Aus Lumpen zum Reichtum
Das Buch Ruth

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 29.12.2004, aktualisiert: 14.01.2018

Leitvers: Ruth 1,16

Rt 1,16: Aber Ruth antwortete: Wohin du gehst, dahin will ich auch gehen, und wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Einleitung

Eine Aschenputtel-Geschichte ist immer interessant und faszinierend. Aber es ist noch faszinierender und attraktiver, wenn wir wissen, dass sie wahr ist. Am meisten begeistert es Christen, wenn die Geschichte direkt aus der Schrift kommt. Eine solche Geschichte ist nicht nur wahr, sondern sie wird uns von Gott selbst erzählt. Das Buch Ruth im Alten Testament ist eine begeisternde „Aus-Lumpen-zum-Reichtum“-Geschichte. Wenn wir diese wunderbare Geschichte lesen, wollen wir uns vorstellen, dass wir als Gottes Kinder zu Füßen unseres himmlischen Vaters sitzen und Ihm zuhören, wie Er uns diese Geschichte erzählt.

Ruths Geschichte spielt sich in der Zeit der Richter in der Geschichte Israels ab. Die geistlichen und moralischen Zustände waren in dieser Zeit nicht besonders großartig. Die Nation Israel hatte sich seit den Tagen unter den großen Führern Mose und Josua erheblich zum Schlechteren entwickelt, und jetzt wurde nur zeitweilig ein Richter von Gott eingesetzt, um sich gegen die Abwärtsspirale zu stemmen. Wir lesen, dass in den Tagen der Richter „jeder tat, was recht war in seinen eigenen Augen“ (Ri 17,6; 21,25). Gerade vor diesem dunklen Hintergrund zeigt das schöne Buch Ruth einen bemerkenswerten Kontrast – besonders den Kontrast der Charaktere von Ruth und Boas.

Ruths Entscheidung

Der Brennpunkt des ersten Kapitels liegt auf der lebensverändernden Entscheidung von Ruth. Ruth stammte aus Moab – eine Heidin und eine Außenstehende in Bezug auf die in Gottes Bund verheißenen Segnungen über Israel. Ruth hatte in eine arme hebräische Familie hineingeheiratet, die nach Moab ausgewandert war. Aber ihr Mann war gestorben, und sie hatten keine Kinder. Ruth erfuhr sicherlich die Tiefpunkte des Lebens in dieser Zeit und Kultur, denn sie war arm, beraubt und kinderlos. Als ihre verwitwete Schwiegermutter Noomi sich entschloss, nach Juda zurückzukehren, wurde Ruth mit einer großen, lebensverändernden Entscheidung konfrontiert. Sollte sie bei ihrem eigenen Volk in ihrem eigenen Land bleiben oder alle ihre Brücken hinter sich abbrechen und mit Noomi nach Israel gehen? Ruth entschied sich aus ganzem Herzen, mit Noomi nach Israel zu gehen.

Beachte Ruths bekannte und Mut machende Verpflichtung zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung: „Wohin du gehst, dahin will ich auch gehen, und wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Rt 1,16). Natürlich wäre es viel logischer für Ruth gewesen, in Moab zu bleiben. Die Gelegenheiten zu einer neuen Heirat und familiärer Sicherheit waren dort viel günstiger. Mit einer armen alten Witwe nach Moab zu gehen, beinhaltete für ein heidnisches Mädchen nur die Aussichten: aus den Lumpen – in die Lumpen. Aber Ruth war entschlossen, trotz dieser Wahrscheinlichkeiten zu gehen (Rt 1,18). Warum? Weil Ruth dahin gekommen war, ihr Vertrauen in den Gott Israels zu setzen! Ruth liebte Noomi, und sie wird ihr eigenes Volk auch geliebt haben, aber es war der Gott von Noomi, der den Unterschied ausmachte. Ruth hatte das Vertrauen, dass der Herr, dem sie sich anvertraut hatte, für ihre Zukunft sorgen würde.

Der Herr ruft auch uns auf, in Zeiten der geistlichen Krise bedeutsame Entscheidungen zu treffen. Die Wahl, Christus zu folgen, war zum Beispiel äußerst wichtig und wird einige von uns viel gekostet haben. Seiner Familie entfremdet und von seinen Freunden geächtet zu sein, ist nicht gerade das tollste Gefühl in der Welt. Wie viel leichter ist es, sich wie Orpa in dieser Geschichte zu verhalten. Orpa stand in der gleichen Situation wie Ruth (Rt 1,4.5). Orpa startete in die richtige Richtung (Rt 1,6.7). Sie war emotional bewegt wegen der Entscheidung (Rt 1,9,14) und sagte, sie wollte den ganzen Weg mitgehen (Rt 1,10). Aber sie tat es nicht! Sie ging zurück zu ihrem Volk, ihrem Land und ihrem Gott (Rt 1,15). Wie wahr ist das auch für viele Möchtegern-Nachfolger von Christus heute!

