Aus dem Kontext gerissen ...
Vorsichtig beim Zitieren von Bibelstellen!

David R. Reid

© SoundWords, online seit: 23.06.2002, aktualisiert: 23.10.2016

Leitvers: Philipper 4,13

Phil 4,13: Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt.

Einleitung

Es ist eine bekannte Tatsache, dass man einem Menschen nahezu alles in den Mund legen kann, wenn man ihn ohne den dazugehörigen Kontext zitiert. Wir alle wissen, dass Politiker Experten auf diesem Gebiet sind – besonders während des Wahlkampfes!

Leider machen viele Leute exakt das Gleiche mit der Bibel. Es ist erstaunlich, wozu man die Bibel machen kann, wenn man sie ohne Textzusammenhang zitiert. Es wird tatsächlich oft gesagt, dass ein biblischer Text ohne seinen Zusammenhang leicht zu einer Ausrede wird. Das heißt, man benutzt den Text, um Absichten zu präsentieren, die mehr den Gedanken des Redners entsprechen als den Gedanken Gottes.

Die Schrift aus dem Zusammenhang reißen

Nun reißen die meisten Christen die Schrift nicht mit Absicht aus dem Zusammenhang. Wir haben zwar alle unsere Steckenpferde, aber wir wollen einmal hoffen, dass wir die Bibel nicht willentlich verzerren und entstellen, um unsere eigenen Ziele zu rechtfertigen. Doch viele Christen nehmen unwissentlich biblische Verse heraus und ignorieren den Kontext. Sie laufen deshalb Gefahr, die Heilige Schrift zu zerpflücken, weil sie dem Textzusammenhang nicht genügend Aufmerksamkeit schenken.

Beispiel: Philipper 4,13

Nehmen wir Philipper 4,13 als Beispiel, um zu zeigen, was es bedeutet, dass der Textzusammenhang die Auslegung bestimmt. Was bedeutet es, wenn die Bibel sagt: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“? Bedeutet es, dass ich 250 Kilogramm stemmen kann, wenn ich genug Glauben besitze? Heißt das, dass ich von einem Hochhaus springen kann, ohne mir auch nur einen einzigen Knochen zu brechen, weil ich übernatürliche Kräfte habe? Heißt das, dass ich wie Christus auf dem See von Galiläa auf dem Wasser gehen kann? Sicherlich wird kein Christ, der bei Verstand ist, Philipper 4,13 derart aus dem Kontext reißen.

Aber wie steht es mit anderen Fällen? Denken wir an christliche Studenten, die sich gewaltige Aufgaben aufladen – Akademiker, Athleten, Aktionsgruppen, die sich in nützlichen Aktivitäten engagieren. Sie gönnen sich keine adäquate Ruhezeit und treiben sich stetig an, immer mehr an Lasten aufzunehmen. Ist es gerechtfertigt, dass diese Studenten für ihren Erfolg in diesen Disziplinen Philipper 4,13 fordern? Erlaubt der Kontext dieses Verses eine solche Schlussfolgerung? Wenn sie an der Grenze ihrer körperlichen Fähigkeiten angelangt sind – sollen sie das Empfinden haben, dass sie an mangelndem Glauben gescheitert sind oder dass gar Christus gescheitert ist? Hat sich die Verheißung in Philipper 4,13 als falsch erwiesen oder ist der Vers aus dem Zusammenhang gerissen worden?

Stellen wir uns nun einmal Christen vor, die einen neuen Beruf ergreifen oder sogar einen neuen Dienst für den Herrn beginnen, ohne sich zuerst vorbereitet und umsichtig geplant zu haben. Verspricht Philipper 4,13 Erfolg, solange wir im Glauben leben? Stellen wir uns vor, die neue Karriere läuft nicht an oder unser Dienst schlägt fehl. Ist es richtig für einen Christen, dann frustriert zu sein und mit dem Herrn zu hadern, dass Philipper 4,13 nicht wahr ist? Reicht die Stärke Christi wirklich für alles aus oder ist Philipper 4,13 aus dem Zusammenhang gerissen worden?

