Einige kurze Gedanken über Dienst in der Gemeinde (1)
Der Botschafter des Herrn

Roy A. Huebner

© SoundWords, online seit: 25.10.2018, aktualisiert: 30.10.2018

Vorwort

Am Ende seiner Anmerkungen zum fünften Buch Mose schrieb C.H. Mackintosh:

Eine eindringlichere und mehr ins Praktische gehende Betätigung tut unter uns not. Unserem Dienst fehlt so oft das prophetische und seelsorgerliche Element. Mit dem prophetischen Element meinen wir den Charakter des Dienstes, der sich mit dem Gewissen beschäftigt und es in die Gegenwart Gottes bringt. Diese Art des Dienstes benötigen wir vor allen Dingen. Der Dienst in unserer Mitte richtet sich zu viel an den Verstand und zu wenig an Herz und Gewissen. Der Lehrer wendet sich an den Verstand, der Prophet an das Gewissen[1], der Hirte an das Herz. Wir sprechen allgemein, da es sein kann, dass alle drei Elemente in dem Dienst eines Mannes vereinigt sind. Dennoch sind sie durchaus voneinander verschieden. Wo die Propheten- und Hirtengabe in einer Versammlung fehlt, da sollten die Lehrer ernstlich auf den Herrn blicken und Ihn um Kraft und Befähigung bitten, sich mit den Herzen und Gewissen der Gläubigen beschäftigen zu können. Der Herr sei gepriesen, dass Er für seine Diener alle nötigen Gaben, alle Kraft und Gnade besitzt! Alles, was uns nottut, ist, wirklich ernst und aufrichtig auf Ihn zu warten. Er wird uns sicher die nötige Gnade und Fähigkeit für jeden Dienst geben, zu dem wir in seiner Versammlung berufen sein mögen.[2]

Glücklicherweise gibt es immer mehr Zusammenkünfte, wo der Dienst nach dem Muster von 1. Korinther 14 ausgeübt wird. Wir möchten auch von Herzen dazu ermutigen, wo es eine Gabe gibt, die man ausüben kann. Dennoch müssen wir leider davor warnen, dass das Fleisch die Gelegenheit nutzt, indem es in solchen Zusammenkünften Zeit beansprucht und so den wahren Dienst behindert, den das Haupt durch diejenigen gibt, die Er zum Reden ausgewählt hat. Wo dies mehr als ein Ausrutscher ist, sollte das unterbunden werden.

Einleitung

Dienst ist das Ausüben einer Gabe. Diejenigen, die sich im [vor]letzten Jahrhundert zum Namen unseres Herrn Jesus hin versammelt haben, hatten dies gelernt, und es war ihnen von Anbeginn klar, dass ein klerikales System und ein System, in dem nur ein einziger Mann den Dienst ausübt, nicht von Gott stammen kann, da eine derartige Praxis im Widerspruch zur Schrift steht. Ebenso klar war ihnen aber auch, dass es ein Fehler wäre, wenn jedermann Dienst am Wort tut, weil so etwas ebenfalls schriftwidrig ist. Dies wurde durch ihre Schriften entsprechend bezeugt. Bei der Ausübung des Dienstes am Wort greifen wir manchmal zu solchen fleischlichen Methoden – oder ähnlichen –, um zu verhindern, dass wir uns einer Folge unserer Weltlichkeit und der sich daraus ergebenden geistlichen Schwachheit stellen müssen, und um so unseren wahren kollektiven Zustand zu verbergen. Einerseits greifen wir vielleicht zu menschlichen Vereinbarungen, zum Beispiel indem wir Redner auswählen; oder wir können andererseits den Gedanken gutheißen, dass jedermann einen Dienst am Wort ausübt, oder etwas Ähnliches.

