Einander ertragen
Epheser 4,2; Römer 14

Charles van Wettum

© Bode, online seit: 07.01.2003, aktualisiert: 23.08.2018

Leitverse: Epheser 4,2; Römer 14; 1. Korinther 8

Eph 4,2: Wandelt … mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe …

Röm 14,1.4.10: Den Schwachen aber im Glauben nehmt auf, doch nicht zur Entscheidung strittiger Überlegungen … Wer bist du, dass du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn … Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du? Was verachtest du deinen Bruder?

Einleitung

Es gibt viel Zerrissenheit unter Christen. Manchmal ist diese Zerrissenheit unvermeidlich, weil es um fundamentale Dinge geht. Häufiger jedoch ist sie die Folge von Erkenntnisunterschieden über Themen, von denen die Bibel sagt, dass wir einander darin ertragen sollen. Einander zu „ertragen“ ist freilich schwierig, da es unserer Natur widerstrebt, in Dingen, in denen wir persönlich eine – wie wir aufrichtig meinen – feste biblische Überzeugung haben, anderen wirklich Freiheit zu lassen.

Fleisch essen?

So gab es in der Kirche des 1. Jahrhunderts Probleme mit dem Essen von Fleisch. Alles Fleisch, das auf dem Markt verkauft wurde, stammte von Tieren, die in Götzentempeln geschlachtet worden waren; „normales“ Fleisch war nicht zu bekommen. Die Christen waren uneins darüber, ob man dieses Fleisch essen durfte.

Einige meinten, dass dies nicht ginge: Das Fleisch war schließlich den Götzen geweiht. Obwohl das Problem im Alten Testament nicht explizit zur Sprache kommt und auch der Herr Jesus selbst nicht deutlich darüber gesprochen hat, konnten diese Gläubigen im Alten Testament genügend Argumente finden. Sie konnten auf die Reinheitsgebote verweisen, auf die Gefahr der Ansteckung durch Unreinheit usw. Sie waren für sich selbst davon überzeugt, einen biblischen Standpunkt zu vertreten: Das Essen dieses Fleisches ist sündig.

Andere Christen argumentierten anders: Götzen sind nichts, und wenn man Fleisch von Tieren isst, die „nichts“ geopfert sind, ist mit diesem Fleisch nichts Besonderes los. Also, sagten diese Christen, gibt es gar keinen Grund, dieses Fleisch nicht zu essen. Auch sie hatten demnach ihre Argumente: die Ohnmacht der Götzen und den Sieg des Herrn Jesus über den Satan. Für sie selbst war dies ausreichend, um das Fleisch in Aufrichtigkeit essen zu können.

Paulus behandelt dieses für die damaligen Christen sehr wichtige Problem in Römer 14 und 1. Korinther 8. Dabei bringt er zwei Prinzipien zur Sprache.

Das eigene Gewissen

Das erste Prinzip ist: „Jeder sei in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt.“ Mit anderen Worten: Du bist nicht an das gebunden, was ein anderer denkt, sondern an das, was du selbst im Gehorsam gegenüber Gott tun zu müssen meinst (vgl. 1Kor 4,3; 2Kor 10,5.6). Vorausgesetzt ist dabei natürlich, dass Gottes Wort die Norm ist. Doch es ist offenbar möglich, dass Gläubige, die die Bibel wirklich in jeder Hinsicht ernst nehmen und betend darüber nachdenken, auf praktischen Gebieten dennoch zu verschiedenen Schlussfolgerungen kommen.

Was ein Christ als deutliche biblische Richtlinien Gottes ansieht, danach muss er natürlich handeln. Aber er darf es nicht anderen auferlegen: Wer isst, isst dem Herrn (d.h. vor seinem Angesicht, mit aufrichtigem Gewissen; zu seiner Ehre); wer nicht isst, tut das auf dieselbe Weise dem Herrn.

Freiwillige Einschränkung

Es gibt jedoch noch ein zweites Prinzip: dass ich von meiner persönlichen Freiheit nicht unbedingt Gebrauch machen muss. Wenn mein Bruder mich meine Freiheit gebrauchen sieht, wird er vielleicht dasselbe tun wollen wie ich, aber der große Unterschied ist dann, dass sein Gewissen ihn sehr wohl verurteilt. Vor seinem eigenen Gewissen wäre er seinem Herrn ungehorsam, und ich wäre derjenige, der ihn zu diesem Fall gebracht hat. Nein, sagt Paulus, ich will kein Fleisch essen, wenn ich meinem Bruder damit dienen kann, auch wenn ich in meinem eigenen Gewissen die volle Freiheit habe.

