Bitterkeit zieht eine schmutzige Spur
Warum mit Bitterkeit nicht zu spaßen ist

Ralf Kaemper

© R. Kaemper, online seit: 21.12.2004, aktualisiert: 07.02.2019

Leitvers: Hebräer 12,15

Heb 12,15: Achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch beunruhige, und viele durch diese verunreinigt werden.

Einleitung

Es war nur eine kurze Bemerkung, die sie beim Rausgehen aus Gemeindesaal machte. Sie war mit der Art und Weise, wie sich die Jugendlichen am Gottesdienst beteiligt hatten, nicht einverstanden. Und diesen Ärger musste sie jemand mitteilen.

„Das ist eine Sache zwischen mir und Gott!“, sagte er, als er auf sein spannungsgeladenes Verhältnis zu einem anderen Bruder der Gemeinde angesprochen wurde, das er doch nun endlich einmal klären sollte.

„Die Älteren machen ja doch nur, was sie wollen“, sagte der frustrierte Teenager zu seinem Jugendleiter und zog sich immer mehr aus der Gemeinde zurück.

Es gibt eine Seuche, die unsere Seele vergiftet, die zunächst fast unbemerkt bleibt. Doch sie ist gefährlich und zerfrisst uns schließlich. Und nicht nur uns, sondern auch unsere Gemeinden. Weil diese Seuche kaum greifbar ist, kann sie einen großen Schaden anrichten. Die Rede ist von der Bitterkeit. Sie wächst im Herzen des Einzelnen und zieht dann ihre schmutzige Spur in der Gemeinde.

In Hebräer 12,15 heißt es: „Achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden.“

Warum werden wir bitter?

Niemand wird bewusst oder gewollt bitter. Es geschieht einfach. Es können schwere Schicksalsschläge sein wie bei Hiob (Hiob 10,1; 27,2) oder wie bei Noomi (Ruth 1,20). Es können Überlastung und Arbeit sein (2Mo 1,14) oder Enttäuschung darüber, dass ein Herzenswunsch nicht in Erfüllung geht (1Sam 1,10), oder auch Zurücksetzung oder Eifersucht (1Mo 29,31; 30,1). Man kann auch bitter werden, weil man aus eigener Schuld eine wichtige Möglichkeit verpasst hat (1Mo 27,34). Manchmal aber sind es auch einfach nur der alltägliche Ärger oder Spannungen in der Familie (Kol 3,19). Die Ursachen, die Bitterkeit hervorrufen, sind Legion.

Immer dann, wenn sich Ärger oder Zorn in uns festsetzt, wird daraus Bitterkeit. Menschen reagieren unterschiedlich auf Ärger. Die einen schlagen um sich, werden aggressiv, schreien und schimpfen, werden vielleicht sogar handgreiflich. Und wir alle wissen, dass das nicht richtig ist, „denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit“ (Jak 1,20; auch Tit 3,2; Phil 4,5). Und wir reagieren sehr empfindlich, wenn jemand über die Stränge geschlagen hat, sich nicht im Griff hatte.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass man nicht um sich schlägt, sondern in sich. Diese Reaktion geschieht zunächst im Verborgenen. Man ist verletzt und zieht sich zurück. Man ist beleidigt und wird bitter. Diese Reaktion ist weniger auffällig als das Um-sich-Schlagen, aber nicht weniger schlimm. Im Gegenteil: Da sie zunächst im Verborgenen geschieht, bleibt sie zunächst unbemerkt.

Bitter über Veränderungen

Es ist häufig ein Prozess, den man selber kaum wahrnimmt, der mit Enttäuschungen, Verletzungen oder Ärger beginnt. Ein Beispiel: Manche Geschwister gehören schon sehr lange zu einer Gemeinde, der sie treu gedient haben. Nun rückt eine neue Generation nach, und manche Dinge ändern sich. Das Liedgut zum Beispiel, der Ablauf der Gemeindestunden, die Art, wie über den Glauben geredet wird, oder einfach nur die äußere Gestaltung der Gemeinderäume. Das, was einem über Jahre lieb und teuer geworden ist, was einem Heimat und Sicherheit gegeben hat, verschwindet plötzlich immer mehr. Und vielleicht hat mancher sogar den Eindruck, um die Frucht seiner Arbeit betrogen worden zu sein, die er nach den vielen Jahren nun genießen will. Man kommt mit den Veränderungen nicht klar, man wird bitter darüber. Doch Bitterkeit ist nicht nur ein Problem der Älteren. Viele Jüngere sind enttäuscht, weil sich ihrer Meinung nach so wenig verändert und sie sich nicht ernst genommen fühlen, und sie verlassen die Gemeinde. Es gibt unendlich viele Gründe, bitter zu werden, und keiner ist sicher davor!

