Christus kennenlernen
„Christus ist alles“

Edward Dennett

© Soundwords, online seit: 25.07.2019

In seiner Gnade hat Gott jede Segnung für uns in Christus aufbewahrt. Ohne Christus haben wir nichts als unsere Sünden; mit Christus haben wir alles und deshalb brauchen wir neben Christus nichts. Der Apostel drückt das so aus: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“ (1Kor 3,22.23). Deshalb hat es ein alter Schreiber einmal so formuliert:

Wenn du Christus nicht kennst, spielt es keine Rolle, wenn du darüber hinaus alles weißt; aber wenn du Christus kennst, spielt es keine Rolle, wenn du darüber hinaus nichts weißt.

Nun kennt nicht jeder Gläubige Christus. Wer weiß, dass er Frieden mit Gott hat, kennt Christus als seinen Retter; er kennt Ihn in diesem Charakter oder in dieser Beziehung. Doch es ist etwas ganz anderes, Christus selbst zu kennen; Ihn so gut zu kennen, dass man mit seinen Gedanken vertraut ist, mit seiner Person, mit seinem Wesen und mit seinen Wegen. Wer Ihn so kennt, freut sich jeden Tag aufs Neue daran, die Schönheiten und Vollkommenheiten Christi zu genießen. Er bewundert Christus für das, was Er ist, vielleicht noch mehr – wenn das möglich wäre – als für das, was Er getan hat; wenngleich diese beiden Dinge nie voneinander getrennt werden können. Der Apostel Johannes lehrt sogar: Ihn, der von Anfang an ist, zu kennen, das ist das Letzte und das Höchste, was der Gläubige erreichen kann. Dieses Kennen ist das Merkmal der Väter in der Familie Gottes (1Joh 2).

Wo können wir Christus nun kennenlernen; wo können wir in Gemeinschaft mit Ihm sein, um Ihn immer besser kennenzulernen? Der einzige Ort, wo wir Christus begegnen können, ist das geschriebene Wort Gottes. Der Herr sagte zu den Pharisäern: „Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen“ (Joh 5,39). Wir finden Christus – Christus in jedem Aspekt, in jeder Position, in jedem Charakter und jedem Dienst – in der Heiligen Schrift; wir finden dort den erniedrigten und verworfenen Christus als auch den erhöhten und verherrlichten Christus. Je mehr wir also das Wort Gottes lesen und darüber nachdenken, umso mehr lernen wir Christus kennen.

Doch obwohl Christus in der Heiligen Schrift offenbart ist, können wir Ihn nicht erfassen, wenn wir nur unseren Verstand bemühen. Wir können die Schrift von morgens bis abends lesen, ohne dass ein einziger Strahl der Herrlichkeit Christi in unsere Seele fällt. Allein der Heilige Geist nimmt von Christus und zeigt es uns. Deshalb kommt es vor allem – oder soll ich sagen: nur? – darauf an, in welchem geistlichen Zustand ich mich befinde. Wenn ich gedankenlos oder eilig lese, wenn ich ungerichtete Sünde in meinem Herzen habe und somit den Heiligen Geist betrübt habe – wie kann ich da Christus erkennen und verstehen? Wenn der Heilige Geist mir Christus zeigen soll, muss ich wie Maria zu den Füßen Christi sitzen, muss ich mich mit Ihm beschäftigen, muss ich meine Augen auf Ihn richten und mein Ohr für seine Stimme öffnen. Ein stilles Herz und eine ruhige Seele sind unbedingt notwendig. Wie kann ich aber im Trubel des Alltags ein stilles Herz und eine ruhige Seele haben? Der Herr kann unserer Seele in seiner Gegenwart Stille und Ruhe geben, auch wenn Gewitter um uns her wüten. Und dann kann Er eine Schriftstelle, die tief in unserem Herzen verborgen ist, mit seiner eigenen Herrlichkeit so erstrahlen lassen, dass Er sie als ein Mittel benutzt, um sich uns noch mehr zu offenbaren.

Möchtest du Christus noch mehr kennen, noch mehr von Ihm haben? Nur wenige würden zögern, bei dieser Frage zu antworten: „Natürlich möchte ich das.“ Und doch ist es wahr – und es wurde schon oft gesagt –, dass jeder so viel von Christus besitzt, wie er danach verlangt. Von den Israeliten in der Wüste lesen wir, dass sie das Manna je nach ihrem eigenen Bedarf sammelten. Der Appetit bestimmte die Menge, die eingesammelt wurde. So ist es auch bei uns. Christus hält sich nicht von denen zurück, die Ihn wirklich suchen; nein, Er gibt uns weit mehr, als wir begehren. Tatsache ist: Wir wollen mehr von Christus haben und daneben noch anderes. Das kann nicht sein. Es muss Christus allein sein; Christus muss unser einziger Gegenstand sein, und dann will Er sogar weit mehr tun, als wir zu erwarten wagen (vgl. Eph 3,20). Philipper 3 lehrt uns die richtige Weise, wie wir danach streben können, Christus zu erkennen, während wir noch darauf warten, Ihn in der Herrlichkeit zu besitzen und Ihm gleichgestaltet zu werden. Paulus erachtet alles für Dreck wegen der Vorzüglichkeit Christi. Für Christus erduldet der Apostel mit Freuden den Verlust aller Dinge, um Christus allein zu gewinnen. Zwei Dinge kennzeichnen Paulus: Ausrichtung auf den Herrn und Herzensentschluss. Nur eines steht vor ihm, und das verfolgt er entschlossen. Der verherrlichte Christus, der sich ihm offenbart hatte, wirkt auf seine Seele wie ein mächtiger Magnet: Christus zieht Paulus von allem anderen weg hin zu sich selbst und bewirkt in ihm das starke Verlangen, Ihn immer mehr zu erkennen, damit er „Gemeinschaft seiner Leiden“ hat und sogar „seinem Tod gleichgestaltet wird“ (Phil 3,10) – mit der herrlichen Aussicht, aus den Toten auferweckt zu werden und dann für immer bei Ihm zu sein, Ihn zu besitzen und Ihm gleichgestaltet zu sein.

Möge der Herr es jedem von uns geben, in dieser Hinsicht ebenso gesinnt zu sein wie sein Diener Paulus.


Originaltitel: „Christ is Everything“
in The Christian’s Friend and Instructor, Jg. 10, 1883, S. 200–203

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