Glücklos gescheitert …!?
Sprüche 4,18

Frank Binford Hole

© SoundWords, online seit: 22.04.2003, aktualisiert: 02.10.2018

Leitvers: Sprüche 4,18

Spr 4,18: Aber der Pfad der Gerechten ist wie das glänzende Morgenlicht, das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe.

Einleitung

Sprüche 4,18 vergleicht den Weg eines Gerechten mit dem „glänzenden Morgenlicht“. Auch die Gesetzlosen haben ihren Weg, wie die vier vorhergehenden Verse besagen. Diese Ausdrucksweise ist allgemein üblich, man vergleicht das Leben mit einem Weg. Unser Leben zu leben gleicht also dem Entlangschreiten eines Weges. Der Weg des Gesetzlosen ist demnach eine Lebensart, wie sie der Gesetzlose lebt und die um jeden Preis zu meiden ist, denn wie der 19. Vers andeutet, führt das in die Dunkelheit der Nacht, wo früher oder später ein Straucheln erfolgt.

Die Gerechten

Die Gerechten – solche, die in richtigen Beziehungen zu Gott stehen – führen eine andere Lebensweise und verfolgen ganz andere Ziele. Sie haben ihren Weg. Er gleicht dem Morgenlicht, das, obwohl es ganz allmählich kommt, sich zu höchstem Glanz und voller Stärke entwickelt. Die Sonne geht auf und sendet ihre Strahlen, die an Kraft zunehmen, je mehr sie den Zenit am Mittag erreicht.

Hier bricht die Anspielung ab. In der Wirklichkeit verweilt die Sonne nur einen Augenblick im Zenit, um sich dann sofort dem Abend und der Nacht zuzuwenden. Nicht so in Gnade, denn der Weg des Gerechten kommt nicht eher auf der Tageshöhe an, bis die Herrlichkeit erreicht ist, und wenn dies geschehen ist, geht unsere Sonne nie mehr unter. Sie wird in dem Lichtglanz des Zenits für immer verbleiben. Der Weg des Gerechten ist diesem gleich.

Das ist wahrlich eine beachtenswerte Behauptung. Haben wir dies alle aufgenommen? Wenn ja, dann wird dies uns zu der Bemerkung veranlassen: „Gewiss, der Weg des Gerechten mag diesem gleich sein, doch gewöhnlich sieht er nicht so aus.“ Das muss zugegeben werden. Ja, in der Regel ist dies nicht der Fall, ja, man möchte so weit gehen und sagen, dass es in dieser Welt nie so aussieht.

Christus selbst

Lasst uns zunächst an den Einen denken, der „der Gerechte“ war (Apg 7,52). Kein anderer Gerechter kann in dieser Verbindung mit Ihm genannt werden. Er steht, weit über jedem Vergleich, einzig und allein in seiner Vollkommenheit. Was war sein Weg? Prophetisch war er zuvor in Jesaja 49,4 angekündigt. Dort hören wir seine Stimme: „Ich aber sprach: Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt.“

Wenn wir uns zu den Evangelien wenden, dann sehen wir, wie völlig sich diese von Ihm kommenden Worte in seinem Leben bewahrheitet haben. Erst mit Beginn seines öffentlichen Dienstes ging seine Sonne am Himmel auf. In Nazareth, wo Er in ihrer Synagoge sprach, verwunderte sich das Volk über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen. Doch sehr bald erregte seine Treue ihre Wut, und sie würden Ihn getötet haben, wenn dies in jener Stunde möglich gewesen wäre. Später kamen wieder und wieder verheißungsvolle Augenblicke, Zeiten, wo das Volk den Wunsch erkennen ließ, Ihn zum König zu machen. Oder wo sie Ihn mit dem Ruf „Hosianna“ begrüßten, als Er auf dem Füllen einer Eselin in Jerusalem einzog, während seine Feinde in ohnmächtiger Wut mit ihren Zähnen knirschten und sagten: „Die Welt ist ihm nachgegangen!“

