Trug der Herr Jesus unsere Sünden bereits in seinem Leben?
Was bedeuten die „Striemen“ in 1. Petrus 2,25 und Jesaja 53,5?

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 28.12.2003, aktualisiert: 03.01.2018

Leitverse: 1. Petrus 2,24.25; Jesaja 53,5

Einleitung

In der letzten Zeit wurden wir mit der Frage konfrontiert, ob Christus die Sünden derer, die einmal an Ihn glauben würden, in seinem ganzen Leben einschließlich der Stunden am Kreuz trug oder nur in den drei Stunden der Finsternis, als Er ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34).

Auf den ersten Blick scheint diese Frage sehr kleinkariert und man könnte meinen: Warum sollte dies so wichtig sein? Es reicht doch, zu wissen, dass Christus unsere Sünden ein für alle Mal hinweggetan hat. Das stimmt zwar, aber dennoch ist diese Frage viel relevanter, als man meinen könnte. Ich möchte zeigen, dass in dieser Thematik eine Tiefe steckt, die wir vielleicht oberflächlich nicht vermuten werden. Es wäre zu diesem Thema sehr viel zu sagen, aber wir wollen uns auf einige wesentliche Stellen in der Bibel beschränken und sie vor unsere Herzen stellen. Natürlich soll die Beweisführung unseren Verstand zufriedenstellen, aber es ist mein Wunsch, in besonderer Weise zu unseren Herzen zu reden.

Trug der Herr unsere Sünden bereits in seinem Leben?

1Pet 2,24.25: Er hat selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben, durch dessen Striemen ihr heil geworden seid. Denn ihr gingt in der Irre wie Schafe, aber ihr seid jetzt zurückgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.

Manche glauben, dass Christus die Sünden auch schon trug, als Er noch nicht am Kreuz hing. So haben sie ein spezielles Verständnis von den Striemen, von denen es weiter in Vers 25 heißt, dass wir durch sie „heil geworden“ sind. Woher bekam denn der Herr seine Striemen? Sicher von der Geißelung des Pilatus, so schlussfolgert man. Aber stimmt diese Auslegung bzw. Schlussfolgerung mit der Heiligen Schrift überein? Petrus schreibt in seinem zweiten Brief, „dass keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist“ (2Pet 1,20). Und in diesem Sinn wollen wir einige Schriftstellen untersuchen.

Das Hauptargument gegen diese Lehre ist, dass die Schrift deutlich sagt, dass Gott Sünder nicht hört: „Wir wissen, dass Gott Sünder nicht hört, sondern wenn jemand gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den hört er“ (Joh 9,31). So konnte der Herr auch sagen: „Ich aber wusste, dass du mich allezeit erhörst“ (Joh 11,42). Wenn Christus unsere Sünden wirklich bereits in seinem Leben und dann am Kreuz getragen hätte – so wie der Liederdichter im Lied Gott wurde arm für uns sagt: „Von der Krippe bis zum Tod am Kreuz auf Golgatha trug Gott unsere Sünden“ –, dann hätte Er in seinem Leben nicht die Gemeinschaft mit dem Vater haben können, von der uns das Johannesevangelium an vielen Stellen berichtet (z.B. Joh 16,32).

(Dieses sehr bekannte Lied ist übrigens aus einem weiteren Grund zweifelhaft: Die Schrift redet nie davon, dass Gott die Sünden trug, noch davon, dass Gott für uns arm wurde. Sicher ist der Herr Jesus Gott und Mensch in einer Person. Dennoch ist es gerade von Bedeutung, dass der Mensch Jesus Christus der Sündenträger wurde, weil nur ein Mensch für einen Menschen das Werk vollbringen konnte, sonst hätte Gott ja nicht Mensch werden müssen.)

Doch wenn Christus wirklich „von der Krippe bis zum Tod“ die Sünden getragen hätte – wie konnte Gott seine Freude über diesen einen geliebten Sohn ausrufen, wenn Christus bereits mit unseren Sünden beladen gewesen wäre? Es musste ja ein Lamm „ohne Fehl und ohne Flecken“ (1Pet 1,19) sein, das sich Gott für unsere Sünden geopfert hat. Unzählige Opfer im Alten Testament bestätigen diese Tatsache. Der Bock, der die Sünde am großen Versöhnungstag in die Wüste tragen sollte, bekam die Sünde des Volkes erst an diesem speziellen Tag des Jahres auferlegt; er trug diese Sünden nicht auf seinem Weg, um dieses Opfer zu werden. Alle Opfer des Alten Testamentes sprechen davon, dass die Sünde in dem Augenblick gesühnt wurde, als das Opfertier geschlachtet wurde – nicht vorher!

