Der Baum des Lebens
Offenbarung 2,7

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 03.10.2017, aktualisiert: 11.12.2017

Leitvers: Offenbarung 2,7

Off 2,7: Dem, der überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der in dem Paradies Gottes ist.

In diesem Artikel soll es um den „Baum des Lebens“ gehen, von dem der Überwinder aus Ephesus essen wird. Nur so viel vorweg: So wie das „verborgene Manna“ auf den Herrn Jesus hinweist, so weist auch der „Baum des Lebens“ auf den Herrn Jesus hin. Aber der Reihe nach.

Die Sendschreiben

Die sieben Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3 ergeben ein eindrückliches Bild von der Kirchengeschichte. Es gibt 5040[1] Möglichkeiten, die Sendschreiben anzuordnen, und doch ergeben 5039 Möglichkeiten kein so treffliches Bild der Kirchengeschichte wie gerade jene Anordnung, die der Heilige Geist gewählt hat. Übrigens finden wir die gleiche Anordnung der sieben Gemeinden in Kleinasien auch in Offenbarung 1,11. Das unterstreicht, dass die Sendschreiben nicht „zufällig“ in dieser Reihenfolge stehen. Die Sendschreiben sind aber nicht nur ein Bild der Kirchengeschichte; wir sollten jedes Sendschreiben auch auf die örtliche Gemeinde, zu der wir gehören, und auf uns persönlich anwenden. Darin liegt ein großer Segen. Nicht zuletzt sind ja die Verheißungen für den Überwinder auch sehr persönlich.

Die erste Liebe verlassen

Ob in der Gemeinde oder im persönlichen Leben: Jede Abweichung beginnt damit, dass wir die erste Liebe oder die erste Frische und die Begeisterung über eine bestimmte Sache aufgeben oder verlieren. Wenn wir nicht Buße tun und nicht immer wieder zurückkehren zu dem, „was von Anfang an war“ (1Joh 1,1), als wir zum ersten Mal das „Wort des Lebens“ vernommen haben, dann geht der Weg weiter abwärts – so weit, bis der Herr Jesus schließlich nicht mehr der Mittelpunkt unseres Lebens oder unserer Gemeinde ist, sondern draußen vor der Tür steht und anklopft und um Einlass bittet (vgl. Off 3,20). Wir stehen in der Gefahr, dass wir uns über unseren Zustand selbst etwas vormachen. Nach außen hin sieht es bei uns vielleicht sehr gut aus: Wir lesen jeden Morgen in der Bibel, wir beten zweimal am Tag, wir engagieren uns auch hier und da und gehen zweimal in der Woche in die Gemeinde.

So oder ähnlich war es auch in Ephesus. Der Herr kannte ihre Werke und ihre Arbeit, sie hatten Ausharren und traten sogar gegen das offenbare Böse auf (Off 2,2). Ja, sie werden sogar gelobt, weil sie in diesem allem „nicht müde geworden“ waren (Off 2,3). Der Herr Jesus konnte mit dieser Gemeinde doch wirklich zufrieden sein! Der Leuchter verbreitete – scheinbar – sein Licht, jedenfalls hell genug für diese Welt. Doch unter der Oberfläche gab es etwas, was den ganzen schönen Schein zunichtemachte. In Vers 4 kommt das große „ABER“: „Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast“ (Off 2,4).

Der Herr Jesus ist nicht zuerst an äußerer Betriebsamkeit interessiert, sondern daran, dass in unserem Inneren, in unserem Herzen, alles in Ordnung ist. Es ist oft gesagt worden, dass auch die Thessalonicher – ähnlich wie die Gläubigen in Ephesus – Werke, Mühe (Arbeit) und Ausharren hatten. Allerdings waren es bei ihnen noch Werke des Glaubens, Bemühungen der Liebe und Ausharren in der Hoffnung auf den Herrn Jesus (1Thes 1,3). Glaube, Liebe, Hoffnung – das sind die Grundpfeiler unseres Glaubens (vgl. 1Kor 13,13). Im Sendschreiben an Ephesus lesen wir davon nichts mehr.

Der Bibelausleger Hamilton Smith schreibt zu Recht:

Der erste Schritt in Ephesus ist der Verlust der ersten Liebe; das Endresultat in Laodizea ist die völlige Preisgabe Christi Selbst. Christus steht draußen vor der Tür. Wenn Christus nicht im Herzen der Versammlung festgehalten wird, so wird der Zeitpunkt kommen, wo Christus sich außerhalb der Versammlung befindet.[2]

Der Ursprung für jedes Abweichen in unserem Leben bzw. im Gemeindeleben liegt darin, dass wir die erste Liebe verlassen haben.