Doch solche Augenblicke waren Ausnahmen, die gewöhnlichen Erfahrungen seines Weges waren dem entgegengesetzt. Mehr und mehr wurde Er von Feinden und scheinbaren Fehlschlägen umgeben, bis zuletzt die unheilvolle Woche in Jerusalem kam, die mit seinem Tod endete. Der weltliche Geschichtsschreiber, der in jenen Tagen in Jerusalem war, würde berichtet haben, dass Jesus von Nazareth, der in den Herzen einiger Visionäre – Fischer von Galiläa und ähnlicher Leute – so große Hoffnungen erweckt hatte, ein schnelles und aufsehenerregendes Ende gefunden habe. Seine Sonne ging inmitten dunkler Gewitterwolken unter. Sein Weg war keineswegs dem Licht gleich, das stets heller leuchtet bis zur Tageshöhe, sondern es glich eher dem trüben Licht eines stürmischen Winternachmittags, das stets schwächer wird bis zur pechdunklen Nacht. So war sicher das Urteil der Welt.

Was war nun richtig? Das Urteil der Welt oder das Urteil des inspirierten Schreibers? Es heißt in einem Lied: „Dein Weg, nicht erheitert durch irdische Freude führt nur zu dem Tode am Kreuz.“ Nur zu dem Kreuz? Ja, gewiss, wenn wir unsere Gedanken auf seinen irdischen Weg beschränken, wie es das Lied so schön und angemessen an seinem Platz besagt. Wenn wir jedoch unsere Augen über dieses emporheben, dann können wir triumphierend bezeugen, dass er nicht nur zum Kreuz führte, sondern auch zur Herrlichkeit, wie dies der 16. Psalm offenbar macht.

Es ist natürlich wahr, dass das göttliche Auge in jedem Weg das sieht, was dem bloßen Geschichtsschreiber nicht bekannt ist. Als der Vater auf seinen geliebten Sohn herabblickte, was sah Er da? Er sah, dass alles schön zu seiner Zeit war. Gnade leuchtete aus allem hervor: aus seiner Kindheit, seinem Jünglingsalter, seinen ersten Mannesjahren und seiner Reife. In dem Maß, wie Er an Weisheit und Größe zunahm, wurde auch das Licht, das von Ihm ausging, stärker und stärker. Und als Er seinen öffentlichen Dienst begann, erschien plötzlich ein „großes Licht dem Volk, das in Finsternis saß“ (Mt 4,16). Die Sonne war über ihnen aufgegangen. Und trotz allem, was gegen Ihn getan wurde, hob sich dieses Licht gegen den dunklen Hintergrund der Sünde des Menschen ab. Je mehr Er versucht wurde, desto mehr schien das Licht zur Ehre und Freude Gottes. Wenn es schließlich aussah, als ob der Mensch Ihn am Ende im Tod vernichtete, so erreichte in Wahrheit zu diesem Zeitpunkt sein Glanz den Zenit. Im Vorgefühl seines Todes sagte Er: „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. Wenn Gott verherrlicht ist in ihm, so wird auch Gott ihn verherrlichen in sich selbst, und alsbald wird er ihn verherrlichen“ (Joh 13,31.32). Wie der Mensch es sah, war sein Tod das Ende jeder auf Ihn gegründeten Hoffnung, aber wie Gott es sah, war es der Anfang jeder Segnung. Für den einen war es der tiefste Grad der Erniedrigung, für den anderen der höchste Ausdruck seiner Herrlichkeit. Für den einen war es das Verlöschen seiner Sonne in der Nacht des Todes, für den anderen die Errichtung seiner Sonne im Zenit des Glanzes für immer, zur Entfaltung der Herrlichkeit in ihrer unbegrenzten Ausdehnung. Sie fand in seinem Tod statt, dem unmittelbar seine Erhöhung in die Herrlichkeit des Vaters folgte, die noch in dieser Welt und vor dem Universum entfaltet werden wird.

Der Weg „des Gerechten“ hat gegen allen Anschein die „Tageshöhe“ erreicht in des Vaters Gegenwart. Sein Weg ist ein vollkommener, wie es von keinem andern gesagt werden kann. Kein anderer hat getan, was Er vollbracht hat. Doch alle, die das Vorrecht hatten, Diener Gottes zu sein, sind Ihm darin ähnlich gewesen. Dass scheinbar Niederlagen und Fehlgehen ihren Schritten folgten, und dies nicht immer aufgrund ihrer persönlichen Fehler, sondern im Gegenteil, oft wegen ihrer persönlichen Treue, dies ist wahr von alt und neutestamentlichen Heiligen.