Zum Vertiefen dieses Gedankens ein Auszug aus dem Botschafter des Heils in Christo (1866, S. 28–31):

Dieses leitet uns unvermerkt zu der Anschauung, dass der Herr in seinem Leben vor dem Kreuz in keiner Hinsicht der Träger der Sünden war; denn dann würde Er ja während seines ganzen Lebens unter dem Zorn Gottes und keineswegs in der Gemeinschaft mit dem Vater gewesen sein. Gott kann sein Wohlgefallen nicht an jemandem haben, der die Sünde trägt; Er kann nicht in Gemeinschaft wandeln mit einer Person, die sich unter seinem Zorn befindet. Darüber gibt uns das Kreuz den deutlichen Aufschluss. Sobald Christus an unserer Statt die Sünden trägt und der Zorn Gottes über Ihn kommt, ist Er von Gott verlassen. Obwohl Er in sich selbst rein und von den Sündern abgesondert war, konnte Gott doch, sobald Er Ihn an unserer Statt mit Sünden beladen sah, weder Gemeinschaft mit Ihm üben noch sein Flehen erhören.

Die Schrift sagt uns darum auch ausdrücklich, dass der Herr unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen habe (1Pet 2,24). Der Zusammenhang, in dem diese Worte vorkommen, macht uns diese Tatsache noch anschaulicher. Petrus bezeichnet es als ein Vorrecht, um des Gewissens willen vor Gott Beschwerden auszuhalten, indem man ungerecht leidet, und stellt uns Ihn als Vorbild hin – „welcher keine Sünde tat, noch wurde Trug in seinem Mund erfunden, der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der recht richtet“ (1Pet 2,22). – So war der Herr in seinem Leben. Und nun lässt Petrus die Worte folgen: „… welcher selbst unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen hat.“ Sobald es sich um das Tragen unserer Sünden handelt, fügt er ausdrücklich die Worte bei: „auf dem Holz“, um dadurch anzudeuten, dass dieses nicht schon früher der Fall gewesen sei.

Diesen Unterschied finden wir auch in Jesaja 53: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, da hatte er kein Ansehen, dass wir seiner begehrt hätten. Er war verachtet und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt; er war verachtet und wir haben ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen“ (Jes 53,2-4). Dies ist die Beschreibung des Lebens und Leidens Jesu vor dem Kreuz; und dass es so ist, finden wir deutlich in Matthäus 8,16.17, wo die durch Jesus verrichteten Wunder als eine Erfüllung jener Worte betrachtet werden: „Er hat unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen.“ Dann aber folgt die Beschreibung des Leidens am Kreuz, indem wir lesen: „Und wir, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt; doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden“ (Jes 53,4.5). Ebenso sagt Paulus in Römer 4,25, dass Christus unserer Übertretungen wegen dahingegeben sei, wodurch nicht sein Kommen auf die Erde, sondern sein Tod am Kreuz angedeutet wird.

Hätte der Herr in seinem Leben vor dem Kreuz die Sünden getragen, so würde Er, wie bereits bemerkt, während seines ganzen Lebens von Gott verlassen und außer seiner Gemeinschaft gewesen sein. Im Evangelium finden wir jedoch das Gegenteil. Schon die Menschwerdung fand statt inmitten der Freude des Himmels. Die Engel feierten durch ihr Lob dieses wunderbare große Ereignis, und der Heilige Geist füllte die menschlichen Gefäße mit dem Öl der Freuden. Die Engel des Herrn und eine Menge himmlischer Heerscharen, bejahrte Männer und Frauen, Priester in dem Tempel und Hirten auf dem Feld, alle verkündigten in ihrer Weise und nach ihrem Maß die vollkommene und allgemeine Freude. Bei der Taufe des Herrn durch Johannes stieg der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube auf Ihn hernieder, während eine Stimme aus dem Himmel rief: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 3,17). Dies war jene in Jesaja 42,1 angekündigte Verheißung: „Siehe, mein Knecht, den ich stütze; mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt.“ Diese Erscheinung haben wir auch auf dem Berg der Verklärung. Die Wolke überschattete Jesus und Mose und Elia, und durch die Wolke drang die Stimme: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Mt 17,5)! Selbst in der Stunde, wo Jesus, erschüttert bei dem Gedanken an sein schreckliches Leiden, die Worte ausstieß: „Jetzt ist meine Seele bestürzt, und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde! Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater verherrliche deinen Namen!“, kam als unmittelbare Antwort auf seine Frage die Stimme aus dem Himmel: „Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn auch wiederum verherrlichen“ (Joh 12,27.28).

