Die „Lehre der Brüder“
Worauf wir uns besinnen sollten ...!

Willem Johannes Ouweneel

© Bode, online seit: 01.02.2002, aktualisiert: 13.09.2018

Einleitung

Manche Leser werden vielleicht direkt sagen: So etwas wie die „Lehre der Brüder“ gibt es nicht; wenn sie schon eine eigene Lehre haben, dann ist es nichts anderes als die Lehre der Schrift.

Das ist wahr; wenn wir ihre Lehre annehmen, dann ist es deswegen, weil wir davon überzeugt sind, dass diese Lehre schriftgemäß ist. Doch kann niemand bestreiten, dass die „Brüder“ aus der „Versammlung“ über viele Dinge anders gedacht haben als viele andere Christen. Aus diesem einfachen Grund habe ich von meiner frühesten Jugend an vonseiten renommierter Brüder sprechen hören über die „Lehre der Brüder“. Wir wollen es einmal einfach so sagen: Was waren die spezifischen Dinge, die die „Brüder“ gefunden haben und die bei vielen anderen Christen (so) nicht zu finden sind? Vor allem weil jetzt viele Brüder und Schwestern aus der „Versammlung“ eine Art Identitätskrise durchzumachen scheinen, ist es gut, uns auf diese spezifischen Dinge zu besinnen.

1. Zukunftslehre

Die Lehre von der Wiederkunft des Christus vor dem tausendjährigen Friedensreich muss zuallererst genannt werden. J.N. Darby ist ohne Zweifel der Formgeber dieser Lehre gewesen, wie wir sie jetzt kennen. Heutzutage wird diese Lehre allerdings vom größten Teil der internationalen evangelischen Bewegung angenommen. Historisch wurzelt diese Lehre in der erneuerten Erwartung der Wiederkunft des Christus, die am Anfang des 19. Jahrhunderts im gesamten Protestantismus aufkam.

Noch immer prägt diese Erwartung viel von der Wortverkündigung in den Versammlungen. Im Prinzip hat der starke Endzeitbegriff bei den „Brüdern“ ein ziemliche Abneigung gegenüber gesellschaftlichen Initiativen erzeugt, obwohl das in der Praxis einigermaßen abgeschwächt wird. Darby überlegte, ob es wohl sinnvoll sei, mit seinem Bibelkommentar zu beginnen, „weil das Kommen des Herrn doch nahe war“, aber er hat es schließlich doch getan. Die „Brüder“ haben sich nicht davon abhalten lassen, Missionsfelder neu zu erschließen, Druckereien und Verlage, Bibelschulen und Tagesschulen zu gründen, usw.

Das Studium der Prophetie erhielt in der frühen „Brüderbewegung“ eine besondere Bedeutung, weil man dadurch die Auffassung entwickelte, dass der verfallene Zustand der etablierten Kirchen in der Schrift vorausgesagt war und reif wurde zum Gericht. Der englische „Brüder“-Pionier James L. Harris legte schon 1834 dar (in der ältesten „Brüder“-Zeitschrift Christian Witness), dass eine der Segnungen des Studiums des prophetischen Wortes war, dass es viele zu der Überzeugung von dem „gegenwärtigen degenerierten Zustand des Gemeinde Gottes“ brachte:

Es gibt ein großes Thema, worüber wir uns einig sind: Gericht, nicht Herrlichkeit, [ist aufbewahrt] für die bekennende Kirche. Das erste künftige Handeln Gottes gegenüber der Kirche ist, dass Er den Weinstock der Erde in die Kelter des Zornes Gottes wirft (Off 14,19).

Siehe hierzu weiter unter Punkt (3).