Wurzeln sind auf Wachstum angelegt

Das, was am Anfang unbemerkt bleibt, wird dann doch irgendwann sichtbar und spürbar und richtet schließlich großen Schaden an. Nach und nach merken vielleicht einige Geschwister etwas: „Warum schaut er mich nicht mehr an?“, „Warum geht sie mir aus dem Weg?“, „Man sieht ihn immer weniger in der Gemeinde.“

Das Problem der Bitterkeit ist: Sie wird größer. Der zornige und ärgerliche Gedanke hat Folgen, wenn er nicht bereinigt wird. Der Hebräerbrief spricht von der „Wurzel der Bitterkeit“. Wurzeln sind auf Wachstum angelegt. Aus Wurzeln werden Sträucher oder Bäume, und auch diese wachsen weiter und vermehren sich.

Damit wird aus dem Problem des Einzelnen eine „Last“ für andere. Das, was im Herzen des Einzelnen vor sich geht, zerstört dann schließlich Gemeinschaft: „Viele (werden) verunreinigt.“ Unter „Unreinheit“ verstehen wir meistens sexuelle Verfehlungen. In Judas 8 wird der griechische Begriff miaino auch so gebraucht. Doch dasselbe Wort wird in Hebräer 12,15 für die verunreinigende Wirkung der Bitterkeit benutzt.

Verunreinigte Gemeinde

Vielleicht kommt in unseren Gemeinden „grobe“ Sünde nicht so häufig vor und wenn, dann wird sie schnell korrigiert. Aber wie sieht es mit der Bitterkeit aus? Wie viel Verunreinigung existiert unter uns durch die Bitterkeit Einzelner, die nicht bereinigt wird und immer weiter wächst? Ärger, der sich festgesetzt hat; Schuld, die nicht vergeben wurde; Verletzungen und Wunden, die nicht heilen …

Durch Bitterkeit entstehen unreine, verweltlichte Gemeinden, obwohl man vielleicht versucht, nah am Wort zu bleiben, obwohl man falsche Lehren schnell beim Namen nennt. Aber da gibt es diese Seuche Bitterkeit, die immer mehr um sich frisst. Und niemand schreitet ein, was ja auch schwierig ist, weil sie häufig kaum greifbar ist. Und keiner ist sicher davor. Schnell wird aus Miss- oder Unverständnis, Ärger oder Enttäuschung dann Bitterkeit. Und Bitterkeit sucht sich wie Wasser immer einen Weg. Sie hinterlässt Spuren, schmutzige Spuren. Sie beeinträchtigt die Gemeinschaft und kann sogar das christliche Zeugnis zerstören (Joh 13,35; 17,22.23). Und das kann trotz aller bibeltreuen Lehre geschehen.

Mangel an Gnade

Bitterkeit ist keine Lappalie, die man einfach übergehen kann. Sie ist genauso ernst und ernst zu nehmen wie grobe äußere Sünden. Geschieht das nicht, richtet sie großen Schaden an, in der Seele des Einzelnen und in der Gemeinde.

Doch wie wird man Herr über die Macht der Bitterkeit? Beachten wir den ersten Teil des Verses aus Hebräer 12,15: „Achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide.“ Bitterkeit beginnt immer mit einem Mangel an Gnade. Wenn es einen Mangel an Gnade gibt, dann liegt das Problem immer bei uns, nie bei Gott. Gnade kann nicht knapp werden. „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen … Gnade um Gnade“, schreibt Johannes (Joh 1,16) Paulus stellt in Römer 5,20 fest: „Wo aber die Sünde zugenommen hat, ist die Gnade überreich geworden.“

Ganz egal, welche Schuld wir auf uns geladen haben oder welche Schuld andere auf uns geladen haben, es ist genügend Gnade vorhanden. Sie ist überströmend (1Tim 1,14), es gibt einen „Reichtum seiner Gnade“ (Eph 1,7; 2,7).

Unser Vater im Himmel hat alle Voraussetzung geschaffen, dass die Macht der Sünde und damit auch von Bitterkeit, Ärger, Zorn, Verletzungen usw. unser Leben nicht mehr beherrschen muss. Paulus schreibt in 2. Korinther 9,8: „Gott aber vermag euch jede Gnade überreichlich zu geben, damit ihr in allem allezeit alle Genüge habt und überreich seid zu jedem guten Werk.“ Deshalb fordert Petrus auf: „Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus!“ (2Pet 3,18).

„Gnadenverknapper“

Wenn Gnade knapp wird, liegt das Problem bei uns. Man kann Gottes Güte verachten (Röm 2,4). Man kann sich von der Gnade abwenden hin zu einem „anderen Evangelium“. Paulus schreibt den Galatern: „Ihr seid von Christus abgetrennt, die ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt; ihr seid aus der Gnade gefallen“ (Gal 5,4). Die Warnung vor einem „anderen Evangelium“ ist eine Warnung vor Gesetzlichkeit (Gal 1,6). Und dies kann ein Grund für Mangel an Gnade sein und damit auch für Bitterkeit. Lebe ich wirklich aus der Gnade oder hat sich Gesetzlichkeit, Leistungs- und Vergeltungsdenken bei mir eingeschlichen, mit dem ich mich unter Druck setze, andere Geschwister verurteile?

