empfangen haben, aber wir finden nichts davon, dass alle anfingen, in Sprachen zu reden. Ich möchte es noch einmal wiederholen: Man verquickt hier zwei unterschiedliche Dinge miteinander, indem man nicht unterscheidet zwischen der „Gabe des Heiligen Geistes“ und der „Gabe des Zungenredens“. Das Wesen der Geistestaufe ist nicht, dass wir anfangen, in Sprachen zu reden, sondern dass wir zu dem einen Leib getauft wurden, wie es in 1. Korinther 12,13 heißt.

Aus 1. Korinther 12,8-11.28-30 geht deutlich und ohne Zweifel hervor, dass die Sprachengabe nicht alle hatten! Zudem wird hier deutlich, welche Rangordnung das Zungenreden einnehmen sollte – dazu sind auch Stellen wie Römer 12,6-8 und Epheser 4 hilfreich, wo die Zungenrede überhaupt nicht unter den Gaben erwähnt wird.

2. Zungen sind Sprachen, die es vorher nicht gegeben hat

Ein weiteres Missverständnis besteht darin, dass mit Begründung von Markus 16,17b gesagt wird, bei der Zungenrede handle es sich um effektiv neue – also noch nie da gewesene – Sprachen. Es heißt in Markus 16,17b: „Sie werden in neuen Sprachen reden.“

Ein Griechischexperte erklärt hierzu, dass hier das Wort kainos benutzt wird, was bedeute, dass diese Sprache „neu für die Sprechenden“ war. Es handelt sich hier also nicht um eine neuartige Sprache, sonst hätte hier das Wort neos benutzt werden müssen. Nun gut, wenn Sie und auch ich keine Griechischexperte sind, hilft uns dieses Argument noch nicht viel weiter. Doch auch die „Einfältigen“ müssen nicht irregehen (Jes 35,8). Wenn wir die Begebenheit am Pfingsttag in Apostelgeschichte 2 genauer lesen, dann werden wir feststellen, dass es dort heißt: „Und wie hören wir sie, ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind … wie hören wir sie die großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden?“ Das zeigt sehr deutlich, dass es hier um echte Sprachen ging und nicht um neuartige Sprachen, im Sinn von „noch nie da gewesen“.

Alles andere würde auch mit dem oben Gesagten nicht konform gehen. Wenn eine Sprache irgendein Kauderwelsch wäre, dann würde dadurch keiner erbaut, ermahnt oder getröstet werden (1Kor 14). Die Gabe, die eigentlich dem Leib hätte dienen sollen, verfehlt so ihr Ziel.

Manche argumentieren noch mit 1. Korinther 13,1, wo wir den Ausdruck „Sprachen der Engel“ finden. Diese Stelle führt man als Beleg dafür an, dass die Zungensprache eben eine völlig neue Sprache sein könnte. Aber wer den Zusammenhang in 1. Korinther 13 berücksichtigt, wird feststellen, dass dies ein hypothetischer Fall war, den Paulus hier aufbringt.

3. 1. Korinther 14,1-4.21-23

Es muss noch auf einen sehr interessanten Zusammenhang hingewiesen werden, der uns zum dritten Missverständnis führt. Wenn Juden zu Hause oder in der Synagoge das Alte Testament lasen, dann war es egal, ob ein Jude aus Kreta, Arabien oder Asien kam: Es wurde in Hebräisch gelesen. Die großen Taten Gottes kannten die Israeliten lediglich in der hebräischen Sprache – sie sprachen meines Wissens sogar auch im Gebet zu Gott nur Hebräisch. Nun hörten sie zum ersten Mal die großen Taten Gottes in ihrer eigenen Mundart. Es erschienen ihnen „zerteilte Zungen“. Bisher wurde der Name Gottes in einer Zunge (Sprache) verherrlicht, nun sollte der Name Gottes und seine mächtigen Taten, durch „zerteilte“ (viele) Sprachen verkündigt werden. Das Gericht der Sprachenverwirrung von Babel sollte zeitweise aufgehoben werden. Die Jünger sollten nicht, wie einst in Matthäus 10,5, nur den Juden die Frohe Botschaft bringen, sondern jetzt sollten sie auch auf einen „Weg der Nationen“ gehen – die Zeit war gekommen und eine gewaltige Veränderung stand bevor. Der Prophet Jesaja hatte dies bereits prophetisch vorhergesagt. Der Apostel Paulus zitiert in 1. Korinther 14,21 eine Stelle aus Jesaja 28,11: „Ich will in anderen Sprachen und durch andere Lippen zu diesem Volk reden, und auch also werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.“ Dann fährt der Apostel Paulus fort und sagt: „Daher sind die Sprachen zu einem Zeichen, nicht den Glaubenden, sondern den Ungläubigen.“

