Die Leitung des Geistes in den Zusammenkünften
1. Korinther 14

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© SoundWords, online seit: 15.08.2021, aktualisiert: 17.10.2021
Inhalt

Einleitung

Es ist eine berechtigte Frage: Wer sollte eigentlich eine Gemeindezusammenkunft leiten? Es mag sein, dass wir uns als Christen an bestimmte Rituale oder Abläufe gewöhnt und diese möglicherweise noch nie hinterfragt haben. Manche haben die Gewohnheit, zusammenzukommen und darauf zu warten, wer von den Brüdern sich zu einem Dienst gebrauchen lässt. Solche Versammlungen sprechen gerne von der „Leitung des Geistes in den Zusammenkünften“. Andere sind es gewohnt, im Vorfeld einer Gemeindezusammenkunft alles zu organisieren und zu planen: Lieder werden herausgesucht, das Predigtthema und der Prediger werden festgelegt und Personen, die eine Fürbitte aussprechen sollen, ausgewählt. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Was sagt eigentlich die Bibel dazu? Oder sind wir frei, es so oder so zu machen?

Wie lese ich die Bibel?

Eine grundsätzliche Überlegung soll der Beantwortung dieser Frage vorangestellt werden. Von grundlegender Bedeutung ist nämlich: Wie lese ich eigentlich die Bibel? Es gibt besonders in unserer Zeit eine Entwicklung, die man eine „Theologie des Schweigens“ nennen könnte. Wir führen neue Elemente in unser Christen- und Gemeindeleben ein mit der Begründung: Es erscheint uns nützlich und es steht nicht in der Bibel, dass es verkehrt ist. Dabei ist uns sicher allen klar: Wenn wir alles in die Gemeinde einführen würden, wovon die Bibel nicht explizit sagt, dass es verkehrt wäre, dann würden wir mittelfristig sehr seltsame Zusammenkünfte erleben. Es gibt natürlich Dinge, die dem Geist der Schrift entsprechen, aber nicht explizit im Wort stehen. Um festzustellen, ob etwas dem Geist der Schrift entspricht, ist natürlich viel Weisheit und eine gute Kenntnis des Wortes Gottes notwendig. Wir müssen die Grundsätze der Heiligen Schrift gut kennen.

Einige Beispiele: Es steht nicht in der Schrift, dass wir in der Woche eine Wortbetrachtungsstunde oder Bibelstunde haben müssen. Wenn wir aber in Apostelgeschichte 2,42 aufgefordert werden, in der Gemeinschaft zu verharren, dann bedeutet das vor allen Dingen eine Gemeinschaft unter Gottes Wort, denn die Gemeinschaft hängt hier sehr eng mit der im selben Vers erwähnten „Lehre der Apostel“ zusammen. Wenn wir diesem Wort also nachkommen wollen, werden wir Möglichkeiten schaffen, wo wir Gemeinschaft unter Gottes Wort erleben und in der Lehre der Apostel verharren können.

Es steht auch nirgends, wie lange eine Zusammenkunft dauern sollte. Wir lesen jedoch in 1. Korinther 14, dass die Zahl derer, die eine Weissagung und einen Beitrag in einer Sprache weitergeben, auf maximal drei beschränkt wird. Das zeigt: Der Geist Gottes erinnert uns durch den Apostel Paulus daran, dass die Aufnahmefähigkeit der Zuhörerschaft begrenzt ist. Daraus können wir z.B. ableiten, dass mehr als zwei Stunden ohne Pause nicht angebracht sind.

Es steht auch nicht in der Heiligen Schrift, dass wir eine extra Gebetsstunde einrichten müssten. Aber in Apostelgeschichte 12,5 lesen wir, dass man zum anhaltenden Gebet versammelt war. Bei diesen Einrichtungen steht also deutlich das Wort Gottes dahinter, auch wenn es nicht explizit erwähnt wird.

Die angeführten Beispiele werden nicht mit einem Schweigen der Schrift erklärt, sondern gerade durch eine gewissenhafte Auslegung des Wortes Gottes, indem Schrift mit Schrift verglichen und der Gesamtkontext berücksichtigt wird.

Exkurs: Das Einführen von Dingen, die nicht verboten sind

Wie sieht es nun in Bezug auf die Zusammenkünfte mit unserer Freiheit aus, etwas einzuführen, was nicht verboten oder geboten ist?

In 3. Mose 10,1 lesen wir:

3Mo 10,1: Die Söhne Aarons, Nadab und Abihu, nahmen jeder seine Räucherpfanne und taten Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf und brachten fremdes Feuer vor dem HERRN dar, das er ihnen nicht geboten hatte.

Gott hatte doch nirgendwo verboten, anderes Feuer als das vom Räucheraltar zu nehmen. Aber es reichte, dass sie etwas taten, was Gott nicht geboten hatte, um getötet zu werden, als sie damit in die Gegenwart Gottes gingen. Nadab und Abihu hatten sich nichts dabei gedacht; vielleicht hatten sie sogar gute Gründe dafür, anderes Feuer zu nehmen, aber es reichte aus, dass es „nicht geboten“ war. Sollte uns das nicht vorsichtig machen, wenn wir in die Gegenwart des Herrn Jesus gehen, zu dem wir uns versammeln, etwas zu tun, was Er „nicht geboten“ hat?

Vielleicht denken einige: Ja, das war im Alten Testament. Da war alles ganz streng. Da war auch alles genau geregelt, aber heute leben wir in der Gnadenzeit und da ist alles anders und wir haben ja auch gar nicht viele Vorschriften über das Versammlungsleben. – Doch wir fragen zurück: Sollte Gott heute weniger daran interessiert sein, wie die Gläubigen sich in der Gegenwart seines Sohnes, des Herrn Jesus, verhalten, auch wenn Er falsches Verhalten nicht direkt mit dem Tod bestraft? Sind denn diese Dinge nicht für uns zu Vorbildern und zu unserer Belehrung geschrieben worden (vgl. 1Kor 10,6.11; Röm 15,4)? Welche Belehrung wollen wir denn daraus ziehen?

Zudem gibt uns das Neue Testament weitere wichtige Belehrungen:

  • In 1. Korinther 5 sehen wir, dass die Korinther einen Hurer in ihrer Mitte geduldet hatten. Sie hatten damit kein Problem und meinten, sich darauf zurückziehen zu können: Nirgendwo haben wir gehört, dass wir dagegen vorgehen sollen; also ist es in Ordnung, wenn wir uns nicht darum kümmern. – Grundsätzlich stimmte das sogar, denn der Korintherbrief war noch nicht geschrieben. Und wie es scheint, hatten sie während des Aufenthalts von Paulus keine diesbezügliche Anweisung bekommen. Doch was sagt der Apostel? „Ihr seid aufgebläht und habt nicht vielmehr Leid getragen, damit der, der diese Tat begangen hat, aus eurer Mitte weggetan würde“ (1Kor 5,2). Es hätte eine Selbstverständlichkeit gewesen sein sollen, dass sie sich darüber gedemütigt und Leid darüber getragen hätten. Sie hätten wenigstens den Herrn gebeten haben sollen, irgendwie von diesem Bösen befreit zu werden. Die Furcht Gottes, die zu allen Zeiten für alle Gläubigen gleichermaßen gültig ist, hätte sie dazu führen müssen. Gott hatte von jeher klargemacht, dass sein Volk sich nicht mit dem Bösen verbinden durfte.

  • In 1. Korinther 6 gehen sie bei Rechtsstreitigkeiten untereinander vor Gericht. Das war nicht direkt verboten. Und es gab gute Gründe, ein weltliches Gericht aufzusuchen. Schließlich hatte man es hier mit Experten in Rechtsfragen zu tun. Da war es doch angebracht, sich dahin zu wenden. Gott hatte es schließlich nicht verboten! Aber Paulus sagt: Ihr solltet aus eurem Wissen heraus, dass ihr einmal die Welt richten werdet – Henoch hatte davon schon eine Ahnung (Jud 14.15) –, geschlossen haben, dass es kein gutes Zeugnis für das Christentum ist, mit solchen Sachen vor ein weltliches Gericht zu gehen. Bei der Würde des christlichen Standes hätte ein Gang zu einem weltlichen Gericht sie doch peinlich berühren sollen.

  • In 1. Korinther 8 wussten die Korinther, „dass ein Götzenbild nichts ist in der Welt und dass keiner Gott ist als nur einer“ (1Kor 8,4), und Gott hatte nicht verboten, in den Götzentempel zu gehen. Dann hatten sie also die Freiheit, das zu tun? Nein, wenn sie an die Auswirkung auf andere gedacht hätten, denn durch dieses Verhalten konnte der schwache Bruder umkommen (1Kor 8,11).

  • In 1. Korinther 10,22 fügt Paulus einen weiteren Punkt hinzu, der auch für die Korinther eine Selbstverständlichkeit hätte sein sollen: Was hätte der Herr Jesus denken sollen, wenn einer der Seinen ohne Probleme am Tisch der Dämonen teilgenommen hätte? Der Gedanke daran, wie der Herr Jesus darüber empfinden muss, hätte sie davon abhalten sollen.

  • In 1. Korinther 11,1-16 geht es u.a. um die Kopfbedeckung. Auch hierzu gab es noch kein Gebot. Aber Paulus hätte von ihnen einen geistlichen „Anstand“ erwartet, der sie schon von alleine dazu gebracht hätte, dass eine Frau nicht unbedeckt zu Gott betet (1Kor 11,13).

  • In 1. Korinther 11,20-34 geht es um das Abendmahl. Wie das genau abgehalten werden sollte, darüber gab es ebenfalls kein Gebot. Und die Korinther müssen wohl gedacht haben: Das ist ein wunderbares Gemeinschaftserlebnis, wir verbinden das mit einem Liebesmahl, dann können wir dieser Gemeinschaft untereinander noch viel besser Ausdruck geben. – Sie hätten sogar noch anführen können, dass der Herr vor dem Brotbrechen mit seinen Jüngern ja auch gegessen und getrunken hatte. Sie hatten dann wohl auch vereinbart, dass jeder sich das mitbringt, was und wie viel er selber gerne isst und trinkt, und dann sei jeder auch zufrieden. Das waren doch gute Überlegungen, oder? Doch das Ergebnis war nicht anders als in 3. Mose 10 (siehe oben): Tod! (1Kor 11,30). Wir sehen daher, dass Gott im Neuen Testament denselben Eifer wie im Alten Testament an den Tag legt, wenn es um sein Haus geht. Die Argumente von Paulus sind auch wieder solche, die für die Korinther eigentlich hätten selbstverständlich sein sollen: Wie konnten sie die Bedürfnisse ihrer Mitgeschwister so übersehen: Manche konnten gar nichts zu essen mitbringen, weil sie gar nichts hatten, während andere prassten. Wie konnten sie so rücksichtslos gegenüber ihren Mitgeschwistern sein (1Kor 11,22b)? Wie konnten sie so rücksichtlos gegenüber dem Herrn sein, der in seinem Leib so für sie gelitten hatte und gerade dadurch gezeigt hat, wie sehr Er an andere gedacht hat (1Kor 11,29)? Warum hatten sie nicht überlegt, dass es nicht um ihre natürlichen Bedürfnisse geht, wenn sie versammelt waren, sondern um die Sache des Herrn (1Kor 11,22a)? Für ihre natürlichen Bedürfnisse hatten sie ihre eigenen Häuser.

  • Im ersten Teil von 1. Korinther 14 geht es um die Ausübung der Gaben. Auch hierzu hatten sie bisher kein Gebot bekommen. So hatten sie wohl überlegt, dass die imposanteste Gabe ja die Sprachengabe war und dass, wenn das Sprachenreden nacheinander ausgeübt würde, nicht genug Zeit für alle wäre; daher scheint es so gewesen zu sein, dass sie sich hauptsächlich mit Sprachenreden abgaben, und das dann noch parallel. Die Gedanken kann man in etwa nachvollziehen. Dennoch zeigt der Apostel ihnen auf, dass selbst ihr alltägliches Leben ihnen schon hätte sagen sollen, dass so etwas nutzlos ist (1Kor 14,7-11); ein bisschen logisches Denken hätte ihnen geholfen (1Kor 14,16). Und wenn sie darüber nachgedacht hätten, was wohl das Ziel Gottes in Bezug auf seine Versammlung sein könnte – nämlich die Auferbauung des Leibes des Christus (Eph 4,12; 1Kor 14,4.5) –, dann wäre ihnen sofort klar gewesen, dass die Sprachengabe in der Versammlung den untersten Rang einnehmen sollte. Zu der Parallelbeteiligung, wo alle durcheinander redeten, sagt er: Ihr kennt doch den Charakter Gottes. Gott ist doch kein Gott der Unordnung; da sollte es doch eigentlich klar sein, dass ihr nacheinander und nicht durcheinander redet – und das ist doch überall in jeder Versammlung das Gleiche (1Kor 14,33).