Gerade die Christen, die diesen Vers zitieren, um ihren Erfolg in verschiedenen Unternehmungen zu erklären, bringen noch mehr Verwirrung in die richtige Auslegung von Philipper 4,13. Nehmen wir als Beispiel den christlichen Geschäftsmann, der in einem Gespräch während eines Abendessens Philipper 4,13 als Begründung für seinen finanziellen Erfolg heranzieht. Das hört sich zunächst doch ziemlich gut an, aber wie setzt diese Aussage alle die bedauernswerten christlichen Geschäftsleute unter seinen Gästen herab, die sich abmühen, aber finanziell viel schlechter gestellt sind als er? Reicht die Stärke Christi für sie nicht aus? Ist Philipper 4,13 nicht aus dem Kontext gerissen worden? Was ist mit dem christlichen Sportler, der Rekorde bricht und seine Triumphe bescheiden mit diesem Vers erklärt? Das alles hört sich so großartig an, und es kommt sicher aus einem dankbaren Herzen, aber wenn wir diesen Vers als Erklärung für sportlichen Erfolg benutzen, wird es eine ernste Frage. Wieder müssen wir überlegen, was mit christlichen Athleten ist, die nicht so talentiert sind und nicht so viele Medaillen gewonnen haben. Auch sie haben viel trainiert und das Letzte aus sich herausgeholt und sie haben trotzdem verloren oder sich nicht einmal qualifiziert. Wo ist die Stärke Christi für sie? Sicherlich hatten die meisten von ihnen ebenso viel Vertrauen in die Zusage aus Philipper 4,13 wie der erfolgreiche Sportler. Ist dieser Vers aus dem Kontext gerissen worden?

Das Problem all dieser Beispiele ist, dass man den Kontext von Philipper 4,13 außer Acht gelassen hat. Diese wohlmeinenden Christen haben diesen Vers gebraucht, ohne den Zusammenhang zu beachten, so dass der Vers Dinge zu sagen scheint, die der Heilige Geist nie beabsichtigt hat. Der Textzusammenhang verdient also unbedingt Beachtung. Es ist nicht nur hilfreich, den Kontext einer Stelle genau zu untersuchen, sondern es ist für die richtige Auslegung unabdingbar. Den Kontext zu prüfen, schützt uns vor überspannten Interpretationen, die Gott nie im Sinn hatte, als Er den Text inspirierte. Ein gutes Verstehen des Kontextes kontrolliert gleichsam unsere Auslegung zu jedem einzelnen Vers. Den Kontext zu kennen, löscht das Bedürfnis nach Vermutungen und Vorstellungen aus. Da ist weniger Raum für gefühlsmäßige Interpretation, wenn wir den Zusammenhang einer Passage der Schrift verstanden haben.

Kontext beachten

Was genau meinen wir nun mit „Kontext“? Der Kontext, der Zusammenhang, ist mehr als nur die umgebenden Verse eines Textes der Heiligen Schrift. Kontext schließt die umgebenden Abschnitte und Kapitel und schließlich das ganze Buch der Bibel, aus dem der Text entnommen wurde, mit ein. Je mehr wir über den geschichtlichen Hintergrund wissen, je mehr uns die originale Situation vertraut ist, je besser wir die Absicht, mit der der Brief geschrieben wurde, erkennen, je besser wir das Hauptthema, die Struktur und Beweisführung des Buches kennen, desto leichter wird es uns fallen, unsere Auslegung zu jedem Buch der Bibel zu kontrollieren. Übrigens ist dies der Grund, warum die „Buch-für-Buch-Methode“ die beste Strategie ist, sich die Bibel zu erschließen. Gott hat die Bibel nicht dadurch zusammengestellt, indem Er einfach voneinander isolierte Verse zusammengefügt hatte; Er gab uns sein Wort vielmehr in Büchern. Warum studieren wir die Bibel nicht, wie Gott sie uns gegeben hat? Ich sage das hier nicht, um zu anzudeuten, dass Studien und Nachdenken über Lieblingsstellen oder selbst das „Öffnen-und-einfach-irgendwo-Lesen“ nicht gewinnbringend sein kann. Aber die „Buch-für-Buch-Methode“ hat zusätzlich den Vorteil, dass wir die richtige Auslegung kennenlernen: den umfassenden Kontext eines jeden Verses in diesem Buch.