Mose

Denken wir an Mose. Welch ein schöner Anfang, als er in gottgegebenem Glauben und Mut dem mächtigen Pharao und seinen Zauberern widerstand. Betrachte ihn am Ufer des Roten Meeres mit dem Stab Gottes in seiner ausgestreckten Hand. Höre den Siegesgesang einer nach Hunderttausenden zählenden Menge. War das nicht etwas Gewaltiges? Würden wir nicht alle gesagt haben, dass seine Sonne die Tageshöhe erreicht habe? Doch dann werden wir den Spuren einer vierzigjährigen Wüstenreise entlanggeführt. Seine Sanftmut und seine Geduld sind wirklich bemerkenswert. Doch das Volk unter seiner Hand zeigte sich mehr und mehr enttäuscht, bis der große Gesetzgeber fast am Ende dieser Prüfungszeit zusammenbrach und unbedacht mit seinen Lippen redete. Darüber brauchen wir uns nicht zu wundern. Wir würden zusammengebrochen sein, ehe vierzig Tage vorübergegangen wären, während Mose es beinahe vierzig Jahre ertrug. Leider kam in jener Stunde aus ihm hervor: „Höret doch, ihr Widerspenstigen! Werden wir euch Wasser aus dem Felsen hervorbringend?“ Und er schlug den Felsen zweimal in seinem Zorn.

Ach, armer Mose. Jene Lippen, die der Mund Gottes hätten sein sollen, brachten zornige Worte hervor, die augenscheinlich nicht von Gott kamen und Ihn falsch darstellten. Deshalb war seine Sünde groß und dementsprechend die Strafe. Er durfte Kanaan nicht betreten. Der triumphierende Einzug in das Land der Verheißung, der als eine passende Folge seines triumphierenden Auszuges aus Ägypten angesehen werden konnte, wurde für ihn nicht zur Wirklichkeit. Was hätte der weltliche Geschichteschreiber berichten können? Ohne Frage würde er gesagt haben, dass die Sonne Moses die Tageshöhe in der Zeit des Auszuges erreicht hatte, dass sie aber während der Wüstenreise angesichts der Grenzen des verheißenen Landes wieder untergegangen sei. Doch war es wirklich so? Blicken wir hin auf den Berg der Verklärung, von dem wir in den Evangelien lesen. Dort sehen wir ihn in Herrlichkeit in Gemeinschaft mit dem Sohn Gottes erscheinen. War seine Sonne etwa untergegangen? Nein, sie schien mehr und mehr bis zur Tageshöhe.

Elia

Denken wir an Elia, eine andere hervorragende alttestamentliche Persönlichkeit. Sein Weg ist nicht genau derselbe. Wenn wir ihn allein und ohne menschliche Unterstützung achthundertfünfzig Propheten am Berg Karmel gegenüberstehen sehen, die Ahab, Isebel und das Volk hinter sich hatten, dann erscheint er als der tapferste aller alttestamentlichen Helden. Auf sein Gebet hin fiel Feuer vom Himmel herab. War das ein überwältigender Triumph. Das war in der Tat „die Tageshöhe“ bei ihm. Gewiss. Doch sieh ihn wenige Tage später unter dem Ginsterstrauch, von Furcht vor Isebel erfüllt. Da schien seine Sonne untergegangen, während es noch Tag war. Danach kam der Horeb und ein anderer Prophet wurde an seiner Statt gesalbt. War sein Licht verloschen? Auf dem Berg der Verklärung stand er bei Jesus. Auch Elia erstrahlte in Herrlichkeit. Nicht Nacht ist vor ihm, er steht im Lichte der Tageshöhe.

Paulus

Es ist nur einer unter den Nachfolgern des Herrn, von dessen Leben viel im Neuen Testament berichtet wird, der Apostel Paulus. Welch einen Weg ging er voran?

Seine christliche Laufbahn begann, als der Sohn Gottes, heller als die Sonne am Mittag, aus der Herrlichkeit auf ihn herabstrahlte. Er wurde das auserwählte Gefäß, das den Namen des Herrn zu den Nationen tragen sollte, und wir alle kennen etwas von seinem hingegebenen Dienst. Wir gedenken, wie er mit großer Kraft und gottgegebenem Erfolg das Evangelium von Jerusalem bis Illyrikum verkündigte. So groß war dieser, dass er und seine Helfer seinen bittersten Gegnern als solche bekannt waren, die „den Erdkreis aufgewiegelt haben“. Wir denken an die Gemeinden, die er als ein weiser Baumeister gründete, und wie es zu jener Zeit schien, konnte nichts sein Vordringen aufhalten.

