Das vollkommene Kind
Lukas 2,39-52

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 06.11.2014, aktualisiert: 24.05.2019

Leitverse:  Lukas 2,39-52

Lk 2,39-52: Und als sie [Josef und Maria] alles nach dem Gesetz des Herrn vollendet hatten, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück. Das Kind aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm. Und seine Eltern gingen alljährlich am Passahfest nach Jerusalem. Und als er zwölf Jahre alt war und sie nach der Gewohnheit des Festes hinaufgingen und die Tage vollendet hatten, blieb bei ihrer Rückkehr der Knabe Jesus in Jerusalem zurück; und seine Eltern wussten es nicht. Da sie aber meinten, er sei unter der Reisegesellschaft, kamen sie eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und den Bekannten; und als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn. Und es geschah nach drei Tagen, dass sie ihn im Tempel fanden, wie er inmitten der Lehrer saß und ihnen zuhörte und sie befragte. Alle aber, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Verständnis und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, erstaunten sie sehr; und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen redete. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan. Und seine Mutter bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und Menschen.

Alle Eltern wissen, dass es keine vollkommenen Kinder gibt! Viele Eltern sagen sogar, dass Kinder im Alter zwischen neun und zwölf Jahren ihre Geduld auf eine harte Probe stellen können! Jüngere Kinder sind viel leichter zu erziehen und die meisten älteren Teenager haben hoffentlich schon ein bestimmtes Maß an Verantwortung gelernt. Aber mit Kindern zwischen neun und zwölf Jahren verhält es sich ganz anders![1]

Wie war es bei unserem Herrn Jesus? Durchlebte Er selbst auch dieses Alter der Vorpubertät? Ja, natürlich, aber Jesus war einzigartig. Er war das vollkommene Kind (preteener)! Er „nahm zu an Weisheit und Größe und an Gunst bei Gott und den Menschen“ (Lk 2,52).

Hintergrundinformationen

Im letzten Abschnitt von Lukas 2 finden wir die einzige Begebenheit, die aus der Kindheit des Herrn berichtet. Hier wird uns mitgeteilt, dass Jesus zusammen mit seinen Eltern Josef und Maria Jerusalem anlässlich des Passahfestes besuchte. Der biblische Bericht schweigt über die Ereignisse aus dem Leben unseres Herrn zwischen seiner frühen Kindheit und dem Beginn seines öffentlichen Dienstes. Eine Ausnahme ist dies eine Ereignis, als Er zwölf Jahre alt war. Einige apokryphe Schriften des 2. und 3. Jahrhunderts berichten von Handlungen und Reden Jesu, die sich angeblich in seiner Kindheit ereignet haben sollen. Diese Texte sind aber von Christen nie als historisch glaubwürdig anerkannt worden. Der Besuch in Jerusalem zum Passahfest ist der einzige inspirierte Bericht über ein Ereignis aus der Kindheit von Jesus.

Jedenfalls wissen wir, dass der Herr während all dieser „stillen“ Jahre, über die uns nichts berichtet wird, ein vollkommenes Leben führte, ein Leben, das Gott den Vater erfreute. Als Jesus getauft wurde, kam die Stimme Gottes vom Himmel herab und sagte: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17). Diese Aussage wurde gemacht, bevor der Herr öffentlich zu predigen begann oder irgendwelche Wunder tat. Gott bringt damit sein absolutes Einverständnis mit Jesu Leben als Knabe und junger Mann zum Ausdruck: „Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat“ (Jes, 42,1).

Das Gesetz Moses ordnete an, dass alle männlichen Juden dreimal im Jahr nach Jerusalem gehen sollten, um dort bestimmte Feiertage des Herrn zu feiern (5Mo 16,16). Josef und seine Familie folgten diesem Gesetz. Sie schlossen sich den Pilgern an, die von Nazareth nach Jerusalem reisten, um dort das Passahfest zu feiern. Für Josef und Maria war dies eine besondere Reise in die Heilige Stadt und zum Haus des HERRN, weil ihr ältester Sohn, Jesus, nun zwölf Jahre alt war und sich an der Schwelle des „offiziellen“ Alters befand, in dem jüdische Jungen Männer werden. Der Junge Jesus bereitete sich darauf vor, ein „Sohn des Gesetzes“ zu werden, um seinen Platz der Verantwortung in religiösen Angelegenheiten der Gemeinschaft einzunehmen. Vor dem nächsten Passahfest würde Er offiziell ein Mann sein.

