Ist es Gottes Wille, dass ich heirate?
Wenn Gott einen anderen Plan mit mir hat …

Wolfgang Bühne

© CLV, online seit: 11.03.2001, aktualisiert: 09.11.2017

In unserer Zeit ist es unter Christen selbstverständlich, dass ein junger Christ in einem bestimmten Alter heiratet. Nähert er sich der Altersgrenze von dreißig Jahren, ohne verlobt zu sein, muss er damit rechnen, dass entweder hinter seinem Rücken getuschelt wird oder gewisse besorgte Geschwister heimlich Pläne schmieden, um Abhilfe zu schaffen.

Wann hört man einmal eine Predigt über 1. Korinther 7, wo Paulus das Thema Ledigsein behandelt und deutlich macht, dass es für hingegebene Christen gute Gründe gibt, unverheiratet zu bleiben? Es ist einfach selbstverständlich, dass man sich in einem gewissen Alter unter den Töchtern des Landes umsieht und sich den Kopf zerbricht, welche wohl die Richtige sein könnte. Wenn wir aber die Nachfolge Jesu ernst nehmen, müssen wir uns auch ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, ob es Gottes Wille ist, dass wir heiraten oder nicht.

Ich bin sehr dankbar, dass inzwischen die sehr hilfreiche Schrift „Der bessere Weg – Ledigsein aus der Sicht eines Mannes“ zu diesem Thema von William MacDonald veröffentlicht worden ist. Soweit ich erkennen kann, ist das die erste Abhandlung über das Ledigsein – aus der Sicht eines erfahrenen, vorbildlichen ledigen Mannes geschrieben.

1. Korinther 7 zeigt eindeutig, dass die Ehe gut und richtig ist. Es gibt nur einen geistlichen Grund, nicht zu heiraten: „Der Unverheiratete ist für die Dinge des Herrn besorgt, wie er dem Herrn gefallen möge“ (1Kor 7,32). In Vers 35 spricht Paulus vom „ungeteilten Anhangen an den Herrn“. Darum geht es. Der Unverheiratete kann seine Zeit und Kraft ungeteilt dem Herrn und Seinem Werk weihen, während der Verheiratete einen Teil seiner Zeit und Kräfte für die Familie einzusetzen hat. Es kann also nicht darum gehen, dass junge Menschen aus egoistischen Gründen beschließen, ledig zu bleiben, um sich vor Verantwortung zu drücken und uneingeschränkt für sich selbst leben zu können. Nein, es geht um das ungeteilte Anhangen an den Herrn. Diese wichtigen Fragen werden in 1. Korinther 7 unter dem Gesichtspunkt der kurzen Zeit unseres Lebens und der nahen Wiederkunft unseres Herrn behandelt. Angesichts dieser wichtigen Tatsachen sollte die Frage der Heirat unter Gebet vor dem Herrn entschieden werden.

William MacDonald schreibt sehr treffend:

Wie selten werden junge Leute dazu angehalten, ledig zu bleiben, um ohne Ablenkung für den Herrn zu brennen … Warum sagen wir unseren Kindern nicht einfach, dass Ehe zwar gut ist, dass aber das Leben als Lediger bestimmte Vorzüge im Dienst für den Herrn hat? Oder dass sie im Herrn tiefe Zufriedenheit finden können und nicht einen Partner brauchen, um glücklich zu werden? Wenn wir die Vorzüge des Ledigseins mehr herausstellen würden, könnten wir die Anzahl der Ausfälle aus dem christlichen Dienst beträchtlich verringern und wir würden erleben, wie für den Herrn mehr erreicht wird.

Die Voraussetzungen für den Verzicht auf die Ehe werden deutlich genannt: „Wer aber im Herzen feststeht und keine Not, sondern Gewalt hat über seinen eigenen Willen und dies in seinem Herzen beschlossen hat …“

Diejenigen also, die in der Schule Gottes Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung gelernt haben, sollten vor dem Herrn erwägen, ob es grundsätzlich Gottes Wille für ihr Leben ist, zu heiraten, oder um des Herrn willen ledig zu bleiben. Allen anderen sagt die Schrift sehr nüchtern: „Es ist besser, zu heiraten, als entbrannt zu sein“, und: „Um der Hurerei willen habe jeder seine eigene Frau.“

Sicher wird es in der heutigen Zeit nicht einfach sein, als Unverheirateter für den Herrn zu leben, und es gibt auch Aufgaben im Werk des Herrn, die besser von Verheirateten durchgeführt werden können. Dennoch gibt es aus der Kirchengeschichte viele Beispiele von Männern und Frauen, die bewusst auf eine Ehe verzichtet haben, um ungeteilt dem Herrn dienen zu können. Männer wie Alfred Christlieb, Samuel Hebich, Sören Kierkegaard, David Brainerd, William MacDonald, Robert Cleaver Chapman und nicht zuletzt John Nelson Darby haben auf die Ehe verzichtet, weil sie Gottes Weg darin gesehen haben. Aus unserer Sicht hätte z.B. das Lebenswerk Darbys nicht von einem Familienvater bewältigt werden können.