Auf jeden Fall hat ein Mangel an Gnade mit einem Verlust der Nähe zu unserem Herrn zu tun. Nach Römer 3,14 ist Bitterkeit ein Kennzeichen des Menschen, der Gott nicht kennt. Wer in Bitterkeit lebt, dessen Beziehung zu seinem Herrn ist gestört und zu den Menschen um ihn herum, seien es nun Christen oder nicht. Bitterkeit ist ein Laster wie Lästerungen. Sie steht am Anfang des „Lasterkataloges“ in Epheser 4,31: „Alle Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei Lästerung sei von euch weggetan, samt aller Bosheit!“ Und der nächste Vers zeigt uns einen anderen Weg auf.

Bitterkeit überwinden

„Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat!“ (Eph 4,32).

Anstelle von Bitterkeit tritt hier Güte und Mitleid, Vergebung statt Vergeltung. Das Argument ist: Christus hat dir vergeben, deshalb darfst du anderen die Vergebung nicht vorenthalten. Güte, Mitleid und Vergebungsbereitschaft ist keine menschliche Anstrengung und Disziplin, die Gott uns abverlangt (das wäre Gesetzlichkeit!). Sie ist ein übernatürliches Wirken des Geistes Gottes an uns. „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22.23).

Dieses Wirken des Heiligen Geistes kann man jedoch dämpfen (1Thes 5,19). Epheser 4,30 macht deutlich, dass man den Heiligen Geist, der diese Frucht in uns hervorbringen will, betrüben kann. Direkt anschließend folgt die Warnung vor der Bitterkeit. Bitterkeit macht Gott also traurig. In diesem Kapitel wird auch deutlich, dass Bitterkeit und Zorn in einem engen Zusammenhang stehen. Deshalb fordert Paulus: „Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn und gebt dem Teufel keinen Raum!“ (Eph 4,26.27).

Wer Bitterkeit und Zorn zulässt, gibt dem Teufel Raum vielleicht bei aller Rechtgläubigkeit. Er verfällt wieder in einen heidnischen Lebensstil und gibt sich der Ausschweifung hin (Eph 4,17ff.). Deshalb sollen wir so schnell wie möglich mit der Bitterkeit brechen und zu unserem Herrn fliehen, weil wir sonst verweltlichen.

Gottes Wurzelbehandlung

Der Text im Hebräerbrief ist geschrieben, um vorzubeugen. Es soll gar nicht erst so weit kommen. Was sollen wir aber tun, wenn wir merken, dass bei uns schon Wurzeln geschlagen sind? Hier gilt es dann, die Wurzeln so schnell wie möglich zu entfernen, bevor Bäume heranwachsen. In dem Moment, wenn wir einen bitteren Gedanken gegen jemand haben, müssen wir damit zu unserem Herrn gehen, selber um Vergebung bitten, wenn unser Zorn ungerecht war (nicht jeder Zorn ist ungerecht, aber jede Bitterkeit). Dann müssen wir bewusst vergeben. Vielleicht muss das auch mehrmals geschehen, wenn wir es bei einem Mal noch nicht unter die Füße kriegen. Nur so wird die Macht der Bitterkeit gebrochen!

Und was soll ich tun, wenn schon Bäume gewachsen sind, vielleicht schon ganze Wälder, weil nicht nur ein einziger Sonnenuntergang verstrichen ist, sondern vielleicht schon viele Monate, ja sogar Jahre? Dann sollten wir eine Schwester [Anm. d. Red.: wenn es um den Dienst an einer Schwester geht] oder einen Bruder um Hilfe bitten, ihr oder ihm unsere Sünde und Not bekennen, gemeinsam vor Gott treten und ihn bitten, dass Er an uns eine Wurzelbehandlung vornimmt. Wir dürfen uns auf keinen Fall damit abfinden, denn damit schädigen wir uns und die ganze Gemeinde.

Wie gesagt: Es geht hier nicht um eine unerfüllbare Forderung Gottes an uns Menschen, es geht um sein Angebot, unser Herz zu verändern. Denn ein verbittertes Herz ist in sich selber verkrümmt, unfähig zu Veränderung. Aber Gott hat ganz andere Möglichkeiten. Er ist der Herzensspezialist, kann in unser Wesen eingreifen, Veränderung schaffen. Er macht dies aber nicht gegen unseren Willen. Deshalb müssen wir uns in unserer Not der Bitterkeit an Ihn wenden und Ihn bitten: „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz, und erneuere in mir einen festen Geist!“ (Ps 51,12). Dies ist ein Gebet nach Gottes Willen, das Er ganz bestimmt erhören wird.


Aus der Monatszeitschrift Perspektive, 10/2004
Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg

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