Die Reise nach Jerusalem mit einer Karawane war eine aufregende Zeit – vor allem für die ländliche Bevölkerung, die sich darauf freute, die große Stadt Jerusalem zu besuchen, „die Stadt des großen Königs“! Es war auch eine Zeit der Anbetung, denn die Gemeinde sang die Stufenpsalmen (Ps 120–134), während sie zu Gottes auserwählter Stadt wanderten. Kannst du dir vorstellen, dass Jesus mit dem Rest der Pilger sang? „Ich freute mich, als sie zu mir sagten: Lasst uns zum Haus des HERRN gehen! Unsere Füße werden in deinen Toren stehen, Jerusalem! Jerusalem …, wohin die Stämme hinaufziehen …, zu preisen den Namen des HERRN!“ (Ps 122). Hier sang das vollkommene Kind (preteener) Loblieder für Gott! Dieser Besuch in Jerusalem war ein Teil seiner Vorbereitung, um Jahre später als das vollkommene Lamm Gottes in die gleiche Stadt zurückzukehren.

Belehrungen

1. Der Herr Jesus war, als Gott, ein außergewöhnliches Kind

In Lukas 2,49 finden wir die ersten Worte, die unser Herr Jesus gesprochen hat. Bestimmt hat der Herr Jesus auch während seiner Kindheit gesprochen. Aber dies sind die ersten Worte, die in der Bibel berichtet werden. Beachten wir, dass diese Worte ein Anspruch an seine Göttlichkeit sind. Als seine Mutter Maria sagte: „Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht“, antwortete der Herr: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“

Der Herr machte einen Unterschied zwischen seinem irdischen Vater, Josef, und seinem himmlischen Vater, Gott. Der Herr sagte nicht: „Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus unseres Vaters sein muss?“, sondern Er sagte: „im Haus meines Vaters“. Vor seiner Himmelfahrt sagte der Herr zu Maria Magdalene: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Wir Christen sind Söhne Gottes, aber wir stehen nicht in der gleichen einzigartigen Beziehung zu Gott dem Vater wie Jesus Christus, der Sohn Gottes!

Im Alter von zwölf Jahren war sich der Herr voll und ganz seiner einzigartigen Beziehung zu Gott dem Vater bewusst. Er war der ewige Sohn Gottes – die zweite Person der Dreieinigkeit. Er war der fleischgewordene, menschgewordene Gott. Obwohl Er auf natürliche Weise von einem Kind zu einem Mann heranwuchs, war Er ein außergewöhnliches Kind, weil Er vollkommen Gott war. Er war nicht ungewöhnlich vom Aussehen oder von seiner Körperkraft her, sondern in seinem Verhalten war Er sündlos – das vollkommene Kind. Seine Eltern mussten Ihm nie Hausarrest oder Ohrfeigen geben. Wenn wir heute Eltern fragen, werden sie uns bestätigen, dass solch ein Kind nicht nur ungewöhnlich ist, sondern dass es so ein Kind einfach nicht gibt! Kein Wunder, dass wir lesen: „Seine Mutter bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen“ (Lk 1,52). Er war ganz sicher ein außergewöhnliches Kind!

