Beten zum Herrn Jesus
Sind unsere Gebete zu „Jesus-lastig“?

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 31.07.2013, aktualisiert: 03.12.2017

Leitvers: 1. Korinther 1,2

1Kor 1,2: … samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, ihres und unseres Herrn.

In der letzten Zeit bin ich öfter mit der Aussage konfrontiert worden, unsere Gebete seien zu „Jesus-lastig“, deshalb könne es vorkommen, dass man uns mit einer Sekte (damit meint man dann alles außer der evangelischen oder katholischen Kirche) in Verbindung bringen würde. Außerdem seien die meisten Gebete im Neuen Testament an Gott gerichtet. Ein in Deutschland von vielen anerkannter Bibelausleger lehne es sogar gänzlich ab, zum Herrn Jesus zu beten. Auch über unsere Internetseite kamen nun Anfragen, an wen wir uns im Gebet wenden sollten.

  • Viele Gebete der Apostel richten sich an Gott: Apostelgeschichte 4,24; 12,5; 27,35; 28,15; Römer 15,6; 2. Korinther 1,3; 13,7; Epheser 1,3; Kolosser 3,17; 4,3; 1. Thessalonicher 1,2.3; 3,11; 2. Timotheus 1,3; Philemon 4;  5,20; 1. Petrus 1,3.
  • Es gibt auch Beispiele für Gebete, die ausschließlich an den „Vater“ gerichtet sind: Römer 8,15; Galater 4,6; Kolosser 1,12; 1. Petrus 1,17.
  • Nicht zuletzt gibt es aber auch Gebete, entweder direkt an den Herrn Jesus gerichtet wurden, oder aber Schriftstellen, die davon sprechen, dass man die Gewohnheit hatte, „den Namen des Herrn anzurufen“: Apostelgeschichte 1,24; 7,59.60; 1. Korinther 1,2; 2. Korinther 12,8; Offenbarung 1,5.6; 5,9; 22,20.

Das Neue Testament verbietet es uns nicht, ein Gebet an den Herrn Jesus zu richten, und zeigt uns auch Beispiele für solche Gebete. Es kommt auf die Situation an, in der das eine oder andere angemessener erscheint. Der Bibelausleger Christian Briem schreibt dazu:

Wenn wir an unsere Schwachheit und Abhängigkeit denken, rufen wir zu Gott, dem Allmächtigen. Wenn wir an unsere gesegnete Beziehung als Söhne Gottes denken, rufen wir Ihn als unseren Vater an. Wenn wir an unseren Dienst denken, wenden wir uns im Allgemeinen an den Herrn Jesus. […] Im Allgemeinen können wir sagen: Das Kind richtet sich an seinen Vater, der Knecht an seinen Herrn. Aber es ist gewiss nicht gut, scharfe Grenzen zu ziehen oder Regeln in dieser heiligen Sache, dem Umgang des Gläubigen mit Gott, aufzustellen.

Gehen wir noch der Frage nach, ob man überhaupt zu „Jesus-lastig“ sein kann. In Johannes 5,23 lesen wir: „damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat.“ Verrät die Formulierung „Jesus-lastig“ nicht eine gewisse Geringschätzung der Person Jesu? Es ist natürlich wahr, dass es zu einseitig wäre, wenn wir nur noch zum Herrn Jesus beten würden (vgl. obige Bibelstellen). Es würde letztlich zeigen, dass wir noch wenig von der Stellung verstanden haben, in die wir durch das Blut Jesu gebracht worden sind – nämlich in eine Stellung von Kindern, ja noch mehr, von Söhnen und Töchtern, die zu ihrem Gott ebenso vertraut „Abba, Vater“ sagen dürfen wie der Herr Jesus selbst (vgl. Joh 20,17; 2Kor 6,18).

