Was passiert mit der Seele nach dem Tod?

John Nelson Darby

online seit: 08.02.2001, aktualisiert: 13.11.2017

Die eigentliche Bestimmung

Der Zustand der Seele nach dem Tod ist für jeden von uns von größtem Interesse. Die bekennende Christenheit hat die große Wahrheit der Wiederkunft Christi zur Aufnahme der Heiligen und zum Gericht der Erde vor dem Ende der Welt verworfen. Sie hat die Bedeutung, die der Auferstehung durch das Neue Testament beigelegt wird, aus dem Auge verloren und demzufolge der unbestimmten Vorstellung, dass man nach dem Tod zum Himmel gehe, einen absoluten Charakter eingeräumt, der jeden anderen Begriff von Glück und Herrlichkeit ausschließt – eine Vorstellung, die selbst im gesunden evangelischen Teil des Christentums herrscht. Die Schrift aber redet zu betont von der Wiederkunft des Herrn, als dass der Gedanke, durch den Tod zum Himmel zu gehen, den Geist des Gläubigen beherrschen sollte. Dieser Gedanke findet sich in der Schrift nur bei dem Räuber am Kreuz, dem die Verheißung zuteilwurde, mit Christus im Paradies zu sein. Es wird nicht bestritten, dass auch wir dahin gehen; aber der schriftgemäße Gedanke ist stets, dass wir zu Christus gehen. Seit Er im Himmel ist, gelangen auch wir ohne Zweifel dahin; aber die Schrift kehrt nie die Tatsache hervor, dass wir im Himmel, sondern dass wir bei Christus sein werden und das ist für unsere geistlichen Neigungen höchst beachtlich. Die Schrift stellt Christus vor unsere Seelen und nicht den Himmel, wiewohl wir sicher dorthin kommen und glücklich sein werden.

Ich erwähne das nur, um die Gewohnheiten unserer Gedanken zu charakterisieren. Unsere arme menschliche Natur gerät, um die Untiefen zu vermeiden, so leicht auf Klippen. Sie folgt ferner so gern ihren eigenen Gedanken, anstatt einfach das Wort Gottes anzunehmen. Dennoch hat die wieder erkannte Wahrheit von der Wiederkunft des Herrn und der ersten Auferstehung viele Gläubige belebt und die Vorstellung, durch den Tod in den Himmel zu gehen, beseitigt – eine Vorstellung, die zu unbestimmt und zu wenig schriftgemäß ist, als dass sie die befriedigen könnte, die die Schrift erforschen. Manche sonst im Glauben gesunde Christen haben behauptet, dass die Seele schlafe und sich bis zur Auferstehung in einem bewusstlosen Zustand befinde, während andere, irregeleitet durch diesen falschen Begriff, nicht nur das unmittelbare Glück der Entschlafenen, die bei Christus sind, sondern die Hoffnung des Gläubigen selbst in Frage stellen. Wie schnell vergrößert sich die Zahl jener Irregeleiteten, die die Fundamentallehren des Evangeliums leugnen!

Es ist nicht meine Absicht, hier denen entgegenzutreten, die die Unsterblichkeit der Seele leugnen; denn das haben andere schon in überführender Weise getan. Ich beabsichtige nur, einfach und schriftgemäß zu beweisen, dass der Gläubige nach seinem Abscheiden sich bei Christus eines unmittelbaren Glückes zu erfreuen hat in einem Zwischenzustand, in den sich auch Christus bezüglich seiner Stellung als Mensch befindet, obwohl Er in der Herrlichkeit ist. Auch nach seinem Abscheiden erwartet der Christ die Auferstehung des Leibes, weil erst sie ihn in seinen endlichen Zustand der Herrlichkeit einführen wird. Die Menschen reden von verherrlichten Geistern; die Schrift spricht davon nie. Die Absicht Gottes in Bezug auf uns ist, dass wir dem Bild seines Sohnes gleichförmig sein sollen, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei. „Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass, wenn es offenbar wird, wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ – „Und wie wir das Bild dessen von Staub getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen“ (Röm 8,29; 1Joh 3,2; 1Kor 15,49).

