Hat der Mensch einen freien Willen?

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 16.11.2004, aktualisiert: 12.09.2018

Leitverse: Matthäus 23,37; Johannes 6,29

Mt 23,37: Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!

Joh 6,29: Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Dies ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.

Einleitung

Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermutet, handelt es sich bei dieser Frage doch um ein schwerwiegendes Fundament unseres Glaubens. Eine Antwort auf diese Frage ist sicher nicht leicht, und schon viele haben versucht, diese Frage zu beantworten. Deshalb dürfen wir heute sehr dankbar sein, dass sich schon so viele dieser Frage angenommen haben und uns eine Fülle von Gedanken zur Verfügung stehen.

Freier Wille – ja oder nein?

(1) Einige sagen, der Mensch habe einen freien Willen, er könne sich für oder gegen Gott entscheiden. Bei einigen Menschen sei also doch noch so viel Gutes vorhanden oder entwickle sich, dass sie sich für Gott entscheiden und damit einen gewissen Anteil an ihrer Errettung haben.

(2) Andere sagen, der Mensch habe keinen freien Willen, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Die Errettung des Menschen liege ganz in der Hand Gottes und es sei allein ein Werk der Gnade Gottes, wenn ein Mensch zum Glauben kommt.

(1) Die erste Gruppe führt für ihre Ansicht folgende Bibelstellen an:

  • Apg 16,31: Sie aber sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus.

  • Mt 23,37: Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!

  • Joh 1,12: So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

  • Mt 7,7: Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden.

  • Joh 6,37: Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

  • Off 22,17: Und wer es hört, spreche: Komm! Und wen da dürstet, der komme; wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst.

  • Apg 17,30: Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle allenthalben Buße tun sollen,

Diese Stellen (und es gibt sicherlich noch mehr) zeigen, dass der Mensch aufgerufen ist, sich zu entscheiden, zu wollen, zu glauben, Buße zu tun. Selbst der Herr Jesus sagt von seinem eigenen Volk: „Ihr habt nicht gewollt“ (Mt 23,37).

(2) Die zweite Gruppe führt für ihre Ansicht folgende Bibelstellen an:

  • Joh 1,13: … welche nicht aus Geblüt, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

  • Joh 6,29: Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Dies ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.

  • Joh 6,44: Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, dass der Vater, der mich gesandt hat, ihn ziehe; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.

  • Röm 3,11: Da ist keiner, der verständig sei; da ist keiner, der Gott suche.

  • 1Kor 2,14: Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird.

  • Eph 2,1: … auch euch, die ihr tot wart in euren Vergehungen und Sünden …

  • Apg 13,48: Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren.

  • Phil 2,14: Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken, nach seinem Wohlgefallen.

Diese Stellen (und es gibt sicherlich noch mehr) zeigen, dass der Mensch ganz von der Gnade Gottes abhängig ist, dass die Errettung allein das Werk Gottes ist.

Zeigen diese Stellen nun einen Widerspruch in der Schrift auf?

Vielleicht sieht es für manche Leser so aus. Jedoch wollen wir diese beiden Seiten einander nicht gegenüberstellen mit dem Ziel, anhand der einen Bibelstellen zu versuchen, die andere Seite auszuspielen und wegzuerklären. Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Der Mensch ist 100%ig verantwortlich – das zeigen uns die ersten Bibelverse.

Der Mensch ist hundertprozentig von der souveränen Gnade Gottes abhängig – das zeigt uns die zweite Aufzählung. Aber eigentlich sagt uns die erste Gruppe nicht, dass der Mensch die Freiheit – im Sinne von Fähigkeit – hat, sich für Gott zu entscheiden, und die zweite Gruppe zeigt uns nicht, dass der Mensch ein ferngesteuerter Roboter ist.

