Ein Rebell kehrt zurück
Lukas 15,17-20

David R. Reid

© CSV, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 27.01.2018

Leitverse: Lukas 15,17-20

Lk 15,17-20: Als er aber zu sich selbst kam, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner. Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn sehr.

Hast du auch schon einmal versucht davonzulaufen? Wahrscheinlich haben die meisten von uns zumindest den Wunsch dazu dann und wann gehabt; einfach einmal loszukommen von den Verpflichtungen und der Verantwortung daheim, aus den Problemen und einigen gespannten persönlichen Beziehungen auszusteigen, Abhängigkeiten von all denen, die uns immer sagen, was zu tun ist.

Die Geschichte von dem Weggang in Lukas 15 zeigt uns in einer sehr praktischen Weise, dass „Abhauen“ sich nicht auszahlt. Das Leben des Rebellen ist niemals wirklich frei. Aus der Verantwortung, von Problemen und Vorgesetzten fortlaufen, bringt nur kurzlebige Freiheit und schafft nur noch mehr Frustration als vorher (Lk 15,13-16). Wahre Freiheit erlangen wir erst dann, wenn wir die eigentliche Ursache behandeln, die hinter unserem Wunsch wegzulaufen steckt (Lk 15,17.18).

Die Grundursache unseres Problems hat immer mit unserem Verhältnis zu Gott zu tun. Wir laufen davon, weil wir unwillig sind, uns einer Autorität unterzuordnen oder einer Verantwortung nachzukommen, die Gott in unser Leben stellt. Wir gehen weg, weil wir nicht zugeben wollen, dass viele unserer „Probleme“ nicht die Fehler anderer sind, sondern Folgen unserer eigenen selbstsüchtigen Wünsche. Wir müssen reuig zurückkehren und unser aufsässiges Verhalten dem Herrn bekennen (Lk 15,20.21). Es ist der zurückgekehrte und bußfertige Rebell, der paradoxerweise Freiheit, Glück und Liebe findet, wonach er sich die ganze Zeit gesehnt hat (Lk 15,22-24).

Die Geschichte geht weiter (Lk 15,25-31) und zeigt, dass allerdings auch nicht offenbare rebellische Handlungen nichts anderes als Unglück, Enttäuschung und Trennung bringen. Bei dem älteren Sohn sehen wir eine verborgene widersetzliche Haltung. Auch wenn er nicht weglief, war er in seinem Herzen nicht weniger ein Rebell. Seine unverhohlene Bitterkeit und die unehrerbietige Art, mit dem Vater zu sprechen, waren nur die äußeren Symptome eines ruhelosen und aufrührerischen Geistes in seinem Innern. Solche verborgenen Einstellungen müssen ebenso bereut werden wie offenbare Handlungen, wenn die Freude und Gemeinschaft mit dem Vater gekannt und erlebt werden soll.

Wir können jedoch noch viel mehr aus dieser Geschichte von den beiden Söhnen lernen. Wie in anderen Gleichnissen unseres Herrn lässt sie sich zunächst allgemein auf die Menschen anwenden, enthält darüber hinaus aber wertvolle geistliche Belehrungen für uns heute. Beachte, dass das Gleichnis in Gegenwart von Zöllnern und Sündern wie auch von Pharisäern und Schriftgelehrten gesprochen wurde (Lk 15,1.2). Die Zöllner und „Sünder“ waren bereit, öffentlich ihre Verfehlungen einzugestehen, und sie freuten sich, dem Herrn zuzuhören. Im Gegensatz dazu waren die Pharisäer und Schriftgelehrten selbstgerechte, religiöse Leute, die sich darüber ärgerten, dass Er der Freund solch unreiner Menschen war, die aussätzig oder von der Gesellschaft ausgestoßen waren – Er aß sogar mit ihnen (Lk 15,2).

In Lukas 15 sprach der Herr drei Gleichnisse (vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme, vom verlorenen Sohn), um zu zeigen, dass die heuchlerischen Schriftgelehrten und Pharisäer es nötig hatten, zu bereuen und zuzugeben, dass sie ebenso verloren waren wie die „offenbaren“ Sünder. Deshalb richtete sich die eigentliche Belehrung der Geschichte von den beiden Söhnen an die selbstgerechten religiösen Führer. Sie werden in dem älteren Sohn dargestellt als rebellisch (Lk 15,28), selbstgerecht (Lk 15,29), eifersüchtig (Lk 15,30) und undankbar gegenüber den Vorrechten, die Gott dem jüdischen Volk gewährt hatte (Lk 15,31).