Der eigentliche und offensichtliche Grund, warum es so wichtig ist, den Kontext genau zu verstehen, ist: Gott hat keinen einzigen Vers der Bibel ohne Kontext geschrieben. Es gibt immer einen historischen Zusammenhang und einen literarischen Kontext zu jedem Vers der Bibel. Deshalb sollte der Frage „Was hat dieser Vers uns heute zu sagen?“ immer die Frage „Was bedeutete der Vers, als er geschrieben wurde?“ vorangehen. Was war die historische Situation? Wer war der Autor und wem schrieb er? Wann, wo und warum wurde dieses Schriftwort niedergeschrieben? Welche literarische Form wurde verwendet? War es eine Prophezeiung, ein Gleichnis, ein Gedicht, ein Brief, ein historisches Geschehnis oder eine andere literarische Gattung? Die Antworten auf diese Fragen sind Teil des Kontextes, und die Kenntnis der Sachverhalte ermöglicht uns einen raschen Fortschritt von der Frage „Was bedeutete dieser Vers?“ hin zu der Frage „Was bedeutet dieser Vers uns heute?“. Wenn wir diese Hausaufgabe gemacht haben, wird unsere Anwendung für heute kraftvoller und weniger spekulativ sein, weil sie dann direkt auf Gottes Absicht mit dem Text beruht.

Der Kontext von Philipper 4,13

Lasst uns nun einen kurzen Blick auf den Kontext von Philipper 4,13 werfen, um zu sehen, wie selbst eine gekürzte, kontextbezogene Betrachtung helfen kann, den Vers richtig auszulegen. Der Apostel Paulus war Gefangener in Rom, als er diesen Brief an die Philipper schrieb (s. Apg 28). Die Gemeinde in Philippi wurde auf Paulus’ zweiter Missionsreise mehr als zehn Jahre zuvor gegründet worden (s. Apg 16). Ein gläubiger Bruder namens Epaphroditus (Phil 2,25; 4,18) kam von Philippi zu Paulus nach Rom, um ihm eine finanzielle Hilfe zu übergeben. Einer der Gründe, warum Paulus diesen Brief schrieb, war, den Gläubigen für ihr Geschenk zu danken und sie über seine Situation in Rom zu informieren.

Nun beachte man die Verse, die Philipper 4,13 direkt umgeben. Paulus war sehr dankbar für dieses Geschenk und erfreut über die Tatsache, dass sie mit ihm beschäftigt waren (Phil 4,4.10.14-19). Der Apostel hob aber auch hervor (Phil 4,11.12), dass er ungeachtet seiner Umstände zufrieden war, weil er gelernt hatte, sich mit seinen Bedürfnissen auf den Herrn zu verlassen. In diesem Zusammenhang haben wir die zuversichtliche Aussage in Vers 13. In Zeiten von Not und Leid war Paulus nicht besorgt oder aufgeregt, weil er nämlich die Erfahrung gemacht hatte, dass er sich völlig auf Christus verlassen konnte. Auch wir können es! Das ist die wunderbare Zusage von Philipper 4,13 für uns heute – in Übereinstimmung mit dem Textzusammenhang!

Durch diese Kontrolle durch den Kontext geführt, sollten wir durch Philipper 4,13 nicht finanziellen Erfolg, gute Prüfungsergebnisse oder Goldmedaillen fordern, aber wir dürfen durch diesen Vers sicherlich die Kraft fordern, die wir brauchen. Erinnern wir uns daran, dass dem Kontext zufolge die Bedürfnisse des Paulus sich auf den Dienst für Christus konzentrierten, nicht auf die Nöte, die aus selbstsüchtigen Ambitionen, Verantwortungslosigkeit oder Nachlässigkeit resultiert hätten. Auch das sollte unsere Auslegung und Anwendung dieser Verheißung kontrollieren.

Stehst du vor irgendwelchen Bedürfnissen, Schwierigkeiten oder harten Zeiten, weil du dich entschieden hast, zu Jesus zu stehen? Dann darfst auch du mit Paulus voller Zuversicht sagen: „Ich vermag alles durch den, der mich stark macht.“


Originaltitel: „Controlled by Context“
Quelle: www.growingchristians.org

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