Das Böse beseitigen oder die Seele gewinnen?
Gesinnung bei Gemeindezucht

Frederick William Grant

© EPV, online seit: 06.01.2002, aktualisiert: 11.01.2018

Wollen wir nur das Böse beseitigen oder wollen wir eine Seele gewinnen?

Wenn wir uns mit Bösem innerhalb der Versammlung beschäftigen müssen, gilt es, zwei Dinge im Auge zu behalten: auf der einen Seite natürlich die Sünde selbst, auf der anderen Seite aber den Zustand der Person, die die Sünde begangen hat. Es kommt so häufig vor, dass es in der ganzen Angelegenheit praktisch nur um das Böse selbst geht; man meint: Hauptsache ist, dass mit der Sünde in der rechten Weise gehandelt wird, dann wird die betreffende Person schon selbst irgendwie zurechtkommen. Dieser Gedanke ist jedoch ein sehr großes Hindernis für eine wirkliche Beseitigung des Bösen, das wir zu heilen suchen.

Gott ist treu, und Er wird nicht zulassen, dass wir über unser Vermögen versucht werden, sondern Er wird mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, so dass wir sie ertragen können. Fallen wir in eine Sünde, so zeigt sich darin der Zustand unserer Seele. Wahrscheinlich hätten wir diesen Zustand nie bei uns erwartet. Wie konnte es dahin kommen? Wir waren nicht in Gemeinschaft mit Gott. Beschäftigt man sich nun praktisch nur mit der Sünde selbst – mit der bösen Handlung und nicht mit dem Zustand der Seele –, so wird man unfähig, richtig und wirksam einzugreifen, es sei denn, man meint, wirksames Eingreifen bestehe darin, dass man das Böse und den, der es getan hat, zusammen hinwegtut.

Der Herr aber hasst den Ausschluss. Er ist das letzte und traurige Hilfsmittel, wenn alles andere versagt hat; wir überlassen dann die Person, die gesündigt hat, Gott und bringen zum Ausdruck, dass unsere Einflussmöglichkeiten restlos erschöpft sind. Nun gibt es natürlich wirklich Sünden von so ernstem Charakter, dass von vornherein nur ein Ausschluss übrigbleibt. Von diesen Fällen rede ich jetzt nicht. Oft wäre es ein Unheil, wenn wir in dieser Weise die Übertretung und den Übertreter identifizieren und dabei vergessen würden, dass es gilt, sowohl eine Seele wiederherzustellen als auch eine Sünde hinwegzutun.

In einem solchen Fall müssen beide, Gnade und Wahrheit, tätig werden; vorrangig aber die Gnade. Die Gnade allein stellt wieder her, sie allein verleiht Kraft, über die Sünde zu triumphieren. Möchten das Wasser und das leinene Tuch (Joh 13) in der Hand eines Bruders sein, der sich tief genug beugen kann, um sie in der rechten Weise zu benutzen. Nur Demut und Sanftmut können da etwas ausrichten. Wenn wir Christi Handeln nachahmen wollen, müssen wir zuallererst klar sehen, wie Er handelt, und ich fürchte, dass viele von uns da eine falsche Vorstellung haben. Eine Sache, die in sich selbst wahr ist, übertragen wir oft an die falsche Stelle. Aus dem Vers „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ meint man schließen zu müssen, dass wir zuerst das Böse zu richten haben, bevor wir damit rechnen können, dass Er mit uns ist, um uns zu segnen.

Selbstgericht in der wahren Bedeutung ist für uns aber unmöglich, wenn wir nicht in Seiner Nähe sind, und die Praxis zeigt, dass durch ein Pochen auf Selbstgericht nichts geheilt wird. Können wir uns denn selbst zurechtbringen, damit Er uns dann die Füße wäscht? Was sollte es bedeuten, dass Er uns die Füße wäscht, wenn wir unsere Füße nicht so schmutzig, wie sie nun einmal sind, in Seine Hände legen dürften?

Es muss also unser Anliegen sein, dass der Betreffende wieder Zutrauen zu Christus gewinnt, dass er Christus in seinem Leben gleichsam neu willkommen heißt (wenn es auch vielleicht noch schwach ist), damit der Herr ihn reinigen kann; er muss in Seine Gegenwart zurückfinden, um dort gereinigt zu werden. Der Herr wartet mit offenen Armen der Liebe; wie auch unsere Verfassung sein mag, Er tadelt uns nur, weil wir nicht bei Ihm geblieben sind.

Wenn dies nun Christi Weise ist, zu handeln, dann müssen wir Ihm darin folgen. Das Erste ist also nicht, dass eine Sache in Ordnung kommt, sondern dass eine Seele in Ordnung kommt, so dass sie fähig wird, die Sache Gott gemäß zu sehen und zu verurteilen. Dazu aber muss sie bei Ihm, in Seiner Nähe sein. Ist das noch nicht erreicht und du drängst dem Betreffenden dein Urteil über seine Sünde auf, so hast du dich nicht zu seinen Füßen hinabgebückt und kannst sie nicht waschen. Du meinst es in dem, was du tust, gut, aber du läufst Gefahr, ihn nur noch weiter von dir und von Gott wegzutreiben. Er hat sich ja entfernt und muss nun wieder nahe herzugebracht werden. Wasche ihm jetzt die Füße, und er wird dir keinen Widerstand leisten.


Originaltitel: Ein Gedanke zur Zucht“
aus HIlfe und Nahrung, 1979, S. 282–284
Engl. Original in Leaves from the Book, S. 307: „A Fragment as to Discipline“

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