Hier haben wir also unumstößliche Beweise, dass der Herr Jesus während seines Lebens nicht unter dem Zorn Gottes war und mithin unsere Sünden nicht trug. Gott zeugt von Ihm, dass Er sein Wohlgefallen an Ihm hatte. Dies wäre unmöglich gewesen, wenn die Sünde auf seinen Schultern lastete. Nimmer würde dann der Himmel sich über Ihm geöffnet haben; nimmer hätte Er dann der Gegenstand der Anbetung des Himmels sein können. Als einen solchen aber bezeichnet Er sich, wenn Er zu Nathanael sagt: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Himmel geöffnet sehen, und die Engel Gottes auf- und niederfahren auf den Sohn des Menschen“ (Joh 1,51).

Natürlich litt Christus auch in seinem Leben – Er ging durch Leiden zur Herrlichkeit – und sicher litt Er wegen der Sünden der Menschen. Er litt, weil Er in die Hände sündiger Menschen fiel. In dieser Art und Weise hat Christus die Sünden in seinem ganzen Leben ertragen, so wie Er die Krankheiten und Schmerzen getragen hat durch sein inniges Mitgefühl und dadurch, dass Er Menschen von diesen Krankheiten geheilt hat. Klar ist auch: Christus hat diese Leiden, die Menschen Ihm zufügten, für uns Menschen in einer Weise erduldet, dass wir heute in unseren Leiden auf Ihn blicken können und seinem Beispiel folgen dürfen. Es waren aber Leiden um der Gerechtigkeit willen, nicht wegen der Sünden, die Er einmal tragen würde. Hätte Christus nicht in seinem ganzen Leben gelitten, so hätten wir zwar einen Heiland im Blick auf den Himmel, aber keinen Heiland im Blick auf diese Erde. Und wir dürfen dem Herrn sehr dankbar sein, dass Er uns in diesen Leiden von Seiten der Menschen vorangegangen ist und dass wir nun einen großen Hohenpriester haben, „der Mitleid zu haben vermag in unseren Schwachheiten, weil Er in allem versucht worden ist, ausgenommen die Sünde“ (Heb 4,15).

Die Botschaft dieser Leiden ist: „Denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden“ (Heb 2,18). Hier sind nicht die sühnenden Leiden gemeint, die der Herr in seinem Tod am Kreuz erduldete, sondern jene Leiden, die auch wir erdulden müssen, wenn der Satan uns versucht und nichts dringlicher will, als uns vom Weg der Abhängigkeit von Gott abzubringen. Satan fand in dem Herrn Jesus keinen Anknüpfungspunkt. Leider findet er ihn bei uns nur allzu oft. Aber wir dürfen dann zum Herrn Jesus gehen und Ihm diese Dinge sagen, und Er wird uns verstehen, weil Er diese Schlitzohrigkeit des Teufels über sich selbst ergehen lassen musste. Der Herr Jesus wird dann „in den Sachen mit Gott“ (Heb 2,17) für uns als barmherziger und mitfühlender Sachwalter und Hoherpriester eintreten.