Die Jünger gingen in allen Fragen des Dienstes bzw. ihrer Nachfolge direkt zu ihrem Herrn, und der Herr beantwortete ihre Fragen gerne. Sie waren Jünger des Herrn Jesus, und wir sind es auch; und wenn wir in der Nachfolge stehen, dann werden wir auch Kontakt mit dem halten, der unser Herr und Meister ist. Wenn der Apostel sich durch den Dorn im Fleisch in seinem Dienst beeinträchtigt fühlte, so betete er dreimal zu seinem Herrn. Wenn jemand gerettet werden will, muss der Name Jesu angerufen werden: „Denn jeder, der irgend den Namen des Herrn anruft, wird errettet werden“ (Röm 10,13). Muss man nicht gerade auf dem Missionsfeld dafür sorgen, die Menschen mit dem Namen Jesu zu konfrontieren? Wäre es da klug, diesen Namen im Gebet nicht auszusprechen?

Die Jünger wurden vom Herrn unterwiesen, nun auch den Vater in seinem Namen etwas zu erbitten: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Um was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, das wird er euch geben. Bis jetzt habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen“ (Joh 16,23.24). Obwohl das Gebet im Namen des Herrn sein sollte, richtete es sich doch an den Vater, und der Vater würde die Bitte gewähren, doch ebenso heißt es: „Und um was irgend ihr bitten werdet in meinem Namen, das werde ich tun, damit der Vater verherrlicht werde in dem Sohn. Wenn ihr um etwas bitten werdet in meinem Namen, werde ich es tun“ (Joh 14,13.14). Dadurch wird sehr deutlich, was der Herr Jesus an anderer Stelle sagte: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). 

Der Name Jesu spielt also beim Gebet eine große Rolle, auch wenn es sich nicht immer direkt an den Herrn wendet. Wir können sowohl den Vater im Namen Jesu bitten als auch direkt mit unseren Bitten zum Herrn Jesus gehen. Auch 1. Johannes 5 macht dies klar; dort heißt es: „Und dies ist die Zuversicht, die wir zu ihm haben, dass, wenn wir etwas nach seinem Willen bitten, er uns hört. Und wenn wir wissen, dass er uns hört, um was irgend wir bitten, so wissen wir, dass wir die Bitten haben, die wir von ihm erbeten haben“ (1Joh 5,14.15). Es bleibt hier offen, wer mit „Er“ gemeint ist.

In Hebräer 1,6 lesen wir, dass sogar Engel den Herrn Jesus anbeten werden: „Und alle Engel Gottes sollen ihn anbeten.“ Es stimmt, der Vater sucht solche als seine Anbeter (Joh 4,23). Und doch – wie wird gerade der Vater dadurch verherrlicht, dass wir den Sohn ehren. So schreibt auch der Apostel Paulus an die Philipper: „Und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters“ (Phil 2,11). Wie wird der Vater verherrlicht, wenn wir seinen Sohn im Gebet mit „Herr“ anreden! In der Offenbarung wird das neue Lied angestimmt und an den Herrn gerichtet: „Du bist würdig“ (Off 5,9). Natürlich geht es hier um einen zukünftigen Tag, aber sollten wir nicht heute schon zum Ausdruck bringen, was wir am zukünftigen Tag in Vollkommenheit tun werden? Und denken wir an Offenbarung 1,5.6, wo es nicht um den zukünftigen Tag geht: „Dem der uns liebt und uns von unseren Sünden gewaschen hat in seinem Blut, und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ Denken wir auch die letzten Verse der Offenbarung, wenn der Geist und die Braut sprechen: „Komm, Herr Jesus.“ 

Auch die Bilder im Alten Testament zeigen, dass wir den Herrn Jesus anbeten dürfen. Ruth warf sich vor Boas zur Erde, und die Brüder Josephs taten es gleich mehrfach vor Joseph; sie sind einzigartige Vorbilder unseres Herrn. Sollte es noch irgendeinen Zweifel darüber geben, dass wir ebenso zum Herrn Jesus beten dürfen, wie wir zu Gott unserem Vater beten dürfen? Wir sind hier in eine Freiheit gesetzt, so zu beten, wie es unserer Situation und den Umständen entspricht.