  • Am Ende von 1. Korinther 14 geht es um die Rolle der Schwestern in den Zusammenkünften. Auch hier hatte es kein Gebot gegeben. Und die Korinther dachten sicher: Im Christentum ist alles anders als im Judentum und die Schwestern haben auch Gaben bekommen; warum sollten sie sich nicht beteiligen? – Das war doch eine nachvollziehbare Begründung. Doch Paulus sagt: Im Gesetz, im Alten Testament, hättet ihr doch lesen können, dass die Frau sich unterordnen soll, und daraus hättet ihr doch erkennen können, dass so etwas nicht geht (1Kor 14,34). Dabei gab es noch nicht einmal ein klares Gebot im Alten Testament dafür. Es sind einfach bestimmte Begebenheiten, die wir dort finden, die uns das zeigen. Welche das sind, darauf kommt Paulus an anderer Stelle zu sprechen (1Kor 11,9; 1Tim 2,13.14); und Petrus fügt noch einen weiteren Gedanken hinzu (1Pet 3,5.6). Diese Begebenheiten, ohne Gebotsform, hätten ihnen das zeigen sollen, weil sie Grundsätze Gottes darstellen, die sich nicht ändern.

  • In 1. Korinther 15 sehen wir, dass sie einige unter sich duldeten, die sagten, „dass es keine Auferstehung der Toten gebe“ (1Kor 15,12). Sie werden wohl ähnlich wie einige Christen heute argumentiert haben: Das ist eine Parallellehre, böse Lehre wollen wir das nicht gleich nennen. Wir glauben sie zwar nicht, aber wer da anders denkt – nun ja … eine genaue Anweisung haben wir hier keine! – Paulus sagt ihnen nun: Warum denkt ihr das nicht zu Ende? Denkt doch mal durch, was das konsequenterweise bedeutet: Ist Christus nicht auferweckt, seid ihr noch in euren Sünden, sind die Entschlafenen verloren; alles, was wir als Christen erduldet haben, ist umsonst (1Kor 15,16-19.29.32). Überlegt mal, was ist die Auswirkung auf das praktische Christenleben (1Kor 15,32b)? Und das selbst bei euch, die ihr noch an der Auferstehung festhaltet (1Kor 15,33).

Wir sehen also, es gibt bei der Einführung von Verhaltensweisen in der Versammlung Gottes manches zu berücksichtigen. Fassen wir das eben Betrachtete noch einmal zusammen – in dem Bewusstsein, dass diese Liste sicher nicht vollständig ist:

Ist die Einführung einer neuen Verhaltensweise in Übereinstimmung …

  1. mit der Furcht Gottes? (1Kor 5)
  2. mit der Würde der Christen? (1Kor 6)
  3. mit der Rücksicht auf schwache Geschwister? (1Kor 8)
  4. mit dem Empfinden des Herrn Jesus? (1Kor 10)
  5. mit dem Anstandsgefühl geistlicher Geschwister? (1Kor 11,1-16)
  6. mit der Rücksicht auf ärmere Mitgeschwister? (1Kor 11,22b)
  7. mit der Tatsache, dass es in der Versammlung nicht um unsere natürlichen Bedürfnisse gehen soll? (1Kor 11,22a)
  8. mit den Leiden und der Ehre des Herrn? (1Kor 11,29)
  9. mit Selbstverständlichkeiten im täglichen Leben? (1Kor 14,7-11)
  10. mit logischem Denken? (1Kor 14,16)
  11. mit dem Ziel Gottes in Bezug auf seine Versammlung? (1Kor 14,4.5)
  12. mit dem Wesen Gottes? (1Kor 14,33)
  13. mit dem, was wir aus Begebenheiten der Schrift lernen können? (1Kor 14,34)
  14. mit den Konsequenzen, wenn man die Sache zu Ende denkt? (1Kor 15,13-17)
  15. mit einer Hinführung zu praktischer Lebensheiligung? (1Kor 15,32b)
  16. mit dem Bewusstsein eines bestehenden Verführungspotentials? (1Kor 15,16-19.29.32)

Wenden wir diese Grundsätze einmal auf zwei Beispiele an.

  • Erstes Beispiel: Es kommt die Frage auf, ob es nicht gut wäre, wenn der Gesang in der Gemeinde durch einen Chor oder eine Band ersetzt bzw. unterstützt würde. Die Heilige Schrift sagt nicht, dass die Einführung eines Chores oder einer Band verboten wäre. Einige schließen daraus: Weil die Schrift nichts sagt, kann man es ruhig einführen. Weil der Herr nichts dagegen sagt, schließen sie, dass Er dafür ist. Man weiß es nicht genau, man geht einfach davon aus. Denken wir jetzt an Punkt 8 aus obiger Liste: die Ehre unseres Herrn. Wir sind zu Ihm hin versammelt. Aber bei einem Chor oder einer Band lässt sich kaum vermeiden, dass der Mensch im Mittelpunkt des Geschehens steht. Der Fokus wird auf Menschen gelenkt, wie sie sich äußern, ob sie es gut machen oder schlecht usw. Denken wir auch an Punkt 7 und die „natürlichen Bedürfnisse“. Bei dem Wunsch nach einem Chor oder einer Band geht es doch letztlich auch darum, dass wir einen musikalischen Genuss haben möchten. Würde uns Paulus nicht schreiben (vgl. 1Kor 11,22): Habt ihr keine entsprechende Technik zu Hause, wo ihr euch wohlklingende Musik anhören könnt?[1]

  • Zweites Beispiel: Es könnte in unserer Zeit ein Problem sein, wenn man in der Zusammenkunft Medien wie Tablet oder Smartphone einsetzt. Zumindest dann, wenn kein ernsthafter Grund es nötig macht. Es mag sein, dass dies in ein paar Jahren für einige Geschwister Standard sein wird, so wie man in den Zeiten Jesu noch aus Buchrollen vorgelesen hat und später auf die viel einfachere Variante des Buches umgestiegen ist. Aber in unserer Zeit könnte es passieren, dass man dadurch auf ärmere Geschwister keine Rücksicht nimmt, die sich ein Tablet nicht leisten können (siehe Punkt 6).[2]

    Wenn wir diese Sache konsequent zu Ende denken (siehe Punkt 14), wird die Gefahr umso größer sein, dass wir in den Zusammenkünften vermehrt Beiträge bekommen, die erst wenige Sekunden vorher in einem Kommentar angelesen wurden. Solche unverdauten (im geistlichen Sinne „gestohlenen“) Gedanken sind ganz sicher nicht im Sinne des Herrn – ähnliche Gefahren gelten im Übrigen für die heutigen Studienbibeln, wenn sie in den Zusammenkünften genutzt werden. Der Diener sollte sich mit einem Thema ordentlich und in der Gemeinschaft mit dem Herrn auseinandergesetzt haben.

    Zudem könnten wir versucht sein (siehe Punkt 16), eine Predigt so vorzubereiten, dass wir sie dann nur noch ablesen müssen. Natürlich haben wir nichts gegen Stichpunkte und schon gar nichts gegen eine gründliche Vorbereitung für Predigtdienste. All das ist auch ohne digitale Medien möglich. Überhaupt sagen wir nicht, dass diese Probleme nur durch die digitalen Medien bestehen, aber diese Möglichkeiten werden doch wesentlich einfacher.

    Im Blick auf schwache, vielleicht nicht immer nur jüngere Geschwister (Punkt 3) wollen wir bedenken, dass sie in die Versuchung gebracht werden, zwischendurch eine WhatsApp- oder Facebook-Nachricht zu checken.

    Diese Überlegungen haben nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun. Wenn es Geschwister gibt, die selbst mit Brille den Bibeltext nicht lesen können, kann man überlegen, ob man ihnen nicht sogar ein Tablet schenkt, wenn sie es sich nicht selber kaufen können, damit sie den Bibeltext auch in den Zusammenkünften wieder lesen können. Aber das ist etwas ganz anderes.

Es geht uns nicht darum, Dinge pauschal verbieten zu wollen, sondern einmal aufzuzeigen, welche Grundsätze aus Gottes Wort uns bei einer Sache persönlich wie gemeinschaftlich leiten können bei einem Thema, das nicht explizit im Wort Gottes steht.

Wir verstehen vielleicht jetzt besser, warum der Apostel Paulus für die Philipper um „Erkenntnis und Einsicht“ betet, damit sie „das Vorzüglichere“ erkennen sollten (Phil 1,9-11).

Wer ist der Mittelpunkt der Zusammenkunft?

Bei der Beantwortung der Frage „Wer sollte die örtliche Gemeinde leiten?“ ist es zunächst unabdingbar, der Frage nachzugehen, was die Heilige Schrift zu dem Mittelpunkt der Zusammenkunft sagt. Der Herr Jesus hat der örtlichen Versammlung die Verheißung gegeben, dass Er persönlich in der Mitte derer sein will, die sich zu seinem Namen hin versammeln (Mt 18,20).

Ein Unterschied zwischen „bei euch“ und „in ihrer Mitte“

Es ist ein Unterschied, wenn der Herr Jesus sagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,20), und: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20).

  • Im ersten Fall geht der Herr Jesus mit uns durch die Umstände unseres Lebens, Er ist „bei euch“, wir dürfen wissen, dass Er immer an unserer Seite steht. Das ist sogar wahr, wenn wir keine guten Wege gehen, denn der Herr verlässt uns nie (Heb 13,5; Ps 139,7-10). Es geht hier um unsere Aktivitäten, Bedürfnisse und Interessen.
  • Im zweiten Fall gehen wir „zu Ihm“ (Heb 13,13); wir gehen an den Ort, wohin der Herr Jesus uns einlädt, bei Ihm zu sein. Der Herr Jesus ist „Sohn über sein Haus“ (Heb 3,6). Dort hat Er das Sagen. Er ist der Hausherr und es geht um seine Interessen. Daher muss Er sagen, wie alles zu laufen hat. Was wir tun, wollen wir im Namen des Herrn Jesus tun – sprich, in Übereinstimmung mit allem, was seine Person ist und offenbart hat. Es ist ein Ort, wo der Herr Jesus die Dinge bestätigt, die wir in seinem Namen binden oder lösen (Mt 18,18-20). Es ist ein Ort, wo der Herr Jesus seine Gegenwart in der Mitte der Seinen verheißt, wo Er das Zentrum derer ist, die versammelt sind (Mt 18,20).

Es ist also von großer Bedeutung, dass wir den Unterschied erkennen, wenn wir zu seinem Namen zusammenkommen oder ob der Herr Jesus mit uns ist in den Umständen des Lebens.

Wir lesen davon, dass man „an jedem Ort den Namen des Herrn anrief (1Kor 1,2) und das „jeder, der den Namen des Herrn nennt“, von der Ungerechtigkeit abstehen sollte. Außerdem sollte man sich zu denen halten, „die den Namen des Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2Tim 2,19-22). Ebenso sollte ein Ausschluss nur in diesem Namen geschehen (vgl. 1Kor 5,4). Wenn Gott dem Herrn Jesus einen Namen gegeben hat, „der über jeden Namen ist“ (Phil 2,9-11), dann versteht es sich von alleine, dass wir uns keinen Namen geben, der weglenkt von dem einzigartigen Namen des Herrn Jesus Christus (vgl. 1Kor 1,11-13). Wenn das zur Zeit von Paulus verkehrt war, dann auch heute. Es ist wohl allen Christen klar, dass es im Himmel keine trennenden Namen mehr geben wird; warum will man sie dann auf der Erde haben? Soll denn nicht sein Wille geschehen, wie im Himmel, also auch auf der Erde (vgl. Mt 6,10)?