Der Herr ruft auch wachsende Christen dazu auf, Entscheidungen wie Ruth zu treffen. Wenn man ein Leben im Dienst für den Herr wählt, kann das dazu führen, dass man sehr wenig irdischen Reichtum oder Sicherheit hat. Wenn man zum Beispiel Ja sagt zu Gottes Ruf auf das Missionsfeld im Ausland, kann das beinhalten, Familie und Freunde zu verlassen. Wie in Ruths Fall kann nur der Herr selbst uns das Vertrauen, den Mut und den Glauben geben, die wir benötigen, um eine derartige Entscheidung zu treffen.

Ruths hingebungsvoller Einsatz

In Kapitel zwei sehen wir Ruths Hingabe an die Entscheidung, die sie getroffen hatte, Noomi zu folgen und „Zuflucht zu suchen unter den Flügeln des Herrn, des Gottes Israels“ (Rt 2,12). Sobald Ruth in Bethlehem ankam, ging sie hinaus auf die Felder und las Ähren für sich selbst und Noomi. Ruth hatte erfahren, dass der Gott Israels in gnädiger Weise den „Ährensammel-Paragraphen“ als ein Mittel zur Versorgung der Armen in sein Gesetz aufgenommen hatte. Jede Person, die in Not war, konnte jederzeit auf ein Feld gehen und sich das Getreide nehmen, das nach der Ernte zurückgeblieben war (3Mo 19,9.10; 5Mo 24,19-21). Ährenlesen war eine ermüdende Tätigkeit, aber Ruth beklagte sich nie oder wurde schwankend in der Verpflichtung, die sie eingegangen war. Wären wir so hingegeben? Viele Christen sehen sehr hingegeben aus und hören sich so an, wenn am Altar zum christlichen Dienst aufgerufen wird, aber nach kurzer Zeit zeigt die „harte Arbeit auf den Feldern“ diejenigen, die wirklich hingegeben sind.

Um die geistlichen Lektionen, die wir in Ruths Hingabe finden können, voll schätzen zu können, müssen wir die Rolle von Boas verstehen. Boas war nicht nur der reiche Landbesitzer und der Prinz in dieser Aschenputtel-Geschichte – er war ein „Blutsverwandter-Löser“. Was diese einzigartige Stellung beinhaltet, werden wir in Kürze erklären, aber zusammenfassend kann man sagen, dass Boas eine wunderschöne Illustration des Herrn Jesus Christus ist, unseres „Verwandten-(Er)Lösers“. Deshalb kann das Feld von Boas, auf dem Ruth arbeitete, das „Feld des Herrn“ in dieser Geschichte, die Gott für uns geschrieben hat, darstellen. Auf dem Feld des Herrn Ähren aufzulesen, bedeutet, mit Gottes Interessen beschäftigt zu sein, getrennt von den „Feldern der Welt“.

Wie Boas zu Ruth sagte, sie solle nicht auf einem anderen Feld auflesen (Rt 2,8), so sagt der Herr uns, dass wir uns nicht abziehen lassen sollen durch die zeitlichen Werte und Fallstricke dieser Welt (2Kor 6,17; 2Tim 2,4; 1Joh 2,15). Wie Boas Ruth Versorgung und Schutz auf seinem Feld versprach (Rt 2,9), so verspricht uns unser Herr, für uns zu sorgen und uns zu beschützen, wenn wir auf seinem Feld bleiben (Heb 13,5.6). Wie Boas Ruth die Frucht seines Feldes anbot, die sie völlig zufrieden machte (Rt 2,14), so dient uns der Herr mit seinem Wort – die Nahrung, die allein unser Seelen zufriedenstellen kann (Jer 15,16). Wie Boas den Lohn für Ruths Mühen auf seinem Feld „versüßte“ (Rt 2,15.16), so belohnt unser Herr unsere aktive Beschäftigung mit seinen Interessen reichlich (Mt 6,33; 11,28.29; Lk 6,38). Wir wollen diese Lektionen vom Feld nicht nur lernen und schätzen, sondern wir wollen auch hingegebene Ährenleser werden, die alle Segnungen von dem Herrn der Ernte erfahren.

Ruths liebevolle Hingabe

In den Kapiteln 3 und 4 wird unsere Aufmerksamkeit mehr und mehr auf Ruths Hingabe an Boas gerichtet. Man muss nicht viel zwischen den Zeilen zu lesen, um zu bemerken, dass sich Ruth und Boas im Kapitel 3 ineinander verlieben und dass ihre Hingabe wirklich die Reaktion auf seine Liebe und Freundlichkeit ist. Die Handlungen von Ruth und Noomi in Kapitel 3 könnten auf den ersten Blick seltsam und sogar fragwürdig erscheinen, aber ein wenig Hintergrundwissen über die Rolle des Verwandten-Lösers kann jedes Missverständnis aufklären.