Wenn wir bedenken, wie Gott über seinen Sohn denkt, dann kommt es eher einer Geringschätzung der Person Jesu gleich, wenn wir allzu flapsig von einer gewissen „Jesus-Lastigkeit“ sprechen, denn ist Er nicht, wie der Apostel Paulus schreibt, „Gott gepriesen in Ewigkeit“ (Röm 9,5)? Wenn in Ihm „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ wohnt (Kol 2,9), wenn „alle Dinge durch ihn und für ihn“ (Kol 1,16) geschaffen wurden, wenn Er das „Bild des unsichtbaren Gottes ist“ (Kol 1,15) und Er in „allem den Vorrang“ haben soll (Kol 1,18), wenn der Herr Jesus der Sohn der Liebe des Vaters ist (Kol 1,13), wenn Er „ausgezeichnet vor Zehntausenden“ ist (Hld 5,10), wenn wir unsere „Gedichte dem König sagen“: „Du bist schöner als die Menschensöhne“ (Ps 45,2.3), und wenn Gott allezeit sein Wohlgefallen an seinem Sohn hat und es sogar heißt, dass die „Engel Gottes ihn anbeten“ sollen (Heb 1,6), dann sollte für uns tatsächlich eine Gefahr bestehen, zu „Jesus-lastig“ zu beten? Dabei geht es mir nicht darum, dass wir die Ermahnung gänzlich in den Wind schlagen, nämlich unser Gebetsleben einmal zu hinterfragen. Wie wird wohl der Herr Jesus empfinden, wenn wir darüber sprechen, dass unsere Gebete zu „Jesus-lastig“ sein könnten?

Ist es nicht tatsächlich so, dass man an Gott noch ganz gerne glauben will, und wie viele Menschen mag es geben, die immer ganz allgemein zu Gott beten, aber Jesus Christus nicht kennen? An dem Namen Jesus scheiden sich die Geister. Der Apostel Johannes sagte: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht“ (1Joh 5,12). Sollten wir nicht gerne die Schmach und den Spott auf uns nehmen, wenn man zu uns sagt, wir wären eine Sekte, weil wir immerzu vom Herrn Jesus reden oder zum Herrn Jesus beten? Dem Apostel Paulus warf man vor, zur „Sekte der Nazaräer“ zu gehören (Apg 24,5), weil er nicht mehr aufhören konnte, den Mann aus Nazareth zu bekennen.

Wenn wir den Herrn Jesus nicht haben, haben wir nichts, und wenn wir den Menschen nicht gerade Jesus Christus bringen, haben sie nichts. Der Weg zum Vater führt nur über den Herrn Jesus, denn Er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben und niemand kommt zum Vater als nur durch [ihn]“ (Joh 14,6). Wir sollten keine Furcht haben, den Namen des Herr Jesus im Gebet auch vor Ungläubigen zu verwenden, denn Johannes schreibt sehr ernst: „Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater“ (1Joh 2,23). Umso mehr dann, wenn wir mit kleinen Kindern zu tun haben, für die Gott doch sehr abstrakt ist und die schneller eine Beziehung zum Herrn Jesus aufbauen können, weil sie die Geschichten von Ihm hören und vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen lassen können. Ist es nicht genauso auch im geistlichen Wachstum eines Menschen, der sich gerade bekehrt hat? Ein von neuem Geborener wird seine Gebete auch zuerst an den Herrn Jesus Christus richten, der ihn gerettet hat, aber dann wird er lernen, was es heißt, ein Sohn zu sein, und er lernt auch, den Vater im Gebet anzusprechen und anzubeten (Joh 4).

Es war offensichtlich schon in der Anfangszeit eine Gewohnheit der ersten Christen, den Namen des Herrn Jesus anzurufen, denn der Apostel Paulus schreibt „der Versammlung Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesus, den berufenen Heiligen, samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen“ (1Kor 1,2).

Wir sollten also keine Furcht haben, den Namen des Herrn anzurufen, anzubeten, Ihm Ehre zu geben, Ihn zu bekennen und in seinem Namen zu bitten. Es mag zu einer gewissen Scheidung der Geister führen, aber vergessen wir es nie: „Es ist in keinem anderen das Heil, denn es ist auch kein anderer Name unter dem Himmel, der unter den Menschen gegeben ist, in dem wir errettet werden müssen“ (Apg 4,12). Dennoch wollen wir ausgewogen sein und unsere Abhängigkeit von Gott zum Ausdruck bringen, Ihn preisen und danken, uns auf seine Allmacht berufen, „alle unsere Anliegen vor Gott kundwerden lassen“ (Phil 4,6) und den Vater anbeten für den Sohn, den Er uns gab.

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