Es gibt nur einen Ort

Im Alten Testament war die Stiftshütte und später der Tempel in Jerusalem der Ort, wo Gott mit seiner Gegenwart anwesend war. Es gab nur einen Ort, wo Gott seine Gegenwart verheißen hatte (vgl. 5Mo 12). Er war nicht bei den selbsterdachten Altären in Dan und Bethel, die Jerobeam I. (vgl. 2Chr 25,7) nach der Trennung zwischen dem Nord- und Südreich gemacht hatte. Die Schechina, die Wolke der Herrlichkeit und Gegenwart Gottes, war nur in Jerusalem; hier war der Ort des Zusammenkommens. Heute ist der Ort des Zusammenkommens nur dort, wo mindestens zwei oder drei in dem Namen des Herrn Jesus zusammenkommen. Und auch auf dem „zukünftigen Erdkreis“ (Heb 2,5) wird es erneut nur einen Ort geben; im tausendjährigen Friedensreich wird die Wolke der Herrlichkeit und die Gegenwart Gottes wiederum in Jerusalem einziehen (Hes 43,2-5); dann wird dort erneut das Zentrum des Gottesdienstes sein.

Im Alten Testament hatte die Herrlichkeit Gottes den Tempel verlassen (Hes 10–11), weil das Volk von Gott abgewichen und in den Götzendienst verfallen war. Es mag in Jerusalem äußerlich gesehen einen Tempel gegeben haben, aber die Herrlichkeit Gottes und seine Gegenwart konnte sich dazu nicht bekennen. Ebenfalls ist der Herr Jesus nicht verpflichtet, dort mit seiner Herrlichkeit anwesend und in der Mitte zu sein, wo man böse und falsche Dinge duldet oder auf sektiererische Weise zusammenkommt oder wo man Ihn von dem Platz des Hausherrn in „seinem Haus“ (Heb 3,6) weggedrängt und selbst alles in die Hand genommen hat.

Der Herr Jesus „inmitten“ der sieben goldenen Leuchter

Dennoch ist der Herr Jesus in einer bestimmten Art und Weise sogar inmitten derer, die seinen Namen in der weiten Christenheit bekennen. In der Offenbarung lesen wir von dem Sohn des Menschen, der inmitten der „sieben goldenen Leuchter“ wandelte. Es heißt: „Die sieben Leuchter sind sieben Versammlungen“ (Off 1,20; vgl. Off 1,12.13; 2,1). Diese sieben Versammlungen in Offenbarung 2 und 3 bilden ein Zeugnis der Christenheit über alle Jahrhunderte hinweg. In dieser Weise wandelt der Herr Jesus inmitten des christlichen Bekenntnisses – d.h. bei allem, was sich nach seinem Namen nennt, ob wahrhaft von neuem geboren oder nicht – und auch überall dort, wo Christen in irgendeiner Form zusammenkommen. Aber das heißt nicht, dass Er auch überall dort nach Matthäus 18,20 persönlich in der Mitte ist; dazu müssen wir „zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers“ (Heb 13,13). Wenn wir den Herrn in unserer Mitte erleben möchten, dann gibt es dafür Bedingungen. Wir müssen „zu seinem Namen hin“ versammelt sein und „zu ihm hinausgehen“. Alles muss in Übereinstimmung mit seinem Namen sein.[3] Er hat das Recht, alles zu regeln und zu leiten, wie Er es möchte.

Wenn wir diesen Punkt richtig verstanden haben, dann kann es im Blick auf das Zusammenkommen nur die eine Frage geben: Wie möchte Er gerne, dass wir zusammenkommen? Es kann dann nicht um die Frage gehen: Was ist gerade noch erlaubt oder wogegen sagt die Heilige Schrift nicht direkt etwas? Wenn wir „als Versammlung zusammenkommen“, dann werden wir zunächst fragen, was durch die Heilige Schrift positiv gesagt wird und welche allgemeingültigen Grundsätze sich aus Gottes Wort ableiten lassen (siehe oben). Es ist doch ein himmelweiter Unterschied, ob wir auf die Frage „Warum macht ihr dieses oder jenes in der Gemeinde?“ antworten: „Och, die meisten Dinge machen wir deshalb, weil wir sie gut finden und die Heilige Schrift sie nicht verbietet“, oder ob wir sagen: „Wir machen dieses oder jenes, weil die Heilige Schrift es uns so sagt und weil uns biblische Grundsätze dazu angeleitet haben.“ – Wenn wir uns bewusst sind, dass der Herr Jesus in der Mitte ist, dann werden wir uns an das halten, was uns explizit gesagt ist, und uns für den Rest nach den Grundsätzen ausrichten, die wir eben im ersten Korintherbrief gefunden haben.

Wenn wir diese Gedanken auf uns einwirken lassen, dann werden wir verstehen, warum ein Zusammenkommen zum Namen des Herrn immer nur in aller Schlichtheit stattfinden kann, weil wir dann nicht danach streben, alles Mögliche in die Zusammenkünfte einzuführen, sondern nur solche Dinge, die wir im Wort Gottes explizit gefunden haben, wobei wir ein „So steht geschrieben“ auf unserer Seite haben.

Wer wohnt in der Gemeinde?

Als der Herr Jesus auf der Erde war, sprach Er nicht viel über die Ordnung im Haus Gottes. Er sprach davon, dass Er seine Versammlung bauen wollte (Mt 16,18). Allerdings sprach der Herr Jesus auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung noch. Sowohl direkt, wenn wir an den Apostel Paulus denken, von dem es heißt: „Der Gott unserer Väter hat dich dazu bestimmt, seinen Willen zu erkennen und den Gerechten zu sehen und eine Stimme aus seinem Mund zu hören“ (Apg 22,14). Aber auch durch den Heiligen Geist, den der Herr Jesus nach vollbrachtem Werk gesandt hat (Joh 16,13). Wozu wollte Er Ihn eigentlich auf die Erde senden? Nur damit der Geist in jedem Gläubigen ganz persönlich Wohnung nehmen könnte (1Kor 6,19)? Ja, das auch! Aber das nicht allein.

Der Heilige Geist wohnt im Gläubigen und in der Gemeinde

Der Herr Jesus hat den Geist Gottes gesandt, damit der Geist uns in die ganze Wahrheit leiten könnte (Joh 16,12.13), und wir finden die „ganze Wahrheit“ vor allen Dingen in den Schriften der Apostel und, was die Gemeinde betrifft, besonders in den Schriften von Paulus. Aber auch das war nicht der alleinige Grund für die Herabsendung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist sollte in der Gemeinde wohnen. Die Versammlung ist eine „Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,22). Der Versammlung in Korinth wurde gesagt: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1Kor 3,16). So ist nicht nur jeder persönlich ein Tempel des Heiligen Geistes (1Kor 6,19), sondern der Heilige Geist wohnt auch in der Gemeinde. Der Herr Jesus sprach selbst auch von diesen beiden Seiten. Er sagt: „Er [der Heilige Geist] bleibt bei euch und wird in euch sein“ (Joh 14,17). Es gibt also auch bei der Gabe des Heiligen Geistes diese zwei Bereiche, in denen der Heilige Geist wirkt und wohnt: nämlich unter den Gläubigen und in den Gläubigen.

Das finden wir auch sofort in Apostelgeschichte 2, als der Heilige Geist zu Pfingsten auf die Erde kam. Der Heilige Geist „erfüllte das ganze Haus“ und „alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt“ (Apg 2,2-4). Leider wird vor allem der erste Punkt häufig nicht gesehen oder er wird gesehen, hat aber keine Konsequenzen für das praktische Gemeindeleben. Der Heilige Geist wohnt ganz allgemein in der Versammlung. Der Herr Jesus hat den Geist gesandt, damit Er in der Versammlung wohnt, so wie Gott früher im Tempel wohnte (1Kor 3,16). Er bewirkt das gottwohlgefällige Wirken der Gaben (1Kor 12,7-10). Er möchte auch das Wirken der Gaben leiten, wie Er will (1Kor 12,11).

Es ist also ein wunderbares Vorrecht, wenn wir zum Namen des Herrn Jesus versammelt sind; dann ist der Herr Jesus in unserer Mitte. Er ist das Haupt des Leibes der Versammlung, von Ihm kommt Führung und Leitung. Ebenso wohnt der Heilige Geist in der Gemeinde und dieses Wohnen wird mit „Gottes Tempel“ in Verbindung gebracht. Das will uns zum einen darauf aufmerksam machen, dass da, wo der Heilige Geist wohnt, der Gedanke der Reinheit und Heiligkeit aufrechterhalten wird und dass es zum anderen ein Ort ist, an dem wir unsere Anbetung bringen. Überall wo Gläubige zusammenkommen, möchte der Heilige Geist den Gedanken der Reinheit, Heiligkeit und Anbetung aufrechterhalten, unabhängig davon, ob das überall geschieht oder ob man sich dagegen verweigert. Der anwesende Herr beauftragt die Dienste (1Kor 12,5) und will durch den Geist und in der Kraft des Geistes Führung und Leitung schenken.

Wer sollte also der Gemeindeleiter sein? Es kann nicht anders sein: Wenn wir eine so mächtige wie fähige Person in unserer Mitte haben, dann kommt eine menschliche Führung, ein menschlicher Vorsteher nicht in Frage. Der Herr Jesus hat die Frage längst entschieden, als Er den Heiligen Geist auf die Erde gesandt hat, um die Gläubigen mit allem auszustatten, was sie nicht nur für das persönliche, sondern auch für das gemeinschaftliche Leben benötigen.

Des „Heiligen Geistes teilhaftig“ werden

Beachte: Dieser zweite Aspekt, dass der Heilige Geist auch bei uns ist, dass Er in der Versammlung wohnt, erklärt, wie es möglich war, dass auch ein Ungläubiger „des Heiligen Geistes teilhaftig“ werden konnte (Heb 6,4). Solche Leute hatten den Geist nicht in sich, aber sie kamen unter den Einfluss des Heiligen Geistes, wenn sie die Zusammenkünfte besuchten.

Wie leitet der Heilige Geist eine Zusammenkunft?

„Wie Er will“

Jetzt kommt natürlich die spannende Frage: Wie leitet der Heilige Geist eine Zusammenkunft? Bei dieser Frage hilft uns besonders Kapitel 12 im ersten Korintherbrief. Die Gemeinde wird hier mit einem menschlichen Körper verglichen. Jedes Glied am Körper hat eine ganz spezielle Aufgabe und so hat auch jeder Bruder und jede Schwester in der Gemeinde – nicht unbedingt in den Zusammenkünften natürlich – eine ganz spezielle Aufgabe, einen besonderen Dienst. Dann heißt es in Vers 11: „Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will“ (1Kor 12,11). Der Heilige Geist möchte die Entfaltung der Gaben bewirken und benutzt jedes Glied am Leib Christi, „wie er will“. Das gilt ganz allgemein, aber natürlich auch, wenn wir „als Versammlung zusammenkommen“ (1Kor 11,18); dann müssen wir darauf hören, wie der Heilige Geist führen möchte. Wir müssen uns hier ganz ehrlich die Frage stellen, ob nicht jegliche Festlegung im Vorfeld die Leitung des Geistes bereits einschränkt. Das heißt nicht, dass wir „unvorbereitet“ in eine Zusammenkunft gehen, und es heißt auch nicht, dass der Geist Gottes nicht auch dann segnen könnte, wenn wir Dinge festgelegt haben. Aber was macht uns so sicher, was der Geist Gottes z.B. an einem bestimmten Sonntag möchte, wenn wir vorher alles genau festlegen?

In dem Brief an die Versammlung der Thessalonicher denkt Paulus – dem Zusammenhang nach – wohl besonders an die Zusammenkünfte, wenn er schreibt: „Den Geist löscht nicht aus; Weissagungen verachtet nicht; prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,20.21). Wir können also da, wo der Geist insbesondere durch Weissagungen ein Bewusstsein von seiner Gegenwart geben möchte (1Kor 14,24.25), Ihn auslöschen – das bedeutet doch nichts anderes, als Ihn zu hindern, so zu wirken, wie Er möchte. Ist es nicht ein „Verachten“ von Weissagung, wenn wir es durch vorherige Planung unmöglich machen, dass, wenn „einem anderen, der dasitzt, eine Offenbarung zuteilwird“ (1Kor 14,30), er diese dann auch bringen kann?