Dies wurde bei der Verklärung geoffenbart, als Mose und Elia in der Herrlichkeit erschienen (Lk 9,28-36). Unser ewiger Zustand der Freude und Herrlichkeit besteht in der Tatsache, dass wir allezeit bei dem Herrn sein werden und dass Er selbst uns ins Vaterhaus aufnehmen wird. Letzteres findet sich sogar in der Geschichte der Verklärung wieder, wo Mose und Elia in die Wolke eintraten, aus der die Stimme des Vaters kam (vgl. auch 1Thes 4,17). Christus wird kommen und uns zu sich aufnehmen, nachdem wir auferweckt oder nach seinem Bild verwandelt sind; dann wird unser armer irdischer Leib dem Leibs seiner Herrlichkeit gleichförmig sein (Phil 3,21). Das ist unser ewiger Zustand. Hierzu hat Gott uns schon bereitet und uns das Unterpfand des Geistes gegeben (2Kor 5,5). Bei dem Herrn und Ihm für immer gleich zu sein, ist unsere ewige Freude und die Frucht der Liebe Gottes, der uns zu seinen Kindern gemacht hat und uns in die Wohnungen einführen will, die für uns im Vaterhaus bereitetet sind.

Zweifach ist unser Teil: Wir werden Christus gleich und bei Ihm sein, und wir werden in Ihm gesegnet sein mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern. Diese Vorzüge haben wir durch die Erlösung erworben; aber wir besitzen sie noch nicht. Obwohl von Gott dazu bereitet, besitzen wir jetzt nur das Unterpfand des Geistes. Den Gesichtspunkt unserer Gleichförmigkeit mit Christus haben wir bereits erörtert. Die dabei angeführte Stelle „Wir werden allezeit bei dem Herrn sein“ führt uns mit der Autorität der Schrift zu dem zweiten Punkt der Betrachtung, nämlich zu unserem Teil mit Christus in den himmlischen Örtern. Hierzu sei auf einige Stellen hingewiesen, die Auskunft darüber geben, was die Christen charakterisiert, die mit Christus geglaubt und gelitten haben. Es ist gesagt, dass Gott alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist, in dem Christus zusammenbringen wird (Eph 1,10), dass alle Dinge durch und für Christus geschaffen sind (Kol 1,16.20) und dass alles seinen Füßen unterworfen sein wird (Heb 2; 1Kor 15,27.28; Eph 1,22). Aber es wird auch vermerkt, dass Ihm noch nicht alle Dinge unterworfen sind (Heb 2). Er sitzt jetzt auf dem Thron des Vaters und nicht auf seinem eigenen Thron (Off 3,21). Gott hat gesagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.“ Er wartet also, bis seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt werden (Heb 10). Die Zeit wird kommen, wo nicht allein die Dinge in den Himmeln und auf der Erde versöhnt sein werden (Kol 1,20), sondern wo selbst die Dinge unter der Erde – die höllischen – seine Gegenwart und Autorität anerkennen müssen. Jedes Knie wird sich vor Ihm beugen, jede Zunge wird bekennen müssen, dass der von den Menschen verachtete und verworfene Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters (Phil 2,10.11). Das alles haben wir noch zu erwarten.

