Sollten Schwestern schweigen? – Prüfe die Argumente!
Eine kritische Untersuchung des Buches „Sollten Schwestern schweigen?“ von Philip Nunn

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 14.02.2021, aktualisiert: 18.02.2021

Hinweis der Redaktion:
Dieser Artikel ist im Daniel-Verlag 2019 unter dem gleichnamigen Titel als Buch erschienen. Es handelt sich dabei um eine kritische Untersuchung des Buches Sollten Schwestern schweigen? von Philip Nunn.

1. Vorwort

Wir leben „in den letzten Tagen“ und es sind „schwere Zeiten“ (vgl. 2Tim 4,1). Zumindest hatte der Apostel Paulus dies seinem Kind im Glauben, Timotheus, geschrieben. Vielleicht geht es uns materiell ganz gut und du denkst: So schlecht geht es uns doch gar nicht, höre doch deshalb bitte auf, von „schweren Zeiten“ zu reden. Viele Menschen haben deutlich schwerere Zeiten durchgemacht. – Nun, das mag sogar stimmen, dennoch sind unsere Zeiten auf eine andere Art und Weise schwer. Denn als Kinder Gottes werden wir ständig mit neuen Gedanken konfrontiert und der Zeitgeist nagt an unseren Herzen. Wenn wir die persönliche Gemeinschaft mit dem Herrn verlassen und unsere Bibeln nicht mehr gut kennen, wenn nicht mehr jedes Wort, das aus dem Mund Gottes hervorkommt, Nahrung und Speise für uns ist, dann werden wir früher oder später dem Trend und dem Zeitgeist folgen. Der Mensch sucht sich von Natur aus immer den einfachen Weg aus.

Besonders unsere jungen Leute wachsen in einer Zeit auf, wo sie permanent mit unbiblischem Gedankengut konfrontiert werden. Es gibt nichts Absolutes mehr, alles ist relativ. Feste Überzeugungen werden belächelt, man stellt sich lieber auf eine neutrale Position und sagt, es könnte so oder so sein. Dieser Geist macht weder vor unseren Familien noch vor unseren Gemeinden halt.

Aber die Bibel kennt eine absolute Wahrheit, und das geschriebene Wort ist autoritativ zu uns gekommen. Wenn wir Christen sind, dann können wir uns nicht aussuchen, was uns gefällt oder weniger gefällt. Wir müssen lernen, dem Wort Gottes zu gehorchen. Damit ist großer Segen verbunden.

Allerdings kann man heute beobachten, dass absolute Werte und Wahrheiten auf anderem Weg unterlaufen werden. Dabei stellt man sich nicht offensichtlich gegen Gottes Wort, sondern man stellt es in einem neuen Licht dar. Dazu wendet man sich außerbiblischen Texten zu und bemüht den historischen, kulturellen oder jüdischen Hintergrund. Oder man beteuert, dass man über eine Sache sehr lange nachgedacht und viel dafür gebetet habe und man deshalb zu der Überzeugung gelangt sei, das Wort Gottes anders zu verstehen.

Andere wieder bemühen etymologische Worterklärungen, um damit zu dem Schluss zu kommen: So, wie wir das Wort in unserer Übersetzung lesen, ist es eigentlich nicht richtig. Es muss ganz anders heißen und damit hat es auch andere Konsequenzen für uns. Viele dieser außerbiblischen Argumente, seien es nun historische, kulturelle oder etymologische Argumente, können die meisten Leser weder überprüfen noch bewerten. Sie haben einen Schein von Wissenschaftlichkeit und werden daher schnell akzeptiert, mit dem Hintergedanken: Das kommt von einem Experten, das muss dann wohl stimmen. Im vorliegenden Büchlein werde ich auf dieses Argument zurückkommen.

Mit solch einer Buchbesprechung, wie sie hier nun vorliegt, könnte der Eindruck entstehen, es würde mir nicht sehr große Sorge und Not bereiten, einem bekannten Bruder wie Philip Nunn zu widersprechen. Aber die Sorge um viele junge Leute macht es mir nahezu unmöglich, nicht wenigstens einige Gedanken zu dem Buch Sollten Schwestern schweigen? vorzulegen, da die Argumentation von Philip Nunn vielleicht nicht für jeden auf den ersten Blick zu durchschauen ist.

Bei der Vorbereitung für dieses Büchlein habe ich von dem Buch Spielt keine Rolle? von Andreas Steinmeister profitiert, das ein halbes Jahr vor seinem Heimgang (im Februar 2018) vom Daniel-Verlag herausgegeben worden ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich Andreas Steinmeister persönlich gekannt habe. Die Verteidigung der christlichen Wahrheit lag ihm stets auf dem Herzen. Er ließ sich nicht vom Zeitgeist einfangen und stand (als Lehrer) auch vor Ministerien für biblische Werte ein. Sein letztes Buch Spielt keine Rolle? ist sein geistliches Vermächtnis für künftige Generationen. Wer sich mit dem Thema Geschlechterrollen intensiver beschäftigen möchte, der findet hier ein hilfreiches Handbuch.

Beim Ringen um die Wahrheit geht es nicht darum, wer recht hat, sondern was am meisten zur Freude und Verherrlichung des Herrn ist. Vielleicht können wir theologisch alles fein säuberlich trennen und an seinen Platz stellen, aber wenn die Lehre keine Auswirkungen auf unser Leben hat, wenn nicht irgendwo sichtbar wird, dass die Güte und Menschenliebe unseres Heiland-Gottes erschienen ist, und wenn unser Leben nicht die gute Lehre ziert in allem, dann bleibt jedes Kopfwissen fruchtlos. Die gute und gesunde Lehre ist nicht dazu gegeben worden, damit wir darüber streiten, sondern damit wir ihr gehorchen.

2. Einleitung

Philip Nunn nimmt den Leser in seinem Buch Sollten Schwestern schweigen? mit auf seine „persönliche theologische Reise im Kontext der Brüderbewegung“, wie es gleich zu Anfang heißt.[1]

Bei vielen Aspekten, die er in seinem Buch untersucht, gibt es erfreulicherweise große Übereinstimmung. Ich nehme es Philip Nunn ab, dass er um einen gangbaren Weg ringt und die Bibel als autoritatives und vollgültiges Wort Gottes liebt und wertschätzt. Ich schätze seine Haltung anderen Ansichten gegenüber sehr und auch seinen Umgang mit diesen Themen, wenn er von Gemeinden eingeladen wird, die hier eine andere Sichtweise haben als er selbst. Seine Haltung ist von Respekt und Demut gekennzeichnet. Er schreibt, dass er sich dessen bewusst ist, dass eine Änderung bei diesem Thema in vielen Gemeinden Irritationen nach sich ziehen würde. Er scheint auch zu empfinden, dass seine Argumentation eben nur eine Wahl ist und keine absolute Überzeugung.

Wer in dem Buch, das im Verlag CMD, Hünfeld, erschienen ist, eine dogmatische und überzeugende Antwort auf die Frage der Rolle der Frau in den Gemeindezusammenkünften erwartet, wird aber enttäuscht werden. Es bleiben am Ende sehr viele Fragen offen. Der Titel des Buches mutet recht seltsam an. Im Internet nannte Philip Nunn seinen Aufsatz noch „Eine besondere Art des Schweigens“, jetzt lautet der Titel des Buches: Sollten Schwestern schweigen? Erinnert diese Frage nicht an eine ganz andere aus dem ersten Buch der Bibel (vgl. 1Mo 3,1)?

Die vermeintliche Stärke des Buches besteht in der gewinnenden Art, mit der Bruder Nunn seine „neuen“ Überzeugungen anbietet. Die große Schwäche besteht in der oft sehr schwammigen Argumentation; man hat nämlich nicht einmal den Eindruck, dass Philip Nunn selbst völlig überzeugt ist (vgl. 2Tim 3,14: „Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast“). Wie er dabei schreiben kann, dass er mit diesem Thema Frieden geschlossen hat, bleibt rätselhaft.

Philip Nunn rückt in diesem Buch von seiner bisherigen Auslegung in Bezug auf 1. Timotheus 2 sowie 1. Korinther 11 und 14 ab. Es ist aber unsere erste Verpflichtung als Christen, das festzuhalten, was wir aus der Heiligen Schrift gelernt haben: „Halte fest, was du hast, damit niemand deine Krone nehme!“ (Off 3,11). Umso mehr müssen gravierende biblische Gründe vorliegen, eine bisher ausgeübte Praxis in Bezug auf die Rolle der Frau in den Zusammenkünften zu verändern. Ansonsten heißt es: „Halte fest, was du hast!“

Wir wollen uns nun anschauen, ob eine Änderung der gängigen Praxis in Bezug auf die Rolle der Frau in den Zusammenkünften aufgrund des Wortes Gottes erforderlich ist oder ob sie vielmehr einen pragmatischen und zeitgeistigen Hintergrund hat. Im Laufe der Kirchengeschichte gab es zwar verschiedene Handlungsweisen und Auswüchse, auf die Philip Nunn in seinem Buch auch hinweist; dennoch gab es zu jeder Zeit eine große Übereinstimmung, dass die Frau in der Öffentlichkeit nicht in den Vordergrund treten sollte. Diese Übereinstimmung bröckelt jedoch seit einigen Jahrzehnten, sowohl in den Großkirchen als auch in evangelikalen Gemeinden und jetzt auch in der sogenannten Brüderbewegung.

Ausgerechnet in einer Zeit, wo der Feminismus, die Emanzipation und die Genderideologie die Unterschiede der Geschlechter leugnen, stellt Philip Nunn fest, dass wir uns besser von einer Lehre verabschieden sollten, die nahezu 2000 Jahre nicht zur Debatte stand. Zugegebenermaßen könnte eine Lehre natürlich viele Jahrhunderte verdeckt gewesen und nun neu ans Licht gekommen sein, so wie es mit der Lehre der Rechtfertigung oder der Lehre der Entrückung der Gläubigen geschehen ist. Auch der Feminismus hatte durchaus einige positive Auswirkungen, so dass mit einigen extremen Positionen in Gesellschaft und Kirche aufgeräumt wurde. Wir wollen uns aber fragen, ob die Argumente des Buches von der Schrift her überzeugend sind und ob jeder ernsthafte und gottesfürchtige Christ unter den Eindruck kommt, es mit einer vom Geist Gottes offenbarten Wahrheit zu tun zu haben oder eher mit einer vom Geist des Zeitlaufes dieser Welt.

Es fällt schon auf, dass einfache Sätze wie „Die Frauen sollen schweigen in den Versammlungen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen“ (1Kor 14,34) so lange gedreht und gewendet werden, bis das Gegenteil dabei herauskommt. Es ist wie in den Zeiten Habakuks: „Darum wird das Gesetz kraftlos, und das Recht kommt niemals hervor … Darum kommt das Recht verdreht hervor“ (Hab 1,4).

Es ist bedauerlich, dass solche, die jahrelang eine biblisch überzeugende Ansicht in den Gemeinden gehört und selbst vertreten haben, nicht mehr für ein „Festhalten“, sondern für ein „Loslassen“ plädieren. Für solche, die in Kreisen aufgewachsen sind, wo man schon immer anders argumentiert hat, kann man Verständnis aufbringen, wenn sie sich nicht so schnell von einer anderen Sichtweise überzeugen lassen.

Es ist auch zu beobachten, dass solche, die in einer bestimmten Bewegung auch viele negative Auswüchse erlebt haben, dazu neigen, am Ende das Kind mit dem Bad auszuschütten. Die Rolle der Frau in einer typisch konservativen „Brüderversammlung“ mag tatsächlich in manchen Punkten zu überdenken sein, und es mag schlimme Auswüchse gegeben haben, so dass Frauen teilweise überhaupt nicht am geistlichen Leben teilgenommen haben. So ist es bedauerlich, wenn Glaubensschwestern, aus Angst, sie könnten „lehren“, sich gar nicht über Gottes Wort unterhalten.

Wir wollen uns nun einige Argumente von Philip Nunn genauer ansehen und schauen, ob seine neuen Überzeugungen einer gründlichen Prüfung standhalten.