Leitet der Geist im persönlichen Leben anders als in der Gemeinde?

An dieser Stelle wird häufig gesagt, dass wir uns ja auch in unserem Leben vom Heiligen Geist leiten lassen sollen, und das würde in der Regel auch so aussehen, dass wir uns sehr genau überlegen, wie wir in einer Sache vorgehen. Wir legen unsere Gedanken dem Herrn vor und bitten um Führung und Leitung in den Dingen, die wir uns vorgenommen haben. Manchmal macht der Herr auch in unserem persönlichen Leben klar, dass ein Plan nicht dem Willen Gottes entsprach, und Gott hat Mittel und Wege, uns daran zu hindern – vor allem dann, wenn wir begehren, auch unser persönliches Leben von Ihm bestimmen zu lassen. Der Apostel Paulus machte für seine Missionsreisen ebenso Pläne, und manchmal lesen wir, dass der Heilige Geist es verhinderte (Apg 16,6.7). Alles das ist wunderbar und auch richtig so.

Warum können wir das nicht eins zu eins auf die Gemeindezusammenkünfte übertragen? Die Antwort liegt vielleicht jetzt schon auf der Hand, wenn wir die zwei Bereiche bedenken, in denen der Heilige Geist wirkt und wohnt. In unserem Leben sind wir in unserem Element, der Geist Gottes wohnt in jedem Gläubigen, wir sind mit dem Geist versiegelt worden, und der Christ geht seinen Weg und befiehlt sich der Führung und Leitung des Geistes an. Aber wenn wir uns als Gemeinde versammeln, dann sind wir in dem Element des Geistes, dann kommen wir dorthin, wo der Geist die Leitung und Führung hat, und dann müssen wir auf Ihn warten, bis Er Anweisung gibt. Er sollte grundsätzlich die Freiheit haben, jeden Anwesenden zu gebrauchen. Jeder könnte ein Werkzeug in der Hand des Heiligen Geistes sein. Der Heilige Geist wohnt eben nicht nur in jedem Gläubigen persönlich, sondern auch in der Versammlung. Hier kann nicht einer oder hier können nicht mehrere Personen einfach bestimmen, wie der Geist Gottes in einer bestimmten Situation führen möchte. Es wäre ein wenig eigenartig, wenn wir eine Woche vorher festlegen würden, wie der Heilige Geist an einem bestimmten Sonntag zu leiten hat. Von einer Planung im persönlichen Leben können wir in der Heiligen Schrift etliche Beispiele benennen, für eine Planung des Ablaufs der Zusammenkünfte nicht. Wie sollten eine Handvoll Leute, die vielleicht eine besondere Verantwortung in einer Gemeinde tragen, den Ablauf einer Stunde planen, wenn etliche, die der Herr auch gebrauchen möchte und die ebenso Glieder des Leibes Christi sind, gar nicht bei den Beratungen anwesend sind, ja nicht einmal wissen, wer an einem Sonntag da sein wird? Ist das wirklich die Freiheit, die der Geist haben sollte, um zu gebrauchen und auszuteilen, „wie Er will“?

Ein Beispiel für die Leitung des Geistes in der Gemeindezusammenkunft

Bisher haben wir gesehen, dass uns die Heilige Schrift sehr deutlich in die Richtung führt, dass wir dem Heiligen Geist so viel Freiheit lassen wie möglich, um so zu führen und zu leiten, wie Er will. Wie haben die ersten Christen diese wunderbare Freiheit umgesetzt? Wir erinnern noch einmal daran, dass wir danach streben sollten, zu erforschen, was die Schrift positiv zu einem Thema zu sagen hat, und nicht aus dem Schweigen heraus unsere Argumentation aufbauen. Selbst wenn uns die Heilige Schrift lediglich ein Beispiel zeigt, so ist der Glaube damit völlig zufrieden. Denn der Glaube braucht nur ein Wort aus dem Mund Gottes, um seinen Weg entsprechend einzurichten. Manchmal hört man das Argument, die Heilige Schrift sage nur an einer Stelle etwas zu diesem Thema (obwohl wir oben gezeigt haben, dass dem nicht so ist) und alles solle durch zweier oder dreier Zeugen Mund bestätigt werden. Man vergisst dabei jedoch, dass wir dieses Zeugnis bei der Aussage eines Menschen sehr wohl brauchen, es selbst, wenn es so wäre, bei Gottes Wort überhaupt nicht nötig ist, denn sein Wort ist Wahrheit. Der Glaube argumentiert am liebsten mit dem Wort Gottes. Aus dem Schweigen der Schrift heraus etwas einzuführen, entbehrt nicht nur jeglicher Grundlage, sondern führt am Ende immer weiter vom Wort Gottes weg. Anders ist die Entwicklung im christlichen Zeugnis auch nicht zu erklären, dass man sich in weiten Teilen von der Einfachheit des Zusammenkommens weit entfernt hat.

Missstände sind kein Grund, um alles selbst in die Hand zu nehmen

Wie sollte ein Zusammenkommen als Versammlung nun ablaufen? Wir sind sehr dankbar, dass uns der Heilige Geist ein ganzes Kapitel hinterlassen hat, aus dem wir sehr viel über den Ablauf einer Zusammenkunft lernen können. Es handelt sich um das 14. Kapitel des ersten Korintherbriefes. Der Apostel Paulus musste viele Missstände bei den Korinthern korrigieren (im Blick auf die freie Leitung des Geistes), und leider muss er das auch oft heute noch, wenn wir unter dieser freien Leitung des Geistes zusammenkommen möchten. Obwohl die Korinther viele Fehler machten und die Freiheit des Geistes zu einer Freiheit für das Fleisch verkommen ließen, empfahl der Apostel Paulus den Gläubigen nicht, die Führung und Leitung einer bestimmten Person oder einem Personenkreis zu übertragen, die alles besser planen und vorbereiten sollten. Nein, der Apostel korrigierte lediglich die Missstände und hielt die grundsätzliche Freiheit des Geistes aufrecht. Wir täten gut daran, es dem Apostel gleichzutun.

Es gibt tatsächlich auch heute unter denen, die gerne unter der freien Leitung des Geistes zusammenkommen möchten, sehr große Missstände, und viele sind so frustriert, dass sie sich davon abgewandt und alles selber in die Hand genommen haben, oft mit den besten Beweggründen. Dadurch konnte man sicherlich manche negativen Auswüchse beheben, aber dennoch wurde der Geist Gottes in seiner Freiheit beschnitten, und zwar vom Grundsatz her. Das Wort „von Grundsatz her“ ist hier sehr wichtig, denn auch in einer Zusammenkunft unter der freien Leitung des Geistes ist es natürlich möglich, dass der Geist in seiner Freiheit beschnitten wird. Aber dies geschieht dann nicht vom Grundsatz her, sondern durch den schlechten Zustand derer, die dort zusammenkommen. Es ist etwas völlig anderes, einen falschen Grundsatz zu verfolgen oder Schwachheit beim Verfolgen eines richtigen Grundsatzes zu erleben, denn im letzten Fall kann man an der Schwachheit oder dem Versagen arbeiten.

Gibt es eine spezielle Leitung des Geistes in den Gemeindezusammenkünften?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Wie wir oben gesehen haben, wohnt der Heilige Geist in der Gemeinde. Er ist der Gemeindeleiter. In dieser Weise ist es schon etwas Besonderes, wenn wir als Gemeinde zusammenkommen und darauf achten, was der wahre Gemeindeleiter zu sagen hat. Ebenso haben wir gesehen, dass wir die Leitung des Geistes im persönlichen Leben unterscheiden müssen von der Leitung des Geistes an dem Ort, wo der Heilige Geist in einer ganz allgemeinen Art und Weise wohnt. Andererseits spricht die Heilige Schrift nicht von einer speziellen Leitung des Geistes in den Zusammenkünften, als ob der Heilige uns in unserem Leben grundsätzlich anders leitet als in der Zusammenkunft. Der Heilige Geist, der in jedem persönlich wohnt, ist ja derselbe, der auch in der Gemeinde wohnt.

Möglicherweise denkt jemand daran, dass der Heilige Geist uns auf übernatürliche Weise in der Gemeindezusammenkunft anspricht. Vielleicht denkt der eine oder andere, dass wir in den Zusammenkünften den Verstand ausschalten sollten, um uns ganz durch den Geist leiten lassen zu können. Das ist, mit Verlaub gesagt, ein riesengroßer Irrtum. So wie wir in unserem Leben nicht unseren Verstand ausschalten sollten, dürfen wir das auch nicht in den Zusammenkünften tun. Es gibt kein Kapitel in der Bibel, in dem das Wort „Verstand“ häufiger vorkommt als gerade in 1. Korinther 14, und der Heilige Geist wird in diesem Kapitel überhaupt nicht erwähnt. Auch wenn der Heilige Geist unser Gemeindeleiter ist, so tritt der Geist selbst nicht in den Vordergrund. Ein durch den Verstand nicht kontrolliertes Geführtwerden ist sogar ein Kennzeichen der Leitung der Dämonen unter den Heiden (1Kor 12,2). Die große Aufgabe des Heiligen Geistes ist es gerade, Christus zu verherrlichen (Joh 16,14) und nicht sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Außerdem will Paulus offensichtlich nicht den Eindruck erwecken, dass die Leitung durch den Geist in den Zusammenkünften grundsätzlich anders funktioniert als im täglichen Leben. Auch im täglichen Leben denken wir über eine Situation nach, setzen unseren (erneuerten) Verstand ein, fragen den Herrn um Rat und wünschen uns, durch den Geist Gottes geleitet zu werden. Geradeso ist es auch in den Zusammenkünften. Im besten Fall denken wir über eine besondere Leitung des Geistes gar nicht nach, weder im persönlichen Leben noch in der Zusammenkunft. Es gehört dann einfach zu unserem geistlichen Wandel dazu wie das Atmen zum Leben. Der Apostel Paulus sagt, dass wir als „Söhne Gottes“ durch den Heiligen Geist geleitet werden sollten (Röm 8,14). Ebenso sagt der Apostel zu den Galatern ganz allgemein: „Wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns auch durch den Geist wandeln“ (Gal 5,25). Der Herr Jesus ist hier unser großes Vorbild: Er wurde stets durch den Geist Gottes geführt und angetrieben (Mt 4,1; Mk 1,12; Lk 4,1).

Welches Ziel verfolgt der Heilige Geist in einer Gemeindezusammenkunft?

Die vielfältigen Aufgaben des Heiligen Geistes

Der Heilige Geist hat sehr viele ganz allgemeine Aufgaben:

  • Er überführt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht (Joh 16,8).
  • Er richtet unseren Blick auf das Wiederkommen des Herrn (Off 22,17).
  • Er möchte seine Frucht in uns bewirken (Gal 5,22).
  • Er möchte uns an die Worte des Herrn erinnern (Joh 14,26).
  • Er zeugt von dem Herrn Jesus (Joh 15,26). Usw.

Die große Aufgabe des Heiligen Geistes ist dabei die Verherrlichung Christi (Joh 16,14). So ist es auch in der Versammlung. Wenn es um das Wirken in Verbindung mit den Gaben geht, dann geht es ganz besonders um die Verherrlichung Christi als Herr. Es heißt in 1. Korinther 12,3, „dass niemand, der im Geist Gottes redet, sagt: Verflucht sei Jesus!, und niemand sagen kann: Herr Jesus!, als nur im Heiligen Geist“. Der Heilige Geist wird uns nie dazu führen, abfällig und geringschätzig über den Herrn zu reden. Es ist gerade ein Zeichen dafür, dass wir vom Geist geleitet werden, wenn wir den Herrn Jesus auch „Herr“ nennen. Leider kann man feststellen, dass an vielen Orten nur noch von „Jesus“ gesprochen wird statt vom „Herrn Jesus“. Das ist nicht gerade ein Zeichen dafür, dass alles unter der Leitung des Geistes stattfindet. Der Heilige Geist möchte uns in diesem Zusammenhang besonders an Christus als Herrn erinnern, weil Christus ja der Auftraggeber für jeden Dienst ist (1Kor 12,5). Ein gewohnheitsmäßiges „Herr“-Sagen, ohne entsprechend zu wandeln, ist natürlich ebenso verwerflich!