Es ist auch wahrscheinlich, dass wir zunehmend unempfindlich werden für den Mangel an geistlicher Kraft bei den Zusammenkünften, wenn wir versammelt sind, damit der Herr durch denjenigen zu uns reden kann, den Er bestimmt (1Kor 14). Es mag einen Dienst geben, der seinem Inhalt nach durchweg schriftgemäß ist, und doch fehlt etwas: etwas, was uns nicht gegeben wurde, etwas, was wir brauchen. Wenn dies unser kollektiver Zustand ist, dann ist es leider zunehmend wahrscheinlich, dass solche „am Wort dienen“, die zwar gut reden können, aber nicht die Gabe zum Dienst am Wort haben. Botschafter des Herrn mit einer Botschaft vom Herrn werden dann am Verkünden der Botschaft des Herrn gehindert (vgl. Hag 1,13). Lasst uns deshalb über einige bedeutsame Aspekte im Hinblick auf die Wortverkündigung in der Versammlung nachdenken.

Kein Dienst für jedermann

Alle Gläubigen haben eine oder mehrere Gaben (1Kor 12). Und wenn diese benutzt werden, sind sie ein Gewinn für den christlichen Dienst (Gottesdienst). Einige sind begabt, um das Wort Gottes öffentlich zu reden, aber viele sind es nicht. Wir dürfen nicht über das hinausgehen, was uns gegeben ist (Röm 12,3-8), weder hinsichtlich des Maßes der Gabe noch indem wir so handeln, als ob wir etwas hätten, was wir aber gar nicht besitzen. Archippus zum Beispiel hatte einen Dienst, der ihm anvertraut war:

  • Kol 4,17: Und sagt Archippus: Sieh auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllst.

Ich vermute, dass dies ein Dienst war, der auch den Dienst am Wort umfasste. Archippus war etwas anvertraut, und er wurde ermahnt, diesen Dienst auszuführen und darin nicht träge zu werden. Von diesem Prinzip können wir alle Nutzen ziehen: eifrig sein in dem, was wir im Herrn empfangen haben. Auf jeden Fall ist der springende Punkt, dass ein öffentlicher Dienst am Wort nur für diejenigen ist, die einen solchen Dienst im Herrn empfangen haben.

Einige wenige Zitate von Brüdern aus dem [vor]letzten Jahrhundert sind hier vielleicht hilfreich, damit wir deren schriftgemäße Sichtweise über dieses Thema verstehen.

Ein von Menschen verordneter oder nur auf eigener Sendung beruhender Dienst ist innerhalb der Versammlung Gottes immer fehl am Platz. Wer hier dienen will, muss von Gott ausgerüstet, von Gott belehrt und von Gott gesandt sein.[3]

Ich definiere christlichen Dienst in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes als die Ausübung einer geistlichen Gabe. Der Dienst am Wort ist die Ausübung einer Gabe, die das Wort zum Gegenstand hat. […]
Dienst bedeutet weit mehr, als dass ein Gläubiger wahrheitsgemäß über das Wort spricht: Es ist die Ausübung einer von Christus gegebenen Gabe […]
Das Fleisch mag in zweierlei Hinsicht wirken: in der Eitelkeit, nach vorne zu kommen, und im Stolz, der davor zurückschreckt, als eingebildet angesehen zu werden. Beides ist falsch. […]
Nun könnte man aber fragen: Können sich Gläubige denn nicht irren? – Sicherlich. Aber da, wo man sich schlicht zum Namen des Herrn hin versammelt und vom Wort her belehrt ist, wird ein Bruder sehr gut erwägen, ob er aufsteht und dient. Eitelkeit und Stolz kann man überall finden und sind stets böse. Aber sicherlich ist dort, wo das Wort Gottes ernsthaft untersucht und verständig angewendet wird, das Sprechen am schwierigsten. Derjenige, der nicht wirklich etwas von Gott empfangen hat, wird dort ziemlich sicher auch als solcher erkannt werden. Und wenn christliches Handeln in Liebe vorhanden ist, wird er sicherlich davon abgehalten werden.[4]

Niemand unter uns vertritt die Ansicht, dass alle Lehrer oder Prediger seien; nur die sind es, die der Herr gibt und sendet.[5]