Der Sohn, der im Gleichnis fortging, ist ein Bild der Zöllner und offenbaren Sünder in der Volksmenge. Zöllner waren Juden, die ihren Lebensunterhalt verdienten, indem sie für die römische Besatzungsmacht Steuern einzogen. Gewöhnlich verlangten sie mehr, als Rom forderte, und steckten das Plus in die eigene Tasche. So standen sie bei ihrem eigenen Volk in dem Geruch von Erpressern und der Zusammenarbeit mit dem Feind. Beachte, dass der Herr keineswegs ihre Sünde übersieht.

Der verlorene und sündige Zustand der Zöllner wird in dem entblößten und verwüsteten, gottfernen Leben des jüngeren Sohnes gesehen (Lk 15,13-16). (Nichts konnte für einen Juden widerwärtiger sein, als für einen ausländischen Heiden zu arbeiten und dann noch dessen Schweine zu hüten.) Aber viele dieser Rebellen kamen „zu sich selbst“ (Lk 15,17), wenn sie die Botschaft des Herrn Jesus hörten. Sie anerkannten willig ihre Unwürdigkeit und empfanden ihre Sünden (Lk 15,18.19).

Die erstaunliche und wundervolle Wahrheit, die der Herr Jesus seinen Zuhörern verkündete, ist die, dass Gott keinen umkehrenden Rebellen widerwillig abweist – vielmehr heißt Er sie mit offenen Armen willkommen und bereitet ihnen ein Fest des Wiedersehens (Lk 15,20-24). Die scharfe Schneide des Gleichnisses zeigt sich darin, dass die reuevollen, verräterischen Zöllner und allgemein reuige, sündige gewöhnliche Leute in eine vertrauliche und glückliche Beziehung zu Gott gebracht werden, während die selbstgerechten und frommen Schriftgelehrten und Pharisäer der achtbaren Gesellschaft „draußen im Kalten stehen“! Die Unterweisung des Herrn war klar und brachte es auf den Punkt – nicht Religion, sondern Buße zählt bei Gott.

Die Geschichte von den beiden Söhnen hat uns heute zweifellos manches zu sagen. Ihre Beschreibung bietet reichliche Unterweisung. Man braucht nicht weit umherzuschauen heute, um den älteren Bruder der Geschichte zu entdecken – er ist sogar in der Gemeinde zu finden. Er steht für die ehrbaren, selbstgerechten, frommen Personen, die, ob er oder sie, denken, wenn sie auf gottwohlgefällige Dinge in ihrem Leben verweisen, dass Gott ihnen deshalb verpflichtet sei (Lk 15,29). Sie hatten nie zu tun mit Rauschgift, sittlichen Verfehlungen, Diebstahl oder Zeitvergeudung, wie sie anderen Leuten anhängen, auf die sie eifrig zeigen, um sie anzuprangern (Lk 15,30). Sie sind empört und eifersüchtig, wenn sie merken, dass andere sich einer echten Beziehung zu Gott erfreuen (Lk 15,25-28).

Der ältere Bruder unserer Tage kümmert sich nicht wirklich um seine Brüder. Beachte, wie er in Vers 30 nicht sagt „mein Bruder“, sondern „dein Sohn“. Der ältere Bruder vertritt immer die Einstellung: „Sie mögen bekommen, was sie verdient haben!“ Gnade und Erbarmen und Liebe sind Begriffe, die eine selbstgerechte Person nicht versteht. Wie könnte sie auch? Sie kennt nicht wirklich die Liebe zu Gott. „Was springt für mich dabei heraus?“ – Nur das zählt.

Nur deshalb war der ältere Sohn zu Hause geblieben – das Besitztum hielt ihn, nicht die Liebe zum Vater. Der ältere Sohn sagt in der Geschichte nicht ein einziges Mal „Vater“. Beachte auch, wie er den Vater der Benachteiligung anklagt, weil er ihm und seinen Freunden nie ein geselliges Mahl bereitet habe. Im Grunde lag ihm gar nichts an dem Verhältnis zu seinem Vater (Lk 15,29)! Ein ehrbarer, selbstgerechter, scheinreligiöser Mensch ist im Herzen auch ein Rebell.