Dann kommt allerdings die Schwierigkeit, denn es heißt nun in 1. Korinther 14,23 weiter: „Wenn nun die ganze Versammlung an einem Ort zusammenkommt und alle in Sprachen reden, und es kommen Unkundige oder Ungläubige herein, werden sie nicht sagen, dass ihr von Sinnen seid?“ – Was soll das bedeuten? Zuerst sagt Paulus, dass die Sprachenrede für die Ungläubigen sei, und einen Vers weiter sagt er, dass es nicht sinnvoll wäre, in Sprachen zu reden, wenn Ungläubige anwesend wären. Das klingt nach einem Widerspruch. Bisher habe ich mir diese Schwierigkeit immer dadurch erklärt, dass es in Vers 22 einzig um ungläubige Juden ging. Denn in der von Paulus zitierten Jesajastelle (1Kor 14,21) ging es um das Volk der Juden. In Vers 23, so dachte ich, ging es dann allein um Ungläubige aus den Nationen, und für jene ist die Sprachengabe eben nicht gedacht, sondern allein für die ungläubigen Juden, weil ihnen dies so verheißen war. 

Nun, das scheint mir zwar ein schönes Argument dafür zu sein, um die Sprachengabe für die heutige Zeit ad absurdum zu führen, aber ich glaube, dass diese Auslegung verschiedenen anderen Bibelstellen nicht gerecht wird. Denken wir zum Beispiel an die Predigt des Petrus bei Kornelius (Apg 10,46); hier heißt es ausdrücklich, dass die mitgereisten Juden sich verwunderten, dass auch die Nationen den Heiligen Geist empfangen haben, und auch hier finden wir das gleiche Phänomen wie zu Pfingsten, nämlich dass sie anfingen, in Sprachen zu reden. Es ist offenbar so, dass auch für die Nationen diese Gabe bestimmt war. Später sagt dann auch Petrus, dass er sich an die Begebenheit des Pfingsttages zurückerinnerte, als er sah, wie auch die aus den Nationen den Geist empfingen und auch in der Kraft des Geistes in Sprachen redeten (Apg 11,15). Obwohl es hier um die Nationen ging, so müssen wir aber auch hier festhalten, dass bei der Begebenheit mit Kornelius auch wieder Juden dabei waren und diese Zungenrede der Nationen auch ihnen zum Zeichen wurde.

Es bleibt aber noch eine andere Lösung für dieses Problem übrig. Paulus hatte (natürlich!) recht, als er sagte, dass die Sprachen ein Zeichen für die Ungläubigen wären. Vielleicht müssen wir hier wirklich zuerst an die ungläubigen Juden denken, weil diese Zungengabe in der Apostelgeschichte dreimal erwähnt wird, wo etliche Juden anwesend waren, aber Paulus beschränkt diesen Satz nicht auf sie. Die Lösung für unser Problem ist, dass ein Ungläubiger – egal ob aus den Juden oder den Nationen – nichts davon hat, wenn alle in Sprachen redeten, wobei die Betonung auf alle liegt. Sie würden annehmen müssen, dass sie von Sinnen wären. Natürlich weil man eben in der Regel nur eine Sprache verstehen würde und der Rest würde einem Ungläubigen verborgen bleiben, ob nun Juden oder Heiden. Deshalb wäre es besser, wenn man die Gabe des Sprachenredens nicht über Gebühr betonte, sondern zuerst danach strebte, zu weissagen. Das Kapitel 14 beginnt deshalb auch mit den Worten: „Strebt nach der Liebe; eifert aber um die geistlichen Gaben, vielmehr aber, dass ihr weissagt. Denn wer in einer Sprache redet, redet nicht Menschen, sondern Gott; denn niemand versteht es, im Geist aber redet er Geheimnisse. Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung. Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst; wer aber weissagt, erbaut die Versammlung.