3. Kommentare zur Auslegung von Apostelgeschichte 2

Der Autor beginnt seine Argumentation mit Apostelgeschichte 2. Er schreibt auf Seite 85, warum er diesen Einstieg gewählt hat:

Ich habe mich entschieden, mit Apostelgeschichte 2 zu beginnen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil es chronologisch vor den frühen Briefen von Paulus an Timotheus und an die Gemeinde in Korinth steht. Der zweite Grund ist, dass diese Passage mir die Augen für die Möglichkeit geöffnet hat, dass Frauen manchmal in einem Zusammenkommen der Gemeinde sprechen können, ohne das Prinzip der Schöpfungsordnung zu verletzen. Bis dahin war die „Brille“, durch die ich die ganze Bibel gelesen habe: „Die Frauen sollen schweigen in den Gemeinden“ (1Kor 14,34). Nach meinem Verständnis dessen, was es bedeutet zu „schweigen“, musste daher jede Frau, die beim Zusammenkommen etwas sagte, verkehrt liegen. Aber hier, in Apostelgeschichte 2, sieht es so aus, als ob Frauen in der Gemeinde sprachen, ohne damit zu sündigen, weil sie vom Heiligen Geist dazu gedrängt wurden zu sprechen. Wie ich schon früher erwähnt habe, schlage ich vor, dass du erst einmal aufhörst, über 1. Korinther 14 nachzudenken, bevor wird diese Textstelle im Kapitel 9 besprechen.

Wir sollen also erst einmal aufhören, über 1. Korinther 14 nachzudenken, wenn wir uns mit Apostelgeschichte 2 beschäftigen – und das, obwohl Philip Nunn auf Seite 90 darauf hinweist, dass der Korintherbrief etliche Jahre vor der Apostelgeschichte geschrieben wurde.[2] Erzähle das einmal einem Korinther in der damaligen Zeit, der bereits etliche Jahre die Belehrungen des Korintherbriefes kannte. Die Korinther hielten sich an das „Gebot des Herrn“, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollten. Veränderten sie nun ihre Gemeindepraxis, nachdem sie die Apostelgeschichte erhalten hatten? Gerade die Korinther konnten und mussten die Apostelgeschichte auf dem Hintergrund der Belehrungen verstehen, die Paulus ihnen viele Jahre zuvor erteilt hatte. Sie konnten nicht einfach „aufhören“, über 1. Korinther 14 nachzudenken, während sie die Apostelgeschichte lasen.

Philip Nunn geht in dieser Einleitung davon aus, dass es sich in Apostelgeschichte 2 um Gemeindezusammenkünfte handelte. Dieser Punkt ist natürlich zu beweisen, was er dann auch wie folgt versucht. Er schreibt dann auf Seite 91:

Wie ich im letzten Kapitel erwähnt habe, gibt uns das Neue Testament keine eindeutige Definition, was eine Gemeindezusammenkunft ist. Ich habe den Vorschlag gemacht, dass eine ,Gemeindeversammlung‘ oder ,Zusammenkommen als Versammlung‘ dann stattfindet, wenn eine örtliche Gemeinde zu einer geistlichen Aktivität zusammenkommt und der Heilige Geist unter ihnen gegenwärtig ist, um sie in Anbetung, Gebet und Auferbauung zu leiten. Vor Pfingsten gab es noch keine Gemeindezusammenkünfte, weil es noch keine Kirche gab. Mancher könnte jetzt einwenden, dass dieses Zusammenkommen von Gläubigen kein ,Zusammenkommen als Gemeinde‘ gewesen ist, als es begann, aber es wurde eindeutig dazu, sobald der Heilige Geist auf sie gefallen war. […] Aber die Tatsache, dass dies ein besonderes und einzigartiges Ereignis in der Geschichte war, widerspricht nicht der Tatsache, dass es ein Zusammenkommen der Gemeinde war, ein ganz besonderes, nämlich das erste.

Zu Recht stellt Philip Nunn fest, dass man vor Pfingsten noch nicht von einer Gemeindezusammenkunft im eigentlichen Sinn reden konnte. Er behauptet dann jedoch, dass man dieses erste Treffen im Nachhinein dennoch als erste klassische Gemeindestunde werten könne, und schlägt eine Definition vor, wann man ein Treffen als Gemeindezusammenkommen werten könne.

Warum bemüht er eine eigene Definition, wenn die Heilige Schrift bereits eindeutig definiert, was ein Gemeindezusammenkommen ist? Sie sagt in Matthäus 18,20: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Waren diese ersten Gläubigen in Apostelgeschichte 2 wirklich zum Namen des Herrn versammelt? Wir lesen davon jedenfalls nichts. Sie hatten auch gar keine Veranlassung dazu, denn bis zu diesem Zeitpunkt existierte die Gemeinde ja noch gar nicht. Auf seine eigene Schlussfolgerung und Definition baut er anschließend alle weiteren Lehren auf. Als Bibellehrer sollte Philip Nunn wissen, dass man auf Mutmaßungen und Schlussfolgerungen keine Lehren aufbauen sollte; in der Vergangenheit hat so ein Vorgehen schon viel Schaden angerichtet. Die Apostelgeschichte ist durchaus kein Lehrbrief und eignet sich keinesfalls dazu, eine Lehre aufzubauen.

Selbst wenn die Zusammenkunft am Pfingstfest eine Art erste Gemeindestunde gewesen wäre – was überhaupt nicht mit Sicherheit gesagt werden kann –, dann muss man noch bedenken, dass der Geist Gottes viele weitere Offenbarungen, Ordnungen und Regeln für das Zusammenkommen der Gläubigen erst nach dem Pfingstereignis gegeben hat. Nehmen wir ebenfalls an, die Frauen hätten am Pfingsttag in der Zusammenkunft wirklich in fremden Sprachen gesprochen – was keineswegs sicher ist, denn wir lesen lediglich, dass auf „alle“ der Heilige Geist fiel, aber nicht, dass „alle“ in Sprachen gesprochen hätten –, dann wäre trotzdem die Frage: Welche Bedeutung hätte es heute für uns, wenn der Apostel Paulus zu einem späteren Zeitpunkt ein „Gebot des Herrn“ (1Kor 14,37) weitergibt, dass die Frauen in den Gemeinden schweigen sollen?

Es ist wirklich müßig, darüber zu spekulieren, ob auch die Frauen sich öffentlich geäußert haben. Da es in der Heiligen Schrift nicht gesagt wird, dass sich Frauen beteiligt haben, liegt die Beweislast bei Philip Nunn. Jedenfalls werden sowohl im ersten Kapitel wie auch im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte sehr häufig die Männer ganz speziell angeredet (Apg 1,16; 2,5.14.22). Zudem sollten wir bedenken, dass in der damaligen Zeit die Frauen überhaupt nicht gewohnt waren, in der Öffentlichkeit in dieser Weise in Erscheinung zu treten. Es ist aber durchaus möglich, dass es Frauen gab, die wie die Töchter des Philippus weissagten (aber wir lesen auch hier nicht, dass dies in der Gemeinde geschah).

Auf Seite 88 schreibt Philip Nunn:

Wie wir später sehen werden, zitierte Petrus, als er erklärte, was geschehen war oder gerade geschah, die folgenden Worte aus dem Propheten Joel, in denen zweimal explizit Männer und Frauen erwähnt werden: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, dass ich von meinem Geist ausgießen werde auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen, und eure Jünglinge werden Gesichte sehen, … Und sogar auf meine Knechte und auf meine Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie werden weissagen“ (Apg 2,17.18). Warum zitierte er diesen Bibeltext, um zu erklären, was geschah? Am wahrscheinlichsten doch wohl, weil dort Männer und Frauen beteiligt waren.

Natürlich könnten Frauen bei dem Pfingstereignis ebenfalls beteiligt gewesen sein und in Sprachen geredet haben. Aber wenn man den Bibeltext vorurteilsfrei liest, dann hatten die Menschen in Jerusalem keine Not damit, dass es vielleicht gerade Frauen waren, sondern damit, dass die Menschen sich scheinbar wie Betrunkene benahmen: „Andere aber sagten spottend: Sie sind voll von süßem Wein“ (Apg 2,13). Daraufhin zitiert der Apostel Petrus aus dem Propheten Joel (Joel 3,1.2). Zwar werden in diesem Vers auch Frauen genannt, aber das ist dort gar nicht das Hauptthema, wie Bruder Nunn es gerne hätte. Petrus will zuerst einmal klarstellen: Schaut einmal in eure eigenen Schriften; dieses Phänomen des Sprechens in fremden Sprachen müsst ihr doch aus euren eigenen Schriften kennen. – Er verwendet dieses Zitat eben nicht, wie Philip Nunn schreibt, „am wahrscheinlichsten doch wohl [deshalb], weil dort Männer und Frauen beteiligt waren“ (S. 88), sondern am wahrscheinlichsten tut er das doch wohl eher deshalb, weil er das Phänomen der Sprachengabe erklären will.

Mit dem gleichen Recht, wie Philip Nunn behauptet, dass auch Frauen hier gesprochen haben, weil Petrus den Vers so weit zitiert, könnte ein anderer auch sagen, dass Petrus den nächsten Satz aus den Propheten Joel erwähnt, weil an diesem Tag viel Blut geflossen sei und weil es eine große Sonnenfinsternis gegeben habe usw., denn es heißt in dem Zitat schließlich: „Blut und Feuer und Rauchdampf; die Sonne wird in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut“ (Apg 2,19.20; Joel 3,3.4).

Wir müssen also verstehen, worum es Petrus ging, wenn er aus dem Propheten Joel zitiert: Es ging ihm nicht um die Frauenfrage, auch nicht um die Begleiterscheinungen am zukünftigen Tag des Herrn, sondern darum, dass manche meinten, die Sprachenredner seien betrunken (Apg 2,13).

Es ist zumindest sehr interessant, dass der Apostel Petrus das Zitat aus Joel mit den Worten schließt: „Und es wird geschehen: Jeder, der irgend den Namen des Herrn anruft, wird errettet werden“ (Apg 2,21). In Joel 3,5 geht der Satz wie folgt weiter: „… denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem wird Errettung sein.“ Diesen Teil des Satzes lässt Petrus weg. Er wurde also durch den Geist geleitet, das Zitat mitten im Satz abzubrechen. Möglicherweise deshalb, weil die Errettung nicht so sehr mit dem „Berg Zion“ und mit „Jerusalem“ zu tun hatte, sondern sich jetzt über die ganze Welt ausbreiten sollte („Jeder“). Das könnte ein Grund sein, warum der Geist Gottes den Apostel Petrus leitete, so viel aus dem Propheten Joel zu zitieren – nicht, um zu zeigen, dass sich jetzt jedes Wort buchstäblich erfüllte, sondern um das Sprachenwunder zu erklären und mit der Pfingstpredigt die Tür zur Weltevangelisation zu öffnen, indem er Joel mit den Worten zitiert: „Jeder, der irgend den Namen des Herrn anruft, wird errettet werden“ (Apg 2,21; vgl. auch Apg 2,38-41).

Philip Nunn argumentiert nun so: Petrus sei durch den Geist geleitet worden, auch die Verse mit den Töchtern und Mägden zu zitieren, um zu zeigen, dass es auch für eine Frau in der Gemeindestunde möglich sei zu reden und nicht zu schweigen. Wenn das wirklich so wäre, dann muss Philip Nunn aber auch erklären, warum Petrus danach nicht abbricht. Denn offensichtlich haben sich die folgenden Dinge ja ebenfalls noch nicht erfüllt, wie er selbst zugibt.