In dem Sohn, der wegging, finden wir uns selbst vor unserer Bekehrung abgebildet: Auch wir wandten uns auf eigene Wege und rebellierten gegen Gott. Gott, unser Schöpfer, wird hier im Bild des gütigen Vaters gezeichnet, der uns Leben und anderes „Besitztum“ gibt, damit wir es mit Einsicht und zu seiner Ehre nutzen. Einige bekommen mehr als andere, aber keiner kann sagen, dass er nicht einen „Teil des Vermögens“ bekommen hätte (Lk 15,12). Aber wir leben uns selbst und verschwenden kostbare Zeit und Begabung, die Gott uns gegeben hat (Lk 15,13). Wir wollen Gott nicht unterworfen sein. Lieber möchten wir haben, „was uns zufällt“, und uns damit auf unsere Weise vergnügen in dem „fernen Land“ – so weit von Gott weg, wie wir’s nur hinkriegen. Das ferne Land in Vers 13 kann ganz nahe bei Zuhause sein. Die Entfernung wird nach Motiven gemessen, nicht nach Kilometern.

Im Leben des Rebellen kommt eine Zeit, wo die Ausschweifungen an ihre Grenzen stoßen. Leere und Hunger in der Seele bringen uns zum Bewusstsein, wie unglücklich wir in Wirklichkeit sind (Lk 15,14). Es ist bitter einzugestehen, dass wir die „großen, unabhängigen Spender“ gar nicht sind, die wir zu sein meinten. Vielmehr leben wir wie schmutzige, übelriechende Schweine (LK 15,15)! Und das schale Schweinefutter des fernen Landes füllt unsere innere Leere nicht (Lk 15,16). Abseits der völligen Übergabe an Gott und der Gemeinschaft mit Ihm gibt es keine wirkliche Freiheit und Befriedigung.

Die Umkehr eines jeden Rebellen beginnt mit der Buße. Wir rebellierten gegen Gott, und nun muss uns aufgehen, dass wir dadurch von Ihm getrennt sind und unserer Sünde wegen umkommen (Lk 15,17): Wir sind „verloren“ und „tot“ (Lk 15,24). Wir müssen bekennen: „O Gott, ich habe gesündigt“ (Lk 15,18). Wir müssen zugeben, dass Gott uns nichts schuldet und dass wir an Ihn keine Ansprüche haben (Lk 15,19).

Gott wird hier so gesehen, dass Er sich bis zu diesem Augenblick nach unserer Rückkehr sehnt, doch ohne einen Zwang auf uns auszuüben. Beachte aber, was der Vater tut, wenn wir aus freier Entscheidung „uns aufmachen“ und mit der Umkehr beginnen (Lk 15,20). Während der ganzen Zeit hat Er uns beobachtet und hat gewartet, und nun läuft Er uns tatsächlich entgegen und umarmt uns in tiefer Bewegung! Was für ein Bild von der Liebe, die Gott für dich und mich hat!

Weshalb kein ernster Tadel? Und keine Vorwürfe? Der Vater ist so überglücklich (beachte auch Lk 15,7!) und unterbricht den Sohn, so dass dieser sein formelles Bekenntnis nicht bis zum Ende vorbringen kann (vgl. Lk 15,21 mit Lk 15,18.19). Der reuige Sohn empfängt das beste Kleid (es bedeutete damals eine ehrenvolle Stellung), einen Ring (ein Zeichen der Autorität) und Sandalen (sie waren nur für Angehörige der Familie – den Sklaven gab man keine Schuhe). Nicht nur ist alle Schuld vergeben, es findet zugleich eine vollständige Versöhnung zwischen Vater und Sohn statt. Warum? Weil es sich um ein Gemälde von der gewaltigen Liebe Gottes und seinem unfassbaren Heilsplan für uns handelt. Wenn wir zu Gott umkehren, werden unsere Sünden vollständig vergeben, und die Gnade schenkt uns einen Platz in der Familie Gottes – ohne auferlegte Bedingungen! Unsere Errettung ist weit mehr als nur eine „Fahrkarte zum Himmel“ oder eine „Feuerversicherung“. Und die Festfeier hat erst begonnen (Lk 15,23.24).

Obwohl für uns keine Bedingungen damit verbunden sind, hat es Gott einen hohen Preis gekostet, uns in die Gemeinschaft mit Sich Selbst zurückzubringen: den Tod seines geliebten Sohnes, des Herrn Jesus. In Johannes 14,6, Apostelgeschichte 4,12 und 1. Timotheus 2,5 sehen wir, dass die Umkehr des Rebellen nur durch Jesus Christus erfolgen kann. Allein durch seinen Tod werden unser rebellisches Handeln und die zu Grunde liegende Haltung vergeben, wir dürfen den uns zugedachten Platz in Gottes Familie einnehmen, und es beginnt eine Feier der Gemeinschaft mit Gott, die nie enden wird.


Originaltitel: „Ein Rebell kehrt zurück“
aus Folge mir nach, 1994/5, S. 13–17
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