Hier haben wir das eigentliche Problem der Korinther. Sie waren so stolz auf ihre geistlichen Gaben, dass sie damit voreinander prahlten, sie hatten eben nicht mehr den anderen im Blick, sondern sich selbst – sie strebten nicht nach der Liebe, die den anderen im Blick hat. Der Apostel Paulus will nicht sagen, dass es unbedingt erstrebenswert ist, in einer Sprache zu sprechen, weil man dann schließlich nur Gott reden und erheben würde, sondern er will sagen: Wenn ihr etwas redet in einer Sprache, die kein Mensch versteht, dann wird nur Gott dies noch verstehen, und das ist schlecht, weil keiner dadurch erbaut, ermahnt oder getröstet würde. Paulus gibt hier also nicht an, dass dies der große Sinn der Zungengabe wäre (wie hier und da gesagt wird!); dass man dann schließlich nur Gott reden würde, sondern er nennt die Folgen, die entstehen, wenn man in einer Sprache spricht, die andere nicht verstehen. Und das ist durchaus nicht erstrebenswert. Auch will der Apostel nicht sagen, dass es erstrebenswert ist, „Geheimnisse zu reden“ (wie ebenfalls gesagt wird!), sondern dass das Ergebnis für die anderen ist, dass sie nichts mehr verstehen und ihnen das „Geplappere“ des anderen verborgen bleibt – es bleibt ihnen ein Geheimnis.

Und zuletzt will der Apostel auch nicht sagen, dass wir uns in der Stille ruhig selbst erbauen sollten und in einer Sprache reden sollten (wie ebenfalls gesagt wird!), sondern er bringt das Problem damit auf den Punkt, indem er sagt: „Ihr dient euch nur selbst, wenn ihr so weitermacht. Aber, liebe Korinther, das ist nicht das Ziel eurer Gabe!“ (Siehe oben.) Dass Paulus dies so wahrscheinlich gedacht hat, geht eben aus dem Vers 22 hervor, wo es klar gesagt wird, dass die Zungengabe eben nicht ein Reden nur zu Gott sein sollte oder eine gute Möglichkeit der Selbstauferbauung oder des Sprechens in Geheimnissen, sondern dort wird eben gesagt, dass die Zungengabe in erster Linie für die Ungläubigen ist. Natürlich wollte der Apostel Paulus (nach 1. Korinther 14,5), dass alle in Sprachen reden sollten – denn es war tatsächlich eine einzigartige und auch großartige Gabe –, aber eben nicht alle auf einmal und nur, wenn die Gemeinde dadurch erbaut würde. Aber Paulus sagt hier auch durchaus nicht, dass alle Christen in einer fremden Sprache sprechen müssten. Er geht nur von einem hypothetischen Fall aus.

Bewahrung vor Missbrauch der Gabe

Da der Apostel Paulus so sehr darauf bedacht war, dass die Gaben ihrem Zweck dienten, so fügt er in 1. Korinther 14,5.27 hinzu, dass immer ein Ausleger da sein sollte, wenn jemand in einer Sprache sprechen würde. Und damit nicht die ganze Zeit einer nach dem anderen in Sprachen sprechen würde, legt der Apostel Paulus außerdem noch fest, dass höchstens zwei oder drei in Sprachen sprechen sollten und einer da sein sollte, der auslegt (1Kor 14,27). Stellen wir uns vor, wir würden heute lediglich zusammenkommen und zwanzig Lieder in Spanisch singen und dann wieder auseinandergehen. Was würde uns diese Stunde wohl gebracht haben?