Wenn wir die Frage zu beantworten suchen, warum Petrus so viel aus dem Buch Joel zitiert, dann haben wir oben bereits auf Apostelgeschichte 2,21 hingewiesen. Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Es ist wichtig, zu berücksichtigen, dass Israel von Gott noch eine Gnadenfrist zur Umkehr erhielt. Petrus sagt noch in Apostelgeschichte 3,19.20 zu Israeliten: „So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und er den euch zuvor bestimmten Christus Jesus sende, den freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.“

Dies sagt Petrus zu den Juden, nicht zu Heiden. Hätten sie Buße getan, wäre Christus sofort wiedergekommen; die Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge hätten ihren Lauf nehmen können, und das Zitat aus Joel 3 wäre buchstäblich in Erfüllung gegangen. Gott wusste natürlich, dass die Juden nicht nur den in Niedrigkeit gekommenen Messias ablehnen würden, sondern auch den zur Rechten Gottes erhöhten Messias. Das, was an Pfingsten geschah, hatte also einen doppelten Boden. Hätte Israel als Volk seinen Messias angenommen, wäre die Joel-Prophezeiung, wie gesagt, buchstäblich in Erfüllung gegangen. Aber weil Israel seinen Messias ablehnte, diente das Joel-Zitat lediglich dazu, um zu beweisen, dass die Gläubigen nicht von Sinnen, sondern vom Heiligen Geist erfüllt waren. Getrieben vom Heiligen Geist schreibt der Apostel nicht: „Da erfüllte sich“, sondern: „Dies ist es.“

Tatsächlich werden in der Zukunft kurz vor dem Beginn des Tages des Herrn die „Söhne und … Töchter weissagen“, aber hier steht nichts davon, dass das in einer christlichen Zusammenkunft geschehen wird, die es dann auf der Erde sowieso nicht mehr geben wird, weil die Gemeinde dann längst entrückt sein wird. Aber auch in unserer Haushaltung dürfen die Frauen ja bekanntlich beten und weissagen, wenn sie sich bedecken, allerdings nicht in der Versammlung. Der Gedanke an diesen doppelten Boden sollte uns sehr vorsichtig stimmen, weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen, die Philip Nunn an dieser Stelle anregt.

Auf Seite 90 schreibt Philip Nunn:

Apostelgeschichte 2 wurde wahrscheinlich um das Jahr 70 n.Chr. aufgeschrieben, das sind 15 oder 20 Jahre, nachdem Paulus seinen ersten Brief an die Korinther geschrieben hat. Ich finde es sehr bedeutsam, dass Lukas, 15 oder 20 Jahre nachdem Paulus die Leitlinien und Anweisungen für die Zusammenkünfte der Gemeinde ausgegeben hatte, den Wunsch hatte, seine Leser erfahren zu lassen, dass der Heilige Geist beim ersten Treffen der Gemeinde alle Gläubigen, die in diesem Haus anwesend waren, und zwar Männer wie Frauen, begeistert und befähigt hat, mit ihrer Stimme hörbar teilzunehmen.

Weiter oben sind wir bereits auf dieses Zitat eingegangen. Hier soll nur noch einmal erwähnt werden, dass es durchaus nicht sicher ist, dass Frauen sich in der Zusammenkunft wirklich hörbar beteiligten. Der Bibeltext lässt es offen. Was allerdings sicher ist: „Sie fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen“ (Apg 2,4). Sie konnten also nicht einfach reden, wie sie wollten, sondern es geschah unter der Kontrolle des Geistes.

Wenn wir die Auslegung von Philip Nunn über Apostelgeschichte 2 an uns vorüberziehen lassen, entstehen viele Fragen. Er greift nicht auf klare Aussagen der Bibel zurück, sondern stellt Mutmaßungen an und zieht daraus Schlussfolgerungen, die man auch ganz anders ziehen kann. Deshalb war es keine gute Wahl, mit Apostelgeschichte 2 zu beginnen. Auf Mutmaßungen und Schlussfolgerungen kann man keine gesunde Lehre aufbauen.

Auf Seite 94 schreibt Philip Nunn:

In Apostelgeschichte 2 werden also zwei Ereignisse am Pfingsttag beschrieben: Das erste ,Zusammenkommen als Gemeinde‘ (Apg 2,1-4), und anschließend eine ,evangelistische Veranstaltung‘ (Apg 2,5-41). Was das „evangelistische Event“ betrifft, wissen wir sicher, dass Petrus dort sprach, nachdem die 3000 Menschen zusammengekommen waren, und wir vermuten stark, dass alle Gläubigen in den Straßen Jerusalems in Zungen sprachen und denen, die um sie herum standen, „die großen Taten Gottes verkündigten“. Was diejenigen betrifft, die beim ersten Zusammenkommen der Gemeinde sprachen, wird klar festgestellt: „sie alle“ (Apg 2,4).

Es stimmt, dass es hier in Apostelgeschichte 2 um zwei unterschiedliche Begebenheiten geht. Ob man hier wirklich von einem „Zusammenkommen als Gemeinde“ reden kann, ist überhaupt nicht klar. Ob wirklich „alle“ im Haus in Sprachen gesprochen haben, ist auch nicht klar. Wer dann auf den Straßen in Sprachen gesprochen hat, ist ebenfalls Spekulation. Genauso gut könnte man die Mutmaßungen in eine andere Richtung anstellen, wie ich oben gezeigt habe, da in Kapitel 1 und 2 der Apostelgeschichte sehr oft die Männer und Brüder angesprochen werden (Apg 1,16; 2,5.14.22).

Wir kommen hier lehrmäßig nicht weiter. Dazu müssen wir andere Bibelstellen betrachten, die deutlicher sprechen. Apostelgeschichte 2 wurde nicht geschrieben, um uns eine Abhandlung über den Dienst der Frau in der Gemeinde zu geben. In 1. Korinther 14 dagegen wird explizit auf dieses Thema eingegangen. Trotz aller Mutmaßungen, die Philip Nunn sogar eingesteht, baut er anschließend darauf eine Lehre auf, was nicht in Ordnung ist. Viel naheliegender ist es, die eindeutigen Texte zu nehmen und dann zu überlegen, wie die undeutlicheren Texte in dieses Bild passen.

Philip Nunn ist sichtlich bemüht, sich sehr vorsichtig auszudrücken. Das ist lobenswert, ist aber zugleich auch eine große Schwäche, weil er von dieser Stelle ausgehend seine Sichtweise zur Frauenfrage in der Gemeinde verändert hat. Er schreibt, wie oben bereits erwähnt, auf Seite 85:

Ich habe mich entschieden, mit Apostelgeschichte 2 zu beginnen, und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil es chronologisch vor den frühen Briefen von Paulus an Timotheus und an die Gemeinde in Korinth steht. Der zweite Grund ist, dass diese Passage mir die Augen für die Möglichkeit geöffnet hat, dass Frauen manchmal in einem Zusammenkommen der Gemeinde sprechen können, ohne das Prinzip der Schöpfungsordnung zu verletzen. Bis dahin war die „Brille“, durch die ich die ganze Bibel gelesen habe: „Die Frauen sollen schweigen in den Gemeinden“ (1Kor 14,34). Nach meinem Verständnis dessen, was es bedeutet zu ‚schweigen‘, musste daher jede Frau, die beim Zusammenkommen etwas sagte, verkehrt liegen. Aber hier, in Apostelgeschichte 2, sieht es so aus, als ob Frauen in der Gemeinde sprachen, ohne damit zu sündigen, weil sie vom Heiligen Geist dazu gedrängt wurden zu sprechen. (Hervorhebung durch SI)

Philip Nunn hat also seine Meinung geändert, weil es so „aussieht“, „als ob die Frauen in der Gemeinde sprachen“. Ist das eine gute Grundlage, seine Ansicht zu ändern und klare Aussagen der Heiligen Schrift zu relativieren? Noch einmal: Natürlich mag man sich das vorstellen, dass bei beiden Begebenheiten – im Haus und später draußen auf den Straßen – auch Frauen in anderen Sprachen gesprochen haben. Nach Hebräer 6 haben etliche Hebräer (Juden) „die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt“ (Heb 6,5), und dazu gehörte sicher auch die Gabe des Sprachenredens, das nun auch „Töchter“ und „Mägde“ bekamen, wie Petrus durch das Joel-Zitat klarmacht. Wir haben es hier mit einer einmaligen Situation zu tun. Diese Wunderzeichen hörten in dieser Form bereits kurz nach der Zeit der Apostel auf. Wie bereits oben erwähnt, kommt die einmalige Situation aber auch dadurch zum Ausdruck, dass Israel immer noch Buße hätte tun können (vgl. Apg 3,19-21); dann hätte sich das Joel-Zitat buchstäblich erfüllt. Diese einmalige Situation als Standard für die neutestamentliche Gemeinde zu nehmen, ist alles andere als eine solide Grundlage.

4. Kommentare zur Auslegung von 1. Timotheus 2

Wir kommen nun zu der Auslegung von 1. Timotheus 2. Philip Nunn führt aus, dass der Zusammenhang in diesem Kapitel keinen genauen Kontext vermitteln würde, dass „an jedem Ort“ in Vers 8 besser „an jedem Versammlungsort“ heißen solle, und dass sich das Wort „Ebenso auch“ auf das Beten beziehe und nicht auf das „Ich will“ des Apostels Paulus.

Auf Seite 99 schreibt er unter der Überschrift „Wo sollten diese Anweisungen ausgeführt werden?“:

Fordert zum Beispiel, die Anordnung „Ich erlaube einer Frau nicht, zu lehren, noch Autorität über einen Mann auszuüben [zu beanspruchen]“ (1Tim 2,12), dass eine christliche Frau nur im Kontext der Zusammenkünfte der Gemeinde nicht lehren soll, oder sowohl in den Gemeindeversammlungen als auch in Hausgruppen, Jugendlagern oder Seminaren, oder nirgends lehren soll, wenn Männer anwesend sind, einschließlich Sprachschulen, beruflichen Schulungszentren und Universitäten? Oder könnte dies als ein Verbot verstanden werden, Männer über biblische und ,geistliche‘ Themen zu belehren? Achte bitte darauf, dass uns Paulus in seinem Brief keinen genauen Kontext vermittelt.

Eine Möglichkeit, eine bestimmte Sichtweise in Misskredit zu bringen, ist, sie in Frage zu stellen (vgl. 1Mo 3,1). Es wird in diesem Abschnitt keine Begründung für die eigene Überzeugung angeführt, es wird einfach hinterfragt. Sollte der Bibeltext wirklich aussagen, dass … Und schon hat man Zweifel gesät. Auch später folgt keine klare biblische Begründung.

Philip Nunn schreibt: „Achte bitte darauf, dass uns Paulus in seinem Brief keinen genauen Kontext vermittelt.“ Ist das wirklich wahr? Der Kontext im ersten Timotheusbrief ist doch sehr deutlich, und ich glaube nicht, dass Philip Nunn hier widersprechen würde. Der Schlüsselvers zum Verständnis dieses Briefes ist: „… damit du weißt, wie man sich verhalten soll im Haus Gottes, das die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1Tim 3,15). Da es in 1. Timotheus 2 sehr deutlich um das Verhalten geht (beten, sich kleiden, lehren), ist der Kontext doch sehr deutlich: Wie verhalte ich mich im Haus Gottes?

An dieser Stelle müssen wir selbstverständlich fragen: Was bedeutet der Ausdruck „im Haus Gottes“? Sind damit die Zusammenkünfte gemeint oder unser gesamtes Leben als Christ? Wiedergeborene Christen sind „eine Behausung Gottes im Geist“ (vgl. Eph 2,22). Sie werden „selbst als lebendige Steine aufgebaut“ und sind ein „geistliches Haus“ (vgl. 1Pet 2,5). Und nach 1. Timotheus 3,15 gibt es auch ein entsprechendes Verhalten im Haus Gottes. Unabhängig davon, ob sich ein Christ zu Hause aufhält oder in den Gemeindezusammenkünften, er hält sich stets im Haus Gottes auf. Er geht nicht am Sonntag in das Haus Gottes hinein und nach zwei Stunden wieder hinaus.

