Wie können Gemeinden gesunden?
Auf die Diagnose kommt es an

Gerd Goldmann

© G. Goldmann, online seit: 23.06.2002, aktualisiert: 11.01.2018

Leitverse: Offenbarung 2–3

Die Diagnose ist entscheidend

Wie furchtbar muss es für einen kranken dahinsiechenden Menschen sein, wenn er keinen Arzt findet, der eine klare Diagnose stellt. Denn nur eine solche Diagnose ermöglicht eine Therapie und damit die Chance auf Heilung. Die Diagnose mag bitter sein, vielleicht auch beschämend. Alte Versäumnisse können ans Tageslicht kommen und schmerzlich aufstoßen. Vielleicht stellt man entsetzt fest, dass man viel zu spät einen Arzt aufgesucht hat, um noch gute Heilungschancen zu haben. Aber trotzdem bleibt eine zutreffende Diagnose die einzige Chance, um Maßnahmen zu ergreifen.

Wenn wir diesen schmerzlichen Diagnoseprozess auf unsere Gemeinden anwenden wollen, müssen wir zunächst den eingeschränkten Blick anerkennen, den wir Menschen haben. Letztlich ist nur unser Herr Jesus Christus in der Lage, eine zutreffende Diagnose zu stellen. In den Sendschreiben hat er solche Diagnosen für sieben Ortsgemeinden gestellt (Offenbarung 2–3). Jede Situation war anders, aber immer wieder hören wir: „Ich kenne …“, „Ich habe wider dich …“, „Tue nun Buße …“ Und in allen Sendschreiben lesen wir die Aufforderungen: „Wer überwindet …“, und: „Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt.“ Deshalb sollten wir diese Sendschreiben immer wieder mit großer Aufmerksamkeit lesen, um das Reden des Geistes Gottes auch heute zu vernehmen. Der Geist Gottes will uns auch Kraft zur Selbstdiagnose geben.

Es geht aber nicht nur um einzelne Gemeinden. Man hat den Sendschreiben mit Recht kirchengeschichtliche Epochen zugeordnet. Die freikirchlichen Bewegungen lassen sich in den beiden Sendschreiben an Philadelphia und an Laodizea erkennen. In Philadelphia hat der Herr den Christen eine geöffnete Tür gegeben, die niemand schließen kann. Sie haben nur eine kleine Kraft (verglichen mit den großen kirchlichen Organisationen), aber sie haben sein Wort bewahrt und seinen Namen nicht verleugnet. Der Herr hält seine Hand über sie und liebt sie.

In Laodizea dagegen sagen sie selbstzufrieden: „Ich bin reich und bin reich geworden und brauche nichts.“ Dabei haben sie nicht gemerkt, dass sie vor Gott „der Elende und bemitleidenswert und arm und blind und bloß sind“ (Off 3,16.17). Lau sind sie geworden, nichts brennt mehr; der Herr ist dabei, sie aus seinem Mund auszuspeien.

Zu einer alten Gemeindebewegung zu gehören, heißt noch lange nicht, dass die Diagnose unseres Herrn automatisch nach Philadelphia führen würde. Ohne dass wir es bemerkt haben, hat sich vielleicht ein ganzes Stück des Denkens von Laodizea eingeschlichen. Und das Gefährliche dabei ist, dass die Leute in Laodizea von sich selbst sehr überzeugt waren und ihr geistliches Kranksein gar nicht bemerkt haben und wie es dazu kam. Sie waren nicht nur geistlich arm, sie waren auch blind. Und kann geistliche Blindheit nicht gerade dort beginnen, wo man scheinbar alles besonders scharf beurteilen kann? Wo man selbst den kleinsten Splitter im Auge seines Bruders klar zu erkennen meint, aber den Balken im eigenen Auge nicht wahrnimmt oder gar nicht wahrnehmen, geschweige denn entfernen will? Der Herr fordert uns auf: „Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus deines Bruders Auge zu ziehen“ (Mt 7,5).

Gesundheit erzeugt Wachstum

In Philadelphia schenkte der Herr, dass Menschen zum Glauben kamen, sogar aus dem Kreis ihrer fanatischen jüdischen Gegner. Was für eine Freude für die Gemeinde mit der kleinen Kraft! In Laodizea dagegen waren sie so sehr mit sich selbst und ihrer wunderbaren Stellung beschäftigt, dass sie nicht einmal an die verlorenen Menschen dachten.

Verlorene Leidenschaft

Von solchen Wachstumsstörungen sind auch Gemeinden betroffen, die stark auf das Bewahren des „überlieferten Guten“ gesetzt haben und die zumindest unterschwellig versucht sind, sich als vorbildlich einzustufen. Andere wieder haben sich treiben lassen und dabei ihre geistlichen Konturen verloren – sind verflacht, verweltlicht. Weder das „Zurück zum Alten“ noch der einfache Aufbruch zur großen Anpassung wird dazu führen, dass Gott uns wieder neue Menschen anvertraut.