Im Hebräerbrief finden wir eine weitere sehr aussagekräftige Stelle: „Denn ein solcher Hoherpriester geziemte uns auch: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als die Himmel geworden, der nicht Tag für Tag nötig hat, wie die Hohenpriester, zuerst für die eigenen Sünden Schlachtopfer darzubringen, dann für die des Volkes; denn dies hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst geopfert hat“ (Heb 7,26.27). Das war das heilige Wesen des Herrn Jesus: „heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern“. Auf Ihm waren die Flecken der Sünde noch nicht zu sehen, als Er über diese Erde ging. Zudem heißt es, dass der Hohepriester zuerst für die eigenen Sünden ein Schlachtopfer zu bringen hatte und dann für das ganze Volk. Christus brauchte für sich selbst kein Schlachtopfer zu bringen, aber in Bezug auf die Sünden des Volkes heißt es: „Denn dieses hat er ein für alle Mal getan, als er sich selbst geopfert hat.“ In dem Moment, als Er als Schlachtopfer geopfert wurde, hat Er die Sünden des Volkes „ein für alle Mal“ gesühnt und hinweggetan. Dort wurde der Bock mit unseren Sünden beladen in die Wüste geschickt, um in der Einsamkeit zu sterben. So wurde auch Christus im Bild in die Wüste geschickt, und Er musste die Einsamkeit ertragen, die dann ihren Höhepunkt erreichte, als Er rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dort wurde wahr, was in Psalm 102,8 prophetisch angekündigt wurde: „Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.“

Im Lukasevangelium wird der Herr Jesus als „Sohn des Menschen“ (und man könnte sagen: „am menschlichsten“) vorgestellt. Dort ist zu lesen: „Aber dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis“ (Lk 22,53). Die „Stunde des Menschen“ wird besonders im Lukasevangelium betont und so fehlt gerade hier der Ausruf des Herrn am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, der ja besonders das Gericht von Seiten Gottes hervorhebt. Der Herr Jesus hat sowohl die Leiden von Seiten der Menschen wie auch von Seiten Gottes vollkommen getragen. Er musste klagen: „Satt ist meine Seele von Leiden; und mein Leben ist nahe am Scheol“ (Ps 88,4). Aber Sühnung konnte es nur durch den eigentlichen Akt der Opferung geben. Wäre der Herr Jesus in den Himmel zurückgekehrt, ohne das Werk am Kreuz vollbracht zu haben, würden wir in unseren Versuchungen und Prüfungen hier auf der Erde vielleicht Trost finden, weil der Herr Jesus uns ein Beispiel dazu gegeben hätte, in Leiden auszuharren, aber in Bezug auf unsere Sünden hätten wir keinen Frieden. Denn ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung (Heb 9,22), ohne Tod keine Erlösung (Heb 9,15)!

Die Leiden des Herrn darf man zwar unterscheiden, man sollte sie aber nicht gänzlich voneinander trennen. Die Leiden von Seiten des Menschen wie die von Seiten Gottes gehörten allesamt zum Ratschluss Gottes, und wir sind dankbar, dass wir nicht nur die eine oder die andere Seite in der Schrift finden, sondern beide Seiten.

Was ist mit „Striemen“ gemeint?

Nun kommen wir zum zweiten Teil des Satzes aus 1. Petrus 2,24.25:

1Pet 1,24b: … damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben, durch dessen Striemen ihr heil geworden seid.

Auch hier könnte man beim flüchtigen Lesen an die Striemen denken, die unserem Herrn durch die Geißelung des Pilatus zugefügt wurden. Auch ich habe das bisher so angenommen, weil ich mir über die Konsequenzen dieser Auslegung nicht im Klaren war. Was wäre denn die Konsequenz der Auslegung, dass die Striemen, die Pilatus dem Herrn zugefügt hatte, uns das Heil brachten? Dann hätte der Mensch einen wesentlichen Anteil an der Erlösung! Dann wäre die Erlösung nicht allein durch das Werk des Herrn auf Golgatha erreicht worden, sondern eben auch durch die Striemen, die ein Mensch (dazu noch ein Ungläubiger) dem Herrn zugefügt hätte! Wir müssten am Ende Pilatus sogar noch dankbar sein! Das zu schreiben, fällt schon schwer; dies zu glauben, grenzt nach meinem Empfinden an Blasphemie. Wie könnte der Mensch einen Anteil an dem großen Heil Gottes haben? Unmöglich! Es ist allein Gottes Werk. Der Herr sagte kurz vor dem Kreuz: „Ich habe das Werk vollbracht“ (Joh 17,4), und nach den drei Stunden der Finsternis rief Er aus: „Es ist vollbracht.“ Nein, der Mensch spielte in dieser Szene keine Rolle mehr. Die Sonne wollte ihr Licht nicht geben, und es kam eine tiefe Finsternis über das Kreuz, obwohl es mitten am Tag war.