Der Apostel Paulus schreibt hier keinen Brief an eine Gemeinde, sondern an einen jungen Bruder. Dieser sollte grundsätzlich wissen, wie man sich im Haus Gottes zu verhalten hat. Selbst in Kapitel 3, wo es um die Frage der Ältesten geht, wird wohl niemand bezweifeln, dass die Ältesten ihren Dienst hauptsächlich außerhalb der Versammlungsstunden tun und dieser nicht auf die zwei oder drei Stunden Zusammenkunft in der Woche beschränkt ist, was Bruder Nunn auch selbst bestätigt. Wir beten auch nicht nur dann „für alle Menschen, für Könige und alle, die in Hoheit sind“ (1Tim 2,1.2), wenn wir uns als Gemeinde zum Gebet versammeln, sondern auch privat in den Häusern oder in Hauskreisen. Männer sollen nicht nur in der Versammlung die Stimme zum Gebet erheben, sondern „an jedem Ort“ (1Tim 2,8). Im Kontext ist nicht der spezielle Versammlungsort gemeint, sondern ganz allgemein „jeder Ort“.

Dieser Ausdruck kommt insgesamt drei Mal im Neuen Testament vor, und immer geht es nicht um den Versammlungsort, sondern einfach ganz allgemein um „jeden Ort“ (vgl. 1Kor 1,2; 2Kor 2,14; 1Thes 1,8). Ist der Kontext also wirklich so schwer zu entdecken, wie Philip Nunn schreibt? Interessanterweise zeigt Philip Nunn selbst auf, wie viele Hinweise im Neuen Testament sich auf das allgemeine Verhalten im christlichen Leben beziehen, doch nur hier möchte er eine Ausnahme machen mit allen weitreichenden Konsequenzen. Er überzeugt uns also nicht anhand der Heiligen Schrift, sondern trifft für sich eine Entscheidung, es so sehen zu wollen. Kann man sich wirklich so leicht über das Wort „Halte fest, was du hast“ hinwegsetzen?

Auf Seite 99/100 schreibt Philip Nunn:

Zum Beispiel beziehen sich die Anweisungen darüber, wie man „Aufseher“ (1Tim 3,1-7) und „Diener/Diakone“ (1Tim 3,8-13) herausfinden und einsetzen soll, deutlich auf das allgemeine Leben in der örtlichen Gemeinde – und nicht nur auf das, was während der Versammlungen der Gemeinde geschieht. Genauso bezieht sich der Rat, wie ältere und jüngere Leute, Männer, Frauen und Witwen behandelt werden sollten, allgemein auf das Leben der örtlichen Gemeinde (1Tim 5,1-16). Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Anweisung „Ich will, dass sich die Frauen bescheiden kleiden“ und „gute Taten tun“ (1Tim 2,9.10) nur auf die Gemeindeversammlungen oder das Leben in der örtlichen Gemeinde beschränkt. Es ist wahrscheinlicher, dass es sich auf das Leben der christlichen Frauen im Allgemeinen bezieht, einschließlich ihrer Aktivitäten, die sie als Teil der Gemeinde und während der Versammlungen ausführen. Viele Kommentatoren heute schlagen vor, dass die Anordnungen über Gebet und Lehre, die wir in 1. Timotheus 2 finden, nur auf die Zusammenkünfte der Gemeinde bezogen werden sollten. Manche Kommentatoren möchten den Geltungsbereich auf andere öffentliche Anlässe ausweiten. In der Vergangenheit wurde dieses Kapitel dazu benutzt, Frauen aus Positionen in der Lehre an Hochschulen und Universitäten auszuschließen. Du wirst im Folgenden feststellen, dass ich diese Anweisungen in 1. Timotheus 2 in erster Linie auf Gemeindeversammlungen anwende. Ja, das ist eine Entscheidung meinerseits. Ich betrachte sie als die vernünftigste Möglichkeit von allen möglichen Erklärungen, denen ich begegnet bin.

Philip Nunn führt hier ein sehr schlagkräftiges Argument an, warum sich die Anweisungen im Timotheusbrief angeblich auf das allgemeine Leben in der Gemeinde beziehen und nicht auf die Gemeindestunden allein. Es ist schon rein logisch für einen normalen Leser unfassbar, wie jemand schreiben kann:

Zum Beispiel beziehen sich die Anweisungen […] (1Tim 3,1-7) und … (1Tim 3,8-13) […] deutlich […] nicht nur auf das, was während der Versammlungen der Gemeinde geschieht. Genauso bezieht sich der Rat […] allgemein auf das Leben der örtlichen Gemeinde (1Tim 5,1-16). Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Anweisung […] (1Tim 2,9.10) nur auf die Gemeindeversammlungen oder das Leben in der örtlichen Gemeinde beschränkt. Es ist wahrscheinlicher, dass es sich auf das Leben der christlichen Frauen im Allgemeinen bezieht. (Hervorhebungen durch SI)

Und zwei Sätze weiter schreibt er schließlich:

Du wirst im Folgenden feststellen, dass ich diese Anweisungen in 1. Timotheus 2 in erster Linie auf Gemeindeversammlungen anwende.

Obwohl er „deutlich“ sieht, dass es anders ist und dass es „unwahrscheinlich“ ist, dass es so ist, schließt er sich doch der gegenteiligen Meinung an. Was ist nur mit Bruder Nunn geschehen, dass er hier so etwas schreibt?

Ebenfalls auf Seite 101 schreibt er:

Hier fordert Paulus die Männer auf, in einer bestimmten Weise zu beten. Wenn du, wie ich, denkst, dass sich diese Anweisungen in erster Linie auf die Zusammenkünfte der Gemeinde beziehen, dann meint Paulus, wenn er Männer ,an jedem Ort“ dazu auffordert‚ ,in jeder Gemeinde‘ (diese Auslegung ist auch in 1Kor 1,2 und 1Thes 1,8 möglich). Alternativ kann man dies als einen allgemeinen Aufruf an die Männer sehen, öffentlich zu beten.

Ich bin nicht derselben Meinung wie Philip Nunn und beziehe diesen Vers nicht allein auf die Zusammenkünfte der Gemeinde, denn es ist, wie er selbst zugibt, „deutlich“, dass er sich nicht nur darauf bezieht. Im Gegenteil, der Heilige Geist legt durch die Worte des Apostels Paulus den Männern diese Verantwortung auf, dass sie beten sollen, indem sie heilige Hände aufheben, ohne Zorn und zweifelnde Überlegung (vgl. 1Tim 2,8). Aus welchem Grund sollte das nur für die Zusammenkünfte gelten? Zumal der Apostel ja noch angibt, dass sie das „an jedem Ort“ tun sollten. In unserer Sprache also: „egal, wo“. Philip Nunn sieht die Schwäche seiner Argumentation, wenn er schreibt: „Alternativ kann man dies als einen allgemeinen Aufruf an die Männer sehen, öffentlich zu beten“ (S. 101).

Auf Seite 101/102 entscheidet sich Philip Nunn für diese Auslegung:

Den Frauen ist es erlaubt zu beten: Das ‚ebenso auch‘ bezieht sich auf die Art, wie der Apostel wünschte, dass Männer und Frauen beten sollten. Weil Männer eher dazu geneigt sind, zornig und streitlustig zu sein, und Frauen sich eher auf ihre äußere Erscheinung konzentrieren (schicke Frisuren, Perlen, teure Kleider) – was beides unerwünschte Verhaltensweisen für Menschen sind, die bekennen, dass sie zusammenkommen, um Gott anzubeten – hat Paulus hier aussagen wollen: Ich will, dass die Männer in angemessener Weise an jedem Ort beten ohne Zorn und Zweifel, ‚ebenso auch‘ will ich, dass die Frauen in angemessener Weise an jedem Ort beten, ohne eine unangemessene Aufmerksamkeit auf ihre äußere Erscheinung zu ziehen. Eine Frau sollte sich selbst schön machen, indem sie gute Werke tut.

Vertrauenswürdige Ausleger haben darauf hingewiesen, dass diese Auslegung grammatikalisch nicht haltbar ist. Ich kenne keinen Griechischexperten, der diese alternative Lesart stützt. Von 36 englischen, 28 deutschen und 6 niederländischen Übersetzungen haben gerade einmal zwei[3] diese Form der Übersetzung gewählt. Das ist also ein Verhältnis von 2:70, wobei die Frage ist, ob man die zwei verbleibenden Übersetzungen überhaupt als echte Übersetzung ansehen kann (siehe Fußnote). Haben sich wirklich alle Bibelübersetzer, die ja aus den verschiedensten christlichen Kreisen kommen, geirrt?

Das „ebenso auch“ muss mit dem einleitenden „Ich will nun“ in Verbindung gebracht werden. Es handelt sich hier um eine Adverbialkonstruktion mit dem „ich will“ von Vers 8. Statt „ebenso auch“ könnte man auch sagen: „Ebenso will ich.“ Ich kenne auch keinen deutschsprachigen bibeltreuen Kommentar, der diese Auslegung von Philip Nunn stützt (vgl. Das Neue Testament erklärt und ausgelegt [Hänssler-Verlag]; W. MacDonald, Kommentar zum Neuen Testament [CLV], F. Grünzweig, 1. Timotheus-Brief. Bibel-Kommentar Band 18, Edition C [Hänssler-Verlag]; J.F. MacArthur, Der 1. Brief an Timotheus [CLV]; CV-Kommentar zum Neuen Testament in 3 Bänden [CV Dillenburg]; J.N. Darby, Betrachtungen über das Wort Gottes [Synopsis]; G. de Koning, Die Briefe an Timotheus, Titus und Philemon [Daniel-Verlag]; A. Remmers, Du aber … Eine Auslegung zum 1. und 2. Timotheusbrief [CSV]; u.v.a.m.).

Was passiert hier eigentlich? Zuerst nimmt man die „unwahrscheinlichste“ Auslegung des Ausdrucks „an jedem Ort“ und macht daraus „Gemeindeversammlungen“, nachdem man selber vier Gegenargumente angeführt und keine unterstützenden Argumente genannt hat. Man hat dazu zwar nicht das heilige Wort Gottes auf seiner Seite, aber gut, es gibt schließlich diese Meinung. Also wählt man diese. Hier bleibt man aber nicht stehen. Man stellt fest, dass es irgendwo auf der Welt vereinzelt (angebliche) Griechischexperten gibt, die der Meinung sind, man könne die Formulierung „ebenso auch“ auf das Beten beziehen. Man hat zwar das Schwergewicht der allermeisten Experten (aus den verschiedensten christlichen Kreisen) gegen sich, aber man entscheidet sich für die Sondermeinung. Mit diesem Werkzeug in der Hand macht man sich dann an andere Bibelstellen heran, und schon leuchten diese in einem anderen Licht.

Selbst wenn man sich in der griechischen Sprache nicht so auskennt, kann man aus dem Zusammenhang den Sinn dieser Stelle sehr gut erfassen. Wie stellt Bruder Nunn sich das praktisch vor? Sollen die Frauen ihren Schmuck ablegen, wenn sie in der Gemeinde beten, und ihn wieder anlegen, wenn sie woanders beten? Nach meinem Dafürhalten ist das eine Vergewaltigung des Wortes Gottes, und ich kann nicht verstehen, mit welch einer Selbstverständlichkeit hier gute und überzeugende Erklärungen beiseitegeschoben werden. Was ist der Grund, hier eine gute und solide Schriftauslegung zu verlassen? Es scheint wohl eher, dass hier eine Agenda dahintersteckt. Das Ergebnis muss sein, dass die Frauen sich in den Gemeinden beteiligen dürfen.

Ein Mann nimmt beim öffentlichen Gebet eine führende Stellung ein. Deshalb soll er sich seiner Verantwortung bewusst sein, heilige Hände ohne Zorn und zweifelnde Überlegungen aufzuheben. Die Frau tritt besonders durch ihre äußere Erscheinung in den Vordergrund, dessen soll sie sich bewusst sein und sich entsprechend sittsam und unauffällig kleiden. Das ist der einfache Zusammenhang dieser beiden Verse.