2. Gemeindelehre

Die „Brüder“-Lehre über die Gemeinde muss in engem Zusammenhang mit der Zukunftslehre gesehen werden. So wie das prophetische Wort Licht gibt über den Verfall der christlichen Kirche, so macht die biblische Lehre über die Gemeinde deutlich, wie sie eigentlich sein und funktionieren sollte. Daneben macht diese Lehre auch deutlich, was der Unterschied zwischen der Gemeinde und Israel ist. Die Erwartung der bald bevorstehenden Wiederherstellung von Israel – kurz vor und bei der Erscheinung von Christus, aber nach der„Aufnahme“ der Gemeinde – beinhaltete einen fundamentalen Unterschied zwischen (der Haushaltung = Heilszeit von) Israel und der (Haushaltung der) Gemeinde. Israel war Gottes „irdisches“ Volk, mit irdischen Segnungen und einer irdischen Erwartung (nämlich des messianischen Reichs auf der Erde, so wie es in den tausend Jahren nach der Wiederkunft verwirklicht wird). Die Gemeinde jedoch (die nicht mit Adam begann, sondern bei der Ausgießung des Heiligen Geistes in Apostelgeschichte 2) ist Gottes „himmlisches“ Volk, mit himmlischen Segnungen, einer himmlischen Position (in Christus in den himmlischen Regionen) und einer himmlischen Erwartung (nämlich dem Vaterhaus).

Die praktischen Konsequenzen, die viele Brüder aus dieser „himmlischen“ Position zogen, war es, sich zu enthalten, z.B. in der Kunst, Politik, Gewerkschaften und dgl., sehr stark im Sinn der Taufgesinnten und der „Nadere Reformatie“ [spezielle Gruppen unter den Reformierten in den Niederlanden; Anm. d. Ü.], aber mit einer eigenen Motivation. Andere haben hier weitere Auffassungen, denn sie betonen, dass die himmlische Stellung in irdischen Beziehungen verwirklicht wird, die sich nicht beschränken auf Ehe, Familie und örtliche Gemeinden.

J.N. Voorhoeve nahm 1919 im Bode tatsächlich schon einen nuancierten Standpunkt bezüglich der Gewerkschaften ein:

… dass, wo es gesellschaftliche Zustände betrifft, eine Vereinigung mit Andersdenkenden erlaubt und auch erwünscht sein kann. Dass man dann aber genau zu untersuchen hat, womit man sich verbindet, und austreten muss, wenn dort verkehrte Dinge geschehen (S. 15).

3. Geschichtsauffassung

Eng verbunden sowohl mit der Zukunftslehre als auch der Gemeindelehre ist die Lehre der alten „Brüder“, dass jede Haushaltung gekennzeichnet ist durch einen fortschreitenden Verfall in der Kirche – einen Verfall, der schon in der apostolischen Zeit begonnen hat, aber in der Zeit von Kaiser Konstantin dem Großen einen großen Sprung abwärts machte. (Die Betrachtungsweise der „Bekehrung“ von Konstantin und ihre Folgen ist in jeder christlichen Geschichtsbetrachtung ein Schibboleth und ein Prüfstein!) In der heutigen Endzeit, kurz vor der Wiederkunft des Christus, hat die Christenheit ihren größten Verfall erreicht. Das motivierte die Bestrebungen der alten „Brüder“, inmitten der Christenheit einen treuen, abgesonderten Überrest zu bilden, der sich geistlich bereit macht für die Begegnung mit dem wiederkommenden Herrn. Der „Bruder“ der ersten Stunde John G. Bellet – mit dem Beinamen „die Nachtigall unter den Brüdern“ – beschrieb in seinen „Erinnerungen“:

Es gibt prophetische Wahrheiten, bei denen man immer fühlt, dass sie mehr oder weniger im Konflikt stehen mit jedem kirchlichen System, das sich selbst mit der Welt verbindet

So war es unter Konstantin dem Großen geschehen. Die Christenheit (oder ihr Rest), die reif wurde für das Gericht, wird darum mehr oder weniger abgeschrieben, obwohl anerkannt wird, dass es darin individuelle treue Gläubige gibt; diese waren dann wohl unwissend, denn sonst würden sie sich doch auch absondern. (Diese Auffassung war übrigens gegenüber der englischen Staatskirche etwas besser zu rechtfertigen als in der niederländischen Situation, wo das 19. Jahrhundert eine „Afscheiding“ und eine „Doleantie“ kannte, die ebenso durch Heiligungsmotive entstanden waren.)