Es ist nicht eine Frage des Dienstes und nicht einmal eine Frage, was Menschen einen „festgelegten Dienst“ nennen. Wer stellt denn „festgelegten Dienst“ in Frage? Und wer kann gleichzeitig leugnen, dass Gott auch Brüder benutzt, die nicht für einen solchen Dienst bekannt sind? Ich glaube, dass Gott sein Recht in seiner Gemeinde aufrechterhält – sein Recht, einen Mann zu erwecken, der ein Wort (und dieses Wort ist vielleicht ein wichtiges Wort) reden soll und der möglicherweise nicht noch einmal von Gott dazu berufen wird, zu sprechen; er wurde von Gott nur für eine bestimmte Aufgabe gebraucht.[6]

Das ist etwas ganz anderes als ein Dienst, den jedermann ausüben kann, und die Vorstellung, dass alle Brüder in einer Versammlung prophetisch reden dürften. Das beruht auf einer falschen Auffassung von 1. Korinther 14. Nachfolgend ein Auszug aus der hervorragenden Schrift Five Letters on Worship and Ministry in the Spirit von W. Trotter (in der er eine ältere Schrift von G.V. Wigram zitiert und unterstützt):

E: Ich habe gehört, dass Sie behaupten, jeder Bruder habe die Befähigung, in der Versammlung der Gläubigen zu lehren.

W: Wenn ich das täte, würde ich die Wirkung des Heiligen Geistes leugnen. Niemand hat die Befähigung, zu lehren, es sei denn, dass Gott ihm eine Gabe dazu verliehen hat.

E: Gut, aber Sie sind doch der Meinung, dass jeder Bruder das Recht hat, in der Versammlung zu reden, wenn er die Fähigkeit dazu besitzt?

W: Keineswegs! Kein Mensch hat ein solches Recht. Nur der Heilige Geist hat das Recht, zu wirken[, und zwar durch wen Er will]. Ein Mann mag eine natürliche Redegabe besitzen, aber wenn er „dem Nächsten nicht zum Guten, zur Erbauung gefallen“ [Röm 15,2] kann, wenn er nicht irgendeine Gnadengabe empfangen hat „zur Erbauung der Versammlung“ [1Kor 14,12], so hat der Heilige Geist ihn nicht berufen, in der Versammlung zu reden. Wenn er es dennoch tut, verunehrt er Gott den Vater, betrübt den Heiligen Geist und schätzt die Gemeinde Christi gering. Darüber hinaus offenbart er seinen Eigenwillen.

E: Was ist das Besondere der Ansichten, die Sie festhalten?

W: Meine „besonderen“ Ansichten? Halten Sie es für eine besondere Ansicht meinerseits, wenn ich glaube, dass, weil die Versammlung Christus angehört, Er ihr auch Gaben gegeben hat, durch die sie allein auferbaut und richtig geleitet werden kann, damit sie nicht fälschlicherweise in eine falsche Richtung gelenkt wird und nicht ihre Zeit vergeudet, wenn sie Worten lauscht, die nicht nützlich sind (auch wenn sie zugegebenermaßen sehr gut sein mögen)?

E: Nein, ich räume ein, dass das richtig ist, ja, ich möchte wünschen, dass man mehr nach diesen Gaben Gottes streben und mehr Sorgfalt aufwenden möchte, den Gebrauch von anderen Mitteln zu unterbinden, wie sehr sie aufgrund der menschlichen Fähigkeit und Beredsamkeit  auch anerkannt sind.

W: Ich halte auch daran fest, dass der Heilige Geist Gaben gibt, wie Er will und wem  Er sie geben will [s. 1Kor 12,11]. Den kleinsten Gaben sollte die Tür zu ihrer Ausübung ebenso geöffnet sein wie den größten, und ferner sollte die Gabe des einen Bruders die Ausübung der Gabe eines anderen keineswegs hindern.

E: Das ist selbstverständlich.