Dass die persönliche Freiheit in dieser Hinsicht nicht genutzt wird, bedeutet natürlich nicht, dass sie verloren geht. Allzu leicht könnte die Tatsache, dass die Freiheit ungenutzt bleibt, im Laufe der Jahre zu der Tradition (oder gar dem „Prinzip“) führen, dass die betreffende Freiheit nicht besteht. Es ist daher gut, uns bewusst zu machen, warum wir Dinge nicht tun.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, ob jemand „Mühe“ mit etwas oder „Bedenken“ gegen etwas hat. In solchen Fällen können wir darüber sprechen, aber es gibt letztlich nur einen Weg: einander Gewissensfreiheit lassen. Es geht bei diesen neutestamentlichen Prinzipien ausschließlich um die Situation, dass ich einen anderen zu einem für ihn sündigen Verhalten bringen würde. Wenn ich jemandem, der „Probleme damit hat“, zu schnell nachgebe, ist das nicht gut. Er könnte es fortan als selbstverständlich betrachten, dass sein persönliches Gewissen der Prüfstein für das Handeln anderer ist. Indem man einen solchen gesetzlichen Gedankengang anregt, erweist man niemandem einen Dienst. Nach seiner eigenen Erkenntnis nimmt er die Position eines „Starken“ ein – aber dann muss er die Schwachen, die Geschwister mit anderer Erkenntnis, gerade ertragen.

Aktuelle Beispiele

Natürlich ist das Beispiel „Fleisch essen“ für uns einfach. Wir können uns kaum vorstellen, was für ein enormes Gewissensproblem dies für die damaligen Gläubigen gewesen ist. Dadurch könnten wir die Wichtigkeit der behandelten Prinzipien unterschätzen. Das wird jedoch anders, wenn wir aktuelle Beispiele nennen:

  • Muss ich den Sonntag als Ruhetag halten, und was bedeutet das genau? (Siehe Röm 14,5; Gal 4,10.11.) Nicht Rad fahren, nicht schwimmen, kein Eis kaufen, nicht tanken?
  • Darf ich mich impfen lassen? Eine Versicherung abschließen? Ein eigenes Haus, einen Fernseher, einen Weihnachtsbaum haben?
  • Ist die Wortbetrachtung eine „gemeindliche Zusammenkunft“, die alle Gläubigen besuchen müssen? (Siehe Apg 2,42; Heb 10,25.)
  • Darf eine Frau etwas von ihrem Haar abschneiden lassen? Und wann ist „lang“ genau „lang“? (Siehe 1Kor 11.)
  • Wie und wann kann eine neue „Versammlung“ gegründet werden? Wie groß muss/darf eine Versammlung sein?
  • Darf man mit Christen aus anderen Glaubensgemeinschaften zusammenarbeiten, z.B. in der Evangelisationsarbeit?
  • Was ist eine gültige Taufe: Besprengung von Säuglingen, Gläubigentaufe, Haustaufe? Ist „Wieder“taufe erlaubt/notwendig, können wir Gläubige, die als Säuglinge besprengt worden sind, zum Tisch des Herrn zulassen?
  • usw.

Gerade bei solchen Punkten entstehen leicht „Lager“, die einander „Fehler“ vorwerfen. Wir können dann für die Entscheidungen, die andere vor dem Angesicht des Herrn getroffen haben, keinen Respekt mehr aufbringen. Wir geben einander keinen Raum mehr, um nach dem Gewissen zu handeln.

Ausdrücke, mit denen man sich dann gegenseitig bezeichnet, sind etwa „unbiblisch“, „ungeistlich“, „schwache Gläubige“ (meist von Gläubigen mit etwas strengerem Gewissen gegenüber solchen gebraucht, die sich „mehr erlauben“) oder „gesetzlich“, „traditionalistisch“, „sektiererisch“ (meist von „lockereren“ Gläubigen gebraucht, wenn sie von denen sprechen, die „weniger flexibel“ sind).

Schriftbeweis

Was sind nun genau die Dinge, in denen wir einander Gewissensfreiheit lassen müssen? Wir können sagen, dass alles, wofür „biblische Normen“ anzugeben sind, nicht dem Gewissen überlassen werden kann. Aber das genügt natürlich nicht. Jeder ernsthafte Christ versucht, in allen Dingen dem Herrn gehorsam zu sein, und liest dazu die Bibel. Dennoch bleiben Erkenntnisunterschiede. Das ist ein sehr begreiflicher und vollkommen menschlicher Prozess. Wir erkennen nun einmal am leichtesten diejenigen biblischen Gegebenheiten, die mit unseren Gedanken übereinstimmen, und haben große Mühe mit dem Erkennen anderer Gegebenheiten. Was wir in der Bibel zur Stützung unserer Gedanken finden, wird für uns selbst dann schnell zum „Schriftbeweis“. Allzu leicht übersehen wir, dass das, was wir persönlich als Schriftbeweis ansehen, deshalb noch keiner sein muss. Wenn wir unsere eigene menschliche Begrenztheit nicht erkennen, überschätzen wir unser Urteil über das, was die Bibel sagt.