Mich bedrückt es jedes Mal, wenn ich Schwestern treffe, die um jeden Preis heiraten möchten. Um dieses Ziel zu erreichen, scheuen sich manche nicht, Anzeigen in gewissen Zeitschriften aufzugeben, und in vielen Fällen werden ihre Bemühungen auch mit Erfolg gekrönt. Sie bekommen, was sie unbedingt wollten, haben aber oftmals ihre Einsamkeit mit einer Hölle auf Erden vertauscht.

Es ist schon seltsam, viele Verheiratete beneiden die Unverheirateten und stöhnen: Wenn ich doch ledig wäre, dann könnte ich mich mehr für den Herrn einsetzen, die Bibel studieren, Bücher lesen, Besuche machen – aber jetzt gehen meine Kräfte für irdische Sorgen und Pflichten drauf.

Die Unverheirateten dagegen sehen sich oft als benachteiligte Menschen zweiter Klasse und verbrauchen ihre Kräfte durch Neid und Selbstmitleid, anstatt sie ungeteilt dem Herrn zu weihen. Wie viele missionarische Aufgaben gibt es und wie viele Möglichkeiten, in allen Lebensbereichen dem Herrn zu dienen. Möge Gott geben, dass solche Christen ihr Ledigsein nicht als Strafe empfinden, sondern als Berufung erkennen, um dem Herrn besser dienen zu können.

Welch ein Segen war Zinzendorfs einäugige Kuhmagd Anna Helene. Zinzendorf bekannte von ihr: „Sie hat so viele Seelen unter den Frauen gewonnen, dass es unglaublich ist, und wenn eine Person in ihr Haus eintrat, so wurde sie schon für errettet angesehen.“ Diese schlichte Magd, die in Gottes Wort lebte, wurde eine Seelsorgerin von ursprünglicher Kraft und Frische, weil sie zu Gottes Wegen „Ja“ sagte und nicht mit ihrer Berufung haderte.

Was wäre aus Eva von Thiele-Winkler geworden, wenn sie geheiratet hätte, und die Aidlinger Schwestern gäbe es wohl kaum, wenn Christa von Viebahn um die Jahrhundertwende eine Anzeige unter „Heiratsgesuche“ aufgegeben hätte.

Für mich war es sehr interessant und aufschlussreich, die Erweckungsbewegung des 18. Jahrhunderts in England unter diesem Gesichtspunkt zu untersuchen. Damals wurden vor allem drei Männer von Gott in besonderer Weise benutzt: George Whitefield, John Wesley und sein Bruder Charles Wesley. Charles war ein sehr gefühlvoller, musisch begabter Prediger, während John von seiner unvergleichlichen Mutter Susanna einen scharfen Verstand mitbekommen hatte und mehr logisch dachte und predigte. Whitefield war eine gute Mischung aus beiden und ein außergewöhnlich begabter Redner. Seine vollmächtigen, erschütternden Predigten zogen bis zu 100.000 Menschen unter freiem Himmel an. Als die Erweckung auf dem Höhepunkt stand, heiratete Charles die hübsche, sehr musikalische Sally Gwynne und war von da an kaum noch auf den Schlachtfeldern des Evangeliums zu sehen. Konnte man bisher von ihm sagen, dass er „mit heiliger Liebe und Musik glühte und keine Mühsal, Gefahr und Verfolgung für zu groß achtete“, so wurde er nach seiner Heirat ein sesshafter, braver Ehemann, der zwar noch hervorragende Lieder dichtete, aber ansonsten die Behaglichkeit des Hauses dem Sturm der Straße vorzog.

John Wesley dagegen vertrat die Ansicht, dass „die wenigen Glücklichen, die die Kraft hätten, auf die Ehe zu verzichten, frei wären von tausend namenlosen häuslichen Prüfungen und besonders von der stärksten aller Bindungen, nämlich: ein Geschöpf über alle anderen zu lieben“. Im Jahr 1751 schrieb er allerdings in sein Tagebuch:

Jahrelang war ich ledig geblieben, da ich meinte, Gott so besser dienen zu können, und ich lobe Gott, der mich auch dazu befähigte. Aber jetzt glaube ich bestimmt, dass ich als verheirateter Mann Gott besser dienen kann. Aus dieser klaren Überzeugung heraus und auf die Ratschläge meiner Freunde heiratete ich wenige Tage später.

Er heiratete eine reiche Kaufmannswitwe, die in der späteren Kirchengeschichte als „Frettchen“ bekannt wurde und alles in ihrem Vermögen Stehende tat, um das Leben ihres Mannes zur Qual zu machen. So zog sie ihn z.B. an seinen Haaren durch das Zimmer und veröffentlichte voll Eifersucht seine persönlichen Briefe, um seinem Ruf zu schaden. Als sie ihren Mann zwanzig Jahre später verließ, schrieb er in sein Tagebuch:

Bis heute weiß ich nicht, aus welchem Grund sie mich verließ, um niemals wieder zurückzukehren. Non eam reliqui, non dimisi, non revovabo – (Ich habe sie nicht verlassen, ich habe sie nicht fortgeschickt, ich werde sie nicht zurückholen).

