Ein unvergessener Sonntag – Johannes 20,19.20 (1)
Die Jünger hinter verschlossenen Türen

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 25.06.2002, aktualisiert: 03.10.2016

Leitverse: Johannes 20,19.20; Matthäus 18,20

Joh 20,19.20: Als es nun Abend war an jenem Tage, dem ersten der Woche, und die Türen, wo die Jünger waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus und stand in der Mitte und spricht zu ihnen: Friede euch! Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.

Mt 18,20: Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.

Einleitung

Was geschah eigentlich an dem ersten Sonntag, den wir auch „Tag des Herrn“ (Off 1,10) nennen, als der Herr Jesus auferstand und in die Mitte der versammelten Jünger kam? Seit diesem Tag versammeln sich auch heute noch überall Christen zum Namen des Herrn hin, gerade so, wie Er es uns in Matthäus 18,20 mitgeteilt hat. Was bedeutete es damals, dass der Herr Jesus in die Mitte der Jünger kam? Und was können wir daraus für das Zusammenkommen heute entnehmen?

Der Gemütszustand der Jünger

Wir wollen zunächst einmal ein bisschen darüber nachdenken, in welchem Zustand sich die Gläubigen befanden, die sich dort hinter verschlossenen Türen „aus Furcht vor den Juden“ versammelten. Sie waren zunächst außerordentlich traurig, hatten sie doch erleben müssen, dass ihr Herr und Meister, den sie über drei Jahre hinweg begleitet und lieben und schätzen gelernt hatten, von neidischen und grausamen Volksgenossen gekreuzigt worden war. Warum hatte Er nicht auf sie gehört? Sie hatten es doch vorher geahnt und Ihn gewarnt, als Er sich trotz ihrer Sorge anschickte, nach Jerusalem zu gehen. Außerdem waren sie auch äußerst enttäuscht. Hatten sie in Ihm doch den Messias gesehen, der gekommen war, um sein Volk Israel zu erlösen und das Reich aufzurichten. Und jetzt waren alle Hoffnungen dahin.

Aber es gab noch etwas, was sie wohl noch mehr bedrückte. Wie sah es mit ihnen selbst aus? Ja, sie waren nicht nur enttäuscht, wegen dem, was mit ihrem Herrn passiert war, nein, auch über sich selbst waren sie mehr als frustriert. Welch ein Schock war es gewesen, als der Herr ihnen drei Tage zuvor eröffnet hatte: „Einer von euch wird mich überliefern.“ Wer hätte gedacht, dass es mit Judas – einem von ihnen – wirklich so weit gekommen wäre. Natürlich, alle hatten dem Herrn mehr oder weniger mit ihrer Veranlagung zu schaffen gemacht, aber Ihn überliefern? Der Herr hatte oft ihre Angelegenheiten geregelt und Streit geschlichtet. Aber dass Judas so weit gehen und den Herrn verraten würde, nein, damit hatten sie nicht gerechnet. Dass er, hinter dem sie gar nichts Böses vermutet hatten, an der Spitze ihrer Feinde kommen und den Herrn mit einem Kuss verraten würde, das war unfassbar.

Und dann der tapfere Petrus, zu dem sie alle wegen seines Mutes hochgeschaut hatten, der es gewagt hatte, einmal aus dem Schiff zu steigen und auf tobender See zu seinem Herrn zu gehen – dieser Petrus war vor einem einfachen Dienstmädchen schwach geworden und hatte gar seinen Herrn mit einem Fluch verleugnet.

Was war mit den anderen geschehen, hatten sie nicht schmählich ihren Herrn im Stich gelassen, als Er sie am meisten brauchte? Auf wen konnten sie sich eigentlich noch verlassen? Sie konnten sich ja nicht einmal mehr auf sich selbst verlassen! Sie waren Fremdlinge in ihrer eigenen Haut.

Johannes saß dort unter ihnen. Ihm hatte der Herr ganz kurz vor seinem Tod das Letzte, was Ihn noch mit dieser Erde verband – seine Mutter –, anvertraut. Das bedeutete doch wohl, dass Er ganz bewusst alle irdischen Beziehungen zu ihnen aufgegeben hatte. Daran würde er nun durch dieses Vermächtnis immer erinnert werden.