Die Gaben, die der Herr gibt, sind zum Nutzen gegeben

In 1. Korinther 12 geht es ganz allgemein um die Gnadengaben, Dienste und Wirkungen. Diese werden mit dem Geist, dem Herrn und Gott in Verbindung gebracht (1Kor 12,4-6).

  • Auch wenn die Gnadengaben verschieden sind, so ist doch ein Geist dahinter, der sie zum Wohl des ganzen Leibes Christi wirken lassen möchte. Das zeigt uns, dass es nicht darum geht, wie lange wir eine Bibelschulausbildung genossen haben und wie gut wir in Rhetorik geübt sind.
  • Die Dienste beauftragt unser Herr, dem wir als Knechte verantwortlich sind. Das zeigt uns, dass es nicht Gremien sind, die bestimmte Dienste verteilen, sondern der Herr.
  • Für die Wirkungen ist einzig und allein Gott zuständig. Wenn wir meinen, wir müssten die Auswirkung durch Dramatik und Gestik in der Rede, durch Geschichten oder gar durch Chorbegleitung und Ähnliches hervorbringen, dann lernen wir hier, dass das alles nicht der Weg Gottes ist.

Im nächsten Vers lesen wir dann: „Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben“ (1Kor 12,7). Obwohl die Gaben natürlich über die Gemeindezusammenkünfte hinaus ihr Betätigungsfeld finden, ist es doch so, dass manche Gaben besonders in den Zusammenkünften zum Ausdruck kommen. So finden wir es ja dann auch in 1. Korinther 14.

In 1. Korinther 12,8-11 heißt es dann:

1Kor 12,8-11: Dem einen wird durch den Geist das Wort der Weisheit gegeben, einem anderen aber das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist; einem anderen aber Glaube in demselben Geist, einem anderen aber Gnadengaben der Heilungen in demselben Geist, einem anderen aber Wunderwirkungen, einem anderen aber Weissagung, einem anderen aber Unterscheidungen der Geister; einem anderen aber Arten von Sprachen, einem anderen aber Auslegung der Sprachen. Dies alles aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will.

Hier finden wir eine ganze Reihe von Dingen, die der Geist Gottes wirkt. Der Heilige Geist gibt in einer Zusammenkunft (natürlich ist Er darauf nicht beschränkt) z.B. das Wort der Weisheit, das Wort der Erkenntnis oder auch eine Weissagung. Aber wozu gibt Er diese Dinge? Lesen wir noch einmal 1. Korinther 12,7: „Einem jeden aber wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen gegeben.“ Jedes „Wort der Weisheit“, jede „Sprache“ oder „Auslegung der Sprache“, jede „Weissagung“, aber auch jede Offenbarung des Geistes, die der Heilige Geist in einer Zusammenkunft gebrauchen möchte, hat das Ziel, zum Nutzen der Gläubigen zu sein. Das ist das zweite Hauptziel des Geistes, wenn es um die Ausübung der Gaben geht.

Die Weissagung ist zur Erbauung, Ermahnung und Tröstung gegeben

Den größten Nutzen haben die Gläubigen, wenn sie in das Licht Gottes gestellt werden, sich von Ihm selbst angesprochen fühlen und dadurch je nach ihren Bedürfnissen erbaut, ermahnt oder getröstet werden. Das geschieht durch das Wort der Weissagung. So lesen wir in 1. Korinther 14,3 von dem, was Weissagung bewirkt: „Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung.“ Wenn der Heilige Geist – der selbst Sachwalter, Tröster genannt wird (vgl. Joh 14,26; 15,26; 16,7) – also z.B. eine Weissagung wirkt, hat sie das Ziel, die Gemeinde zu erbauen, zu ermahnen und zu trösten. Es gibt kein Kapitel in der Bibel, wo wir das Wort „Erbauung“ oder „erbauen“ häufiger finden als gerade hier in 1. Korinther 14. Deshalb ist in der Gemeinde nicht der Raum, irgendwelche Lieblingsthemen zu bringen oder Steckenpferde zu reiten. Der Diener hat die Seele der Zuhörer im Blick und dient mit dem Wort Gottes: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus“ (1Pet 4,11). Er wird bemüht sein, den Zuhörern die Nahrung zur rechten Zeit zu geben: „Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat, ihnen die Nahrung zu geben zur rechten Zeit?“ (Mt 24,45).

C.H. Mackintosh schreibt:

Ich kann eine wirklich tiefe Schriftkenntnis haben; ich kann eine tiefgreifende Kenntnis haben über den Inhalt der Bibel und ein hervorragendes Bewusstsein von ihrer moralischen Herrlichkeit, aber wenn ich die Seele und ihre vielfältigen Bedürfnisse vergesse, dann wird mein Dienst in beklagenswerter Weise uneffektiv sein. Der Dienst geht am Ziel vorbei, Schärfe und Kraft fehlen. Der Dienst wird nicht das Herzensbedürfnis stillen oder auch das Gewissen erreichen. Es wird ein Dienst des Wortes sein, aber nicht der Seele.

Auf der anderen Seite mag es sein, dass ich die Seele und ihre Bedürfnisse ganz klar vor Augen habe. Ich mag mich danach sehnen, nützlich zu sein. Es mag mein Herzenswunsch sein, dem Herzen und dem Gewissen meiner Zuhörer und Leser zu dienen, aber ich bin nicht vertraut mit meiner Bibel. Wenn ich in der Schrift nicht unterwiesen bin, dann habe ich nichts, womit ich mich nützlich machen könnte. Ich habe nichts, was ich der Seele geben könnte, nichts, was das Herz erreichen könnte, nichts, womit das Gewissen angesprochen werden könnte. Mein Dienst wird sich als unfruchtbar und ermüdend erweisen. Anstatt die Seelen zu belehren, werden sie gelangweilt und genervt. Anstatt die Seelen zu erbauen, werden sie nur irritiert. Anstatt dass die Seelen auf dem Weg der Jüngerschaft gestärkt werden, werden sie, weil mir die grundlegenden Dinge fehlen, entmutigt werden.[4]

Welche Probleme korrigiert der Apostel Paulus im Zusammenhang mit der freien Leitung in den Zusammenkünften?

Wie gesagt korrigiert der Apostel Paulus einige Auswüchse im Zusammenhang mit der freien Leitung des Geistes in Korinth. In 1. Korinther 14,1-25 korrigiert der Apostel den Missbrauch der Gaben. Einige hatten es aus dem Auge verloren, dass die Gaben zum Nutzen der Zuhörer gegeben worden sind. Sie gefielen sich selber und stellten ihre Gabe in den Vordergrund, anstatt mit der Gabe den Gläubigen zu dienen. Wenn die Korinther die Sprachengabe nutzten, ohne dass jemand da war, der diese Sprache auslegen konnte, dann war die Gabe nicht „zum Nutzen“. Keiner wurde erbaut, ermahnt oder getröstet, das Ziel des Geistes lief ins Leere.

Natürliche Fähigkeiten reichen nicht

Manche Brüder haben große intellektuelle Fähigkeiten. Sie sind von Berufs wegen gewohnt, vor Menschen zu reden, und können sich auch gut ausdrücken. Dennoch kann es sein, dass solche Brüder keine Gabe haben, obwohl sie vielleicht sogar ein geistliches Leben führen. Sie mögen rein intellektuell über Gottes Wort reden, aber sie sollten lieber schweigen. Dann gibt es Brüder, die eine Gabe vom Herrn bekommen, diese aber schlecht entwickelt haben. Sie müssten ermutigt und angeleitet werden, diese Gabe weiterzuentwickeln (vgl. 1Tim 4,14; 2Tim 1,6). Wenn wir jedenfalls in der Gemeinde meinen, unsere intellektuellen Fähigkeiten oder irgendein Spezialwissen zur Schau stellen zu müssen, indem wir mit langatmigem, außerbiblischem Wissen glänzen oder ein Fremdwort nach dem anderen benutzen oder mit irgendwelchen Griechischkenntnissen die Gläubigen beeindrucken möchten, dann reden wir über die Köpfe hinweg, und das Ziel des Geistes wird nicht erreicht. Manchmal erlebt man auch Predigten, wo eine halbe Stunde eine biblische Geschichte nacherzählt wird, um dann in den letzten fünf Minuten noch eine praktische Anwendung anzuhängen. Andere wiederum reden eine Stunde, ohne etwas zu sagen. Dann ist das auch nicht besser, als würden sie in einer fremden Sprache sprechen, die keiner versteht. Manche füllen ganze Stunden, und man fragt sich, was das Ziel des Dienstes war, was die Botschaft war. Ein hilfreicher Text hierzu findet sich hier: Laufen ohne Botschaft.

Der Apostel legt großen Wert darauf, dass die Botschaft in einer Gemeinde von allen verstanden wird. Es kommt nicht darauf an, viel zu sagen, sondern es kommt auf das an, was der Heilige Geist in dieser speziellen Situation durch jemand sagen möchte. Das können fünf Wörter oder zehntausend sein; wichtig ist, dass man verstanden wird und die Geschwister erbaut, ermahnt und getröstet werden und Christus verherrlicht wird. Paulus betont in 1. Korinther 14,19, dass er in der Versammlung mit dem Verstand reden will. Wenn das mehr beachtet würde, wie viel segensreicher wären auch heute viele Zusammenkünfte, bei denen die freie Leitung des Geistes in der Lehre hochgehalten wird.

Stellen wir uns jemand vor, der mich dazu bringen möchte, ihm einen Schluck Wasser zu geben. Was würden wir denken, wenn er jetzt anfangen würde, mir eine Viertelstunde lang etwas über den Wasserkreislauf zu erzählen, dann eine Viertelstunde über die chemische Eigenschaften von H2O, die nächste Viertelstunde über die Bedeutung von Wasser in den Ländern des Orients und dann noch eine Viertelstunde darüber, dass jeder Mensch Wasser braucht. Er könnte hinterher überhaupt nicht begreifen, dass ich ihm keinen Schluck Wasser gegeben habe, wo er doch über die Bedeutung von Wasser so viel gesagt hat und auch darüber, dass jeder Mensch Wasser braucht, womit doch klar sei, dass er auch Wasser brauche. Und ich habe schon nach zwanzig Minuten nicht mehr richtig hingehört und bin nur aus Höflichkeit bei ihm geblieben. Wir können uns das im täglichen Leben kaum vorstellen, weil wir da selbstverständlich den Verstand wirken lassen und klar und deutlich die fünf Worte äußern: „Bitte gib mir etwas Wasser.“ Aber in den Zusammenkünften gibt es zu viele von Predigten, die auf genau diese Weise geschehen.

Wir tun im Dienst am Wort gut daran, wenn wir uns auf die Auslegung von Gottes Wort konzentrieren und die Geschwister nicht mit langatmigen Geschichtchen unterhalten oder ihnen die Welt erklären. Natürlich können manche Geschichten aus dem Leben sehr gut eine biblische Wahrheit erklären, dennoch sollte man damit eher sparsam umgehen. Es wird auch gut sein, sich zu überlegen, vor welcher Zuhörerschaft man spricht. Wenn viele Kinder anwesend sind, wird man besonders daran denken, dass auch die Kinder etwas verstehen können, natürlich ohne dass der Vortrag zu einer Sonntagschulpredigt abgleitet. Der Apostel Petrus sagt: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, damit in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus, dem die Herrlichkeit ist und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen“ (1Pet 4,11). Nur wenn es klare Botschaften gibt und Brüder aus der Gegenwart des Herrn weissagen, kann man auch erleben, dass Geschwister in das Licht Gottes geführt werden und die Botschaft bekommen, die sie brauchen. So wie wir das in 1. Korinther 14,24.25 finden: „Wenn aber alle weissagen und irgendein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt; das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so, auf sein Angesicht fallend, wird er Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist.“

Nicht jeder muss sich beteiligen

In Vers 26 finden wir ein weiteres Problem in Korinth:

1Kor 14,26: Was ist es nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine Sprache, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung.