Dieser Mann hätte sich viele Schmerzen und Schwierigkeiten erspart, wenn er nicht auf den Rat seiner Freunde gehört oder in der Wahl der Ehefrau eine sorgfältige Führung Gottes gesucht hätte. Aber immerhin trug seine Frau dazu bei, dass er es nicht lange zu Hause aushielt, sondern in den fünfzig Jahren seines Dienstes etwa 50.000 mal predigte und etwa 380.000 km zu Pferd zurücklegte.

George Whitefield, der am 4.4.1740 in einem Brief schrieb: „Ich danke Gott dafür, dass ich, wenn ich mich nur ein bisschen in meinem Herzen auskenne, frei bin von jener närrischen Leidenschaft, welche die Welt Liebe nennt“, hätte auch besser nicht geheiratet. Sein rastloser Dienst auf zwei Kontinenten erlaubte kein glückliches Eheleben. Seinem Freund Gilbert Tennent schickte er nach seiner Heirat folgende Nachricht:

Vor etwa elf Wochen heiratete ich in der Furcht Gottes eine etwa 36 Jahre alte frühere Witwe, die lange Zeit Haushälterin gewesen ist. Sie ist weder mit Glücksgütern gesegnet noch von Ansehen hübsch, aber wie ich hoffe, ein wirkliches Kind Gottes und jemand, der, wie ich denke, nicht versuchen wird, mir ein Hindernis in der Arbeit für Gott zu werden. In dieser Hinsicht bin ich noch der Gleiche wie vor der Heirat. Ich hoffe, Gott wird mir nie erlauben zu sagen: Ich habe ein Weib genommen und kann nicht kommen.

Ein Geschichtsschreiber hat wohl nicht ganz unrecht, wenn er über diese Epoche schreibt:

Seine Heirat hat den armen Charles Wesley ganz reduziert und auch John Wesley und George Whitefield wären noch verdorben worden, hätte ihnen nicht ein weiser Meister gnädig ein paar richtige „Hausdrachen“ gesandt.

Ganz anders verlief die Verlobungsgeschichte John Nelson Darbys, der etwa 100 Jahre später lebte. Als er sich mit der bemerkenswerten Lady Powerscourt verlobte, beteten die Brüder in Dublin, dass der Herr eine Heirat verhindern möchte. Sie sahen, dass Gott J.N. Darby mächtig in seinem Werk gebrauchte, und befürchteten, dass eine Frau ihm in diesem Dienst im Wege stehen könnte. Kurze Zeit später entlobten sich beide in gegenseitigem Einverständnis. Es ist ergreifend, zu lesen, was Darby im Alter von einundachtzig Jahren an einen jungen Ehemann schreibt:

Du hast nun eine Hilfe; und ich bin den Weg allein gegangen; doch alles ist sozusagen vergessen im Blick auf Seine Gnade und Treue.

Aus dem folgenden Brief scheint hervorzugehen, dass der Gedanke an die Entlobung zunächst von Lady Powerscourt ausging:

Ich glaube, es gehört zum Schmerzlichsten des Handelns des Herrn mit uns Sündern, wenn man das Mittel ist, den zu bedrücken, der dich liebt; wenn Glück und Elend dessen, der dir teuer ist, von deinem Ja oder Nein abhängt und du das Nein aussprechen musst und somit den Eindruck von Undankbarkeit und Herzlosigkeit hinterlässt; wenn man weiß um einen in dieser Wüste, der deinetwegen unglücklich ist und man doch nicht in der Lage ist noch es versuchen kann, ihn zu trösten. Es ist sehr schmerzlich, besonders, wenn ein langes „Niemals“ hinzugefügt ist.

Beide lebten nahe genug mit dem Herrn, um zu erkennen, dass es einen anderen Weg für sie gab, auf dem sie Gott mehr ehren konnten, auch wenn es für sie selbst sehr schmerzlich war. Beide trachteten zuerst nach dem Reich Gottes und wurden reich belohnt für alles, was sie um des Herrn willen in ihrem Leben aufgaben.

Nun gibt es auf der anderen Seite zahlreiche Beweise aus der Kirchengeschichte dafür, dass eine Ehe nicht eine Reduzierung der Aktivitäten für das Werk des Herrn bedeuten muss. Hudson und Maria Taylor, Charles und Priscilla Studd, Georg und Marie Müller, William und Catharine Booth, in jüngerer Zeit Wilhelm und Emmi Busch und viele andere haben bewiesen, dass glückliche Ehen dem Werk des Herrn nicht im Wege stehen, sondern eine Verstärkung und Bereicherung bedeuten können.

Die angeführten Beispiele sollen nur die Wichtigkeit der richtigen Entscheidung in dieser Lebensfrage deutlich machen und dazu anregen, gerade in diesem Bereich durch ernstes und aufrichtiges Gebet den Willen Gottes zu erfragen.


Aus Kann denn Liebe Sünde sein?, CLV-Verlag, S. 70–79

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