Dazu muss unser Herz für unseren Herrn, unsere Gemeinde und die Menschen, die ohne Jesus Christus verloren sind, neu zum Brennen kommen. Ohne Zweifel sind viele von uns bereit, Opfer für die Verbreitung des Evangeliums zu bringen. Trotzdem brauchen wir eine neue Leidenschaft für das Evangelium und für das Wachstum im Glauben. Paulus hat für Ungläubige und Gläubige gelebt, gerungen und gekämpft (dazu wäre eine Bibelarbeit gut!). Er hat um Menschen „geeifert mit Gottes Eifer“ (Leidenschaft) (2Kor 11,2).

Eine Fülle von Symptomen

Der Platz reicht nicht, um alle weiteren möglichen Krankheitssymptome näher zu betrachten. Deswegen nebenstehend nur eine (unvollständige) Liste von Fragen, die jede Gemeinde selbst (vielleicht besser noch durch einen Externen) bewerten muss:

Eine Symptomliste zur Diagnose

  • Fehlt die verbindliche Einheit unter den Verantwortlichen (Ältesten), vielleicht sogar ein regelmäßiges Treffen zu vertraulichen Gesprächen und Gebeten? „Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde“ (Apg 20,28).

  • Gibt es bei uns Parteien, vielleicht sogar Streit? Kommen wir deshalb immer nur zu halbherzigen Lösungen? Gott hat seinen Segen „dorthin befohlen“, wo „Brüder einträchtig beieinander wohnen“ (Ps 133).

  • Herrscht ein Geist der Kritiksucht, vielleicht sogar des Redens hinter dem Rücken? „Seufzt nicht widereinander, Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Jak 5,9).

  • Fehlt die innige Liebe zueinander, vielleicht sogar die Bewältigung von Konflikten? „Alles bei euch geschehe in Liebe“ (1Kor 16,14). „Vor allem aber habt untereinander eine anhaltende Liebe“ (1Pet 4,8).

  • Gibt es keine Atmosphäre der Motivation, vielleicht noch nicht einmal der Information? „Lasst uns aufeinander achthaben, um uns zur Liebe und zu guten Werken anzureizen“ (Heb 10,24).

  • Gibt es keine Vorgehensweisen, wie wir die uns anvertrauten Christen zu hingegebenen Mitarbeitern machen, vielleicht ihnen auch nur Aufgaben zuweisen? „Wie jeder eine Gnadengabe empfangen hat, so dient damit als gute Verwalter“ (1Petr 4,10).

  • Wird Sünde geduldet, vielleicht sogar verharmlost, unter den Teppich gekehrt? „Wenn aber dein Bruder sündigt, so geh hin, überführe ihn“ (Mt 18,15).

  • Sind Formalismus, vielleicht sogar Gesetzlichkeit, wichtiger als geistliches Leben? „Jeder von uns gefalle dem Nächsten zum Guten, zur Erbauung“ (Röm 15,3).

  • Ist die Lehre in unserer Gemeinde vom praktischen Leben abgehoben, vielleicht sogar nur „Theorie“? „Alle Schrift ist nützlich zur Lehre …, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet“ (2Tim 3,16.17).

  • Gibt es ein heimliches Schielen nach der Welt, ja vielleicht sogar ein Leben nach ihren Maßstäben, das unserem Glauben die Kraft zum Zeugnis nimmt? „Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt. Und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube“ (1Joh 5,4).

  • Hat eine falsch verstandene Absonderung dazu geführt, dass wir uns nicht mehr ständig mit Ungläubigen beschäftigen, vielleicht sogar unsere Kommunikationsfähigkeit mit ihnen zum Erliegen gebracht wurde? „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die draußen sind. Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt; ihr sollt wissen, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt“ (Kol 4,5.6).

  • Geben wir das Bild einer „geschlossenen Gesellschaft“ ab, die es dem Suchenden schwer macht, vielleicht übergroße Schritte von ihm fordert? „Ich bin allen alles geworden, dass ich auf alle Weise einige errette. Ich tue aber alles um des Evangeliums willen“ (1Kor 9,22).

  • Haben wir nur evangelistische Veranstaltungen in unserer Gemeinde, zu denen kaum Fremde eingeladen werden, zu denen wir uns vielleicht sogar schämen einzuladen? „Der Glaube ist aus der Verkündigung“ (Röm 10,17).

  • Kennen wir keine „permanente Evangelisation“, vielleicht noch nicht einmal auf einem einzigen Gebiet? „Ich suche in allen Dingen allen zu gefallen …, dass sie errettet werden. Seid meine Nachahmer!“ (1Kor 10,33–11,1).

  • Leben wir aus dem Augenblick heraus, ohne geistliche Ziele und Konzepte, ja vielleicht sogar ohne uns Rechenschaft über unsere Mängel zu geben? (Vgl. Paulus in Römer 15,23.24.)

Sind wir bereit, dort anzufangen, wo wir besonders schwach sind?


Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Die Wegweisung (heute: Perspektive)

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