Denken wir an das außergewöhnliche Verhalten unseres Herrn während der Zeit, als seine Familie zum Passah in Jerusalem war. Die anderen Jungen aus Nazareth rannten wahrscheinlich in der Stadt herum, nahmen die Eindrücke der großen Stadt, die voll von Pilgern war, in sich auf, spielten vielleicht Verstecken oder andere Spiele, die Kinder im Alter zwischen neun und zwölf Jahren gerne spielen. Auf dem Nachhauseweg haben sie wahrscheinlich Blödsinn gemacht, wenn sie außer Sichtweite ihrer Eltern waren. Unser Herr war jedoch im Tempel und sprach dort über die Dinge Gottes. In Vers 46 lesen wir, dass Er „im Tempel [war], inmitten der Lehrer saß und ihnen zuhörte und sie befragte“ (Lk 2,46). Er war nicht respektlos oder streitlustig. Er war ein Kind, das Gottes Wort liebte und über Gottes Wort sprechen wollte. „Alle aber, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Verständnis und seine Antworten“ (Lk 2,47).

Nach diesem Ereignis in Jerusalem kehrte der Herr Jesus mit Josef und Maria zurück nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Was für eine ungewöhnliche Aussage über einen Zwölfjährigen! Die Tatsache, dass Er der Sohn Gottes war, bedeutete, dass Er das vollkommene Kind (preteen) war. Der Herr Jesus war als Gott ein außergewöhnliches Kind.

2. Der Herr war, als Mensch, ein gewöhnliches Kind

Wenn wir im ersten Jahrhundert in Jerusalem gelebt und die Reisegesellschaft aus Nazareth in Jerusalem hätten ankommen sehen, um das Passahfest zu feiern – hätten wir Jesus in einer Gruppe Gleichaltriger herausfinden können? Hätte Er einen Heiligenschein gehabt? Hätte Er ein weißes Gewand angehabt? Solch ein Bild von Jesus sehen wir nur auf Gemälden! Wir lesen in der Bibel nichts von einem Heiligenschein oder von einem weißen Gewand, nicht einmal als Er erwachsen war. Im Alter von zwölf Jahren trug der Herr für die lange Reise nach Jerusalem höchstwahrscheinlich ein abgetragenes, erdfarbenes Gewand. Vielleicht hatte Er in seinem Gepäck ein neues Gewand, das Er am großen Festtag im Tempel tragen konnte, aber das neue Gewand war wahrscheinlich genauso erdfarben.

Aus der Entfernung war Jesus bloß ein ganz normaler Junge, den man äußerlich nicht von den anderen zwölfjährigen Jungen unterscheiden konnte. Wahrscheinlich hätten wir Ihn aus der Menschenmenge nicht herausfinden können. Warum nicht? Weil Er wahrhaftig menschlich war! Er war vollkommen Mensch. Als menschliches Kind lebte der Herr Jesus das normale Leben eines jüdischen Jungen in einer einfachen, kleinen Stadt in Israel. Als normales menschliches Kind wurde Er größer und wuchs heran – von der Kindheit bis zum Mannesalter. Er aß und schlief und lernte und wuchs. Er wuchs in körperlicher, in geistiger und in sozialer Hinsicht, so wie wir in Vers 40 lesen: „Das Kind aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm“ (Lk 2,40).

Wenn wir der Gruppe der Jungen nähergekommen wären und uns unter ihnen aufgehalten hätten, so hätte es nicht lange gedauert, bis wir Jesus erkannt hätten. Er wäre der freundliche, selbstlose Junge gewesen, der immer half und mit anderen teilte, der verantwortungsbewusst und gehorsam war – der Junge, den jeder liebte! „Und Jesus nahm zu an Gunst bei Gott und Menschen“ (Lk 2,52). Natürlich war der Junge Jesus ein außergewöhnliches Kind, weil Er hundert Prozent Gott war, aber Er war zugleich auch vollkommen Mensch. Er war hundert Prozent Mensch und deshalb war der Herr, als Mensch, ein normales Kind.

Praktische Anwendung: Sei ein Freund wie Jesus!

In dem letzten Vers von Lukas 1 lesen wir über die Größe und die Entwicklung von Johannes dem Täufer. „Das Kind aber wuchs und erstarkte im Geist und war in den Wüsteneien bis zum Tag seines Auftretens vor Israel“ (Lk 1,80). Es gibt einen bedeutenden Unterschied zwischen diesem Vers und dem letzten Vers von Lukas 2, in dem wir auch über die Größe und Entwicklung des Herrn lesen: „Und Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und Menschen“ (Lk 2,52).