In dieser Vereinigung aller Dinge in den Himmeln und auf der Erde unter Christus als dem Haupt haben wir unser Teil in den himmlischen Örtern – jetzt im Geist und später in Herrlichkeit; beide Tatsachen können in Wirklichkeit nicht voneinander getrennt werden. Wir sind selbstverständlich jetzt noch nicht in der Herrlichkeit; aber sie ist unsere gegenwärtige Berufung – das, was wir erwarten und wozu wir erkauft und gebildet worden sind. Jetzt haben wir diesen Schatz in irdenen Gefäßen und seufzen beschwert. Wenn wir außer dem Leib sein werden, hören diese Seufzer auf, und wir werden in der Freude bei Christus sein. Bei seiner Wiederkunft werden wir einen Leib bekommen, der dieser himmlischen Stellung entspricht und wir werden so in der Herrlichkeit sein. „Er hat uns gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus“  (Eph 1,3). „Wir wissen, dass, wenn unser irdisches Haus, die Hütte, zerstört wird, wir einen Bau von Gott haben, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges, in den Himmeln“ (2Kor 5,1). „Denn unser Wandel [unser Bürgerrecht oder unsere Beziehungen im christlichen Leben] ist in den Himmeln“ (Phil 3,20). In demselben Kapitel ist auch die Rede von der „Berufung Gottes nach oben“ (Phil 3,14); denn die wahre Kraft des Ausdruckes „himmlische Berufung“ ist: „berufen nach oben“. Dasselbe wird auch im Brief an die Hebräer bezeugt, dass nämlich Christus als unser Vorläufer in das Innere des Vorhangs eingegangen ist, das heißt in den Himmel selbst, und dass wir der himmlischen Berufung teilhaftig sind (Heb 6,18-20; 9,24; 3,1). Als solche, die durch den Heiligen Geist mit Christus eins sind, sitzen wir in Christus in den himmlischen Örtern – nicht mit Ihm, sondern in Ihm. Das ist unser Platz. Wenn der Herr kommt, so wird Er als der Sohn des Menschen alle Ärgernisse und die das Gesetzlose tun zusammenlesen und dann werden die Gerechten leuchten in dem Reiche ihres Vaters (Mt 13,41.43). Aus diesem Grund zeigten Mose und Elia, in Herrlichkeit auf der Erde geoffenbart, nicht nur den Zustand der Heiligen im Reich, sondern sie traten auch in die Wolke ein, in der Gott wohnt und aus der sich die Stimme des Vaters hören ließ.

Unser Teil besteht also augenscheinlich darin, dass, wenn Gott alle Dinge in den Himmeln und auf der Erde unter ein Haupt zusammenbringen wird, wir Christus in der Herrlichkeit gleich und allezeit bei Ihm sein werden, und zwar im Himmel selbst, gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern, im Gegensatz zu den zeitlichen Segnungen Israels auf der Erde. Wenn wir seine Miterben sind, so müssen wir auch, was weit besser ist, im Vaterhaus wohnen, in das Er gegangen ist. Deshalb wird uns klar und deutlich gesagt, dass unsere Hoffnung in den Himmeln aufbewahrt ist (Kol 1,5), und zwar ein „unverwesliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbteil“ (1Pet 1,4). Das alles beweist uns, dass unsere Segnungen in jenem Bereich liegen, in den unsere Hoffnung hineindringt und in den unser Vorläufer bereits eingegangen ist. Wir werden das Bild des Himmlischen tragen und allezeit bei dem Herrn sein. Er ist hingegangen, um uns eine Stätte im Haus des Vaters zu bereiten, und Er wird wiederkommen, um uns zu sich zu nehmen. Er hat gesagt: „Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin.“ Es wäre noch manches hinzuzufügen über diese Segnung und die Stellung, die uns gegeben ist, damit „er in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade in Güte gegen uns erweise in Christus Jesus“. Der angekündigte Zweck dürfte aber nach dieser Beweisführung und Darstellung unserer Segnungen erreicht worden sein. Die Ausführungen stellen klar, dass von unserer Bekehrung an bis zur Herrlichkeit unsere Berufung zu aller Zeit dieselbe ist und dass es nur eine Hoffnung unserer Berufung gibt. Gott hat uns zu seinem eigenen Reich und zu seiner eigenen Herrlichkeit berufen, und wir rühmen uns in Hoffnung der Herrlichkeit Gottes. Das Haus des Vaters ist die Wohnstätte seiner Kinder.

