Kann ein Gläubiger mit Willen sündigen?
Hebräer 10,26

Albert von der Kammer

© A. v.d. Kammer, online seit: 21.05.2004, aktualisiert: 08.10.2016

Leitverse: Hebräer 10,26; 1. Johannes 2,1

Heb 10,26: Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig.

1Joh 2,1: Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand gesündigt hat – wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten.

Frage:

Können Kinder Gottes „mit Willen sündigen“ (Heb 10,26)? Und was ist die „Sünde zum Tode“ (1Joh 5,16f.)?

Antwort:

Ein Kind Gottes kann sündigen. Deshalb die vielen Warnungen und Ermahnungen der Schrift, nicht zu sündigen. Wir sind nicht mehr unter der Herrschaft der Sünde. Für den Fall der Sünde eines Gläubigen hat Gott in seiner Gnade Vorsorge getroffen (1Joh 2,1). In gewissem Sinn kann auch ein Kind Gottes mit Willen sündigen. Es wird wohl kein Kind Gottes geben, das nicht in dem Sinne mit Willen gesündigt hätte, dass es etwas getan hat, von dem es wusste, dass es Gott nicht wohlgefällig sei: Wenn das „Mit-Willen-Sündigen“ in unserer Stelle diesen Sinn hätte, dann dürfte kaum ein Kind Gottes selig werden können.

Um das „Mit-Willen-Sündigen“ in dieser Stelle zu verstehen, müssen wir beachten, dass dieser Brief an Juden geschrieben ist, die, gläubig geworden, durch die Verfolgungen in Gefahr waren, wieder zum Judentum zurückzukehren. Aber eine Rückkehr zum Judentum schloss die Verwerfung des Sohnes Gottes in sich (vgl. die ganze Stelle!). Der dies tat, trug den Charakter des „Widersachers“.

Solche Personen mussten den gläubigen Juden bekannt gewesen sein. Nicht als ob diese je errettet gewesen wären, aber sie hatten in den Zusammenkünften der Gläubigen dabei; hatten die Erkenntnis der Wahrheit empfangen (Heb 10,26), waren durch das Blut des Bundes Geheiligte in dem Sinne, dass sie dadurch von der blinden Masse der Juden abgesondert wurden, wie auch von dem ungläubigen Mann gesagt ist, dass er geheiligt ist durch die Frau (1Kor 7,14), aber nicht gerettet. Trotz alledem und wider besseres Wissens verwarfen sie den Sohn und damit das einzige für Sünde gegebenen Schlachtopfer, so dass nur noch ein Erwarten des Gerichtes übrig blieb. Die Frage, ob ein Kind Gottes mit Willen sündigen kann in dem Sinn dieser Stelle, muss verneint werden.

Unbefestigte Kinder Gottes sind zuweilen durch diese Stelle in große Not gebracht worden. Sie sahen ihre Unachtsamkeit und ihre Untreue. Mit dem erneuerten Sinn ihres Herzens hassten sie die Sünde. Da kam die Versuchung. Die Hilfe vom Thron der Gnade wurde vernachlässigt, sie liehen, wenn auch nur für einen Augenblick, ihren Willen dem Feinde, und so unterlagen sie. Mit Entsetzen und Verzweiflung, aber auch mit Treue meinten sie, diese Stelle jetzt auf sich anwenden zu müssen. Aber will eine solche geängstigte Seele etwa die Gnade verwerfen? Nein, danach schreit sie gerade. Will sie etwa den Sohn Gottes mit Füßen treten, das Blut gemein achten? Nein, keineswegs! Ihr gilt also diese Stelle nicht!

Bei dem zweiten Teil der Frage müssen wir beachten, dass sie mit den Versen 14 und 15, der Zuversicht in den Gebeten, in Verbindung steht. Hier handelt es sich um einen Bruder, und Brüder in diesem Brief sind Gläubige. Jede Ungerechtigkeit ist Sünde, und Sünde muss, will man gereinigt werden, gerichtet werden; aber es gibt Sünde, die nicht zum Tode ist. In der korinthischen Gemeinde war ein Gläubiger, der als ein Böser hinausgetan werden musste, aber es war keine Sünde zum Tode. Andere waren da, die um ihrer Sünde willen durch den Tod hinweggenommen wurden (1Kor 11,30). [Es ist nicht ganz klar, ob jene, die hinweggetan wurden, auch wirklich gesündigt hatten oder ob es ein allgemeines Gericht für die Gemeinde in Korinth war; Anm. d. Red.] Vergleiche auch Apostelgeschichte 5,1-10; 3. Mose 10,1.2; Psalm 106,32!

Gott hat nicht festgelegt, was Sünde zum Tode ist; wir können es deshalb auch nicht. Aber aus den Wegen Gottes können wir lernen, dass ein und dieselbe Sünde bei den einzelnen Personen verschieden geahndet wurde. Es wird hier kein Verbot gegeben, zu bitten. Ein im Licht wandelndes Kind Gottes wird, vom Geist Gottes geleitet, empfinden, wie es, selbst bei gleicher Sünde verschiedener Personen, Gott gemäß zu bitten hat. Wenn Gott das Leben gibt – und ich glaube, es handelt sich hier um das zeitliche Leben der Arbeit für den Herrn –, so gibt Er es als eine Antwort auf das Gebet des für jenen Bittenden.


Aus Gegenseitige Handreichung aus dem Worte Gottes, 1. Jahrgang, 1913

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