Johannes der Täufer „erstarkte im Geist“. Das bedeutet, er war ein geistlicher und hingegebener Mensch. Er erfreute Gott und wurde von Gott außerordentlich gebraucht, aber Johannes der Täufer war enthaltsam, führte ein asketisches Leben und war wahrscheinlich nicht die Person, die wir anziehend fänden oder mit der wir sofort Freundschaft schließen würden. Jesus andererseits war nicht nur stark im Geist und geistlich, sondern Er war auch freundlich und umgänglich. Jesus nahm zu an Gunst bei den Menschen und auch an Gunst bei Gott! Während seines öffentlichen Dienstes sprach Jesus einmal über die Unterschiede, die die Menschen zwischen Johannes’ Enthaltsamkeit und Jesu aufgeschlossenem Lebenswandel bemerkten: „Johannes der Täufer ist gekommen, der weder Brot aß noch Wein trank … Der Sohn des Menschen ist gekommen, der isst und trinkt …, ein Freund von Zöllnern und Sündern“ (Lk 7,33.34). Jesus war offen und aufgeschlossen für die Menschen. Er war sehr beliebt, sowohl als Junge als auch als Erwachsener: „Er nahm zu an Gunst bei Gott und Menschen.“

Jesus schloss leicht Freundschaften. Er wäre wahrscheinlich zum beliebtesten Studenten der hebräischen Schule gewählt worden! Er erreichte Menschen auf freundliche und herzliche Weise und ermutigte sie. Er half ihnen in Zeiten der Not – egal, ob sie ein unbedeutendes körperliches Bedürfnis hatten, wie das Bedürfnis nach Essen, oder ob sie ein großes emotionales Problem hatten, wie der Tod eines geliebten Menschen. So wie Er damals war, so ist Er heute immer noch. Was für einen Freund haben wir doch in Jesus!

Unser Herr tat Gutes (s. Apg 10,38), und nun fordert Er uns dazu auf, seinem Beispiel zu folgen. Jesus fordert uns ausdrücklich dazu auf, anderen zu dienen und damit seinem Beispiel zu folgen, als Er die Füße seiner Jünger wusch: „Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, euch die Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit, wie ich euch getan habe, auch ihr tut. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch ein Gesandter größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst, glücklich seid ihr, wenn ihr es tut“ (Joh 13,14-17).

Jesus möchte, dass wir freundlich sind, offen und aufgeschlossen für die Menschen, so wie Er es war. Er fordert uns auf, demütig zu sein, gütig, barmherzig und sanftmütig (vgl. Kol 3,12-14). Er fordert uns auf, zu den Menschen zu gehen, die Kummer oder Not haben, und sie zu trösten und zu ermutigen (vgl. 2Kor 1,3.4). Er fordert uns auf, den Menschen Heilung und Stärke zu bringen, die gebrechlich und schwach sind (vgl. Heb 12,12.13). Er fordert uns auf, anderen zu dienen, so wie Er gedient und für uns gesorgt hat: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit, wie ich euch getan habe, auch ihr tut“ (vgl. Joh 13,15).

Er ist unser vollkommenes Vorbild! Sei ein Freund wie Jesus!

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: In diesem Artikel ist mit dem Begriff „Kind“ manchmal nicht ein kleines Kind gemeint, sondern ein Kind im Alter von etwa neun bis zwölf Jahren, also ein Kind vor dem Eintritt in die Pubertät. Das Englische hat dafür das Wort preteener, ein „Prä-Teenager“, also ein „Teenager“ „vor“ (lat. prä) dem Eintritt in die Pubertät.


Originaltitel: „The Perfect Preteen“
Quelle: www.growingchristians.org

Übersetzung: Sabine Krestel

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Hinweis der Redaktion:

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