Auf Seite 112 schreibt Philip Nunn:

Unter Anwendung des Prinzips der Schöpfungsordnung ermahnt der Apostel die Frauen eindringlich, nicht die Männer in den Gemeindeversammlungen zu lehren und keine Autorität oder Leitung über Männer in der Gemeinde zu übernehmen. In Gemeindezusammenkünften zu lehren, und die Gemeinde zu leiten (als ein Ältester), sind Verantwortlichkeiten, die dafür entsprechend qualifizierten Männern gegeben sind. (Hervorhebungen durch SI)

Warum wird hier eine Einschränkung gemacht (siehe kursive Hervorhebungen)? Weder werden Gemeindeversammlungen hier erwähnt – was auch, wie Philip Nunn selbst geschrieben hat, „unwahrscheinlich“ ist – noch geht es nur darum, Männer zu belehren. Warum fehlt hingegen der Satzteil: „sondern still zu sein“ (1Tim 2,12)? Hier wird dem Wort das eine hinzugefügt und das andere weggenommen. Es geht, wie wir oben bereits gesehen haben, im gesamten Timotheusbrief keineswegs lediglich um die zwei bis drei Stunden Zusammenkommen in der Woche, sondern um unser gesamtes Leben als Christen. Wir gehen nicht am Sonntag in das Haus Gottes und nach dem Gottesdienst wieder hinaus. Die Führung und Leitung des Geistes sollte nicht auf die Zusammenkünfte beschränkt, sondern auf alle Bereiche des christlichen Lebens ausgedehnt werden. Aber selbst diese Auslegung ist nicht zwingend, ebenso gut kann man aus diesen Versen eine allgemeine Regel ableiten, die mit dem Prinzip der Schöpfungsordnung in völliger Harmonie wäre. Nämlich: Auch im Alltag soll eine Frau nicht über einen Mann herrschen. Denn auch die Schöpfungsordnung gilt nicht nur in der Gemeinde, sondern ist grundsätzlich und allumfassend.

Abschließend zum Thema 1. Timotheus 2 ist es vielleicht gut, zu bedenken, dass man zu weit geht, wenn man anhand dieser Stelle lehrt, eine Frau dürfe niemals beten, wenn Männer anwesend sind. Man kann diese Schlussfolgerung zwar ziehen, aber es wird hier nicht explizit gesagt. Hier werden besonders die Männer angesprochen, im öffentlichen Bereich die Führung im Gebet zu übernehmen. Dass hier die Rede ist von „Männern“ (Mehrzahl), ist ein Indiz dafür, dass es hier weniger um den privaten oder familiären Bereich geht, sondern mehr um den öffentlichen Bereich, wo mehrere Christen zusammen sind, zum Beispiel in Hauskreisen oder Gebetstreffen. Diese mehr oder weniger öffentlichen Bereiche (abgesehen von den Gemeindezusammenkünften) spricht der Apostel Paulus dann auch in 1. Korinther 11 an, wo es einer Frau gestattet ist zu beten und zu weissagen, wenn sie dabei ihr Haupt bedeckt.

5. Kommentare zur Auslegung von 1. Korinther 11

Wie wir beim Abschluss des vorherigen Themas gesehen haben, lassen sich 1. Timotheus 2 und 1. Korinther 11 tatsächlich problemlos zusammenbringen. Allerdings ganz anders, als Philip Nunn die beiden Kapitel zusammenstellt.

Auf Seite 121 schreibt Philip Nunn:

Du wirst feststellen, dass 1. Timotheus 2 und 1. Korinther 11 problemlos zusammengebracht werden können: In seinem Brief an Timotheus erklärt der Apostel, dass eine Frau in den Gemeindezusammenkünften nicht lehren soll (sie soll nicht am ‚objektiven‘ Dienst teilnehmen). In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth erklärt der Apostel, dass eine Frau auf angemessene Weise in den Gemeindetreffen ‚beten und weissagen‘ kann (sie kann an einem ‚subjektiven‘ Dienst teilnehmen).

Wer es akzeptiert hat, dass es sich in 1. Timotheus 2 um das Lehren in den Gemeindezusammenkünften handelt, was Frauen nicht erlaubt ist, erwartet schon, dass sie sich dann sicher anderweitig beteiligen können. Ihm wird es dann leichter fallen, auch 1. Korinther 11,1-16 auf die Gemeindezusammenkünfte zu beziehen, obwohl es in diesem Abschnitt ganz allgemein um die Schöpfungsordnung[4] geht und erst in den Versen 17 und 18 ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass sich erst das Folgende auf die Zusammenkünfte bezieht.

Wir hoffen, dass es dem Leser auffällt, wie hier zuerst eine Unsicherheit über 1. Timotheus 2 verbreitet wird, ohne dass es dafür eine echte Begründung gibt. Im nächsten Schritt wird die nächste Bibelstelle auf ebenso wackeligem Boden in Frage gestellt, und das wieder ohne eine echte Begründung aus Gottes Wort. „Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus“ (2Kor 11,3).

Auf Seite 127 schreibt Philip Nunn:

Das einzige ernsthafte Gegenargument, das ich sehen kann, um 11,2-16 direkt auf die Gemeindeversammlungen anzuwenden, ist die spätere Aufforderung an die Frauen, in diesen Zusammenkünften zu ‚schweigen‘ (14,34).

Das ist nun sehr interessant und auch nicht ganz aufrichtig. Als hätte der Heilige Geist diese Diskussion vorausgesehen, weist der Apostel Paulus ausdrücklich ab Vers 17 in 1. Korinther 11 daraufhin, dass es jetzt um die Zusammenkünfte geht. Offensichtlich hatten die vorherigen Belehrungen in 1. Korinther 11 einen allgemeineren Aspekt im Auge (siehe Fußnote 4). Es geht in diesem Abschnitt nicht um die Zusammenkünfte, sondern ganz allgemein um die Schöpfungsordnung (vgl. 1Kor 11,3). Philip Nunn spricht hier nur von einem ernsthaften Gegenargument. Ist er wirklich davon überzeugt, dass die beiden anderen Argumente auf Seite 123 und 124 nicht ernsthaft sind? Wir lesen dort:

  1. Der Begriff des ,Zusammenkommens‘ wird nicht erwähnt: In den Kapiteln 11–14 des 1. Korintherbriefs finden wir sechs Bezüge auf Treffen der ganzen Gemeinde, oder ein „Zusammenkommen“ (1Kor 11,17.18.33.34, und 1Kor 14,23.26). Beachte, dass es in 1. Korinther 11,2-16 keinen Hinweis auf eine Gemeindezusammenkunft gibt. Der erste entsprechende Hinweis steht in 1. Korinther 11,17. Deswegen wurde 11,2-16 nicht im Hinblick auf Gemeindeversammlungen geschrieben.
  2. Ein neues Thema: Der neue Abschnitt, der mit 11,17 beginnt, wird mit dem Satz eingeleitet: „Die folgenden Anordnungen aber treffe ich, weil ich es nicht löblich finde, dass eure Zusammenkünfte euch nicht zum Segen, sondern zur Schädigung gereichen“ [Menge-Übs.]. Diese Einleitung legt nahe, dass Paulus hier ein neues Thema anspricht, um damit nämlich schlechte Praktiken in ihren Gemeindeversammlungen zu korrigieren. Und weil diese Korrekturen für die Gemeindeversammlungen mit Vers 17 beginnen, wurde der vorangehende Abschnitt (1Kor 11,2-16) nicht mit dem Gedanken an die Treffen der Gemeinde geschrieben.

Wenn diese beiden Punkte keine ernsthaften Gegenargumente darstellen, wird er sie sicher mit Leichtigkeit widerlegen können. Leider sucht man diese Widerlegung vergeblich.

Auf Seite 132 und 133 entscheidet sich Philip Nunn für folgende Auslegung:

Sich zu bedecken oder nicht zu bedecken war eine kulturelle Vorgabe: Andere argumentieren, dass in dieser Zeit alle anständigen Frauen im öffentlichen Raum ihre Köpfe bedeckt hätten – wie viele muslimische Frauen heute. Es wäre für eine Frau unakzeptabel gewesen, sich mit unbedecktem Kopf in einem öffentlichen Raum (einschließlich einer Gemeindeversammlung) aufzuhalten, und dies hätte ,Schande‘ auf ihren Mann und auf die Umstehenden gebracht. Der Aufruf an die Männer, ihre Köpfe nicht zu bedecken, und an die Frauen, ihre Köpfe zu bedecken, ist ein Aufruf, kulturelle Empfindsamkeiten zu respektieren und damit zu vermeiden, unnötige Ärgernisse zu erregen. Die Tatsache, dass diese Anweisung ein Teil des „Gebots des Herrn“ (14,37) ist, betont die Wichtigkeit, unbedingt kulturell sensitiv zu sein. Und es gibt noch einen Hinweis, dass die Engel ebenfalls ein Interesse haben, Zeugen eines derartigen Gehorsams zu werden (11,10). (Hervorhebung durch PN)

Und auf Seite 134:

(ii) Es ist ein Symbol der Autorität: Wenn eine Frau ihren Kopf bedeckt, ist sie mit der notwendigen Autorität ausgestattet, um in der Lage zu sein, öffentlich ‚zu beten und zu weissagen‘, ohne dadurch dem Prinzip der Schöpfungsordnung irgendwie Gewalt anzutun. Man könnte das vielleicht vergleichen mit der Vorstellung, dass Verkäufer bei IKEA eine Uniform, oder Verkehrspolizisten ihren Hut tragen müssen, wenn sie aktiv in ihrem Dienst stehen. Ihre äußere Erscheinungsform (Uniform, Hut, Kopfbedeckung) soll Allen um sie herum zeigen, dass sie, zu dieser Zeit und an diesem Ort, die aktive Autorität haben, ihre Aufgaben wahrzunehmen.

Philip Nunn bringt hier das Kulturargument. Doch der Apostel schreibt, wie in keinem anderen Brief, gerade in diesem Brief mehrfach:

  • 1Kor 1,1.2: „Paulus …, der Bruder, der Versammlung Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesus, den berufenen Heiligen, samt allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen …
  • 1Kor 4,17: „… wie ich überall in jeder Versammlung lehre.“
  • 1Kor 7,17: „Und so ordne ich es in allen Versammlungen an.“
  • 1Kor 11,16: „… so haben wir solch eine Gewohnheit nicht, noch die Versammlungen Gottes.“
  • 1Kor 14,33: „Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens, wie in allen Versammlungen der Heiligen.
  • 1Kor 14,37: „… so erkenne er, dass das, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn ist …“
  • 1Kor 16,1: „Wie ich für die Versammlungen von Galatien angeordnet habe, so tut auch ihr.“

Es gibt also in keinem Brief weniger Grund, mit der Kultur zu argumentieren – zumal es doch sehr seltsam erscheint, dass die Frauen beim Beten und Weissagen die Kopfbedeckung „um der Engel willen“ tragen sollten. Sind Engel denn kulturabhängige Wesen? Muss man aus dem Kontext nicht viel eher genau das Gegenteil von dem schließen, was Philip Nunn nahelegt? Man hat eher den Eindruck, dass die Kopfbedeckung gerade keine Gewohnheit in Korinth war, so dass die Frauen ermahnt werden mussten, ihr Haupt zu bedecken, wie auch immer der kulturelle Hintergrund gewesen sein mag.

Wir müssen im Kontext von 1. Korinther 11 auch festhalten, dass der Mann das Haupt der Frau ist (vgl. 1Kor 11,3) und es durchaus einen Sinn ergibt, wenn die Frau als Zeichen ihrer Unterordnung ihr Haupt bedeckt, wenn sie sich an christlichen Aktivitäten (wie beten und weissagen) beteiligt. Sie bringt dadurch zum Ausdruck, dass sie die Macht bzw. ihr Haupt (in dem Fall den Mann) anerkennt, genauso wie der Mann die Autorität des Herrn als Haupt anerkennt, indem er sein Haupt nicht bedeckt. Dieser Zusammenhang ist völlig konsistent, was man von der Lehre des Kulturargumentes bei weitem nicht sagen kann. Mein Eindruck ist, dass hier nicht der Geist Gottes die Auslegung diktiert, sondern der Zeitgeist (im Zeitalter des Feminismus, der Emanzipation und Gender-Mainstreaming).