Bestimmte Klauseln im Gesetz Gottes waren dazu gedacht, für die erweiterte Familie und Verwandtschaft zu sorgen. Nach 3. Mose 25,25 sollte, wenn ein Mensch so arm wurde, dass er seinen Besitz verkaufen oder verpfänden musste, ein reicher Verwandter den Besitz für das arme Familienmitglied lösen oder zurückkaufen. Das hebräische Wort für diesen engen Verwandten ist goel und wird im Alten Testament entweder als „Verwandter“ oder als „Löser“ übersetzt. Diese Person wird daher ein „Verwandter-Löser“ genannt.

Eine andere Verantwortung eines nahen Verwandten finden wir in 5. Mose 25,5-10. Wenn ein Ehemann starb, bevor er einen männlichen Erben hatte, sollte ein unverheirateter Bruder des Verstorbenen die Witwe heiraten und den erstgeborenen Sohn im Namen seines Bruders zeugen. Wenn es keine geeigneten Brüder gab, ging diese Verpflichtung auf den nächsten geeigneten männlichen Verwandten über. Im Fall von Ruth standen keine Brüder zur Verfügung, und so hatte Boas als ein naher Verwandter die Verantwortung gegenüber Ruth und dem Eigentum der Familie, zu dessen Verkauf Noomi wegen ihrer Armut gezwungen war.

So war Ruths Verhalten in Kapitel 3 nicht irgendeine indiskrete Eskapade, sondern vielmehr ihre gesetzlich angemessene Initiative, mit der sie Boas mitteilte, dass sie wollte, dass er seine Verantwortung als Verwandter-Löser wahrnahm (Rt 3,9). Noomi wusste, dass Boas nach dem Erntefest zusammen mit seinen Knechten die Nacht auf dem Dreschplatz verbringen würde, um das geworfelte Getreide zu bewachen (Ri 6,11). Noomis Plan war einfach ein einfühlsamer, logischer (und auch romantischer) Weg für Ruth, um Boas ihre Wünsche mitzuteilen.

Boas’ Verhalten

Das ehrenhafte Verhalten von Boas als Reaktion auf Ruths Hingabe sowie seine edlen Handlungen gegenüber Noomi, die andere enge Verwandte in Kapitel 4, zeigen seinen Charakter und erinnern uns wieder an unseren eigenen Verwandten-Löser, den Herrn Jesus. Wie der reiche Boas bereitwillig den verlorenen Besitz zurückkaufte und Ruth, die arme heidnische Fremde, heiratete, so hat Christus in seiner Liebe all unseren „verlorenen Besitz“ zurückgebracht und uns arme „Fremde“ als seine Braut genommen (Eph 2,12.13; 5,31.32). Drei Voraussetzungen waren nötig für einen Verwandten-Löser: Er musste ein naher Verwandter sein, der reich und willig war.

Der Herr Jesus, als unser Verwandter-Löser, erfüllt alle drei Voraussetzungen vollkommen:

  1. Ist Er ein naher Verwandter? Hebräer 2,5-16 macht uns klar, dass der ewige Sohn Gottes genau deshalb ein menschliches Wesen annahm, damit Er unser Verwandter würde, um uns zu (er)lösen.
  2. Ist Er ein reicher naher Verwandter? 1. Petrus 1,18.19 betont, dass Jesus Christus als Einziger die Mittel hatte, um den unendlichen Preis der Erlösung zu bezahlen – ein vollkommenes, sündloses Leben.
  3. Ist Er ein bereitwilliger naher Verwandter? Markus 10,45 berichtet uns, dass der Sohn des Menschen sein Leben als Opfer gab, um uns zu erlösen.

Was ist unsere Antwort?

Gottes Gnade

Wie alle Aschenputtel-Geschichten hat das Buch Ruth ein Happy End. Der Aspekt „Aus Lumpen zum Reichtum“ wird am Ende von Kapitel 4 betont, wo wir erfahren, dass Ruth die Urgroßmutter des Königs David war. Und wenn wir uns klarmachen, dass diese arme Frau aus Moab somit in die messianische Linie hineingestellt wurde (Mt 1,5), sind wir noch mehr erstaunt über die Reichtümer der Gnade Gottes – Gnade, die immer noch zu Verfügung steht, um Sünder aus Lumpen zum Reichtum zu führen.


Originaltitel: „From Rags to Riches“
Quelle: www.growingchristians.org

Übersetzung: Frank Schönbach

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