Und dann die Angst vor dem aufgepeitschten Volk: Wenn sie schon den Herr umgebracht hatten, was würden sie dann mit ihnen tun? Der Schrecken der Worte: „Auch du bist einer von ihnen“, machte sicherlich nicht nur einem Petrus zu schaffen. Jedes Geräusch aus Richtung Tür brachte ihnen einen neuen Angstschauer: Jetzt kommen sie!

Enttäuschung, Verzweiflung, Angst, Mutlosigkeit, Sorgen oder wie wir heute sagen würden: Desillusionierung, Depression und Frustration – das kennzeichnete ihre Situation.

Die Wendung

Doch dann welch ein Wechsel: Der Herr tritt ganz plötzlich in ihre Mitte mit dem Gruß: „Friede euch!“ Was für eine Freude, Ihn den Gestorbenen, den, dessen Mission scheinbar gescheitert war, plötzlich wieder lebend unter ihnen zu sehen! Welch ein Sieg! Er hatte über die Feinde triumphiert, Er hatte den Tod besiegt, Er hatte das Grab wieder verlassen. Welch ein Triumph!

Und was sagt Er ihnen nun? Wäre es nicht mehr als recht gewesen, wenn Er gesagt hätte: „Schämt ihr euch nicht?“, oder: „Ist das der Dank für all das, was ich für euch gewesen bin, dass ihr mich in der Stunde meiner größten Not verlassen habt?“, oder: „Was seid ihr bloß für tolle Freunde?“ Ja, zu allem hätte Er recht gehabt, und sie hätten es wohl auch mit gesenktem Kopf gerne hingenommen, da sie Ihn doch nun wiedersahen. Aber welch eine Liebe, welch ein Mitgefühl mit ihren Ängsten, ihrer Mutlosigkeit und Verzweiflung! Wir hören das ganze Gegenteil aus seinem Mund. Kein Vorwurf, kein Satz berechtigter Entrüstungen, sondern den besten Balsam, den Er ihren verwundeten Herzen geben konnte: „Friede euch!“, „Frieden in eurer Angst vor den Feinden, Frieden für eure Enttäuschung über euch selbst, Frieden für eure enttäuschten Illusionen, Frieden bezüglich eurer Sorge für die Zukunft, Frieden, weil ich in eurer Mitte bin.“ Ja, wir können die Reaktion der Jünger gut verstehen: „Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.“ Das möchte der Herr auch heute noch bewirken, wenn Er zu uns kommt, um in unserer Mitte zu sein. Kann Er das?

Wenn der Herr in unsere Mitte kommt

Es genügt nicht, einfach zu sagen: Wir versammeln uns nach Matthäus 18,20, deshalb ist der Herr in unserer Mitte. Es kommt darauf an, ob wir auch bewusst die lebendige Wirklichkeit erleben, dass das Kommen des Herrn in unsere Mitte das Empfinden für die Situation völlig verändern kann, dass wir mit einem neuen gewaltigen Bewusstsein seiner Liebe die Zusammenkunft verlassen, dass wir „geschmeckt haben, dass der Herr gütig ist“, dass Er unsere negativen Empfindungen und Gefühle ins Positive umgekehrt hat – wie hier von Enttäuschung, Angst und Verzweiflung in reinste Freude. An Ihm liegt es nicht, wenn wir das nicht erleben. Sein Herz ist heute noch dasselbe wie damals.

Wo der Herr wohnt

Aber wie sieht es mit uns aus? In Jesaja 57,15 lesen wir, wo Gott wohnt: „Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt, und dessen Name der Heilige ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen.“ Solche Zerschlagene und an sich selbst und den Umständen Zerbrochene fand der Herr vor an jenem ersten Sonntag. Deshalb wollte Er gerne dort sein. Was findet Er bei uns vor, wenn wir Sonntag für Sonntag zusammenkommen?