W: Sie sagen: Das ist selbstverständlich. Aber weder in der Kirche von England[7] noch in einer der kleineren christlichen Körperschaften handelt man nach 1. Korinther 14. Lassen Sie mich in Verbindung damit noch sagen, dass keine Gabe Gottes auf die Anerkennung seitens der Versammlung warten muss, bevor sie ausgeübt werden darf. Ist sie von Gott, so wird Er sie auch empfehlen und bestätigen, und den Gläubigen bleibt nur übrig, sie dankbar anzuerkennen.

E: Wollen Sie damit sagen, dass es keine Existenzberechtigung für einen regulierten Dienst gibt?

W: Wenn Sie mit dem Begriff „regulierter Dienst“ einen „festgelegten Dienst“ meinen (das heißt, dass in jeder Versammlung solche, die von Gott begabt sind, um zur Erbauung zu sprechen, in begrenzter Zahl da sind und von den Gläubigen anerkannt werden), so erkenne ich das sehr wohl an. Wenn Sie unter „reguliertem Dienst“ aber einen exklusiven Dienst  verstehen, so kann ich nicht zustimmen. Unter einem exklusiven Dienst verstehe ich, dass bestimmte Personen anerkannt sind, die allein und ausschließlich den Platz eines Lehrers einnehmen, so dass die Ausübung einer wirklichen, echten Gabe regelwidrig erscheinen würde. So würde zum Beispiel in der englischen Hochkirche und auch in den meisten Freikirchen ein Dienst von zwei oder drei Personen, die wirklich vom Heiligen Geist begabt sind, als regelwidrig empfunden.

E: Worauf gründen Sie ihre Unterscheidung?

W: Aus Apostelgeschichte 13,1 ersehe ich, dass in Antiochien nur fünf Männer waren, die der Heilige Geist als Lehrer anerkannte: Barnabas, Simeon, Lucius, Manaen und Saulus. Ohne Zweifel erwartete man nur von diesen fünf Männern in den Zusammenkünften der Gläubigen ein Reden und Lehren. Insofern war der Dienst festgelegt, aber es war kein exklusiver Dienst [der nur von diesen Männern ausgeübt worden wäre]: Denn als Judas und Silas nach Antiochien kamen, konnten sie ohne Schwierigkeiten ihren Platz unter den anderen einnehmen (Apg 15,32), so dass die Zahl der anerkannten Lehrer zahlreicher wurde.

E: Aber wie denken Sie über das Vorschlagen eines Liedes, das Sprechen eines Gebets oder das Vorlesen eines Schriftabschnittes?

W: Auch diese Dinge sollten, wie alles Übrige, unter der Leitung des Geistes geschehen. Es ist tief zu beklagen, wenn jemand eigenwillig ein Lied vorschlägt, betet oder einen Abschnitt aus der Schrift liest, ohne vom Geist geleitet zu sein! Wer diese Dinge tut, bekundet damit, dass er vom Heiligen Geist bewegt und geleitet wird; doch wer sie tut, ohne dass das der Fall ist, handelt äußerst vermessen. Wenn die Gläubigen verstehen, was Gemeinschaft ist, werden sie auch wissen, wie ernst und schwierig es ist, eine Versammlung in Gesang, Gebet usw. zu leiten. Sich im Namen der Versammlung an Gott zu wenden oder ein Lied vorzuschlagen, damit die Versammlung [ihre augenblicklichen Empfindungen und] ihren wahren Herzenszustand vor Gott zum Ausdruck bringt, erfordert viel Einsicht beziehungsweise der unmittelbaren Leitung von Gottes Seite.[8]

In der von W. Kelly herausgegebenen Zeitschrift The Bible Treasury erschien im Februar 1858 folgende Empfehlung für W. Trotters Traktat: „Mit großer Freude empfehlen wir unseren Lesern dieses klare, gesunde und passende Traktat …“

Abschließend ein Auszug von J.N. Darby:

Wir wollen uns an dieser Stelle daran erinnern, dass ein festgelegter Dienst unter uns niemals abgelehnt, sondern stets praktiziert und vom Grundsatz her anerkannt wurde.[9]