Im Garten Gethsemane sehen wir ein ähnliches Bild. Der Herr geht allein einen Steinwurf weit von den Jüngern weg. Er ist im ringenden Kampf, so dass Schweiß wie große Blutstropfen auf seiner Stirn zu sehen sind. Was stand dort vor der Seele des Herrn? Seine physischen Leiden von Seiten eines Pilatus? Nein! Ich zitiere den Ausleger F.C. Jennings:

Da bleibt ein einziger Grund. Wir wollen einen Moment innehalten. Hier ist der wahre Grund: Er hatte Angst davor, zu dem gemacht zu werden, was du und ich sind. Lasst uns darüber einmal nachdenken. Und können wir das tun, ohne bewegt zu werden? Nur der Schatten davon, hierzu gemacht zu werden, zu diesem Schrecklichen, zu der Sünde, brachte ihn dazu, dass sein Schweiß wie große Bluttropfen wurde in seinem Leidenskampf. Überleg einmal, wenn das nur die Wirkung des Schattens war, was für ein Leiden muss dann die Wirklichkeit jenes Schattens gebracht haben!! Was geziemt einer solchen Szene, in welchem du und ich einen so wichtigen Anteil haben, als stille Bewunderung und bußfertige und – vielleicht nicht tränenlose – Anbetung (aus seinem Buch Gethsemane).

Aber wie sollte man die Striemen denn dann einordnen? Welche Striemen sind hier gemeint?

Nun lesen wir einmal die Stelle in Jesaja 53,5:

Jes 53,5: Doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen {wörtlich: Strieme} ist uns Heilung geworden.

Aber hier haben wir es doch wieder! Welche Striemen sollten es sonst gewesen sein als jene von Seiten der Menschen?

Zuerst müssen wir festhalten, dass das Wort „Striemen“ sowohl in 1. Petrus 2,24 als auch in Jesaja 53,5 in der Einzahl mit Artikel steht. Wir müssten also lesen: „… durch dessen Strieme ihr heil geworden seid.“ Das Wort „Strieme“ wird auch an anderen Stellen (z.B. Ps 38,6) mit „Wunde“ übersetzt. Auch die Übersetzung „eine durch einen Schlag entstandene Wunde“ wäre denkbar. Bei dieser Übersetzung fällt es sehr schwer, an die Geißelung des Pilatus zu denken.

Nun lesen wir die Stelle im Zusammenhang:

Jes 53,4-6.10: Und wir, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt; doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen Weg; und der HERR hat ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit. – … Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen.

Es ist wohl unschwer, zu erkennen, dass diese Stelle genau auf die Stelle im Petrusbrief hindeutet. Würde man auch dort den Text lesen, wo ich Auslassungspunkte gesetzt habe (dort habe ich aus Gründen der Übersichtlichkeit den Text weggelassen), so würde dies noch deutlicher werden. Hier geht es deutlich um ein Gericht von Seiten Gottes: „von Gott geschlagen“, „der HERR hat ihn treffen lassen“, und: „Dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen.“

Auffallend ist hier außerdem das Wort „zerschlagen“. Das weist uns noch auf eine andere sehr interessante Bibelstelle hin aus Sacharja 13,7: „Schwert, erwache gegen meinen Hirten und gegen den Mann, der mein Genosse ist!, spricht der HERR der Heerscharen. Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen. Und ich werde meine Hand den Kleinen {o. Geringen} zuwenden.“ Hier gibt Gott selbst den Auftrag, das Schwert erwachen zu lassen, und es heißt weiter: „Schlage den Hirten.“ Kein menschliches Schwert „zerschlug“ ihn, sondern das göttliche Schwert „zerschlug“ und „verwundete“ Ihn in den drei Stunden der Finsternis. Erinnern wir noch einmal daran, dass wir auch übersetzen könnten: „eine durch einen Schlag entstandene Wunde“! Hier erfüllte sich, was wir gerade in Jesaja 53 gelesen haben. Gott ließ Ihn treffen unser aller Ungerechtigkeit. Gott gefiel es, Ihn zu zerschlagen, Er ließ Ihn leiden. Es konnte dafür nur einen Grund geben: Dort sühnte der Herr die Schuld, brachte das ein für alle Mal geschehene Opfer, ließ das Schwert Gottes gegen sich erwachen, wurde dort, obwohl Er Sünde nicht kannte, zur Sünde gemacht (2Kor 5,21).