Was ist die erste Liebe?

Die Gläubigen in Ephesus hatten ihre „erste Liebe“ verlassen. Damit ist nicht die zeitlich erste Liebe gemeint, sondern die besondere Art und Beschaffenheit der Liebe. Das griechische Wort für „erste“ kommt auch in Lukas 15,22 vor – in der Geschichte vom verlorenen Sohn –, wo der Vater das „beste“ Gewand holen lässt. Ebenso auch in Markus 6,21 und Apostelgeschichte 25,2; dort wird es auf „vornehme“ Menschen bezogen. Es geht also um die beste, die vornehmste Liebe, die die Gläubigen in Ephesus verlassen hatten, nicht um die zeitlich erste Liebe.

Das erinnert uns daran, dass der Apostel Paulus gerade den Gläubigen in Ephesus diese Liebe, die die Erkenntnis übersteigt, in seinem ewigen Ratschluss vorgestellt hatte (Eph 3,19). Der Ratschluss Gottes in Bezug auf die Gemeinde und auf die herausragende Stellung des Christen wird wohl nirgends so deutlich gelehrt wie gerade im Brief an die Epheser. Welch eine Liebe, die vor Grundlegung der Welt Menschen in Christus auserwählt, die dann aber in der Folge von Gott nichts wissen wollen und sogar seine Feinde werden, „entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung, keine Hoffnung habend, und ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,12)! Welch eine Liebe, die diese Auserwählten zu dem Platz höchster Wertschätzung in Christus erhebt, so dass diese Gläubigen als Versammlung „die Fülle dessen“ genannt wird, „der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,23)! Hast du einmal in Ruhe darüber nachgedacht und dann Gott für dieses Vorrecht gedankt und Ihn angebetet?

Was ist der Baum des Lebens?

Damit wir verstehen, worin der besondere Segen der Verheißung liegt, dass wir von dem Baum des Lebens essen dürfen, müssen wir nach 1. Mose 2,9 zurückgehen:

1Mo 2,9.16.17: Und Gott der HERR ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise; und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. … Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen.

Es gab also zwei verschiedene Bäume im Garten Eden, aber nur von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen durfte der Mensch nicht essen. Erst nachdem der Mensch in Sünde gefallen war, heißt es auch vom Baum des Lebens:

1Mo 3,22: Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, zu erkennen Gutes und Böses; und nun, dass er nicht seine Hand ausstrecke und auch vom Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!

Es wäre fatal gewesen, wenn der Mensch nach dem Sündenfall in seinem sündigen Zustand auch von dem Baum des Lebens gegessen hätte. Das hätte „ein ins Endlose verlängertes Leben des sündigen Menschen bedeutet, und das wäre kein Segen gewesen, sondern eine Katastrophe“[3]. Der Mensch musste also vor sich selbst bewahrt werden; deshalb heißt es zwei Verse weiter:

1Mo 3,24: Und er [Gott] trieb den Menschen aus und ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim lagern und die Flamme des kreisenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.

Nach vielen tausend Jahren Menschheitsgeschichte weist uns das letzte Buch der Bibel wieder auf einen „Baum des Lebens“ hin. Diesmal darf der Mensch, der Überwinder von Ephesus, von diesem Baum essen. Diesmal wird er nicht aus dem „Paradies Gottes“ hinausgetrieben, sondern er wird zum großen Mahl eingeladen, um nicht nur einmal, sondern beständig von der Frucht des Baumes zu genießen. Diesmal hören wir nichts von einem anderen Baum, der uns unter Verantwortung bringen könnte; der „Baum der Erkenntnis“ wird im „Paradies Gottes“ nicht gesehen. Großartiger Ausblick!

Essen vom Baum des Lebens

Der „Überwinder“ in den sieben Sendschreiben ist immer jemand, der das vermeidet, was das hauptsächliche Problem der jeweiligen Gemeinde ist. In Ephesus lag das Problem darin, dass die Gemeinde die erste Liebe verlassen hatte. Aber der Überwinder würde sich von seinen Mitgläubigen nicht dazu verleiten lassen, sich nach irdischen Dingen zu sehnen und Geschmack an ihnen zu finden – denn das ist oft das erste Anzeichen dafür, dass die „Liebe der Vielen“ erkaltet (Mt 24,12). Der Überwinder würde stattdessen standhaft den Weg der überaus hohen himmlischen Berufung weitergehen. Er ist sich der Liebe des Herrn und seiner bevorzugten Stellung bewusst, die ihm verliehen wurde, und er vergisst die Worte des Herrn Jesus nicht: „Du hast … sie geliebt, wie du mich geliebt hast“ (Joh 17,23). Und wie hatte der Vater seinen Sohn geliebt? „Du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24).