Der Zwischenzustand der Seele

Einzugehen ist aber noch auf die Frage nach dem Zwischenzustand. Es ist wohl geklärt, wo sich alle unsere Segnungen befinden und was die Erlösung uns erworben hat. Der Gott aller Gnade hat uns zu seiner ewigen Herrlichkeit durch Jesus Christus berufen, damit wir einen vollständigen Teil der eigenen Herrlichkeit Christi bilden; denn was würde ein Erlöser ohne die Erlösten sein? Von dem Augenblick an, wo ich glaube, dass der vielgeliebte Sohn Gottes für mich als Mensch gestorben ist, lerne ich den unschätzbaren Wert alles dessen zu begreifen, was ich zufolge dieses Todes empfangen habe. Der Brief an die Hebräer liefert – und das ist der einzige Zweck dieses Briefes – den Beweis, dass wir ein himmlisches Teil haben im Gegensatz zu dem Judentum, dessen Teil irdisch war und in der Wiederherstellung Israels begründet liegt. Sie besaßen einen Hohenpriester auf der Erde, weil Gott seinen Thron hier auf der Erde zwischen den Cherubim hatte; aber uns geziemte ein anderer – ein Hoherpriester, „heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden“, weil unser Platz und unser Teil bei Gott sind. Unser Platz und unsere Berufung sind in den himmlischen Örtern. Alles musste im Einklang sein, die Vortrefflichkeit des Opfers und des priesterlichen Dienstes. Was aber sagt das Wort Gottes über unseren Zwischenzustand von dem Augenblick an, wo wir diese Hütte, in der wir seufzen, verlassen, bis zu dem Augenblick, wo dieser Leib der Niedrigkeit bei der Wiederkunft Christi dem Leib seiner Herrlichkeit gleichförmig gemacht werden wird?

Wenn wir diese unsere künftige Gleichförmigkeit mit Ihm (Phil 3,21) begriffen haben sowie die Wahrheit, dass unser Teil und unsere Berufung himmlisch sind, und wenn wir bedenken, dass alles einfach unser Bürgerrecht jetzt und für immer im Himmel ist, beschränkt sich diese Frage nur noch darauf: Inwieweit genießen wir dies, wenn wir sterben? Ist unser Genuss dann größer oder geringer als jetzt? „Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen; denn für ihn leben alle“ (Lk 20,38). Mit ihrem Abscheiden sind die Gläubigen wohl ganz und gar für die Welt gestorben, für Ihn aber leben sie wie für den Glauben. Man behauptet, dass sie schlafen; aber diese Vorstellung ist unbegründet. Dass Stephanus entschlief, besagt lediglich, dass er starb, dass seine Seele nach dem Tod entschlafen sei. Gott wird die, die in Jesus entschlafen sind, mit Ihm bringen (1Thes 4,14); sie allein sind die „Toten in Christus“ (1Thes 4,16). Das ergibt sich auch aus dem ersten Brief an die Korinther. „Etliche sind entschlafen“ (1Kor 15,6) heißt, sie sind gestorben; hier steht dasselbe Wort wie in 1. Thessalonicher 4,14, und zwar als Gegensatz zu dem in demselben Kapitel sich vorfindenden Ausdruck „Wir, die Lebenden“ und zu dem Wort in 2. Korinther 5: „einheimisch in dem Leib“. „Entschlafen“ heißt also „sterben“, und das ist eine treffende Bezeichnung für die Tatsache, dass die Gestorbenen nicht etwa aufgehört haben zu existieren, sondern dass sie in der Auferstehung wieder aufwachen werden, wie ein Mensch vom Schlaf aufwacht. Der Sterbefall des Lazarus liefert uns dafür einen klaren Beweis (Joh 11). Der Herr sagt: „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, dass ich ihn wieder aufwecke.“ Die Jünger meinten, Er rede von der Ruhe des Schlafes. Jesus sagte ihnen dann gerade heraus: „Lazarus ist gestorben.“ – Der „Schlaf“ bezeichnet hier also den Tod und das „Aufwecken“ die Zurückführung aus dem Zustand des Todes durch Auferstehung; es handelt sich mithin nicht um ein Aufwecken der Seele, als ob diese schlafe, um sie dann zu lassen, wo sie sich befindet. Entschlafen und sterben sind für den Christen gleichbedeutend; der Schlaf der Seele ist nichts als eine Erfindung.