Der Bibelausleger H.L. Heijkoop schrieb hierzu:

Er, der in seinem Leben auf Erden sagen konnte: „Ich aber wusste, dass du mich stets erhörst“ (Joh 11,42), musste da rufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46). Das Schwert der Gerechtigkeit Gottes schlug Ihn da (Sach 13,7); die ganze Strafe für alle unsere Sünden kam auf Ihn, so dass Er rufen musste: „In den Staub des Todes legst du mich“ (Ps 22,15)! (Aus seiner Betrachtung zum 2. Petrusbrief, Kapitel 2)

Der Psalm 22 berichtet in Vers 5, dass die Väter zu Gott riefen und erhört wurden. Aber in Vers 1 heißt es prophetisch vom Herrn, der allezeit das dem Vater Wohlgefällige getan hatte, dass Er betete und keine Antwort bekam. Wir singen in einem Lied:

Dann, in jenen finstren Stunden,
eh’ der Vielgeliebte starb,
war’s die tiefste seiner Wunden,
dass Dein Antlitz sich verbarg.
Und Er rief – Du bliebest stumm,
kehrtest Dich zu Ihm nicht um:
Dass wir nicht als Sünder sterben,
musste Er „zur Sünde“ werden.

Wie oft haben mich diese Verse schon bewegt und Tränen in die Augen schießen lassen bei dem Gedanken, dass der Herr Jesus das empfunden hat, weil ich gesündigt hatte. Wie habe ich mich beim Anblick dieser Szene schon tief geschämt und mir überlegt, dass dies eigentlich mein Teil gewesen wäre, das mich zu Recht getroffen hätte – ja, hätte der Herr Jesus dies nicht für mich erduldet. Können wir es jemals verstehen, was in diesem heiligen Moment wirklich geschah? Dort lernen wir etwas davon, wie schrecklich die Sünde in den Augen Gottes ist. Sünde ist kein Bagatellschaden, ist keine Kleinigkeit. Sünde kann zwar durch eine kleine Handlung ausgelöscht und für immer vergeben werden, aber der Preis, der dafür bezahlt wurde, könnte nicht höher gewesen sein, so dass der Herr sogar betete: „Zieh mich heraus aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke“ (Ps 69,15). Allein die Vorstellung, in tiefem Schlamm versinken zu müssen, weil kein Boden da ist, sollte jedem einen kalten Schauer über den Rücken jagen; wenn man zudem bedenkt, dass der Psalmist wahrscheinlich sogar von kotigem Schlamm spricht, dann umso mehr. Das nahm der Herr für dich und mich auf sich! Kannst du das verstehen?

Halte einen Moment inne, gehe auf die Knie. Suche dir für einen kurzen Augenblick einen stillen Ort und bete den Herrn dafür an und danke Ihm für dieses gewaltige Werk auf Golgatha – ich tue es ebenfalls, bevor ich weiterschreibe.

Das zweite Kapitel des 1. Petrusbriefes endet mit den Worten:

1Pet 2,25: Denn ihr gingt in der Irre wie Schafe, aber ihr seid jetzt zurückgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.

Sowohl Jesaja 53,6 als auch Sacharja 13,7 sprechen von den Schafen, die entweder zerstreut würden oder sich verirrt hatten. Hier heißt es hingegen: „Aber ihr seid jetzt zurückgekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.“ Ja, Gott sei Dank, das Werk ist vollbracht, alles ist getan – Israel würde zerstreut werden, wie es in Sacharja 13,7 steht: „Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen“ –, aber jeder, ob jetzt oder in der Zukunft, der den Herrn Jesus als seinen Retter annimmt, muss nicht mehr umherirren wie ein Schaf, das keinen Hirten hat; es ist zurückgekehrt, es ist gefunden von dem Hirten. Diese Bibelstellen aus Jesaja, Sacharja und 1. Petrus machen uns deutlich, dass sie auch unmittelbar zusammengehören. Und die Problematik, die beim oberflächlichen Lesen – wie eingangs erwähnt – entstehen könnte, verschwindet gänzlich.

Vielleicht hast du diesen Artikel aus Interesse an theologischen Zusammenhängen gelesen, und nun stellst du fest, was für ein großes Werk der Herr Jesus für dich getan hat. Bete Ihn dafür an! Mein herzlicher Wunsch ist, nicht Theologie zu vermitteln, sondern Christus!

Weitere Artikel des Autors Stephan Isenberg (73)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...