Man hört gelegentlich: „Es ist klar, dass es keine Sünde war, Fleisch zu essen. Deshalb darf man das Prinzip der Gewissensfreiheit nur auf Dinge anwenden, die an sich biblisch erlaubt sind.“ Dies verkennt den Punkt, um den es gerade geht: Für viele Gläubige in Rom und Korinth handelte es sich durchaus um Dinge, die (nach ihrer eigenen Erkenntnis) „absolut unbiblisch“ waren. Paulus verbot ihnen trotzdem, diese Erkenntnisse auf Mitgläubige zu übertragen. Um es ganz extrem zu formulieren: Sie mussten es ihren Geschwistern erlauben, Dinge zu tun, die sie selbst als „unbiblisch“ betrachteten!

Gerade Christen, die viel Einsicht in die Schrift empfangen haben, müssen besonders vor der Gefahr auf der Hut sein, anderen ihre Erkenntnisse aufzuerlegen, sei es dadurch, dass sie sie als „einzigen biblischen Weg“ darstellen, oder dadurch, dass sie die Freiheit anderer einschränken, indem sie sich auf ihr eigenes Gewissen berufen, das mit manchen Dingen Probleme hat.

Richtet nicht

Die erste Konsequenz aus dem Obenstehenden ist, dass wir anerkennen müssen, dass unsere Mitgläubigen nicht nur die Freiheit haben, anders zu denken als wir, sondern auch, in Übereinstimmung mit diesen Gedanken zu handeln.

Aber was soll ich nun tun, wenn ich meinen Mitgläubigen Dinge tun sehe, die nach meiner Schrifterkenntnis nicht richtig sind? Wenn es wichtig genug ist, sollte ich mit ihm darüber sprechen. Wenn sich herausstellt (wie es leider vorkommen kann), dass der betreffende Gläubige nicht in Gemeinschaft mit dem Herrn handelt, kann ich ihm dienen, indem ich die Beziehung zwischen dem praktischen Leben und dem Gehorsam gegenüber dem Herrn Jesus wiederherstelle. Wenn sich jedoch herausstellt, dass mein Bruder ernsthaft darüber nachgedacht hat, die Bibel zu Rate gezogen hat, volle Freimütigkeit hat und nach seinem Gewissen im Gehorsam gegenüber dem Herrn handelt, liegt die Sache anders. Wenn es nicht um eine klare Irrlehre oder um nachweisbare Sünde geht, ist es eine Frage des Gewissens. Mein Gewissen ist dann nicht der Maßstab für das Verhalten anderer.

Die Folge davon ist natürlich, dass ich nicht sagen darf, dass mein Bruder oder meine Schwester sündigt. Ebenso ist es selbstverständlich, dass in solchen Dingen niemals von gemeindlicher Zucht oder vom Abbrechen der Gemeinschaft die Rede sein kann.

Gemeinschaftlich

Dies alles ist noch relativ einfach, solange es um rein persönliche Dinge geht. Viel schwieriger ist es, wenn die Erkenntnisse über gemeinschaftliche Standpunkte und Handlungsweisen weit auseinandergehen. Dann ist es wirklich eine Sache geworden, wo ein Gläubiger seine Demut und Opferbereitschaft zeigen kann: Ich kann demütig akzeptieren, dass ich in dieser Frage offenbar eine unvollständige Erkenntnis habe. Ich kann den Beschluss dann dem besseren Urteilsvermögen anderer überlassen und mich dem Ergebnis fügen, auch wenn dieses meinem persönlichen Gewissen widerspricht.

Ich bin nicht gezwungen, meine Erkenntnisse anzupassen. Es ist für mich eine geistliche Übung, dass andere bibeltreue Brüder offenbar anders urteilen als ich. Doch ebenso wenig muss ich mit meinem persönlichen Gewissen andere bei dem blockieren, was sie nach ihrem Gewissen im Gehorsam gegenüber dem Herrn tun wollen. Und wird nicht jeder Christ seinen Geschwistern gern einen solchen Dienst erweisen wollen?

Nebenbei sei bemerkt, dass hier kein „Prinzip der Gegenseitigkeit“ besteht. Es ist nicht so, dass ich ein „Recht“ darauf habe, dass mein Bruder so denkt und handelt. Vielleicht hätte er sich mir anpassen müssen, vielleicht auch nicht; ich muss ihm gegenüber jedenfalls demütig sein.

Eins im Herrn

So viele Geschwister und doch so verschieden. Ertragt einander, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wenn einer dem anderen in seinen Erkenntnissen nicht folgen kann; wenn einer den anderen in Gedanken zu verurteilen droht, weil er nicht seiner Meinung ist.

Andere müssen dem Herrn gehorchen, natürlich. Aber ich bin dafür verantwortlich, dass ich zuerst einmal selbst gehorsam bin. Und vielleicht ist viel von unserer Intoleranz gegeneinander auf die Tatsache zurückzuführen, dass wir uns zu wenig bewusst machen, dass auch das ein Auftrag ist: einander zu ertragen. Lasst uns das tun. Es ist eine Frage des Gehorsams.


Aus Bode van het heil in Christus,
Jg. 136 (1993) 12, S. 261–263; Jg. 137 (1994) 1, S. 16–18
http://www.schneid9.de/glaube.html

Übersetzung: Michael Schneider

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