Paulus wusste, dass Gott ihn für die Herrlichkeit bereitet hatte, und er redete davon wie von einem gemeinschaftlichen Glaubensgut aller Christen. Er wünschte nicht, als wäre er kampfesmüde, entkleidet zu werden, d.h. zu sterben; sein Sehnen war, dass das Sterbliche vom Leben verschlungen würde. Die Christen haben Christus als ihr Leben wie auch als ihre Gerechtigkeit. Deshalb haben sie selbst in Bezug auf den Tod ein stetes Vertrauen, indem sie wissen, dass sie „während einheimisch in dem Leibe, wir von dem Herrn ausheimisch sind“ (2Kor 5,6). Sie haben das Leben – ein ewiges Leben in Christus; aber sie tragen es hier in irdenen Gefäßen, abwesend von dem Herrn. Sobald sie diese armseligen Gefäße, in denen sie seufzen und beschwert sind, verlassen, sind sie einheimisch beim Herrn. Ist das nun besser oder schlimmer? Und wo ist der Herr? Will das besagen, dass der Heilige Geist, der Geist des Lebens in Christus Jesus, den die Glaubenden schon als Macht des Lebens besitzen, sich dann schlafend in einem bewusstlosen Zustand befinde? War das die Hoffnung des Apostels, der in diesem Leben in Christus eine solche Macht erblickte, dass er nicht mit dem Tod, sondern vielmehr mit dem Augenblick rechnete, wo das Sterbliche vom Leben verschlungen werden wird? Erinnern wir uns doch, dass Christus unser Leben ist; weil Er lebt, darum leben auch wir. Oder verlieren wir etwa unser Verhältnis zu Ihm, wenn wir sterben?

Paulus war bedrängt und wusste nicht, was er wählen sollte (Phil 1); er hatte Lust abzuscheiden, um bei Christus zu sein, weil es weit besser war. Obwohl das Leben für ihn Christus war, so war doch das Sterben ein Gewinn. Aber es war seine Freude und Glückseligkeit, ganz für Christus zu leben, so dass das Verweilen in der Hütte für ihn der Mühe wert war. Hätte er das Sterben vorziehen und es als Gewinn betrachten können, wenn es ihn in den Zustand der Bewusstlosigkeit versetzt und des Gedenkens an Christus und seinen Dienst enthoben haben würde? War es sein Wunsch und seine besondere Freude, sich schlafen zu legen und nichts mehr von Christus zu hören? Nein, er hielt es für besser, bei Christus zu sein, als – wiewohl ihm das der Mühe wert war – hier auf der Erde zu dienen. Es wäre doch vergleichsweise absurd, anzunehmen, die Schilderung des Nutzens und der Genüsse, die ich bei einem Freund zu finden hoffe, drücke das Verlangen aus, bei meiner Vorsprache alsbald in einen tiefen Schlaf zu fallen, um ja nichts von dem wahrzunehmen, was um mich herum vorgeht. Erinnern wir uns daran, dass der Herr den sterbenden Räuber, der Ihn unter allen Menschen allein in jener denkwürdigen Stunde bekannte, mit den Worten tröstet: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ War dieses „mit mir“ und „im Paradies sein“ nicht ein Glück, das Er ihm damals verhieß? Bestand dieses Glück etwa in einem tiefen Schlaf und in einem bewusstlosen Zustand? Eine solche Behauptung wäre doch wohl höchst töricht und stände zudem im klaren Widerspruch zu dem Sinn der Worte Christi. Diese Worte schreibt Lukas, der durch sein ganzes Evangelium hindurch die göttliche Gnade in dem Sohn des Menschen bezeugt und den gegenwärtigen Zustand der Dinge klarstellt.