Doch plötzlich schien ihm ein Halt geboten zu sein. Folter und Gefängnis erwarteten ihn nicht nur, sondern hielten ihn fest. Dann setzte in den Gemeinden der Verfall ein. Seine eigenen Kinder im Glauben wandten sich von ihm weg und verließen ihn in der Stunde, wo sie ihm ein Trost hätten sein sollen. Schließlich stand er, alt, kampfesmüde, verlassen, einem Bettler gleich, als Auskehricht der Welt vor dem mächtigen Kaiser und beendete seinen Weg unter dem Beil des Henkers vor den Toren der kaiserlichen Hauptstadt. Der Lauf dieses vorbildlichen Christen war keine Ausnahme von der Regel. Auch er war einer untergehenden Sonne gleich, die nach und nach in dunkelster Nacht versank. So schien es zu sein. Doch in Wirklichkeit war es ganz anders. Was Paulus betrifft, so war sein herannahendes Martyrium nur eine Selbstaufopferung. Sein Heimgang geschah im Glauben, und sein Auge war auf die „Krone der Gerechtigkeit“ gerichtet, die ihn erwartete, wenn der auswärtsgehende Weg, den er voranschritt, in der Tageshöhe der Erscheinung des Herrn endete.

Und wir selbst?

Nun erhebt sich eine Frage. Warum sollten wir als Christen des einundzwanzigsten Jahrhunderts erwarten, dass unser Weg sich anders gestalten sollte? Ist es unser erworbenes Recht, auf Daunenbetten inmitten von Sonnenschein und Blumen in den Himmel gebracht zu werden, während alle anderen auf der stürmischen See der Prüfungen und Verfolgung segelten? Dürfen wir uns verletzt und geschmäht fühlen, wenn Schwierigkeiten unsere Tritte einengen? Keineswegs. Das sollten wir erwarten. Es ist heute so wahr wie vor neunzehnhundert Jahren, dass wir „durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg 14,22). Diese Trübsale mögen nicht allein die Gestalt äußerer Verfolgung seitens der Welt tragen, aber wenn nicht von da, so erfahren wir sie seitens der bekennenden Kirche.

Es gibt viele Schwierigkeiten in unseren Tagen. Sie drängen sich dicht an uns heran. Schwierigkeiten in der Gemeinde, im Geschäft, in der Familie – alles Schwierigkeiten, die wir nicht fühlen würden, wenn wir nicht Christen wären, die den Wunsch haben, auf einem Weg voranzugehen, der Gott gefällt. Was bedeuten sie?

Zeigen sie an, dass unsere matte, kleine Sonne schnell untergeht und unser Tag beinahe vorüber ist? Nein, das tun sie nicht. Durchschreite sie nur im Glauben, mit dem Mut gottgegebenen Glaubens, und das Ergebnis wird Geduld, Erfahrung und Hoffnung sein. Auf diese Weise wird Raum in uns für die Liebe Gottes, die dann aus unseren Herzen strahlt durch den Geist Gottes, der uns gegeben worden ist. Das wird ein großer geistlicher Gewinn sein.

Anstatt dass das Scheinen jenes Lichtes mit der Abnahme des Tages schwächer und fahler wird, leuchtet es heller und heller mit der Zunahme des Tages bis zur Tageshöhe. Diese wird voll und endgültig erreicht sein, wenn Christus an seinem Platz der Herrlichkeit gemäß den Ratschlüssen Gottes geoffenbart ist. Auf diesen Augenblick warten wir, wie auch Moses, Elias und Paulus. Wenn der König gekrönt wird, sind alle Edlen des Reiches gegenwärtig mit ihren Kronen in der Hand, die sie nicht eher aufsetzen, bis der König die seine trägt. So wird es auch in dem kommenden Zeitalter sein. Wenn Christus in Herrlichkeit hervortritt, dann werden wir mit Ihm verherrlicht sein. Wenn Er gekrönt ist, dann ist für Ihn die Tageshöhe erreicht und auch für uns.


Originaltitel: „Bis zur Tageshöhe“
aus Der Dienst des Wortes, Jg. 8, 1930, S. 109–117

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