Haben wir nicht einen großartigen Gemeinderaum oder eine eindrucksvolle Kirche und der Chor ist ein beeindruckender Ohrenschmaus? Und wie wirkt bei uns der Geist? Da fallen die Leute um, so sind sie vom Geist geschlagen! Bei uns, da muss sich der Herr doch nun wohlfühlen, oder?! Oder vielleicht halten wir von all dem nichts. Wir haben all diese äußeren Dinge nicht, aber dafür haben wir die Wahrheit, die schriftgemäßen Grundsätze des Versammelns! Also, wenn der Herr bei uns nicht ist, wo dann? Vielleicht sagen wir das alles nicht, aber was denken wir?

Jedenfalls sagt der Herr: Wo solche sind mit einem zerschlagenen und gebeugten Geist, da wohne Ich. Er wohnt nicht da, wo man glaubt, auf der „Hühnerleiter“ ganz oben zu stehen. Wo man meint, reich zu sein und nichts mehr zu brauchen scheint, da steht der Herr draußen (Off 3,20). Aber da, wo man sich seines eigenen erbärmlichen Zustands – und nicht des schlechten Zustands der anderen – bewusst ist und darüber Leid trägt, da kommt der Herr in die Mitte mit dem Gruß „Friede euch“. Vielleicht haben sie Angst, wie es weitergehen soll, aber das Wort des Herrn tröstet sie: „Friede euch.“

In Jesaja 43,2 sagt Gott: „Wenn du durchs Wasser gehst, ich bin bei dir, und Ströme, sie werden dich nicht überfluten; wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt werden, und die Flamme wird dich nicht verbrennen.“ Und wie viele kleine Hausgemeinden z.B. in China mögen das fast buchstäblich erfahren haben, dass der Herr gerade da ist, sich lebendig erweist und tröstet mit dem Wort: „Friede euch“, wo überflutende Ströme heranschwellen und das Feuer der Verfolgung heiß wird. Aber auch da, wo das Christentum nicht direkt verfolgt wird, sind manche Gemeinden bedrängt – manchmal sogar von solchen, die sich ebenfalls zum Christentum bekennen. Und überall dorthin möchte der Herr in seiner großen Barmherzigkeit gegenüber unserem Elend kommen und mit dem Wort trösten: „Friede euch“, wenn wir uns nur bewusst wären, wie jämmerlich wir eigentlich dran sind. Wenn wir den Zustand in der Gemeinde Christi sehen, haben wir dann nicht Grund und Ursache genug, einen „gebeugten Geist“ zu offenbaren?

Von jenem ersten Sonntag lesen wir dann weiter: „Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.“ Hierbei ging es in erster Linie darum, die Jünger davon zu überzeugen, dass Er selbst wirklich in ihrer Mitte war. Sie sollten die feste Überzeugung von seiner persönlichen Anwesenheit haben. Auch heute möchte Er uns dieses konkrete Bewusstsein schenken. Daher wollen wir dafür sorgen, dass Er sich bei uns wohl fühlt und wir Ihm nichts in den Weg stellen, was Ihn hindert, uns seine Anwesenheit bewusst zu machen. Wie schnell denken wir daran, dass wir uns wohlfühlen, wie wenig, dass Er sich wohlfühlt. Doch wenn Er sich gerne in unserer Mitte aufhält – das bedeutet übrigens auch, dass wir Ihm wirklich den zentralen Platz geben und nicht unseren Überlegungen, unseren Traditionen, unserer Liturgie –, dann werden wir uns auch wohlfühlen, wie wir hier lesen: „Da freuten sich die Jünger“, weil wir ein tiefes Bewusstsein von seiner Anwesenheit und dem Frieden, den Er schenkt, genießen. So folgt auch gleich hinter der Aussage „Da freuten sich die Jünger“ die Begründung: „als sie den Herrn sahen“.

In einem nächsten Artikel möchten wir gerne auf das eingehen, was der Herr Jesus tat, nachdem Er sie begrüßt hatte, nämlich, dass Er ihnen seine Hände und seine Seite zeigte.

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