Warum ich, Herr?
Hiob 7,19.20

David R. Reid

© CSV, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 06.10.2017

Leitverse: Hiob 7,19.20

Hiob 7,19.20: Wie lange willst du nicht von mir wegblicken, nicht von mir ablassen, bis ich meinen Speichel verschlucke? Habe ich gesündigt, was tat ich dir an, du Beobachter der Menschen? Warum hast du mich dir zum Angriffspunkt gesetzt, dass ich mir selbst zur Last geworden bin?

Eine unbekannte Frage?

„Warum ich, Herr?“ Hast du Gott diese Frage auch schon einmal gestellt? Geben wir ruhig zu, dass wir alle diese Frage bei der einen oder anderen Gelegenheit geäußert haben (oder zumindest gedacht haben), besonders in Zeiten, wo wir unter schwerstem Druck standen oder starken Schmerzen ausgesetzt waren. Vor mehr als dreitausend Jahren gab es einen Mann namens Hiob, der, als großes Leid ihn traf, Gott diese Frage stellte. Und Gott antwortete ihm. Die Antwort Gottes wird in dem alttestamentlichen Buch Hiob berichtet, das zu unserem Nutzen geschrieben worden ist (vgl. Röm 15,4). Lasst uns die alte Geschichte Hiobs überdenken und die Antwort Gottes sorgfältig untersuchen, um zu sehen, wie sie sich auf unser heutiges Fragen „Warum ich, Herr?“ anwenden lässt.

Ist Gott gerecht, wenn Er Leiden schickt?

„Warum ich, Herr?“ ist in Wirklichkeit Teil einer weit umfassenderen Frage, um die im Buch Hiob gerungen wird. Wie kann ein guter Gott der Liebe und der Erbarmungen, der zugleich allwissend und allmächtig ist, Leiden zulassen, insbesondere die Leiden unschuldiger und gerechter Menschen? Ist das kennzeichnend für einen gerechten Gott? Wir nennen die Rechtfertigung der Güte und Allmacht Gottes im Licht solch scheinbarer Widersprüche eine Theodizee. In diesem Sinn ist das Buch Hiob eine Theodizee, eine Verteidigung Gottes trotz der Leiden des armen, unschuldigen Hiob.

Gründe für Leiden

Der besondere Aspekt des Leidens, um den es in diesem Buch geht, ist, den Zweck von Leiden für einen Gläubigen aufzuzeigen. Eine vollständige Beantwortung, die alle Einzelpunkte des breit gefächerten Problems der Leiden abdeckt, ist jedoch nicht die Absicht dieses Bibelbuchs. Wir sehen bei Hiob, dass Gott Leiden zulässt, um Seinen guten Vorsatz in unserem Leben auszuführen. Aber auch in dieser Hinsicht bietet das Buch keine erschöpfende Behandlung der vielen Wege, auf denen Gott Leiden zu unserem Guten benutzt. Dennoch ergeben sich aus einem kurzen Studium des Buches Hiob drei deutliche Antworten auf die Frage „Warum ich, Herr?“.

Der erste Grund für Leiden

Der erste und augenscheinlichste Grund für die Leiden Hiobs lag für Gott darin, den Glauben Hiobs zu prüfen. Die Bibel lehrt, dass Gott das Vertrauen (den Glauben) der Gläubigen prüft, um dessen Echtheit zu erweisen. In 1. Petrus 1,7 lesen wir, dass ein bewährter Glaube weit wertvoller ist als Gold und zu Gottes Lobpreis, Herrlichkeit und Ehre gereicht. Wenn Gott unseren Glauben prüft, ist das so, wie wenn ein Vater den Charakter seines jungen Sohnes dadurch erprobt, dass er ihn schon im häuslichen Leben nicht immer nur spielen lässt, sondern ihm auch Aufgaben stellt, die ihm gewisse Belastungen abverlangen. Wie freut sich der Vater, wenn er entdeckt, dass sein Sohn sich auch unter schwierigen Umständen korrekt verhält.

In den ersten beiden Kapiteln des Buches sehen wir, dass Gott Umstände erlaubt, die den Glauben Hiobs hart erprobten. Zu Beginn von Kapitel 1 war Hiob ein Mann, der großen Reichtum, Einfluss und einen hervorragenden Glauben hatte. Gottes Beurteilung dazu finden wir in Hiob 1,1: „untadelig und rechtschaffen und gottesfürchtig und das Böse meidend“. Könnte Gott unseren Glauben und Charakter auch so beurteilen?