Es ist deutlich, dass diese Schreiber den Gedanken, jedermann könne einen Dienst ausüben, genauso zurückgewiesen haben wie den „exklusiven Dienst“ des Klerus-Systems. Sie vertraten nicht die Auffassung, dass 1. Korinther 14 einen Dienst vorsieht, wonach jedermann einen Dienst tun könnte, oder dass diese Stelle in Betracht zieht, es gäbe Männer, die nur gelegentlich „Propheten“ wären. Würden wir der oben angegebenen Ordnung folgen, was einen „festgesetzten Dienst“ betrifft, so würde uns das von manchem Dienst befreien, den Gott gar nicht gegeben hat – obwohl vielleicht nichts Schriftwidriges gesagt wurde. Und nun wollen wir zu einem anderen Aspekt des Dienstes kommen.

Laufen ohne Botschaft

Es ist nützlich und informativ, einmal 2. Samuel 18,19-30 zu lesen, wo wir den Bericht über den Lauf des Achimaaz finden:

2Sam 18,19-30: Und Achimaaz, der Sohn Zadoks, sprach: Ich will doch hinlaufen und dem König Botschaft bringen, dass der HERR ihm Recht verschafft hat von der Hand seiner Feinde. Aber Joab sprach zu ihm: Du sollst nicht Bote sein an diesem Tag, sondern du kannst an einem anderen Tag Botschaft bringen; doch an diesem Tag sollst du nicht Botschaft bringen, da ja der Sohn des Königs tot ist. Und Joab sprach zu dem Kuschiter: Geh hin, berichte dem König, was du gesehen hast. Und der Kuschiter beugt sich nieder vor Joab und lief hin. Da sprach Achimaaz, der Sohn Zadoks, wieder zu Joab: Was auch geschehen möge, lass doch auch mich hinter dem Kuschiter herlaufen! Und Joab sprach: Warum willst du denn laufen, mein Sohn, da für dich keine einträgliche Botschaft da ist? – Was auch geschehen möge, ich will laufen. – Und er sprach zu ihm: Lauf! Und Achimaaz lief den Weg des Jordankreises und kam dem Kuschiter zuvor. Und David saß zwischen den beiden Toren; und der Wächter ging auf das Dach des Tores, auf die Mauer, und er erhob seine Augen und sah: Und sieh, ein Mann, der allein lief. Und der Wächter rief und berichtete es dem König. Und der König sprach: Wenn er allein ist, so ist eine Botschaft in seinem Mund. Und er kam immer näher und näher. Da sah der Wächter einen anderen Mann, der allein läuft! Und der König sprach: Auch dieser ist ein Bote. Und der Wächter sprach: Ich sehe den Lauf des ersten an für den Lauf des Achimaaz, des Sohnes Zadoks. Und der König sprach: Das ist ein guter Mann, und er kommt mit guter Botschaft. Und Achimaaz rief und sprach zum König: Frieden! Und er beugte sich vor dem König auf sein Gesicht zur Erde nieder und sprach: Gepriesen sei der HERR, dein Gott, der die Männer überliefert hat, die ihre Hand erhoben haben gegen meinen Herrn, den König! Und der König sprach: Geht es dem Jüngling, dem Absalom, gut? Und Achimaaz sprach: Ich sah ein großes Getümmel, als Joab den Knecht des Königs und deinen Knecht absandte; aber ich weiß nicht, was es war. Und der König sprach: Wende dich, stell dich hierher. Und er wandte sich und blieb stehen. Und siehe, der Kuschiter kam, und der Kuschiter sprach: Mein Herr, der König, lasse sich die Botschaft bringen, dass der HERR dir heute Recht verschafft hat von der Hand aller, die gegen dich aufgestanden sind. Und der König sprach zu dem Kuschiter: Geht es dem Jüngling, dem Absalom, gut? Und der Kuschiter sprach: Wie dem Jüngling, so möge es den Feinden des Königs, meines Herrn, ergehen und allen, die gegen dich aufgestanden sind zum Bösen!