Die Frage nach dem „freien“ oder „unfreien“ Willen verlangt sofort eine Festlegung auf eine bestimmte Seite. Das ist schon allein deshalb sehr fragwürdig, weil wir uns auf etwas festlegen müssen, was (a) nicht ausreichend definiert wurde und (b) so nicht in der Heiligen Schrift steht. Das macht eine Festlegung für die eine oder andere Seite sehr schwer. Was wir aber in der Schrift finden, darauf wollen wir uns festlegen und das wollen wir festhalten.

Was heißt das nun ganz praktisch?

Wir werden den Menschen immer von der Seite der Verantwortung ansprechen, so wie Paulus dies in seiner Verkündigung tat (Apg 16,31) und so wie der Herr Jesus dies auch tat. Wir haben allen Grund, den Menschen vor die Entscheidung zu stellen, Buße zu tun und den Herrn Jesus im Glauben anzunehmen, weil wir wissen, dass „der Herr langmütig gegen euch ist, da er nicht will, dass irgendwelche verlorengehen, sondern dass alle zur Buße kommen“. Außerdem wissen wir aus 1. Timotheus 2,4, dass Gott „will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“, und wir folgen dem Beispiel des Paulus, der gesagt hat: „So sind wir nun Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Paulus hat auch gesagt: „Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle allenthalben Buße tun sollen.“ Somit ist der Mensch dafür verantwortlich, Buße zu tun.

Und das Werk Christi geschah auch im Hinblick auf alle. Christus ist für alle Menschen gestorben; wenn es dagegen um die Sünden geht, dann lesen wir nur, dass Er für die Sünden derer starb, die einmal an Ihn glauben würden. Paulus sagt in 2. Korinther 5,14.15: „Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir also geurteilt haben, dass einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und er ist für alle gestorben, auf dass die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und ist auferweckt worden.“ Die Gnade Gottes kann nun jedem angeboten werden, und in diesem Sinne ist der Mensch verantwortlich, diese Botschaft anzunehmen oder abzulehnen. Der Mensch wird in Offenbarung 20 vor dem großen weißen Thron völlig verantwortlich gemacht für das, was seine Werke auf der Erde waren. Er wird dann nicht deshalb ewig verlorengehen, weil Gott nicht gewollt hätte, sondern weil er selbst nicht gewollt hat – im Sinne von Matthäus 23,37: „Ihr habt nicht gewollt.“ Wenn der Mensch sein ganzes Leben lang sagt: „Ich will nicht“, wird Gott einmal sagen: „Ich will nicht.“ So viel zu der Seite der Verantwortung des Menschen.

Das alles sagt aber nichts darüber aus, ob der Mensch seiner Verantwortlichkeit aus sich heraus auch entsprechen kann, ob er die Fähigkeit aus sich heraus hat oder bekommen kann, Buße zu tun, zu glauben, sich für Gott zu entscheiden, ob es wirklich welche gibt, die aus sich heraus wirklich wollen oder, anders ausgedrückt, „wollen können“. Denn wir dürfen die andere Seite der Medaille nicht vergessen oder aus dem Blick verlieren. Wenn nun ein Mensch der Aufforderung nachgekommen ist, Buße zu tun und an den Herrn Jesus als Retter und Heiland geglaubt hat, dann dürfen wir ihm ein „Geheimnis“ verraten. Wir dürfen jenem Menschen etwas von der überwältigenden Gnade Gottes erzählen, dass Gott schon vor ewigen Zeiten einen Ratschluss gefasst und an ihn gedacht hat, ehe die Welt war. Wir weisen auf Epheser 1,3 hin, wo es heißt, dass wir auserwählt wurden „vor Grundlegung der Welt“. Und wir erzählen ihm das Geheimnis, dass der Vater ihn zum Sohn gezogen hat – dass der Vater durch das Wort und den Geist eine ganz neue Natur in ihn gelegt hat (Joh 3), die in der Lage war, auf das Evangelium zu reagieren. Wir erzählen von der einmaligen Gnadenauswahl und davon, dass wir in Gott völlig zur Ruhe kommen dürfen, weil unsere Errettung überhaupt nicht durch den Willen des Menschen hervorgebracht wurde, sondern durch die Gnade Gottes. Wir sagen ihm, dass er selbst aus sich heraus nicht gewollt hat, weil seine Natur nur Feindschaft gegen Gott war.