Die beiden ersten Kapitel dieses Evangeliums sind gänzlich dem armen, gottesfürchtigen Überrest gewidmet, der Christus erwartet; sie liefern ein kostbares Gemälde von jenen Armen im Geist, die Gott inmitten des rebellischen und ungläubigen Volkes Israel angehören. Dann enthüllt Lukas das Geschlechtsregister Christi bis hin zu Adam und offenbart bis zum Schluss seines Evangeliums die Gnade, die in dem Sohn des Menschen erschienen ist, um den Menschen zu segnen, und die ihn von da an segnet, und zwar auf eine himmlische Weise. Dieses Evangelium beschäftigt sich nicht, wie das des Matthäus, mit den Haushaltungen, sondern stellt die Gnade dar, und zwar eine gegenwärtige Gnade, die himmlische Gnade durch das Evangelium, den gegenwärtigen Zustand der Dinge. Es entspricht nach seinem Maß dem Zeugnis des Paulus und der Apostelgeschichte. Obgleich nun der arme Räuber die Macht der Gnade und des Glaubens in glänzender Weise demonstrierte und Christus als Herrn gerade dann bekannte, als alles mit diesen Würden in Widerspruch stand, überstieg seine Erkenntnis die der Gläubigen seiner Nation nicht. Er wusste nichts von einem himmlischen Reich, erwartete aber sicher, dass der, der am Kreuz hing, in seinem irdischen Reich kommen werde, und voll glücklichen Vertrauens zu Christus bittet er Ihn, sich dann seiner zu erinnern. Die Antwort des Herrn steht im Einklang mit den Grundzügen des Evangeliums und besagt: „Du brauchst nicht so lange zu warten; ich bringe dir das Heil durch Gnade; heute, an diesem Tag, wirst du mit mir im Paradies und mein geeigneter Begleiter in der Segnung sein.“

Das ist das Teil der entschlafenen Heiligen; sie sind bei Christus im Besitz der Segnungen, abwesend vom Leib und einheimisch beim Herrn. Ich kenne die jämmerliche Ausflucht, deren man sich bei dieser Stelle bedient, indem man liest: „Wahrlich, ich sage dir heute, du wirst mit mir im Paradiese sein.“ Durch diese Lesart wird nicht nur der Einklang mit dem Inhalt des Lukasevangeliums zerstört, sondern auch die ganze Ordnung umgekehrt und diese Stelle ihres Sinnes beraubt. Das Wörtchen „heute“ steht am Anfang des Satzes, um die Erwiderung auf das Wort des Räubers „Wenn du in deinem Reich kommst“ mit Nachdruck zu betonen. Es ist kindisch, jenes Wörtchen mit der feierlichen Versicherung „Wahrlich, ich sage dir“ verbinden zu wollen, und zerstört die Anspielung auf die Bitte des Räubers, der nur erwartete, dass Christus, wenn Er in seinem Reich komme, sich seiner erinnern möge. „Nein“, sagt der Herr mit dem feierlichen „Wahrlich“, dessen Er sich bedient, „du sollst nicht einmal so lange warten, sondern wirst heute noch mit mir im Paradies sein.“ Was sollte das Wort in der Fassung „Wahrlich, ich sage dir heute“ für eine Bedeutung haben? Es würde die Versicherung ihrer Feierlichkeit entkleiden, während die Worte „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein“ weit über die Hoffnung des Räubers hinausgehen und uns andere als irdische Freuden offenbaren, die uns erwarten, wenn wir aus dieser Welt scheiden, um bei dem Herrn zu sein.

Durch die Bosheit der Juden ging die Verheißung des Räubers in Erfüllung, indem sie ihm die Beine brachen; ihre Bosheit war auch das Mittel zur Erfüllung des Erlösungswerkes, das dem armen Räuber das Recht gab, bei Christus im Paradies zu sein. Das war auch die Erwartung des Stephanus, als der Tod seinen Lauf auf der Erde beendete. Er sah Christus und bat Ihn, seinen Geist aufzunehmen. Hat Christus ihn aufgenommen? Oder hat Er nur dem Dienst und der Freude des Stephanus ein Ende gemacht und ihn zum Schlaf niedergelegt?

Der Zwischenzustand ist also nicht die Herrlichkeit; denn dazu gehört die „Auferweckung des Leibes in Herrlichkeit“. „Er wird unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit.“ Aber der Zwischenzustand ist die Segnung dort, wo es weder Unreinigkeit noch Sünde gibt. Man ist bei Christus selbst, der Quelle unaussprechlicher Freude. Paulus und Stephanus sind in ihrer Hoffnung und ihrem unerschütterlichen Vertrauen nicht getäuscht worden, und die dem Räuber vom Herrn gegebene Verheißung ist nicht unerfüllt geblieben. Ich richte an jedes vorurteilsfreie Gemüt die Frage, ob die in 2. Korinther 5, in Philipper 1 und in Apostelgeschichte 7 vorgestellte Hoffnung sowie die an den Räuber gerichteten Worte des Herrn lediglich einen tiefen Schlaf, einen Zustand der Bewusstlosigkeit verheißen. Lässt uns die Schilderung des Zustandes des reichen Mannes und des armen Lazarus durch den Herrn schließen, dass sich der Gottlose und der Gerechte in Schlaf und Bewusstlosigkeit befinden? Man wird einwenden, dass das nur eine bildliche Darstellung sei. Ich räume dies völlig ein; aber es kann doch unmöglich eine falsche Darstellung sein, die uns schlafende und bewusstlose Männer vor Augen stellt.