Grundsätzlich muss einmal gesagt werden, dass wir uns die Frage stellen müssen: Wie gehe ich mit dem Bibeltext um? Welche Prinzipien leiten mich dabei? Manche meinen, man müsse immer den genauen historischen Hintergrund wissen, um eine Bibelstelle wirklich verstehen zu können. Dieser Ansatz ist falsch. In der Konsequenz bedeutet das nämlich die Entmündigung des Christen. Der Christ, der keinen Zugang zu historischen Dokumenten hat, kann nach dieser Meinung die Bibel gar nicht richtig verstehen, denn ihm fehlt der historische, kulturelle oder jüdische Hintergrund. Wenn Gott uns hingegen nichts über die damalige Kultur überliefert hat, dann ist dieser auch nicht zwingend notwendig, um einen bestimmten Abschnitt zu verstehen. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn der Herr Jesus davon spricht, dass es für ein Kamel leichter ist, durch ein Nadelöhr hindurchzugehen, als für einen Reichen, ins Reich Gottes einzugehen, dann ist es zwar recht interessant, zu erfahren, dass das Nadelöhr angeblich ein kleines Tor neben dem Haupttor der Stadtmauer war, durch das kein Kamel passte. Dennoch ist dieser Hintergrund überhaupt nicht wichtig[5], um die Worte des Herrn zu verstehen.

Wenn 1. Korinther 11 ausgelegt wird, dann kann man sehr schnell feststellen, wie verschiedene historische Begebenheiten erwähnt werden, um die Bedeutung des Abschnittes abzuschwächen. Problematisch ist dann zusätzlich, dass sich die Historiker nicht einmal einig sind und man unterschiedliche Hintergründe zu hören bekommt. Man muss sich dann also auch noch entscheiden, welchem Historiker man mehr Glauben schenkt. Es ist viel sinnvoller, dass wir das Wort Gottes so auf uns einwirken lassen, wie es zu uns gekommen ist. Die meisten Probleme der Auslegung kommen dann ins Spiel, wenn man versucht, mit dem kulturellen oder jüdischen Hintergrund zu argumentieren. Wenn Gott uns nichts über den Hintergrund mitgeteilt hat, dann können wir davon ausgehen, dass Er erwartet, dass wir das Wort so ernst nehmen, wie es dort steht, und nicht anfangen, unliebsame oder unbequeme Bibelabschnitte loszuwerden oder dem Zeitgeist anzupassen.

Auf Seite 134 und 135 schreibt Philip Nunn:

Die Schwäche von Auslegung 1 ist, dass es bei dieser Praxis nichts Absolutes gibt. Im Alten Testament wurde zum Beispiel von Aaron und den Priestern gefordert, eine Art Turban auf ihrem Kopf zu tragen, wenn sie ihren Dienst vor dem Herrn taten (3Mo 8,9.13; Hes 44,17-19). Also war die Vorgabe für manche Männer zu diesem Zeitpunkt der Geschichte, in dieser Situation, dass sie ihre Köpfe bedecken sollten. Ganz eindeutig handelt es sich bei diesem Bedecken nicht um etwas Absolutes.

Die Auslegung 1 lautet:

Sich zu bedecken oder nicht zu bedecken ist eine absolute Vorgabe: Manche legen diesen Abschnitt als eine für alle Zeiten und alle Kulturen fixierte Vorgabe aus, dass es für Männer immer notwendig ist, unbedeckt zu sein, wenn sie beten oder prophezeien, und für Frauen immer notwendig, sich zu bedecken, wenn sie beten oder weissagen. Etwa vergleichbar mit Stehlen, Morden, Ehebruch oder Gotteslästerung – das sind feststehende, absolute, unveränderliche Vorgaben, die für alle Zeiten wahr bleiben.

Philip Nunn argumentiert hier also so, dass die Anweisungen in 1. Korinther 11 nicht als absolut angesehen werden können, da ja im Alten Testament die Priester etwas auf dem Haupt haben sollten und dies wohl auch für das zukünftige Friedensreich gelten wird. Dies ist jedoch ein sehr schwaches Argument. Schließlich befinden wir uns in einer ganz anderen Haushaltung. Er selbst schreibt auf Seite 164:

Direkte Leitlinien für die Struktur und Funktion der Gemeinde können deshalb nur im Neuen Testament gefunden werden. (Hervorhebung durch SI)

Als der Sohn Gottes in seine Schöpfung eintrat, hat sich auch die Schöpfungsordnung geändert. Bevor Christus nicht Mensch wurde, konnte nicht die Rede davon sein, dass das Haupt Christi Gott wäre. Es stimmt zwar mit der bisherigen Schöpfungsordnung überein, dass der Mann das Haupt der Frau ist, aber dass Christus das Haupt des Mannes ist, davon können wir erst reden, seitdem Christus als Mensch auf die Erde kam. Als Ausdruck dieser erweiterten Schöpfungsordnung sollte nun die Frau beim Beten und Weissagen ihr Haupt bedecken und der Mann unbedeckt zu Gott und von Gott her reden.

Im zukünftigen Friedensreich sind die Regeln wieder etwas anders; dann werden viele Verordnungen des Alten Testamentes – wie zum Beispiel die Opfer oder, wie in unserem Fall, die Mützen bzw. die Kopfbünde des Priesters – ihre Bestätigung finden, indem sie dann Gültigkeit haben. Jede Zeitepoche kennt ihre eigenen Regeln, Verhaltensweisen und Ordnungen.

Zu dem Argument von Philip Nunn, dass die Männer schließlich im Alten Testament auch etwas auf dem Haupt hatten und es deshalb nicht um etwas Absolutes gehen könne, noch folgende Überlegungen: Zuerst müssen wir uns die Frage stellen, ob der Kopfbund bzw. die Mützen wirklich die gleiche Funktion hatten wie die Kopfbedeckung der Frau im Neuen Testament. Diese ist ein Symbol der Unterordnung; ganz anders aber die Kopfbünde im Alten Testament. Es liegt nahe, dass die Mützen eher eine hygienische Vorschrift vonseiten Gottes waren und der Kopfbund vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass die Gedanken und Motive des Priesters der Heiligkeit Gottes entsprachen, die durch den Spruch auf dem Kopfbund genannt wurden. Und weil die Gedanken nun einmal mit dem Kopf in Verbindung stehen, trägt der Priester dieses Zeichen auf dem Kopf. Das heißt, die Mütze bzw. der Kopfbund ist in dem Kontext nicht notwendigerweise als ein Zeichen der Unterordnung zu sehen, sondern der Kennzeichnung dessen, was der Priester denkt und als Motiv hat.

Es geht auch gar nicht darum, etwas Absolutes „für alle Zeiten“ festschreiben zu wollen, sondern in erster Linie um etwas Absolutes für unsere Zeitepoche oder Haushaltung.

Lesen wir noch einmal den Vers 5 in 1. Korinther 11:

1Kor 11,5: Jede Frau aber, die betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, entehrt ihr Haupt; denn es ist ein und dasselbe, wie wenn sie geschoren wäre.

Wenn wir unabhängig vom aktuellen Zeitgeist nach der Bedeutung dieses Verses fragen, dann zeigt uns der Zusammenhang sehr deutlich auf, dass es dem Apostel Paulus nicht um das Zusammenkommen der Gläubigen geht, sondern um die allgemeine und grundsätzliche Stellung von Mann und Frau heute auf der Erde und die daraus resultierenden Konsequenzen für das christliche Zusammenleben. Die Frau darf demnach überall beten und weissagen, wenn sie dabei ihr Haupt bedeckt. Eine Ausnahme ist das christliche Zusammenkommen als Gemeinde; dort sollen Frauen schweigen, das heißt, nicht reden (vgl. 1Kor 14,34). Beten christliche Frauen und Männer gemeinsam und außerhalb der Gemeinde, dann übernimmt der Mann die Führung im Gebet (vgl. 1Tim 2,8). Wenn die Frau sich am Gebet oder an der Weissagung beteiligt, soll sie ihr Haupt bedecken. Dabei ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass es für die Frau eine Ausnahme gibt; die gibt es nämlich für den Mann genauso. Wenn sich damals in Korinth jemand am prophetischen Dienst (dem Dienst der Weissagung) beteiligte und Gott einem anderen eine Offenbarung eingab, dann konnte er diese nur vortragen, wenn der andere aufgehört hatte zu reden (vgl. 1Kor 14,29.30). Und wenn bereits drei Brüder geweissagt hatten, sollten andere, die auch noch etwas auf dem Herzen gehabt hätten, schweigen.

6. Kommentare zur Auslegung von 1. Korinther 14

Kommen wir jetzt zur Auslegung von 1. Korinther 14. In diesem Kapitel schränkt Philip Nunn das Bedeutungsspektrum des Wortes „schweigen“ und „nicht reden“ ein und öffnet damit die Türen, dass eine Frau sich durch Gebet und Weissagen auch in der Gemeinde betätigen darf.

Philip Nunn schreibt auf Seite 141:

Die beiden einzigen Verse in der gesamten Bibel, die von den Frauen fordern, in den Gemeindezusammenkünften zu ,schweigen‘ und ,nicht zu reden‘, finden wir in diesem Kapitel: in den Versen 34 und 35.

Es ist suggestiv, wenn man hier sagt: „die beiden einzigen Verse in der gesamten Bibel“. Reicht es nicht, wenn Gott etwas ein Mal sagt? Sollte uns nicht ein Wort reichen? Zumal Bruder Nunn im Weiteren klarmacht, dass er diese Verse für absolut authentisch hält. Es wird auch nur ein Mal in der Heiligen Schrift erwähnt, dass wir den Tod des Herrn beim Abendmahl verkündigen. Es wird nur ein Mal erwähnt, dass wir gesegnet wurden mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern usw. Es schwingt in Philip Nunns Worten etwas mit, was dazu beiträgt, diese Verse für weniger bedeutungsvoll anzusehen, weil sie nur ein Mal in „der gesamten Bibel“ erwähnt werden. Man könnte diesen Satz auf diese Weise missverstehen.

Im Übrigen stimmen diese beiden Verse durchaus mit dem Geist von 1. Timotheus 2,11 überein: „Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung“, und auch mit 1. Petrus 3,4: „sondern der verborgene Mensch des Herzens in dem unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes“. Auch denken wir daran, dass die Männer „durch den Wandel der Frauen ohne Wort gewonnen werden mögen“ (1Pet 3,4). Ebenso gibt es auch im Alten Testament keine Hinweise auf eine Beteiligung von Frauen während des Gottesdienstes. Wenn hier also wirklich eine so große Änderung (im Vergleich zum Alten Testament) stattgefunden haben sollte, dann hätten wir darüber sicherlich eine Erklärung im Neuen Testament erhalten. Im Gegenteil müssen wir aus verschiedenen Schriftstellen schließen, dass hier keine Veränderung stattgefunden hat.

Philip Nunn schreibt auf Seite 143/144 weiter:

Durch dieses ganze Kapitel hindurch begegnen wir häufig inklusiven Ausdrücken: „Wenn nun die ganze Versammlung an einem Ort zusammenkommt und alle in Sprachen reden“ (V. 23); „Wenn aber alle weissagen, und irgendein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt“ (V. 24); „Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder [von euch] einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine Sprache, hat eine Auslegung“ (V. 26): „Wenn nun jemand in einer Sprache redet“ (V. 27); „Denn ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden“ (V. 31).

Inklusive Ausdrücke sollten wörtlich aufgefasst werden. Im normalen Sprachgebrauch werden inklusive Begriffe wie ,alle‘, ,jeder‘ und ,jemand; entweder gebraucht, weil buchstäblich jeder dabei eingeschlossen ist, oder weil es sich um eine allgemeine Regel handelt (mit einigen bekannten Einschränkungen oder deutlich formulierten Ausnahmen).

Das ist korrekt – es gibt diese „inklusiven Begriffe“. Philip Nunn schreibt zu Recht:

Im normalen Sprachgebrauch werden inklusive Begriffe wie ‚alle‘, ,jeder‘ und ,jemand‘ entweder gebraucht, weil buchstäblich jeder dabei eingeschlossen ist, oder weil es sich um eine allgemeine Regel handelt (mit einigen bekannten Einschränkungen oder deutlich formulierten Ausnahmen). (Hervorhebung durch SI)

Es handelt sich hier nur dann um ein ernsthaftes Problem, wenn man wie selbstverständlich beim Lesen von Kapitel 14 davon ausgeht, dass es der Normalfall ist, dass auch Frauen am öffentlichen Dienst durch Beten und Weissagen teilnehmen konnten. Der Apostel denkt aber überhaupt nicht daran, dass die Frauen sich am öffentlichen Dienst beteiligen sollten. Er macht ja sehr deutlich, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollten und dass es schändlich für sie wäre, zu reden.