Dieser Vers wurde schon sehr oft falsch verstanden. Hier steht nicht: „so habe jeder“, sondern: „so hat jeder“. Es war nicht die Absicht des Apostels, den Korinthern zu zeigen, dass jeder sich in einer Stunde beteiligen sollte, noch wollte er zum Ausdruck bringen, dass das auch in allen Versammlungen so ist. Die Korinther waren mit Gaben sehr gesegnet; das war eine schöne Sache. Aber es führte bei ihnen dazu, dass jeder meinte, seine Stimme hören zu lassen. Doch das schränkt der Apostel Paulus hier ein. Es kann zwar vom Grundsatz jeder vom Heiligen Geist gebraucht werden, und es sollte dafür eben die Möglichkeit unbedingt da sein, aber vielleicht nicht jeder in jeder Stunde. Der Apostel sagt also: Wenn ihr alle zu Wort kommen wollt, dann wird am Ende keiner mehr erbaut. Offensichtlich redeten und beteten hier alle durcheinander. Deshalb ermahnt Paulus die Korinther: „Alles geschehe zur Erbauung“ (1Kor 14,26). Die Korinther sollten warten, bis der andere mit Reden fertig war (1Kor 14,27.30.31), sonst würde am Ende keiner erbaut werden.

Warten, bis der andere fertig ist

Der Vers 30 ist nicht ganz einfach auszulegen:

1Kor 14,30: Wenn aber einem anderen, der dasitzt, eine Offenbarung zuteilwird, so schweige der erste.

Hier sind Bibelkommentartoren zu unterschiedlichen Auslegungen gekommen. Da es in dem ganzen Abschnitt um das Aufrechterhalten einer gewissen Ordnung geht, wäre es nur schwer zu verstehen, wenn dieser Vers so aufgefasst werden müsste, dass man dem „Ersten“ den Mund verbieten sollte (mitten im Dienst), wenn einem anderen eine Offenbarung zuteilwird. Wenn der Erste eine Offenbarung zu verkünden hatte, dann ist es nicht vorstellbar, dass der Heilige Geist das plötzlich abwürgen will und etwas Neues bringen möchte. Gerade drei Verse weiter lesen wir ja: „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung“ (1Kor 14,33). Daher kann unseres Erachtens diese Auslegung nicht stimmen. Der Vers scheint eher anzudeuten, dass man darauf warten sollte, bis der Erste fertig war mit Reden; dann könnte auch jener, dem eine Offenbarung zuteilwurde, sprechen. Und dann sollte auch der Erste nicht noch weitere Ergänzungen zu seinem Thema machen, sondern den anderen reden lassen. Das ist in Übereinstimmung mit dem, was der Apostel dann noch anfügt: „Ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden“ (1Kor 14,31). In einer Versammlung mit vielen Gaben im Bereich der Weissagung mag es auch für den Diener gut sein, daran zu denken, dass der Herr vielleicht nicht nur ihn gebrauchen möchte.

Eine Gabe kann fleischlich benutzt werden

Des Weiteren zeigt der Apostel auf, wo die Korinther die Leitung des Geistes missbrauchten:

1Kor 14,27.28: Wenn nun jemand in einer Sprache redet, so sei es zu zwei oder höchstens drei, und nacheinander, und einer lege aus. … Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen.

Auch wenn wir unter der freien Leitung des Geistes zusammenkommen, dann heißt das nicht, dass jeder tun und lassen kann, was er will. Die freie Leitung des Geistes ist nicht, dass jeder etwas sagen kann, sondern dass nur jene etwas sagen sollten, die der Geist dazu beauftragt („wie er will“).

Im Gegensatz zum Ein-Mann-Dienst dürfen wir nicht der Gefahr erliegen, zu meinen, dass wir es mit einem Jedermann-Dienst zu tun haben. Es geht nicht darum, dass jeder die Freiheit hat, etwas zu sagen, sondern dass der Geist die Freiheit hat, zu gebrauchen, „wie er will“. Wenn es z.B. um den Dienst am Wort geht, dann hat der Herr bestimmten Brüdern eine Gabe gegeben, und in der Regel (Ausnahmen sind möglich) sind sie es, die das Wort entsprechend austeilen. Eine Gabe allein berechtigt jedoch noch nicht dazu, diese Gabe auch zu nutzen. Die Korinther hatten offensichtlich etliche Gaben, aber sie missbrauchten die Gaben, sie ließen sich beim Gebrauch der Gaben nicht vom Geist leiten, sondern von ihrem Fleisch.

Das Priestertum aller Gläubigen

1Pet 2,4.5: Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus.

Wir haben gesehen, dass es nicht darum geht, dass jeder Bruder in der Gemeinde auf der Kanzel stehen sollte, denn nicht jeder Bruder hat eine Gabe dazu. Anders sieht es beim Gebet aus; hier sollte jeder Bruder normalerweise in der Lage sein, ein Gebet zu sprechen. Selbst für das Vorschlagen eines Liedes und das Vorlesen eines Bibeltextes ist ein gewisses Maß an geistlichem Verständnis erforderlich. Wenn dazu auch keine Gabe zwingend erforderlich ist, so ist es doch nötig, darauf zu achten, in welche Richtung der Geist in einer bestimmten Stunde führt, um ein passendes Lied vorzuschlagen oder eine Bibelstelle vorzulesen.

Vor allem das Gebet gehört zu dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen (1Pet 2,5). Wenn wir versammelt sind, können alle Gläubigen beten. Die Brüder dürfen es dabei auch mit ihren Lippen hörbar zum Ausdruck bringen, während die Schwestern dies in der Stille tun werden (vgl. 1Kor 14,34-40). Im Übrigen sind aus diesem Grund auch Zeiten der Stille nicht peinlich, sondern bieten besonders den Geschwistern einen Raum, die sich entweder nicht hörbar ausdrücken dürfen, wie eben die Schwestern, oder andere Gründe haben, warum sie sich nicht am hörbaren Priesterdienst beteiligen.

Der Dienst am Wort ist beschränkt

1Kor 14,27.29: Wenn nun jemand in einer Sprache redet, so sei es zu zwei oder höchstens drei, und nacheinander, und einer lege aus. … Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen.

Der Apostel beschränkt in Vers 27 und 29 den Dienst einer bestimmten Gabe am Wort auf zwei, maximal drei Personen pro Zusammenkunft. Er weiß, dass die Geschwister nicht in der Lage sein werden, viel mehr aufzunehmen. Hier sehen wir, dass die Leitung des Geistes in der Zusammenkunft eine sehr vernünftige Angelegenheit ist. Wenn bereits drei Botschaften von einer bestimmten Gabe (z.B. Weissagung) gekommen sind, dann sagt mir der gesunde Menschenverstand – was aber in dem Fall nichts anderes ist als die Leitung des Geistes –, dass ich besser sitzenbleiben sollte, selbst wenn auch ich diese Gabe besitze und einen weiteren Gedanken auf dem Herzen gehabt habe, denn wir lesen in 1. Korinther 14,32: „Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan.“ Keiner kann sagen: „Aber der Geist drängte mich so, ich konnte nicht anders.“ Auf diese Weise wirken die Dämonen, aber nicht der Geist Gottes (vgl. 1Kor 12,2). Bruce Anstey schreibt:

Die Versammlung ist also keine Plattform für das Fleisch. Paulus fügt in Vers 32 hinzu, dass „die Geister der Propheten den Propheten untertan sind“ (1Kor 14,32). Das bedeutet, dass eine Person wissen sollte, wie man sich selbst beherrscht, und bei solchen Gelegenheiten das Reden unterlässt. Manchmal können wir einen Bruder sagen hören: „Ich konnte nicht anders; ich musste das und das sagen.“ Was er damit wirklich sagen will, ist, dass er nicht in der Lage ist, seinen eigenen Geist zu beherrschen (Spr 25,28).[5]

Das ist ein Grundsatz, der auch sicher für andere Stunden gilt. Wenn ich mich in der Stunde des Brotbrechens schon zweimal beteiligt habe, dann sollte ich mich dreimal fragen, ob ich auch ein drittes Mal sprechen sollte, denn es ist unwahrscheinlich, dass der Heilige Geist immer die gleichen Brüder benutzen möchte. Wir sehen also auch hier, dass die Leitung des Geistes ganz vernünftigen Regeln folgt.

Wir dürfen die Leitung des Geistes nicht mystifizieren. Manche haben gar keinen Mut, in der Versammlung ein Wort zu sagen oder ein Gebet zu sprechen. Sie haben ein derart falsches Verständnis von der Leitung des Geistes, dass letztlich dadurch der Geist in der Gemeinde nicht leiten kann, „wie er will“. Es wird gut sein, solche Brüder daran zu erinnern, dass sie im täglichen Leben doch auch den Mut haben, sich vom Heiligen Geist führen und leiten zu lassen, und dass die Führung und Leitung in den Zusammenkünften nicht grundsätzlich anders funktioniert. Wer schweigt, obwohl der Geist ihn eigentlich gebrauchen möchte, handelt genauso falsch wie derjenige, der sich beteiligt, obwohl der Geist ihn nicht gebrauchen möchte.

Gibt es weitere Kennzeichen für einen Missbrauch der freien Leitung des Geistes?

Das Fleisch kann auch in der Gemeinde aktiv sein

Ja, es gibt noch eine ganze Reihe von Kennzeichen, die die freie Leitung des Geistes beschränken können. Wie schon erwähnt, schreibt der Apostel Paulus an die Versammlung der Thessalonicher:

1Thes 5,19: Den Geist löscht nicht aus {o. unterdrückt, dämpft nicht}.

Und die Epheser fordert er auf:

Eph 4,30: Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, durch den ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung.

Das sind die beiden Gefahren: Entweder wir tun das nicht, was der Geist möchte (dann löschen wir Ihn aus), oder wir tun das, was Er nicht will (dann betrüben wir Ihn so, dass Er nicht mehr wirken kann). Wenn unser Fleisch wirkt, werden wir immer in die eine oder andere oder beide Richtungen abdriften.

Wir müssen uns bewusst sein und akzeptieren, dass wir das Fleisch immer noch in uns haben, und wenn wir nicht aufpassen, dann lassen wir uns schneller vom Fleisch leiten, als uns vielleicht bewusst ist. In Galater 5,17 finden wir, dass das Fleisch wider den Geist streitet, und das ist auch in den Zusammenkünften nicht anders. Wir tun gut daran, unser Fleisch nicht zu unterschätzen und den Herrn vor der Zusammenkunft zu bitten, dass wir uns bewusst sind, dass das Fleisch in der Gegenwart des Herrn keinen Platz hat. Es wäre gut, wenn wir uns mehr vor Augen führen würden, dass der Herr wirklich anwesend ist. Würde Er sichtbar da sein, könnten wir davon ausgehen, dass wir es uns dreimal mehr überlegen würden, ob wir jetzt etwas sagen sollen oder nicht. Wir sollten uns also bewusstmachen, dass das Fleisch nichts nützt, dass im Fleisch nichts Gutes wohnt und dass das Fleisch völlig kraftlos ist (Joh 6,63; Röm 7,18; 5,6).

Wir dürfen also nicht meinen, dass wir jedem Impuls, der uns in einer Stunde kommen mag, auch nachgeben sollten.

  • Wir tun gut daran, den Herrn zu fragen, ob man diese Bibelstelle vorlesen oder dieses oder jenes Lied vorschlagen sollte.

  • Wir fragen uns, ob das Lied zu den bisherigen Gebeten, Bibelstellen und Liedern passt oder ob ich es nur vorschlagen möchte, weil ich es so schön finde oder weil wir es bei einer anderen Gelegenheit mit so viel Inbrunst gesungen haben. Sicher kann es sein, dass der Heilige Geist uns auch mal einen weiteren Gedanken zeigen möchte. Aber wenn ich ein Lied vorschlage oder eine Bibelstelle lese oder ein Gebet spreche, das keinen Bezug hat zu dem Vorhergehenden, sollte ich mir schon sicher sein, dass der Geist jetzt einen anderen Gedanken anfügen will. Auf der anderen Seite ist es auch falsch, einem gewissen Konkordanzdenken zu huldigen: Solange ein bestimmtes Schlüsselwort in dem Lied oder der Bibelstelle vorkommt, ist alles in Ordnung. Wenn man gerade mit der Liebe des Herrn beschäftigt ist und jemand schlägt dann ein Lied vor von der Liebe Gottes des Vaters – also ein völlig anderes Thema –, ist zwar das Schlüsselwort gleich geblieben, aber man fragt sich manchmal, ob derjenige, der das Lied vorgeschlagen hat, wirklich mit den Gedanken bei der Sache war.