Der Ex-Prediger Henry Borlase, der sich schon früh den „Brüdern“ anschloss und der erste Redakteur ihrer ersten Zeitschrift Christian Witness wurde, sagte 1833 über die Christen zur Zeit Konstantins des Großen:

Sie fielen in der Tat, aber das geschah allein in dem Maß, wie der Geist der Welt Eingang unter ihnen fand, indem sie die apostolische Vorschrift aufweichen ließen; und die Barrieren, die Gott rund um sein eigenes Volk gesetzt hatte, wodurch es gegen alle Angriffe der Verfolgung bestehen geblieben war, wurden untergraben durch das arglistige Hineindringen von weltlichen Angelegenheiten, bis es endlich alles zu einem allgemeinen Strom des Abfalls verschmolz.

„Bruder“ Robert Mackenzie Beverley sah 1831 die Ursache für den „Abfall“ der „ursprünglichen niedrigen Position der Kirche“ in dem Aufkommen und der Macht der Priesterklasse innerhalb der Kirche, die verstärkt wurde in der Zeit Konstantins, als die Kirche mit der Welt verflochten wurde. George V. Wigram beschrieb im Christian Witness (1834) Konstantin als „einen König und einen Großen in dieser Welt, in der es Satan zugestanden war, ein anderes und zweites Monument des Sieges über den Menschen aufzurichten“; diese Erhebung des (natürlichen) Menschen in der Kirche wurde in besonderer Weise angesehen als das Kennzeichen des Verderbens des Christentums, wie die Apostel es gepredigt hatten.

H.C. Voorhoeve nahm im Bode (1894) selbst ausdrücklich Stellung gegen die gängige Sicht über Konstantin:

In den meisten Kirchengeschichten wird die Aufnahme von Kaiser Konstantin in die christliche Kirche und die darauf folgende Christianisierung des römischen Reichs der Triumph des Christentums genannt und werden die Ereignisse im dritten Jahrhundert als ein Glanzpunkt in der Geschichte der Kirche bezeichnet. Doch die Kirchengeschichten sind vom Menschen geschrieben, und der Mensch ist lügnerisch; Gott allein ist wahrhaftig. In Gottes Kirchengeschichte (Off 2,12-17!) wird dieses Faktum ganz anders beurteilt. Es wird darin gleichgestellt mit der grauenhaften Bosheit von Bileam, der den heiligen Samen mit den gottlosen Gliedern der Welt zu vereinigen und dadurch zu verderben trachtete. Denn zwar ist die Welt durch diese Vereinigung äußerlich etwas besser geworden; doch die Gemeinde hat ihren Charakter verloren, ihre Berufung verleugnet, ihren Herrn entehrt und ihre Herrlichkeit preisgegeben.

Was ist der Weg aus diesem Verfall? Die „Brüder“ sahen sehr scharf, was der Weg nicht war:

a) Keine Arroganz oder gemeindlicher Hochmut, sondern Demütigung und Schuldbekenntnis

Die „Brüder“ begriffen, dass sie nicht besser waren als die anderen und dass auch sie teilhatten am allgemeinen Verfall der Christenheit. Die Tatsache, dass sie ein Auge für diesen Verfall hatten, machte sie nicht zu besseren Christen, im Gegenteil, sie wollten die Ersten sein, die sich über diesen Verfall demütigten. Insoweit wir heute ihren Herzenszustand beurteilen können – wie er aus ihren Schriften deutlich werden muss –, taten sie das auch. Das bedeutet nicht, dass nirgends in ihren Schriften zumindest der Schein von Arroganz erweckt worden sein kann, aber auf der großen Linie haben sie die Notwendigkeit von Reue und Bekehrung immer wieder unterstrichen. Wie James Harris 1837 schrieb:

Es gibt einen vollkommenen Plan, Gottes eigenen Plan: seine eigene Genossenschaft, die Gemeinde; aber wer kann sagen, dass wir es erreicht haben? Gerade das Bestehen der verschiedenen Gemeinschaften ist ein Beweis für den gefallenen und niedrigen Zustand der Gemeinde, die vielmehr nach Demütigung und Leid ruft als nach Glückwünschen. Das Wort ist gewiss: „Sei eifrig und tue Buße“ (Off 3,19).

b) Kein selbst erdachter Weg aus der Sackgasse, sondern Gehorsam gegenüber dem Wort

Die „Brüder“ nahmen es den abgetrennten Kirchen [d.h. Freikirchen u.a.; Anm. d. Ü.] übel, dass sie viel von dem Bösen (z.B. was die Kirchenstruktur betrifft) aus der Staatskirche mitgenommen hatten oder dass ihr praktischer moralischer Zustand noch schlimmer war als der in der Staatskirche (z.B. die endlosen Fehden untereinander; in den Niederlanden wurde u.a. zehnmal reformiert), oder dass sie Lösungen für den kirchlichen Verfall erdacht hatten, die durch die Umstände eingegeben waren und nicht zuerst durch die Schrift. Immer wieder unterstrichen die „Brüder“ die Notwendigkeit einer rigorosen Rückkehr zu den neutestamentlichen Grundsätzen für die Gemeinde und der Wiederherstellung dieser Grundsätze. So fragte Henry Borlase 1833 in Bezug auf die reine und göttliche Art des apostolischen Christentums:

Ist es denn wiederhergestellt nach dem Modell, das das Wort und schriftlich hinterlassen hat als einen Rahmen für die ursprüngliche Einrichtung, deren Erbauer Gott selbst war durch den Heiligen Geist? Oder gab es eine Rückkehr zu der apostolischen Lehre, eine völlige Erlösung aus den Erfindungen, mit denen die Macht der Finsternis die reinen Verordnungen von Christus umwickelt hatte?

c) Keine Imitation der frühen Kirche, aber Rückkehr zu ihren Grundsätzen

Viele Geschichtsschreiber der „Brüderbewegung“ haben den Primitivismus dieser Bewegung, das meint das Streben, zu den Grundsätzen des Neuen Testaments zurückzukehren, verwechselt mit Restorationismus, das heißt das Streben, den ursprünglichen Zustand der neutestamentlichen Gemeinde wieder herzustellen. James P. Callahan hat in einer neueren Studie (Primitivist Piety, 1996) ausführlich aufgezeigt, dass die ersten „Brüder“ wohl „Primitivisten“, aber bestimmt keine „Restorationisten“ waren. Es hätte auch im Widerspruch zu ihrer Sicht der Kirchengeschichte gestanden, wenn sie gemeint hätten, den ursprünglichen Zustand der Gemeinde rekonstruieren oder imitieren zu können. Davon war aber gar keine Rede. „Zurück zum Wort“, riefen sie, nicht „zurück zur Anfangszeit“.

John N. Darby schrieb selbst ganz offen, dass es nicht Gottes Wille war, dass die Gemeinde auf der Erde „wiederhergestellt“ wird zu ihrer „ursprünglichen Herrlichkeit“:

Gehorsam und nicht die Imitation der Apostel ist unsere Pflicht in solchen Umständen … es ist kein Gehorsam, die Taten der Apostel zu imitieren. … ich sage, dass Gott für treue Christen Anweisungen hinterlassen hat für den Zustand, in dem die Kirche sich jetzt befindet. Das Befolgen dieser Anweisungen bedeutet viel echteren Gehorsam, als wenn wir versuchten, die Apostel zu imitieren; und der Geist Gottes ist immer mit uns, um uns zu stärken auf diesem Weg des echten Gehorsams.


Aus Bode van het heil in Christus, Vaassen, NL, Jg. 145, Januar 2002, S. 14–17

Übersetzung: Frank Schönbach

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