Aus Vers 26 („Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre …“) wurde schon oft eine falsche Schlussfolgerung gezogen, nämlich als ob der Apostel sagen würde: „so habe jeder“. Paulus beschreibt hier nicht den wünschenswerten Zustand, sondern den Ist-Zustand. Er sagt: Bei euch ist es so und so, jeder hat einen Psalm, jeder hat eine Lehre usw. – Dann fährt der Apostel fort und korrigiert verschiedene Auswüchse: Es sollte eben nicht jeder in einer Sprache reden oder eine Prophezeiung aussprechen, sondern nur zwei oder drei, und das nacheinander. Außerdem sollten Frauen bei diesen Diensten schweigen.

Es gibt hier also nur ein Problem, wenn wir das „alle“ verabsolutieren oder als Normalfall hinstellen. Die Situation in Korinth, dass sich sehr wahrscheinlich auch die Frauen am öffentlichen Dienst beteiligten, musste ja offensichtlich korrigiert werden.

In Vers 31 sagt der Apostel Paulus: „Ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden.“ Doch bereits in Vers 29 sagt er, dass dieses Reden auf zwei bis drei in einer Zusammenkunft zu beschränken ist. Grundsätzlich haben alle die Möglichkeit, etwas zu sagen, aber in einer Zusammenkunft sollen dies nur zwei oder drei tun. Genauso ist es mit den Frauen: Auch sie können alle weissagen, aber nicht in der Zusammenkunft, denn in den Versen 34 und 35 beschreibt Paulus sehr klar, was für ihn „normal“ ist: Die Frauen sollten in der Gemeinde schweigen, weil es schändlich für sie ist, wenn sie dort reden. So weissagten die Töchter des Philippus (Apg 21,9), aber wir lesen nichts davon, dass sie das in den Zusammenkünften getan hätten. Außerdem wird das Weissagen auch noch dadurch eingeschränkt, dass gar nicht alle die Gabe dazu hatten.

Manchmal wird argumentiert: Wenn die Frauen schweigen sollen, dann dürfen sie auch nicht mitsingen und Amen sagen. Natürlich könnte der ein oder andere diese Schlussfolgerung ziehen. Aber im Zusammenhang geht es nicht um gemeinsames Singen oder ein gemeinsames Amen-Sprechen. Nein, denn es wird ja das Schweigen erklärt: „nicht reden“. Es geht um das Aussprechen eigener Gedanken. Die Frau soll aber nicht in der Öffentlichkeit in geistlichen Fragen die Führung übernehmen (vgl. 1Tim 2,11.12). Deshalb wird sie aufgefordert zu schweigen, wobei in der Gemeinde nicht einmal eine Frage gestattet ist (vgl. 1Kor 14,34-38). Beim Mitsingen oder Amen-Sagen steht eine Frau nicht im Vordergrund und übernimmt auch keine Führung, weshalb hier keine Bedenken bestehen.

Auf Seite 157 fasst Philip Nunn zusammen:

Sein Argument ist, denke ich, dieses: Wenn eine Frau auf eine unaufdringliche Weise an einem subjektiven Dienst in einem Zusammenkommen der Gemeinde teilnimmt, respektiert sie die Aufforderung zu einem selektiven ,Schweigen‘. Indem sie das tut, nimmt sie ihre Rolle als ,Helferin‘ im ,Haupt-Hilfe‘-Modell an, und sie ehrt das Prinzip der Schöpfungsordnung. Ich denke, dass Frauen in den Gemeindetreffen besser als ,Hilfe‘ für die Männer funktionieren, wenn sie dieses besondere Schweigen praktizieren, als wenn sie ein absolutes oder ein allgemeines Schweigen praktizieren.

Bei dieser Auslegung wird deutlich, wie konstruiert und schwierig diese neue Art der Auslegung ist: Wenn eine Frau also an einem subjektiven Dienst teilnimmt, respektiert sie die Aufforderung eines selektiven Schweigens. Kurz gesagt: Wenn eine Frau redet, dann schweigt sie. – Wie soll man das einer Schwester erklären, die ihren Herrn und das Wort Gottes liebt und den Satz liest: „Die Frauen sollen schweigen in den Versammlungen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden“?

Zuerst wird der Dienst in der Gemeinde in „subjektiv“ und „objektiv“ eingeteilt, um dann im nächsten Schritt deutlich zu machen, dass sich das Schweigen nur auf den objektiven Dienst beziehe?

Diese Einteilung in subjektiv und objektiv ist mehr als willkürlich. Zum Beispiel ordnet Philip Nunn die Lehre dem objektiven Dienst zu. Aber eine Lehre nach neutestamentlichem Vorbild ist nie nur eine objektive Wahrheit, sondern steht immer in Verbindung mit der praktischen Ausführung und dem Nutzen für den Einzelnen, der Gruppe oder Gemeinde. Eine Offenbarung ordnet Philip Nunn dem subjektiven Dienst zu, aber eine echte Offenbarung war selbstverständlich mit der Autorität Gottes verbunden (sonst käme sie nicht von Gott) und gehört somit auch zum objektiven Dienst. Das galt eigentlich für eine Offenbarung noch viel mehr als für eine Lehre. Letztere hängt nämlich immer auch vom Schriftverständnis des Auslegers ab und ist deshalb viel eher subjektiv, während bei einer Offenbarung die Worte und Gedanken Gottes wiedergegeben werden, ohne dass der Prophet selbst dies versteht (bzw. verstehen muss). Diese willkürliche Einteilung ist nach meinem Dafürhalten keine gesunde Schriftauslegung. Auf sehr geschickte Weise wird hier etwas konstruiert, womit klare biblische Unterweisung unterlaufen und aufgegeben wird.

Es ist schwierig, dieser neuen Art der Argumentation überhaupt logisch zu folgen, auch wenn Philip Nunn hier ganz anders denkt, denn er schreibt auf Seite 171:

Nach vielen Jahren der Untersuchung fühle ich mich jetzt mit dieser Auslegung der Schrift im Frieden. Die Struktur, die ich hier vorstelle, hat den zusätzlichen Vorteil, dass die gezogenen Schlussfolgerungen einer Gemeinde leicht erklärt werden können.

Man fragt sich wirklich, ob jetzt die, die sich der neuen Überzeugung von Philip Nunn anschließen, es wirklich so verstanden haben, dass sie es auch anderen überzeugend erklären könnten, oder ob diese Lehre sich einfach ganz gewichtig anhört und vielmehr den persönlichen Neigungen und dem aktuellen Zeitgeist entspricht. In vielen Fällen wurde der Dienst von Schwestern in den Zusammenkünften längst eingeführt, auch ohne diese sehr komplexe Argumentationslinie – einfach, weil es unserer Zeit und unseren Empfindungen mehr entspricht, ja weil man es nicht anders „wollte“!

Es ist sehr traurig, wie Philip Nunn versucht, einem an sich sehr einfachen Bibeltext eine Richtung zu geben, so dass der Text am Ende das Gegenteil dessen aussagt, was dort steht.

Lesen wir zum Abschluss dieses Kapitels noch einmal 1. Korinther 14,34-38:

1Kor 14,34-38: 34 Die Frauen sollen schweigen in den Versammlungen, denn es ist ihnen nicht erlaubt zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. 35 Wenn sie aber etwas lernen wollen, so sollen sie daheim ihre eigenen Männer fragen; denn es ist schändlich für eine Frau, in der Versammlung zu reden. 36 Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist es zu euch allein gelangt? 37 Wenn jemand meint, ein Prophet zu sein oder geistlich, so erkenne er, dass das, was ich euch schreibe, ein Gebot des Herrn ist. 38 Wenn aber jemand unwissend ist, so sei er unwissend.

Es wird hier nicht nur gesagt, dass die Frau schweigen sollte, sondern auch, dass sie nicht reden und dass sie sich dem Mann unterordnen sollte, was auch dem ganzen Wesen des Gesetzes entspräche, und dass es zudem schändlich wäre, wenn eine Frau in der Gemeinde reden würde. Dass es hier tatsächlich um „Reden“ geht und nicht um „Schwatzen“ oder „Tratschen“, können wir sehr leicht erkennen, wenn wir das Kapitel 14 aufmerksam lesen. Dort kommt das Wort „reden“ noch weitere 23-mal vor und einmal sogar in Bezug auf das Reden Gottes (vgl. 1Kor 14,21). In Vers 36 wird der Apostel etwas ironisch, indem er die Korinther fragt, ob sie eine Prophezeiung darüber empfangen hätten, dass Frauen sich in der Gemeinde ebenfalls beteiligen dürften, oder ob diesbezüglich eine Prophezeiung vielleicht nur zu ihnen und nicht zu allen anderen Versammlungen gelangt sei. Und damit er nicht missverstanden würde, fügt er noch hinzu, dass, wenn jemand meint, geistlich zu sein, er es leicht erkennen könne, dass es ein „Gebot des Herrn“ ist. Paulus kommt also allen jenen zuvor, die sich dieser Verse mit dem Kulturargument entledigen möchten: Ein „Gebot des Herrn“ kann nämlich niemals kulturabhängig sein. So endet der Apostel mit den Worten: „Wenn aber jemand unwissend ist, so sei er unwissend.“ Wer es nicht verstehen will, dem kann der Apostel auch nicht mehr helfen.

Die Heilige Schrift ist also sehr klar, im Gegensatz zu Philip Nunn. Nachdem er mit seinen Erklärungen fertig ist, darf die Frau eigentlich alles – bis auf predigen und lehren. Wobei auch das nicht ganz konsequent ist, weil Predigen doch eigentlich nach Meinung von Philip Nunn ein subjektiver Dienst sein müsste, so dass man einer Frau eigentlich auch nicht verbieten dürfe zu predigen. Merken wir es nicht, wie einfache biblische Verse auf den Kopf gestellt werden?

7. Schlussgedanken

Kürzlich, schon während ich dieses Büchlein schrieb, wurde ich mit folgendem Argument konfrontiert: Wer weiterhin an dem Wort festhalte, dass die Frauen in den Gemeinden schweigen sollen, nutze letztlich 50 Prozent des geistlichen Potentials der Geschwister nicht aus.

Wer so denkt, macht in gewisser Weise Gott den Vorwurf, Er habe die Formulierungen in 1. Korinther 14 so gewählt, dass Gläubige über bald zwei Jahrtausende nicht erkannt haben, dass Paulus es dort gar nicht so gemeint hat, wie es der einfältige Leser versteht. Selbst als im 19. Jahrhundert besonders der Charakter und das Wesen der Gemeinde wieder ans Licht kam, habe Gott es versäumt, klarzumachen, was der eigentliche Dienst der Schwestern in den Gemeindestunden beinhaltet. Angeblich mussten wir erst durch die kulturelle Entwicklung zur Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft dahin geleitet werden, neu über dieses Thema nachzudenken, und dann brauchte es noch intensive Studien mit vielen geistigen Winkelzügen, bis wir erkannt haben, dass der Apostel Paulus gar nicht das gemeint habe, was er dort geschrieben hat. Das will man uns heute glauben machen.

Wird uns wirklich geistliches Potential entzogen, das wir für das Wachstum des Leibes brauchen, wenn die Schwestern in den Gemeinden schweigen?

Die Korinther dachten möglicherweise ähnlich. Damit der Leib von allen Gaben profitierte, mussten auch alle Gaben in den Gemeindestunden zur Entfaltung kommen. Da blieb es dann aus Zeitgründen gar nicht aus, dass sie gleichzeitig redeten. Aber der Apostel Paulus sagt: Zwei oder drei – das ist genug. Es benötigt nicht alle. Auch ein Bruchteil des ganzen Potentials kann genug sein. Schon von dem Sammeln des Mannas lesen wir: „Wer wenig gesammelt hatte, dem mangelte nichts“ (2Mo 16,18). Wenn sich gottesfürchtige Männer für den Dienst am Wort zur Verfügung stellen, dann schenkt der Herr genau das, was völlig ausreichend ist für das Wachstum des Leibes. Es braucht nicht „alles“.