Wenn wir nun die Frage beantworten wollen, ob der Mensch einen „freien Willen“ hat oder nicht, dann müssten wir zuerst einmal definieren, was wir meinen. Man kann vielleicht sagen, dass der Mensch insoweit einen freien Willen hat, als er grundsätzlich, von Gottes Schöpfung her gesehen, mit einem freien Willen angelegt wurde. So konnten Adam und Eva sich vor dem Sündenfall für oder gegen Gottes Gebot entscheiden. Der Mensch war frei, den Garten Gottes nach seinem Gutdünken zu bebauen, er war frei, den Tieren Namen zu geben, und Gott hatte sogar Freude daran, zu sehen, welche Namen sich der Mensch einfallen ließ. Der Mensch ist auch heute noch in der Weise frei, zum Beispiel morgens früh aufzustehen oder gemütlich im Bett liegen zu bleiben. Er kann sich entscheiden, Kaffee zu trinken oder Tee, er kann sich entscheiden zu rauchen oder es um seiner Gesundheit willen lieber nicht zu tun. Und der Mensch wird auch dafür letztlich zur Verantwortung gezogen. Er wird vor dem großen weißen Thron nach seinen Werken gerichtet. Der Gläubige erhält vor dem Richterstuhl des Christus Lohn für die Werke, die er hier im Namen des Herrn Jesus vollbracht hat. Das unterscheidet den Menschen zum Beispiel vom Tier, das nur auf seinen Instinkt angewiesen ist. In dieser Weise hat der Mensch einen „freien Willen“.

Die Zeit der ungetrübten Gemeinschaft mit Gott währte nicht lange bei Adam und Eva. Der Mensch fiel in Übertretung und wurde so unter dem Gesetz der Sünde eingeschlossen. Der Mensch ist, obwohl er sehr lebendig sein kann, doch von Natur aus tot in Sünden und Vergehungen (Eph 2). In Bezug auf die Dinge mit Gott heißt es nun: „Da ist kein Gerechter; keiner der Gott suche“, und: „Der natürliche Mensch nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist.“ In dieser Weise kann man wie Luther von dem „geknechteten Willen“ oder von dem „unfreien Willen“ reden. Luther führt auch ein gutes Argument an, warum irgendeine Notwendigkeit eines Werkes unsererseits uns immer in Unruhe lässt. Er schreibt

Ich bekenne fürwahr in Bezug auf mich: Wenn es irgendwie geschehen konnte, möchte ich nicht, dass mir ein freier Wille gegeben werde oder dass etwas in meiner Hand gelassen würde, womit ich nach dem Heil streben könnte. Nicht allein deswegen, weil ich in so vielen Widerwärtigkeiten und Gefahren, weiter bei so vielen widerstreitenden Teufeln nicht standzuhalten und es zu bewahren vermöchte, da ein Teufel mächtiger ist als alle Menschen und (um ihretwillen) kein Mensch gerettet würde, sondern auch weil ich, auch wenn keine Gefahren, keine Widerwärtigkeiten, keine Teufel existierten, dennoch gezwungen wäre, fortwährend im Ungewissen zu arbeiten und Lufthiebe zu machen. Denn mein Gewissen würde, wenn ich auch ewig lebte und wirkte, niemals gewiss und sicher, wie viel es tun müsste, damit es Gott genug tue. Denn welches Werk auch immer vollbracht wäre, immer bliebe der beunruhigende Zweifel zurück, ob es Gott gefalle oder ob Er irgendetwas darüber hinaus fordere, wie es auch die Erfahrung aller Werkheiligen beweist und wie ich es zu meinem großen Leidwesen so viele Jahre hindurch zur Genüge gelernt habe. (Martin Luther, Vom unfreien Willen)

W.J. Ouweneel schreibt:

Der Ungläubige ist „frei“ zu entscheiden, ob er seinen Nächsten Gutes tun will oder nicht, ob er Philanthrop (Menschenfreund) oder Menschenhasser sein will. Aber er ist nicht „frei“, um dies aus Liebe und Gehorsam gegenüber Gott zu tun – und nur dann haben seine „guten“ Werke Ewigkeitswert! –, denn er ist ein Gotteshasser und kann von diesem Hass allein durch Gott selbst befreit werden. (W.J. Ouweneel, Bist du Arminianer oder Gomarist? in Bode des Heils, Jg. 137, Nr. 1, Jan. 1994, S. 19–23).

Und J.N. Darby schreibt:

Dieses neuerliche Aufbrechen der Lehre vom freien Willen unterstützt die Anmaßung des natürlichen Menschen, er sei nicht ganz und gar verloren; denn darauf läuft eine solche Lehre letztlich hinaus. Alle, die von der Sünde nie wirklich tief überführt worden sind, alle, bei denen solche Überführung auf krassen, greifbaren Sünden beruht, glauben mehr oder weniger an den freien Willen, aber das verändert den ganzen Gedanken des Christentums vollständig und es pervertiert es gänzlich. Wenn Christus gekommen ist, zu retten, was verloren ist, dann hat freier Wille keinen Platz mehr. Nicht dass Gott jemanden daran hinderte, Christus aufzunehmen, alles andere als das. Aber selbst wenn Gott alle denkbaren Beweggründe einsetzt, um das Herz des Menschen zu bewegen, so dient das nur als Beweis, dass der Mensch von alledem nichts haben will, dass sein Herz so verderbt ist und dass sein Wille so entschieden ist, sich Gott nicht zu unterwerfen, dass nichts ihn dazu veranlassen kann, den Herrn anzunehmen und die Sünde zu lassen … Der Arminianismus oder besser Pelagianismus behauptet, der Mensch könne wählen und dass dergestalt der alte Mensch durch das, was er gewählt hat, verbessert werde. Der erste Schritt wird ohne Gnade gemacht, und es ist der erste Schritt, der in diesem Fall wirklich zählt. (Letter on Free-will, Elberfeld, 23. Oktober 1861)

Über die Konsequenz dieser Lehre schreibt er:

Die Zuverlässigkeit der Errettung geht gleichzeitig verloren. Wenn die Errettung die Frucht meines Willens ist, dann ist sie von diesem Willen abhängig. Wenn diese so leicht produziert werden kann, dann kann man nicht sagen: Weil ich lebe, werdet auch ihr leben. (J.N. Darby, Letter from Pau, 9. Mai 1879)

Aber sagen jetzt vielleicht manche …

Wahrscheinlich werden einige jetzt sagen: Aber wenn der Mensch gar nicht kann (glauben, Buße tun, sich für Gott entscheiden), dann kann er doch auch nicht verantwortlich sein!? – Wenn dir jemand einen sehr hohen Geldbetrag schuldig ist, jedoch von der Sozialhilfe lebt und dir niemals den Betrag zurückzahlen kann, würdest du dann auch sagen: Er ist nicht verantwortlich, mir die Schuld zurückzuzahlen?

Andere werden vielleicht sagen: Wenn nur die Auserwählten Buße tun und glauben können, dann können wir ja gar nicht allen das Evangelium bringen. – Doch auch diese übersehen, dass der Mensch voll verantwortlich ist. Und deswegen richtet sich Gottes Aufruf zur Buße an alle (Apg 17,30). Sie übersehen auch, dass Gottes Rettung für alle ausreicht, denn Christus ist nicht nur die Sühnung für unsere Sünden, sondern auch die Sühnung für die Welt (1Joh 2,2) – es heißt übrigens nicht: die Sühnung der Sünden der Welt (siehe Artikel „Starb Christus für die Sünden der ganzen Welt?“). Gott hat die Welt geliebt (Joh 3,16). Deswegen muss unsere Botschaft an alle gehen.

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