Überdies stellt uns 2. Korinther 5,6-8 einen glückseligen Zustand bei Christus vor Augen, der eintritt, sobald man gestorben ist: Diese Stelle bezieht sich unverkennbar auf den Tod; denn der Apostel hatte am Leben verzweifelt (2Kor 1). „Ausheimisch vom Leib und einheimisch bei dem Herrn sein“, das bezeichnet nicht die Auferstehung; vielmehr ist hier die Rede vom Verlassen des Leibes; man ist entkleidet. Auch in der Stelle, in der der Apostel vom Abscheiden spricht, um bei Christus zu sein, geht es nicht um die Auferstehung oder die Verwandlung, sondern um den Tod; denn er sagt: „Sterben ist Gewinn“ (Phil 1,21).

Wir können nicht sagen, in welcher Weise ein Geist Christus genießt; aber das macht keine Schwierigkeit. Mein Geist genießt Christus trotz aller Hindernisse, die ihm das elende, irdene Gefäß, in dem er sich befindet, in den Weg legt: Wir freuen uns, wiewohl wir Ihn selbst nicht sehen, mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude. Jetzt genießt meine Seele, nicht mein Leib, Christus in geistlicher Weise inmitten der Hindernisse des irdenen Gefäßes und ausheimisch vom Herrn; dann wird sie Ihn ohne das Hindernis des irdenen Gefäßes und einheimisch bei dem Herrn genießen. Der Gläubige kann vollkommen sicher sein, dass er einheimisch bei dem Herrn sein wird, wenn er diesen Leib verlässt, und dass dann die Freude der Gegenwart des Herrn sein Teil sein wird. Es kann niemand mehr als ich auf der Wiederkunft und der Erwartung des Herrn sowie auf der Wichtigkeit unserer Auferstehung bestehen, und immer wieder komme ich darauf zurück, sooft sich mir bei den Gläubigen eine Gelegenheit dazu bietet. Dadurch soll aber um keinen Preis die Wahrheit beeinträchtigt werden, dass für Gott alle – selbst die Geister im Gefängnis – leben, noch sollen die herrliche Freude, die Segnung und der „Gewinn“, bei dem Herrn zu sein, wenn wir sterben, geschmälert werden. Denn dieser Gedanke war stets die Freude der Heiligen und hat schon über manches Sterbebett ein himmlisches Licht verbreitet, wie dies, wenn der Herr verziehen sollte, auch weiterhin der Fall sein wird. 

Die Schrift redet klar und ausdrücklich von dem Glück des Christen bei seinem Abscheiden, von seinem Vorrecht, bei Christus zu sein; sie erblickt darin die Ursache für eine größere Freude, als sie der glückseligste Dienst auf Erden zu gewähren vermag. Von diesem Glück und diesem Vorzug spricht sie aber ebenso nachdrücklich, wenn es sich um das Kommen Christi zur Aufnahme all seiner Heiligen handelt mit dem Ziel, dass sie Ihm gleich und für immer bei Ihm in der Herrlichkeit seien. Das wird der vollkommene und vollendete Zustand der ewigen Segnung sein, nachdem die Hochzeit des Lammes stattgefunden hat und wir dann allezeit bei dem Herrn sein werden.


Originaltitel: „Der Zustand der Seele nach dem Tode“, Botschafter des Heils in Christus, 24. Jg., 1876, S. 91–107
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engl. Original: „The State of the Soul after Death“, The Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 31, S. 178–186;

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