Die Unglücke

Wenn wir der Geschichte Hiobs weiter folgen, sehen wir zwei gewaltige Unglückswellen unerwartet über den Patriarchen hereinbrechen, und er ringt darum, sein Vertrauen zu bewahren. Bei der ersten Welle verliert er alle seine Kinder und seinen ganzen Besitz. Bedenke das Ausmaß eines solchen Verlusts! Verglichen damit, sind viele unserer „Warum-ich?“-Ausbrüche völlig fehl am Platz. Trotz eines so tragischen Verlusts erkennt Hiob die Wahrheit an, dass wir alles, was wir in diesem Leben haben, nur aus Gottes gnädiger Hand empfangen. Er betete Gott an und sprach: „Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen“ (Hiob 1,20.21). Die Diagnose des Glaubens Hiobs nach dieser ersten Welle der Trübsal beschreibt der nächste Vers: „Bei diesem allem sündigte Hiob nicht und schrieb Gott nichts Ungereimtes zu“ (Hiob 1,22).

Die zweite Unglückswelle kam noch näher an sein Heim heran. Sein eigener Körper wurde heimgesucht. Bösartige Beulen bedeckten ihn (Hiob 2,7). Seine Haut war verkrustet, und austretendes Serum zog Würmer an (Hiob 7,5). Fieber und heftige Schmerzen ließen nicht nach (Hiob 2,13; 30,17.30).

Welches Vertrauen auf Gott würde man an uns sehen unter solch schrecklichen Bedingungen? Die Antwort Hiobs konnte nur aus einem tief verwurzelten Gottvertrauen kommen:„Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?“ Wiederum lautet Gottes Diagnose zu dem geprüften Glauben Seines Knechtes: „Bei diesem allem sündigte Hiob nicht mit seinen Lippen“ (Hiob 2,10).

Ein weiterer Grund für Leiden

Aber Gott hatte bei der Zulassung der Leiden Hiobs mehr im Sinn, als nur eine Diagnose seines Glaubens zu erstellen. Er wollte Hiob in seinem Glauben weiterführen. Jawohl, sogar der Glaube des geduldigen Hiob bedurfte der Reife. Während Hiob in der schweren Prüfung Gott nicht verleugnete, stellt er doch die Frage: „Warum ich, Herr?“ (Hiob 7,19.20). Und die Kapitel 3–31 zeigen tatsächlich, dass die sich immer wiederholenden Erwiderungen Hiobs gegenüber den Ratschlägen seiner Freunde sich im Wesentlichen um die eine Frage drehen: „Warum ich?“

Hiob konnte nicht verstehen, warum Gott das alles über ihn kommen ließ. Wusste Gott wirklich, was Er tat? Eliphas, Bildad und Zophar dachten, sie wüssten es. Ihre Logik war einfach: „Alles Leiden ist die Folge von Sünde. Hiob hat zu leiden; deshalb hat er gesündigt.“ Aber Hiob beschwor standhaft seine Unschuld. In diesem Punkt hatte Hiob recht und nicht seine Ratgeber. Deshalb mussten sie, und nicht Hiob, am Schluss Opfer darbringen (Hiob 42,7-9). Aber Hiob war im Unrecht, weil er Gottes Wege in Frage stellte und wegen seiner „Warum-ich“-Haltung. Das ist der Bereich, in dem Hiobs Glaube noch wachsen musste - und unserer auch!

Ein weiterer Ratgeber

In den Kapiteln 32–37 kommt Elihu zu Wort, ein vierter Ratgeber, der der Wahrheit näherkommt als die ersten drei. Er stellt Hiob vor, dass Gott ihn erzieht und dass er sich Ihm unterwerfen solle, statt Ihn in Frage zu stellen. Offensichtlich benutzte Gott den Elihu, um Seine eigene Antwort an Hiob vorzubereiten. Es ist beachtenswert, dass Elihu am Schluss keine Opfer zu bringen braucht, und auch, dass Hiob den Reden Elihus schweigend zuhörte.

Gott hat das letzte Wort

Schließlich sprach Gott Hiob direkt an. Und Gottes Antwort nahm ihm den Wind aus den Segeln! Durch eine Reihe von Fragen vermittelte Gott Seinem Knecht einen flüchtigen Eindruck von Seinem unendlichen Wissen und Seiner unendlichen Macht. Wer war Hiob – ein Grünschnabel, ein endliches Geschöpf –, um die Wege des allmächtigen und souveränen Schöpfers in Zweifel zu ziehen? Hiob sah sich zurückversetzt auf die Stufe eines Kindes im Kindergarten. Es war wie bei einem stolzen, großsprecherischen Algebrastudenten, wenn er denkt, er habe schon den Durchblick durch die ganze Mathematik und dann plötzlich mit Einstein konfrontiert wird. Doch die Antwort Hiobs war schön und ein deutlicher Beweis für den Fortschritt in seinem Glauben. Siehe Hiob 40,3-5; 42,1-6!