Wir bedauern diese Entwicklung von Philip Nunn sehr. Wer sein Buch liest, sollte sich mit der Stichhaltigkeit der Argumentation gut beschäftigen.

In seinen Artikeln und Büchern ist Philip Nunn für seine verständliche Sprache und oft überzeugenden Argumente bekannt. Auch mit oft kontroversen Themen geht er feinfühlig um. Im vorliegenden Buch Sollten Schwestern schweigen? vermisst man diese Eigenschaften. Es erscheint zuweilen eher als ein mühsamer Versuch, Wahrheiten zu biegen und Textinhalte auszudehnen, die eigentlich in wenigen Worten ausgelegt und verstanden sind.

Diese neuen Überzeugungen mögen „in den Ohren kitzeln“ (2Tim 4,3), das heißt, wir empfinden sie als angenehm in der Zeit, in der wir leben. Doch schon damals warnte der Apostel die Gläubigen vor Männern, „die verkehrte Dinge reden“ würden (Apg 20,30). Sicherlich hat Philip Nunn überwiegend einen großen, wertvollen Dienst für den Leib Christi getan und tut ihn sicherlich noch, aber diese Veränderung in der Lehre entspricht nicht dem Bild gesunder Worte.

Die Ausführungen des Buches von Philip Nunn hält der Herausgeber W. Plock für „absolut bibeltreu, gut verständlich und leicht nachvollziehbar“ (siehe Text auf der Cover-Rückseite). Er hält das Beispiel am Ende des Buches für eine Umsetzung in der örtlichen Gemeinde für „vorbildlich […], wie eine Ortsgemeinde emotional belastete Themen anpacken und Änderungen durchführen könnte, ohne eine Spaltung zu riskieren“ (siehe Text auf der Cover-Rückseite). Dieser Einschätzung kann ich mich nicht anschließen. Die Ausführungen von Philip Nunn führen zwangsläufig zu weiteren Spaltungen in den Gemeinden. Es wird nicht ausbleiben, dass man sich die Frage stellt, ob man Geschwister in solche Gemeinden überhaupt noch empfehlen oder ob man dort hingehen kann oder nicht. Verantwortliche Brüder werden Sorge haben, dass diese Lehre um sich greift. Es handelt sich zwar nicht um eine fundamental böse Lehre, bei der es um das Werk des Herrn oder seine Person geht, aber im Blick auf das Zusammenkommen der Gläubigen ist diese Lehre durchaus fundamental, und sie untergräbt die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift und relativiert sie.

Dabei geht es nicht so sehr um ein falsches Schriftverständnis, sondern um die Frage: Wie bin ich zu diesem Schriftverständnis gelangt? Ein falsches Verständnis von einer Bibelstelle kann Schwachheit sein, womit der Herr als unser Hoherpriester sogar Mitgefühl hat (vgl. Heb 4,15). Wenn ich zu diesem Schriftverständnis jedoch auf einem schlechten Weg gekommen bin und dabei etliche rote Ampeln überfahren habe, dann ist das etwas anderes. Dann werde ich für dieses Verhalten zur Verantwortung gezogen.

So kommt Philip Nunn wie folgt zu seinen neuen Überzeugungen: Zuerst entwickelt er eine eigene Definition darüber, was eine Gemeindestunde im neutestamentlichen Sinne ist. Dann spekuliert er über die Frage, in welcher Weise Frauen am Pfingsttag (vgl. Apg 2) beteiligt waren, und zieht daraus weitgehende Schlussfolgerungen. Schließlich wählt er bei einer anderen Bibelstelle gegen das Schwergewicht aller Argumente eine Variante, die ihm besser gefällt, und auf diesem Weg wiederholt er diesen Prozess dann noch einmal, bis er letztlich da ist, wo er gerne sein möchte. Das Besorgniserregende ist hier nicht nur das falsche Verständnis über eine Bibelstelle, sondern vor allem sein Umgang mit der Heiligen Schrift.

Dürfen wir wirklich so mit dem Wort Gottes verfahren? Auch bei allen unterschiedlichen Auffassungen, die man zu einem bestimmten Thema haben kann? Solch ein Umgang mit der Heiligen Schrift trägt den Charakter von Sauerteig, das heißt, dieses Verhalten breitet sich aus. Das sieht man im Übrigen auch daran, wenn man liest, wie die Praxis in den Gemeinden aussieht, die Bruder Nunn besucht. Entgegen seiner Meinung und seinen Argumenten entscheiden sich dort die Schwestern dafür, dass die Kopfbedeckung beim Beten nur ein kulturabhängiges Zeichen sei, und verzichten dann selbst auch noch darauf. So haben auch sie sich eine „unwahrscheinliche“ Auslegung ausgesucht, mit der sie genau das tun können, was sie gerne möchten.

Manche mögen sich zunächst der Art und Weise ihres Umgangs mit der Heiligen Schrift gar nicht richtig bewusst sein. Etwas anderes ist es aber, wenn man ihnen die hier genannten Dinge vorgestellt hat und sie dann immer noch dabei bleiben wollen.

So möchte diese Schrift helfen, verunsicherte Gläubige zu stärken, damit sie an gesunden biblischen Überzeugungen festhalten und sich nicht vom Relativismus unserer Zeit einfangen lassen.

Möge der Leser die angeführten Bibelstellen unter Gebet studieren und nach dem einfachen Wortsinn fragen.

„Wer auf dem Weg wandelt –
selbst Einfältige werden nicht irregehen.“
(Jesaja 35,8b)

8. Ein Nachgedanke

Selbst wenn der folgende Gedanke nicht direkt mit dieser Buchbesprechung zu tun hat und auch eine schlechte Verwirklichung der Lehre, keine Aufweichung gesunder Lehre rechtfertigt, so erscheint mir der Gedanke doch notwendig und für unsere Zeit und an dieser Stelle passend: Woher kommt eigentlich der Drang, dass Schwestern mehr und mehr in den Vordergrund treten wollen? Liegt es wirklich immer nur daran, dass wir dem Zeitgeist erlegen und vom Feminismus und von der Genderideologie erfasst sind? Liegt es nicht auch oft daran, dass viele Brüder, die seit vielen Jahren die Gemeindestunden besuchen, niemals oder nur ganz selten ein Gebet gesprochen haben oder sich vom Heiligen Geist haben führen lassen, ein passendes Lied vorzuschlagen? Haben sie vielleicht kaum Interesse gehabt, sich mit dem Wort Gottes oder auch dem Liederbuch zu beschäftigen? Waren sie vielleicht nie bereit, gute Auslegungen über das Wort Gottes zu lesen, so dass sie gar nicht in der Lage waren, sich in den Stunden zu beteiligen? Haben sie ihre Prioritäten vielleicht ganz anders – und somit falsch – gesetzt? Andere Brüder wiederum reden leider zu viel, ohne etwas zu sagen, was noch schlimmer ist als das Schweigen der anderen.

Ist es nicht oft auch so, dass die Frauen geistlicher sind als ihre Männer und dass in der Gemeinde geistliche Bedürfnisse vorhanden sind, die einfach nicht mehr durch die Brüder abgedeckt werden? Würde das Bedürfnis der Schwestern, sich auch öffentlich zu äußern, wirklich so groß sein, wenn die Brüder ihrer Verantwortung in angemessener Art und Weise nachkämen? Gibt es unter denen, die gerne noch an der „alten“ Wahrheit festhalten wollen, wirklich eine Kultur der Ermutigung? Das würde junge wie auch ältere Brüder ermutigen, ein Leben mit dem Herrn zu leben, damit sie sich dann auch in den Zusammenkünften vom Geist leiten lassen und das auch hörbar zum Ausdruck bringen. Denn sonst reicht das, was durch einige wenige Brüder gesagt wird, womöglich tatsächlich nicht aus. Dann wird eben nicht „zu viel“ gesagt, was wir eingrenzen müssen, sondern dann fehlt etwas. Dieser Mangel wird oft tief empfunden, und er führt nicht zuletzt zu der Frage, ob wir diesen Mangel nicht vielleicht durch das Potential der Schwestern ausgleichen könnten. Warum gibt es kein Buch mit dem Titel Wenn Brüder schweigen? Nehmen wir es als verantwortliche Brüder einer Gemeinde vielleicht nicht wahr, warum Brüder schweigen? Setzen wir uns noch seelsorgerlich – das heißt nicht anklagend – mit solchen Dingen auseinander? Liegt der Grund für manches Schweigen vielleicht in Kämpfen, die der Einzelne mit sich selbst ausmacht, und er hat niemand, mit dem er darüber reden kann?

All das sind Fragen, die wir uns zu unserer eigenen Beschämung zur Selbstprüfung vorlegen sollten und die wir nicht unter den Teppich kehren dürfen. Vielleicht müssen wir auch zuerst den Balken aus unserem eigenen Auge ziehen, bevor wir den Splitter bei unseren Schwestern suchen. Ja, wir müssen uns um den Splitter kümmern, aber nicht, ohne uns selbst geprüft und, wenn nötig, Buße getan zu haben.

Dennoch: Auch wenn Brüder in ihrem Dienst versagen, ist das keine Berechtigung, von den Anweisungen des Wortes Gottes abzuweichen und sich selbst Hilfe zu verschaffen. Darauf ruht der Segen Gottes nicht. Vielmehr ist es dann angebracht, zum Beten zusammenzukommen und sich vor Gott zu beugen und daran zu arbeiten, dass die Brüder ihren Aufgaben in gottgemäßer Weise nachkommen.

Jeder Bruder sollte sich wirklich ermutigen lassen, sich seiner Verantwortung bewusst zu werden. Der Dienst der Lippen ist Gott nicht egal. Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. Unser Vater liebt die Opfer des Lobes und die Frucht der Lippen. Er hat unsere Lippen gereinigt (vgl. Zeph 3,9), damit wir seinen Namen erheben, ein gutes Wort weitergeben und für andere im Gebet eintreten. Lassen wir uns zu diesem Dienst ermutigen! (?)

 

Anmerkungen

[1] Unerwähnt lässt er, dass er auch an der katholischen Universität Tilburg studiert hat, wo er eine Masterarbeit geschrieben hat über das Thema „Church and Gender in the First Three Centuries“. Siehe Literaturverzeichnis auf Seite 209.

[2] Anmerkung von SI: Es ist sehr wahrscheinlich, dass zwischen dem Korintherbrief (ca. 57 n.Chr.) und der Apostelgeschichte (ca. 63 n.Chr.) nur wenige Jahre lagen.

[3] Die eine Übersetzung ist die Willibrordvertaling 1978, die sehr phantasievoll übersetzt und so zum Beispiel in Vers 8 in die Übersetzung noch die Gemeindezusammenkunft mit einbaut: „Ik wil dus dat op elke plaats waar de gemeente samenkomt om te bidden“ (Ich will nun, dass an jedem Ort, wo die Gemeinde zusammenkommt, um zu beten). Eine solche Übersetzung disqualifiziert sich meines Erachtens selber als vertrauenswürdig. Die andere Übersetzung ist die Complete Jewish Bible von David H. Stern, die 1998 erschien. Hierzu liest man auf der Seite <https://www.gotquestions.org/Complete-Jewish-Bible-CJB.html>:
„It does tend to be very ’free’ in its renderings, sometimes interpreting instead of translating“ (Sie tendiert dazu sehr „frei“ in ihrer Wiedergabe zu sein, manchmal mehr zu interpretieren, als zu übersetzen).

[4] In diesem Abschnitt geht es überhaupt nicht um Gemeindestunden. Ist Gott das Haupt von Christus denn nur in der Gemeindestunde? Soll die Frau nur in der Gemeindestunde langes Haar und der Mann kurzes Haar haben? Ist der Mann nur in der Gemeindestunde „Gottes Bild und Herrlichkeit“? Usw.

[5] Tatsächlich ist auch diese Annahme unter Bibelauslegern strittig.

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