  • Besonders wichtig ist die Leitung des Geistes sicher bei einem Eingangslied oder -gebet. Wir haben von einem Bruder gehört, der offen zugab, er fühle sich nicht in der Lage, den eben genannten Punkt zu berücksichtigen, daher schlage er immer das erste Lied vor. Das ist ein wenig so, wie wenn jemand sagt: Ich kann keine Melodie halten, daher stimme ich immer an.
  • Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Heilige Geist in einer Stunde den einen in diese Richtung und den anderen in jene Richtung führen möchte.

  • Es ist ebenfalls sehr unwahrscheinlich, dass der Herr in der Hauptsache nur einen oder immer die gleichen Brüder in der Stunde gebrauchen möchte.

  • Manchmal haben wir auch den Eindruck, dass wir die lange Stille durchbrechen müssten und dass es vielleicht für manche unangenehm ist, wenn eine größere Lücke bzw. Stille entsteht. Wir sollten uns bewusstmachen, dass die Stille allein kein alleiniger Grund dafür sein kann, selber tätig zu werden. Wenn eine Pause entsteht, kann man sehr gut über das bereits Gesagte nachdenken oder in der Stille zu Gott beten. Wie schon gesagt, sind gerade in der Stunde des Brotbrechens solche Zeiten der Stille wichtig, damit insbesondere auch die Schwestern im stillen Gebet ihre Anbetung (ihre geistlichen Opfer) vor Gott bringen können. Vielleicht müssen wir uns aber auch in so einer Stille eingestehen, dass wir nichts haben. Das ist aber dann wenigstens Aufrichtigkeit, während fleischliche Tätigkeit Heuchelei ist.

Die Gebetsversammlung

Wir stehen nicht allein vor Gott

Apg 12,5: Petrus nun wurde in dem Gefängnis bewacht; aber von der Versammlung wurde anhaltend für ihn zu Gott gebetet.

In einer Zusammenkunft sollten sich die Brüder, die sich am Gebet beteiligen, klarmachen, dass sie nicht allein vor Gott stehen. Wir wollen keine Gesetze aufstellen und auch langmütig sein, dennoch sollten Ich-Gebete in den Zusammenkünften keinen Platz haben. Es ist sehr schön, zu sehen, wie in Apostelgeschichte 12,5 von der Versammlung anhaltend für Petrus gebetet wurde. Obwohl natürlich immer nur einer betete, stellt uns der Heilige Geist es so dar, als ob die ganze Versammlung gebetet hätte.

Der Apostel Paulus schreibt in 1. Korinther 10,16: „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus?“ Auch hier wird natürlich nur einer für Brot und Kelch danken und das Brot brechen[6], aber Paulus beschreibt es mit den Worten „den wir segnen“ und „das wir brechen“. Wenn wir beten, wird es gut sein, dass wir im Blick haben, dass alle anderen ihr „Amen“ dazu sagen möchten (vgl. 1Kor 14,16). Wir überlegen uns also beim Beten, worauf die versammelte Gemeinde auch mit „Amen“ (= So sei es) antworten kann.

Nicht gegeneinander im Gebet kämpfen

Mt 18,19: Wahrlich, wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen werden über irgendeine Sache, welche sie auch erbitten mögen, so wird sie ihnen zuteilwerden von meinem Vater, der in den Himmeln ist.

Der Herr Jesus spricht hier davon, dass wir beim Beten „übereinkommen“ sollten. Wenn wir wissen, dass es zu einem Punkt unterschiedliche Meinungen bei den Anwesenden gibt, dann wird man nicht seine Meinung in den Vordergrund heben, sondern dafür beten, dass man in diesem oder jenem Punkt einig wird oder dass der Herr hier mehr Klarheit schenkt.

Nicht predigen in den Gebeten

Wenn wir uns bewusstmachen, zu wem wir beten, dann werden unsere Gebete auch keine Predigt an die Geschwister sein. Es gibt keinen Grund, unserem Gott im Gebet sein Wort zu erklären. Wir haben es öfter erlebt, dass Brüder im Gebet sogar von Gott in der dritten Person sprachen, womit deutlich wurde, dass sie eigentlich zu den Geschwistern sprachen. Lange Gebete in einer öffentlichen Zusammenkunft sollten wir, soweit es geht, vermeiden – ganz aus demselben Grund, den Paulus anführt, um die Prophezeiungen zu begrenzen (1Kor 14,29). Die Geschwister können dem nicht folgen: Auch folgende Bibelstellen weisen uns deutlich in eine Richtung und sollte Herz und Gewissen ansprechen:

Mt 6,5: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend zu beten, um sich den Menschen zu zeigen.

Mk 12,40: Sie halten zum Schein lange Gebete. Diese werden ein schwereres Gericht empfangen

Selbst in der Stunde des Brotbrechens sind lange Gebete für die Geschwister sehr ermüdend, und wir sollten uns immer bewusstmachen, dass wir nicht alleine vor Gott stehen, sondern mit vielen anderen Glaubensgeschwistern. Sicherlich sollte man hier unterscheiden, ob jemand im Gebet vom sogenannten Höcksken aufs Stöcksken kommt oder ob ein Gedanke im Gebet vor Gott gebracht wird, der einfach nicht mit wenigen Sätzen auszudrücken ist. Im stillen Kämmerlein können wir jedenfalls so lange beten, wie wir mögen; Gott wird weder müde noch hat Er mit Konzentrationschwierigkeiten zu tun, um auf unsere Gebete zu hören.

Im Gebet nicht kritisieren

Wir sollten es unbedingt unterlassen, andere im Gebet zu kritisieren oder zu korrigieren; das sollte in einem persönlichen Gespräch ausgetragen werden. Auch im Dienst am Wort sollten wir es in der Zusammenkunft unterlassen, über Gottes Wort zu streiten und andere Brüder zu kritisieren. Das Vorstellen einer anderen Position kann hingegen unter bestimmten Umständen sicher einmal hilfreich sein und die Geschwister können verschiedene Positionen gegeneinander abwägen. Es gibt aber auch Versammlungen, wo bestimmte Brüder grundsätzlich meinen, eine gegenteilige Position einzunehmen, um, wie sie sagen, die Geschwister zum „differenzierten Denken“ anzuregen. Das ist sicherlich auch keine geistliche Vorgehensweise. Bruder William Kelly hat hierzu einmal Folgendes gesagt:

Bezüglich der Kritik möchte ich noch sagen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass die Versammlung Gottes der Ort ist, um dort aufzustehen und große Kenntnis zur Schau zu stellen, sondern gerade dort ist die beste Gelegenheit für den Größten, zu zeigen, wie klein er vor Gott ist. Es mag Gelegenheiten und Umstände geben, wo ein Urteil über das, was vorgeschlagen wird, nicht nur am Platze, sondern eine Pflicht ist, aber dafür ist die Versammlung Gottes nicht der rechte Ort. Ich darf hierauf wohl ein Wort anwenden, das der Apostel in Bezug auf eine andere Neuerung niedergeschrieben hat: „Wenn es aber jemanden gut dünkt, streitsüchtig zu sein, so haben wir solche Gewohnheit nicht noch die Versammlungen Gottes.“ Wie und wo kann man eine solche Handlungsweise dem Worte Gottes entnehmen? Ich denke dabei – wie auch ganz allgemein bei diesen Ausführungen – nicht an eine spezielle Bibelstelle, sondern an die ganze Art, den Ton und den Zweck von allem, was uns in der Schrift gegeben worden ist. Da eine solche Kritik also keine Grundlage findet, kann auch ihr Ergebnis nur schädlich sein. Was kann Kritiksucht in der Versammlung anderes bewirken als Uneinigkeit und Zwietracht, wo doch Einheit und Eintracht herrschen sollten? Trotzdem wird allzu oft kritisiert, und ich möchte jeden ernstlich davor warnen. Alle sind imstande, Fehler zu machen, und alle bedürfen gelegentlich einer Zurechtweisung, aber im Allgemeinen sind kritische Bemerkungen des einen über den anderen in der christlichen Versammlung fehl am Platze. Für jede wahre Pflicht findet sich die rechte Zeit und der rechte Ort, doch kann es niemals richtig sein, einen Fehler durch einen anderen beheben zu wollen, wie gottesfürchtig auch die Absicht sein mag.[7]

Wie kann ich sicherstellen, dass ich vom Heiligen Geist in einer Zusammenkunft geleitet werde?

Eine gute Kenntnis des Wortes Gottes

Wir haben weiter oben schon gesehen, dass der (erneuerte) Verstand eine große Rolle spielt, wenn wir als Gemeinde zusammenkommen. Selbstredend sollten wir uns natürlich nie auf unseren Verstand verlassen (Spr 3,5)! Wenn wir also dem Herrn in der Gemeinde dienen wollen und es in der Kraft des Heiligen Geistes tun möchten, dann werden wir uns bemühen, das geistliche Verständnis der Gläubigen anzusprechen. Wir werden um die „fünf Worte mit dem Verstand“ ringen. Dazu wird es unerlässlich sein, dass wir „das Wort des Christus reichlich in uns wohnen lassen“ (Kol 3,16). Es wird auch eine Frage sein, wie wir das Wort lesen, ob es unser Wunsch ist, Christus in den Schriften zu finden (vgl. Lk 24,27), und ob wir davon beseelt sind, den Geschwistern die Speise zur rechten Zeit zu geben (Mt 24,45). Dann wird sich einstellen, was sich auch bei den Emmaus-Jüngern einstellte: „Dann öffnete er ihnen das Verständnis, die Schriften zu verstehen“ (Lk 24,45). Der Diener sollte „durch die Worte des Glaubens und der guten Lehre“ auferzogen worden sein und dieser guten Lehre auch folgen (1Tim 4,6). Es ist wichtig, dass wir der Ermahnung des Paulus an Timotheus Gehör schenken: „Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre“ (1Tim 4,16).

Nicht nur Wissen vermitteln

Wenn wir uns im „Dienst am Wort“ beteiligen, sollten wir nie reine Theologie vermitteln. Gottes Wort möchte nicht nur unseren Verstand, sondern auch immer Herz und Gewissen erreichen. Das Gehörte muss eine positive Auswirkung auf den Zuhörer haben; er wird ermahnt, ermuntert oder getröstet (1Kor 14,3.4). Wenn wir die Schriften des Apostels Paulus untersuchen, stellen wir fest, dass er seine Belehrungen immer mit einem praktischen Teil abgeschlossen hat. Bei lehrmäßigen Ausführungen ist es gut, das zum Vorbild zu nehmen und aufzuzeigen, wie diese Lehre Einfluss auf unsere Praxis hat. Manche scheuen vielleicht davor zurück, praktische Anwendungen zu machen; schnell eckt man damit an, weil einige sich getroffen fühlen; aber ohne solche Anwendungen bleibt der Dienst oft fruchtleer. Als der Herr Jesus den Emmaus-Jüngern erschien, konnten diese am Ende sagen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg zu uns redete und als er uns die Schriften öffnete?“ (Lk 24,32). Das Herz wurde erreicht. Außerdem fühlten sie sich bewegt, den ganzen langen Weg nach Jerusalem wieder zurückzugehen, und das, obwohl „der Tag sich schon geneigt“ hatte. Umgekehrt fühlten sich die Pharisäer und Schriftgelehrten von den Reden des Herrn ins Licht gestellt. Das Gewissen wurde erreicht.

Die Liebe als Motor für den Dienst

1Kor 14,1: Strebt nach der Liebe.