Um den Missbrauch der Gabe des Zungenredens einzudämmen, hat Paulus also drei Dinge festgeschrieben:

  1. Es sollen höchstens zwei oder drei während einer Zusammenkunft reden (1Kor 14,27).
  2. Frauen sollen schweigen in der Gemeinde (1Kor 14,34).
  3. Der Zungenredner soll nur reden, wenn ein Ausleger in der Gemeinde da ist (1Kor 14,5.27).

Heute müssten wir noch mindestens einen Punkt hinzufügen, der aber aus der Schrift hervorgeht (siehe oben!):

  1. Es muss eine echte vorhandene Sprache sein, die auch von Ungläubigen verstanden werden kann (Apg 2,8.11; 1Kor 14,9.23).

Ich würde gerne noch hinzufügen:

  1. Der Herr Jesus, sein Werk oder Gott und seine Taten müssen groß gemacht werden (Joh 16,14; Apg 2,11).
  2. Es sollte eine wirkliche Notwendigkeit für die Ausübung der Gabe bestehen (1Kor 14,22).

Fazit

Für uns Gläubige hier in Deutschland, die alle einer Sprache mächtig sind, ist diese Gabe meines Erachtens zu vernachlässigen. Es sei denn, ein ungläubiger Ausländer käme in die Gemeinde und jemand hätte auf einmal die Gabe, in der Heimatsprache des Ungläubigen einige Gedanken zu äußern, dann meine ich, sollte man dies auf keinen Fall unterbinden. Im Gegenteil, ich fände dies sehr schön, wenn es geschehen würde. Auch wäre es denkbar, dass diese Gabe heutzutage auf den Missionsfeldern noch zu finden ist.

Es ist erstaunlich, dass die Zungengabe gerade in Korinth korrigiert werden musste, einer Hafen- und Handelsstadt, in der viele Menschen verschiedener Nationalitäten zusammenkamen. Grundsätzlich machte es also durchaus Sinn, dass wir gerade in Korinth von dieser Gabe hören. Das Gleiche gilt für den Pfingsttag. Hier heißt es in Apostelgeschichte 2,5: „Es wohnten aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer, von jeder Nation derer, die unter dem Himmel sind.“

Auch ist es sehr erstaunlich, dass wir außer in der Apostelgeschichte und im 1. Korintherbrief nirgends von der Gabe des Zungenredens lesen und dass diese Gabe sehr mit dem Beginn einer neuen Zeitepoche verbunden wurde. Dies stimmt auch mit 1. Korinther 13,8 über, dass die Sprachengabe bis zum Kommen des Herrn aufhören und die Gabe der Prophezeiung und der Erkenntnis bis zum Schluss bleiben sollte, um dann mit einem Schlag weggenommen zu werden. Das Wort „aufhören“ setzt einen gewissen Prozess voraus, wobei das Wort „weggenommen“ einen Bruch von jetzt auf gleich macht. Aber wann der Prozess wirklich abgeschlossen wurde oder noch wird, kann man nicht so genau festlegen. Das müssen wir allen jenen eingestehen, die glauben, dass es die Gabe des Zungenredens auch noch heute gibt. Wobei jene, die sich extrem mit dieser Sprachengabe schmücken, sich ernsthaft fragen sollten, ob allein diese Stelle in 1. Korinther 13,8 nicht genug Anlass wäre, ein die Sprachengabe wenig leiser zu proklamieren.

Mein Gebet ist, dass besonders jene von diesem Artikel angesprochen wurden, die eine herzliche Beziehung zum Herrn Jesus haben und vielleicht unter Druck einer bestimmten Gruppe stehen, aber doch tief im Herzen spüren, dass jenes „Gestammel“ keinerlei Erbauung bringt und auch von der Schrift her keine Unterstützung hat. Auch jene, die Lehrer der überzogenen oder auch gemäßigteren Anwendung der Sprachengabe sind, möchte ich liebevoll bitten, diesen Artikel anhand des Wortes zu untersuchen und mich, wenn nötig, auf Missdeutungen von meiner Seite betreffs bestimmter Schriftstellen hinzuweisen. Ich bekenne gerne, auch nur stückweise zu erkennen und noch dazulernen zu müssen.

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