Genau das ist die Botschaft des Epheserbriefes: „Er hat uns auserwählt … in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe“ (Eph 1,4). Auch wenn alle in Ephesus ihre erste Liebe verlassen und vielleicht sogar den jetzigen Zeitlauf liebgewinnen (vgl. 2Tim 4,10) oder sich einfach nur Dinge „erlauben“ würden, die an sich zwar keine Sünde sind, die aber doch die Beziehung zum Herrn beeinträchtigen – der Überwinder würde standhaft bleiben oder zumindest immer wieder in Selbstgericht Buße tun. (Und wer von uns bleibt schon immer standhaft?) Selbst wenn andere meinten, es käme hauptsächlich auf gute Werke an oder darauf, dass man nur streng genug gegen das Böse auftritt – dem Überwinder ist das nicht genug. Er sehnt sich danach, alles aus der Quelle der Liebe und mit Blick auf Christus zu tun. Er hört nicht auf, sich in die Liebe des Christus, die die Erkenntnis übersteigt, zu vertiefen (Eph 3,19). Er möchte „allezeit überströmend in dem Werk des Herrn“ sein (1Kor 15,58) und die „Wahrheit in Liebe festhalten“ (Eph 4,15). Der Überwinder nährt sich auch jetzt schon von dem Baum des Lebens, der ein Bild von dem Herrn Jesus ist.[4]

Was ist der besondere Segen der zukünftigen Verheißung, dass wir von dem Baum des Lebens essen dürfen? Möglicherweise der, dass es nichts mehr geben wird, was stört oder uns beeinträchtigt und beschwert, und dass unsere Freude vollkommen und beständig sein wird, wenn wir beim Herrn sein werden. Solange wir auf der Erde sind, haben wir doch nur einen Vorgeschmack dessen, was uns beim Herrn erwartet. Das liegt nicht daran, dass der Herr uns etwas vorenthalten würde, sondern daran, dass in uns noch die alte Natur ist und wir hier auf der Erde einen Schatz in irdenen Gefäßen besitzen (vgl. 2Kor 4,7). Die „geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern“ (vgl. Eph 1,3) werden im Himmel nicht größer sein, als wir sie hier schon auf der Erde besitzen; sie werden uns vielleicht nur größer erscheinen, weil alles weggenommen sein wird, was uns hier und heute noch daran hindern möchte, diesen Segen in seiner Fülle zu erforschen und zu genießen.

Der Überwinder freut sich über die Verheißung, einmal von der Frucht des Baumes des Lebens essen zu dürfen. Und er darf nicht nur hin und wieder, sondern beständig von der Frucht essen: „In der Mitte ihrer Straße und des Stromes, diesseits und jenseits, war der Baum des Lebens, der zwölf Früchte trägt und jeden Monat seine Frucht gibt; und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen“ (Off 22,5). Dieser Baum bringt jeden Monat seine Frucht, und der Überwinder hat sein Teil an dieser Frucht. Die Nationen werden im Friedensreich ebenfalls durch diesen Baum des Lebens gesegnet werden. Jeglicher Segen und alles Lebenspendende und Erhaltende geht aus diesem Baum des Lebens hervor. Wie kann es anders sein, als dass Christus in der Mitte der Straße und des Stromes steht – Ströme lebendigen Wassers werden durch die Kraft des Heiligen Geistes zu den Menschen gebracht. Der Strom des Segens, der einst aus dem Garten Eden floss, kam durch den Sündenfall zum Stillstand – zumindest wurde der Mensch von diesem Strom des Segens abgeschnitten, indem er aus dem Garten Eden verbannt wurde. Doch dieser Segen wird im Paradies[5] wieder fließen, „und singend und den Reigen tanzend werden sie sagen: Alle meine Quellen sind in dir!“ (Ps 87,7).

Es lohnt sich, ein Überwinder zu sein – schon jetzt und in alle Ewigkeit!

 

Anmerkungen

[1] Für Mathe-Strategen: 1∙2∙3∙4∙5∙6∙7=5040.

[2] H. Smith, Die Sendschreiben an die sieben Versammlungen in Offenbarung 2 und 3, Neustadt an der Weinstraße (Ernst-Paulus-Verlag), 1989, S. 41.

[4] Wir haben bereits in dem Artikel über das „verborgene Manna“ gelesen, dass dieses Manna zwar eine zukünftige Verheißung ist, dass wir uns aber auch jetzt schon an diesem Manna erfreuen können. Auch das verborgene Manna ist ein Bild für den Herrn Jesus.

[5] Dieses Wort kommt aus dem Persischen und bedeutet „Lustgarten“.

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