Der Ausgangspunkt für jeglichen Dienst in der Gemeinde sollte die Liebe sein: die Liebe zum Herrn Jesus, die Liebe zu Gott, aber unbedingt auch die Liebe zu den Glaubensgeschwistern und zu den Verlorenen (denn auch diese befinden sich möglicherweise in einer Zusammenkunft). Als der Apostel Petrus die Schafe und Lämmer anbefohlen bekommt, stellt der Herr ihm dreimal die Frage: „Hast du mich lieb?“ (vgl. Joh 21,15.16). Der Herr wollte sicherstellen, dass der Dienst für die Herde aus der richtigen Quelle gespeist wird. Es ist kein Zufall, dass zwischen den Kapiteln 12 und 14 im ersten Korintherbrief das Kapitel der Liebe steht. Kapitel 12 spricht von den Gaben, die Gott dem Leib gegeben hat. Kapitel 14 spricht davon, wie diese Gaben zur Ehre Gottes eingesetzt werden sollen, und in Kapitel 13 finden wir den Motor, der die Gläubigen zum Dienst antreiben sollte: die Liebe. Paulus spricht im zweiten Korintherbrief davon: „Die Liebe des Christus drängt uns“ (2Kor 5,14). Wir sollten nicht unsere Gaben vergraben und denken, dass der Herr ein „harter Mann“ ist wie jener im Gleichnis von den Talenten (Mt 25,24). Nein, wir dienen einem guten Herrn, der mit uns sehr viel Geduld hat. 1. Korinther 14 beginnt mit dem Satz: „Strebt nach der Liebe.“ Wenn es um die Anwendung von Gaben geht, dann muss dieses Streben vorausgehen. Wir werden den Dienst dann nicht tun, weil wir sagen wollen, was wir wissen oder was wir in der vergangen Woche gelernt haben oder was wir für interessant halten, sondern weil wir ein Bedürfnis bei den Geschwistern empfinden, dem wir begegnen wollen. Dann hat man sich vor jedem Dienst darüber Gedanken gemacht: Was benötigen die Geschwister wohl am dringendsten? Obwohl es natürlich Themen gibt, die für viele Christen und auch viele Gemeinden wichtig sind, sollte der Diener es sich dreimal überlegen, ob er denselben Dienst in dieser Woche in Versammlung A tut und in der nächsten Woche in Versammlung B, denn normalerweise sind die Bedürfnisse unterschiedlich.

Gegenseitige Abhängigkeit

1Kor 11,33: Daher, meine Brüder, wenn ihr zusammenkommt, um zu essen, so wartet aufeinander.

Wir sollten uns in der Zusammenkunft immer daran erinnern, dass wir als Geschwister in einer gegenseitigen Abhängigkeit voneinander stehen. Wir sind Glieder eines Leibes. Wir stehen nicht wie loser Sand vor dem Herrn, sondern sind eng verbunden mit allen anderen Gliedern des Leibes. Die Korinther waren, als sie zum Mahl des Herrn versammelt waren, nur mit sich selbst beschäftigt. So kann es uns in der Gemeinde auch ergehen, dass wir überhaupt nicht an den anderen denken, sondern nur mit uns selbst und unseren Gedanken und Gaben beschäftigt sind. Deshalb ist es gut, wenn unter den Brüdern die Gewohnheit besteht, aufeinander zu warten (vgl. 1Kor 11,33). Jakobus sagt: „Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“ (Jak 1,19). Auch der weise Prediger kann uns hier helfen: „Sei nicht vorschnell mit deinem Mund, und dein Herz eile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen; denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde: Darum seien deiner Worte wenige“ (Pred 5,1). Es gibt Versammlungen, wo man genau aufpassen muss, wann der Bruder, der gerade steht und etwas sagt, in die Knie geht, um sich zu setzen, und noch bevor er sitzt, muss man bereits stehen, um selber etwas sagen zu können. Solche Stunden zeugen nur davon, wie sehr das Fleisch mit seiner Selbstwichtigkeit wirksam ist.

Was machen wir dann, wenn Brüder sprechen, die nicht zur Erbauung der Gemeinde beitragen?

1Kor 14,29: Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen.

Leider gibt es heute in vielen Gemeinden, die die freie Leitung des Geistes in den Gemeindezusammenkünften festhalten möchten, viel Not. Wir müssen ehrlich bekennen, dass, wenn heute etliche von dieser freien Leitung des Geistes Abstand nehmen, es gerade dadurch gekommen ist, weil so viel Missbrauch damit getrieben wurde. Oft geschieht der Missbrauch mit den besten Beweggründen. Brüder fühlen sich gedrungen oder verantwortlich, weil „es ja sonst kein anderer macht“. Es wird zwar in den Versammlungen noch empfunden, dass dieser oder jener Bruder nur selten die Gemeinde erbaut, aber es besteht keine Kraft mehr, dagegen etwas zu unternehmen. Eigentlich müsste dringend liebevoll mit solchen Brüdern gesprochen werden.

Oft liegt es auch daran, dass man sich nicht traut, einem Bruder etwas zu sagen, weil man kaum Alternativen in der Gemeinde hat. Oft ist man froh, wenn überhaupt ein Bruder aufsteht und den Dienst am Wort übernimmt. Wenn so viel Schwachheit vorhanden ist, sollte man sich ernsthaft fragen, ob es dann nicht der bessere Weg ist, darüber nachzudenken, den einen oder anderen Bruder aus einer Nachbarversammlung einzuladen, der offensichtlich vom Herrn eine Gabe bekommen hat. Der Dienst muss dann ja nicht zwingend von diesem Bruder ausgeübt werden, wenn z.B. am gleichen Tag „zufällig“ noch ein anderer Bruder auf der Durchreise ist oder es auf dem Herzen hatte, der kleinen und schwachen Versammlung zu dienen. Wir haben auch von einer Versammlung gehört, in der ein Bruder aus Mangel an geistlichen Fähigkeiten in der Versammlung aus einer Betrachtung etwas vorgelesen hat. Solch eine Konserve ist immerhin noch besser, als die Geschwister zu langweilen mit einer Stunde Reden, ohne etwas gesagt zu haben. Wenn wir den Mangel in der eigenen Versammlung feststellen, dann sollten wir nicht irgendwelche örtlichen Brüder zum Dienst am Wort „überreden“ oder „nötigen“, sondern sie vielmehr zum fleißigen Bibelstudium ermutigen und um Gaben beten (vgl. 1Kor 14,13). Eines ist völlig klar: „Aus der Fülle des Herzens redet der Mund“ (Mt 12,34). Für den Dienst am Wort sind Brüder gefragt, die bereit sind, die Heilige Schrift unter Berücksichtigung der Gaben, die der Herr dem Leib „zur Vollendung der Heiligen“ gegeben hat, zu erforschen (Eph 4,12). Wer sich in der Stille mit dem Herrn und seinem Wort viel beschäftigt und die Gaben des Leibes berücksichtigt, deren Dienst wir in vielen wertvollen Kommentaren finden können, wird in der Regel automatisch den Wunsch verspüren, das zu teilen, was er im Wort Gottes gefunden hat. Es wird uns auch dazu bringen, uns zu demütigen, dass wir uns so wenig mit dem Wort beschäftigt haben, so dass wir nicht selbst zum Dienst am Wort beitragen können.

In einer gesunden Gemeinde sollte unter den Glaubensgeschwistern die Freiheit bestehen, es ehrlich zu sagen, wenn der Dienst eines Bruders permanent als nicht erbaulich empfunden wird. Natürlich kann es auch sein, dass der geistliche Zustand der Zuhörerschaft nicht gut ist und gesunde Lehre einfach nicht mehr wertgeschätzt wird. Oftmals wird ein Dienst nur deshalb als nicht erbaulich angesehen, weil man selbst in einem schlechten geistlichen Zustand ist und der Dienst den eigenen vielleicht weltlichen Weg verurteilt. Aber wenn ein Dienst von der Vielzahl gottesfürchtiger Geschwister als nicht erbaulich empfunden wird, muss man darüber ehrlich reden. Der Apostel Paulus sagt: „Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen“ (1Kor 14,29). Wenn das Urteil so ausfällt, dass der Dienst eines Bruders nicht zur Erbauung dient, dann muss man diesem Bruder liebevoll nahelegen, sich nicht mehr am Dienst zu beteiligen. Er mag ja weiterhin ein Gebet sprechen, eine Bibelstelle vorlesen und auch Lieder vorschlagen, aber zu einem Dienst am Wort gehört in der Regel auch eine Gabe.[8] Diese zugegebenermaßen schwierige Aufgabe gehört zu der Verantwortung dazu, wenn wir unter der freien Leitung des Geistes zusammenkommen möchten. Sonst passiert genau das, warum viele diese freie Leitung des Geistes heute ablehnen und ihr sehr kritisch gegenüberstehen.

Es gilt, noch auf einen anderen Fall zu sprechen zu kommen: Ein Bruder hat eine Gabe, aber er geht über das Maß des Glaubens, das Gott ihm geschenkt hat, hinaus. Seine Gabe ist nur für fünf Worte. Aber er meint, er könne eine ganze Stunde sprechen. In Römer 12,3-6 lesen wir:

Röm 12,3-6: Ich sage durch die Gnade, die mir gegeben worden ist, jedem, der unter euch ist, nicht höher von sich zu denken, als zu denken sich gebührt, sondern so zu denken, dass er besonnen sei, wie Gott einem jeden das Maß des Glaubens zugeteilt hat. … Da wir aber verschiedene Gnadengaben haben, nach der uns verliehenen Gnade: es sei Weissagung, so lasst uns weissagen nach dem Maß des Glaubens.

Wir können so einem Bruder vielleicht die Gabe nicht absprechen, müssen ihm dann aber deutlich machen, dass er diese Worte beachten muss. Man kann es erleben, dass ein Bruder ein Kapitel vorgelesen hat, es dann noch einmal mehr oder weniger mit eigenen Worten nacherzählt hat, auf die Uhr schaut, feststellt, dass noch eine Viertelstunde Zeit ist – die Geschwister atmen schon auf, dass seine Predigt endlich zu Ende ist, doch er liest jetzt das nächste Kapitel und macht weiter wie vorher. Mit solchen Predigten treibt man die Geschwister schließlich aus den Zusammenkünften.

Schluss

Solche, die gerne an der freien Leitung des Geistes in den Zusammenkünften festhalten möchten, müssen sich oftmals gegen solche rechtfertigen, die einen geplanten Dienst oder sogar den Ein-Mann-Dienst (oder Pastorendienst) vorziehen. Wir haben nicht die Absicht, gegen dieses Verständnis anzugehen oder zu streiten. In vielen Fällen geschieht dies sicherlich aus reinem Herzen, und oft wurden Gläubige dadurch erbaut, ermahnt und getröstet – vielleicht mehr als in einer Nachbarzusammenkunft, wo man es noch anders hält. Es liegt uns auf dem Herzen, solche darin zu stärken, die sich vielleicht fragen, welche Art und Weise wohl biblischer wäre, und diese Frage muss unbedingt anhand der geöffneten Bibel entschieden werden und nicht aus dem Schweigen der Schrift oder einem allgemeinen Gefühl der Unzufriedenheit mit der örtlichen Situation. Für den geplanten Dienst gibt es keinerlei Anweisung aus Gottes Wort und für den Dienst eines oder mehrerer Pastoren noch viel weniger. Er mag aus pragmatischen Gründen einige Vorzüge haben. Aber hier kann man höchstens mit dem Schweigen der Heiligen Schrift über diese Dinge argumentieren. Genau an diesem Punkt sehen wir den Vorteil der obigen Auslegung. Sie stimmt nicht nur mit dem Kontext des Neuen Testamentes überein, sondern wir haben sogar ein Beispiel in der Heiligen Schrift in 1. Korinther 14, wo uns detailliert aufgezeigt wird, wie die freie Leitung des Geistes in den Zusammenkünften funktionieren kann. Wir können uns bei dieser Auslegung direkt auf Gottes Wort beziehen und uns auf das feste Fundament des „Es steht geschrieben“ stellen.

 

Anmerkungen

[1] Es gibt noch weitere Argumente: Wir sind an anderer Stelle intensiv darauf eingegangen. Siehe das Buch Anbetung im 21. Jahrhundert.

[2] Es kann natürlich sein, dass diese Dinge schon in den allermeisten Haushalten zum Standard gehören und es kaum noch eine Frage des Geldes ist. Dann würde dieses Argument wegfallen.

[3] Das hebt natürlich nicht auf, dass der Herr Jesus mit Schwachheit und Unwissenheit sehr viel Geduld hat (vgl. Heb 5,2a).

[4] C.H. Mackintosh, „The Book and the Soul“ aus Things New and Old, Jg. 6, 1863, S. 48–50.

[5] B. Anstey, The First Epistle of Paul to the Corinthians, E-Book-Edition, 2019, Version 1.4.

[6] Vielleicht ist es nötig, darauf hinzuweisen, dass mit Brotbrechen keinesfalls gemeint ist, dass sich jeder, der teilnimmt, ein Stückchen von dem Brot abbricht.

[7] W. Kelly, Die Versammlung Gottes, EPV, 1970, S. 114f.

[8] Wie gesagt, sind hier Ausnahmen sicherlich immer möglich.

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