Hiob erkannte seine Bedeutungslosigkeit und Unwissenheit an. Er zog sein früheres „Warum-ich?“-Fragen zurück und bereute seine verkehrte Haltung. Es ging ihm auf, dass Gott das Ganze sah und alles in der Hand hatte, auch Hiobs Unglück. Demütig beugte er sich unter Gottes Hand in der Erwartung weiterer Belehrung. In seinem Glauben hatte er einen gewaltigen Wachstumsschritt vollzogen.

Was können wir daraus lernen?

Gott möchte auch uns in unserem Glauben weiterführen. „Warum ich, Herr?“ ist keine Lästerung, aber immerhin ein Zeichen von Unreife. Tatsächlich deutet diese Frage darauf hin, dass wir uns in unserer Selbstgerechtigkeit und unserem Stolz, wenn auch unbewusst, verletzt fühlen. Die Wege Gottes in unserem Leben von einer nicht unterwürfigen Haltung aus in Frage stellen oder überhaupt zu denken, Gott sei ungerecht oder wisse nicht eigentlich, was Er tue, verrät im Grunde die Sünde des Stolzes. Dahinter verbirgt sich ein Glaube, der noch wachsen und reifen muss, um zu erkennen, wer Gott wirklich ist. In Zeiten, wo das Leben ruhig verläuft, fühlen wir uns oft selbstzufrieden und verurteilen andere. Paradoxerweise sind es gerade Lebenslagen, die uns „Warum ich, Herr?“ fragen lassen, wo sich falsche Einstellungen zu ändern beginnen. Ein Christ, der wächst, lernt, sich der Hand Gottes demütig zu unterwerfen und seinen unerforschlichen Wegen zu vertrauen. Wächst dein Glaube?

Ein dritter Grund für Leiden

Gottes Absicht in den Leiden Hiobs lag auch darin, den Glauben Hiobs sichtbar zu machen. Hiob war Gottes Aushängeschild Nr. 1 – nicht nur für die Menschen auf der Erde, sondern ebenso vor den Augen himmlischer Wesen. In Hiob 1,6-8; 2,1-3 wird es aus den Fragen des Gottes an Satan ganz deutlich, dass der Glaube Hiobs vor der unsichtbaren Welt offenbar war. Obwohl sein Glaube nicht vollkommen war und sich in einem Prozess der Entwicklung befand, erfreute Gott Sich doch daran, auf den Glauben Seines Knechtes hinzuweisen.

Kann Gott an der Entfaltung unseres Glaubens Freude finden? Die Tatsache, dass Scharen von Engeln (gute und schlechte) das Zeugnis unseres Glaubens beobachten, sollte uns zu mehr Festigkeit in einem christlichen Wandel motivieren. Denken wir daran, dass Satan „der Verkläger“ der Brüder genannt wird (s. Sach 3,1; Off 12,10). Unglücklicherweise entdeckt der Feind unserer Seelen in unserem Leben gewöhnlich Beweise genug, auf die er seine Anklagen stützen kann.

Gott behält alles in der Hand

Es ist tröstlich zu wissen, dass im Blick auf das Offenbarwerden unseres Glaubens Gott nie eine Lage zulassen wird, in der unsere Leiden so groß werden, dass unser Glaube scheitern müsste. Wir wollen beachten, dass Gott Grenzen setzt, wie weit Satan gehen darf, den Schmelztiegel des Lebens Hiobs anzuheizen (Hiob 1,12; 2,6). In 1. Korinther 10,13 lesen wir, dass Gott Erprobungen über unser Vermögen hinaus nicht zulassen wird. Der schützende Zaun, der Hiob umgab (Hiob 1,10), umgibt auch uns gleicherweise. Er wird nur dann niedriger angesetzt, wenn wir stark genug sind, die Lage zu bewältigen.

Das letzte Kapitel des Buches zeigt die ergreifende Wiederherstellung Hiobs. Die Absichten Gottes in den Leiden Seines Knechtes waren erreicht, und nun überströmten ihn die göttlichen Segnungen. Auch wir werden solche bleibenden Segnungen Gottes in unserem Leben kennenlernen!


Originaltitel: „Warum ich, HERR?“
aus Folge mir nach, 1995/4, S. 4–7

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