Die zentralen Motive in dieser Geschichte sind:

  1. Da war einer, der eine Botschaft senden wollte (Joab).
  2. Da waren welche, die auf eine Botschaft warteten (David und seine Begleiter/Freunde).
  3. Es wurde ein geeigneter Botschafter ausgesandt (der Kuschit).
  4. Da war noch einer, der darauf bestand, zu laufen, obwohl es für ihn keine geeignete Botschaft gab (Achimaaz).

Das Problem bestand nicht darin, dass Achimaaz kein Botschafter war – er war tatsächlich einer. Das Problem lag woanders.

Es ist betrüblich, feststellen zu müssen, dass wir nach der Überzeugung einiger Brüder solche Brüder unter uns haben, die nicht nur darauf bestehen, zu laufen, wenn sie nicht ausgesandt sind (solche wie Achimaaz), sondern dass es auch solche gibt, die tatsächlich laufen, obwohl sie überhaupt gar keine Botschafter sind. In einer Zusammenkunft zur Erbauung (nach 1Kor 14) kann dies sehr auffallend sein. Nicht, dass sie unbedingt etwas Falsches sagen, wenn sie mit dem Wort zu dienen versuchen. Sie haben einfach nur keinen Auftrag und verstopfen deshalb die Segenskanäle der Wortverkündigung, die das Haupt benutzen will. Sie haben sozusagen nicht die Qualität Haggais: Der Bote des Herrn kommt mit einer Botschaft des Herrn (Hag 1,13). Manche Gläubige kommen von weit her, sind lange Strecken gefahren, um an allgemeinen oder besonderen Versammlungsstunden teilzunehmen, und erleben diese Enttäuschung; viele, die diese Not erkennen, seufzen darüber.

Wir reden hier nicht darüber, dass man sich einmal versehen kann, indem man den Sinn des Herrn bei einer bestimmten Gelegenheit nicht erkennt; das kann jedem Diener des Herrn passieren. Aber wir denken jetzt an Brüder, die gar keine Botschafter sind, das heißt die keine Gabe zur Verkündigung des Wortes haben. Und zweitens denken wir an die Gefahr, aufzustehen, ohne dazu beauftragt zu sein – nur weil man grundsätzlich wohl die Eignung hat, eine Botschaft weiterzugeben.

Weiter oben haben wir gelernt, dass „Dienst die Ausübung einer Gabe“ ist. Jeder Christ hat demnach eine oder mehrere Gaben (charismata, wenn man so will), wie in 1. Korinther 12,7.11 und Römer 12,4-8 dargestellt. Nicht alle Gaben schließen öffentliche Äußerungen ein; aber jeder hat etwas, und die Ausübung der Gabe geschieht im Dienst. Ein Dienst in der Öffentlichkeit erfordert eine bestimmte Gabe, und wenn jemand eine solche nicht hat, warum versucht er, sich in einer Gabe zu üben, die er nicht hat, die Christus nicht gegeben hat (Eph 4), zu der der Geist ihm keine Kraft gibt (1Kor 12) und deren Ausübung folglich kein wirklicher Gottesdienst ist (Röm 12)? Wir möchten für jede Gabe, die sich zeigt, die angemessene Möglichkeit zur Entfaltung geben. Wir wissen auch sehr wohl, dass es ein unterschiedliches Maß für jede Gabe gibt (Röm 12,3-6: „das Maß des Glaubens“). Ein Bruder kann mit seiner ihm zugeteilten Gabe in seiner Ortsgemeinde sehr nützlich sein; und er wird sich auch darauf beschränken, wenn er nicht höher von sich denkt, als zu denken sich gebührt (Röm 12,4).

Wenn wir einfältig mit der Schrift umgehen, beugen wir uns vor 1. Korinther 14,29: „Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen“, wenn wir zu einer allgemeinen „Wortbetrachtung“ zusammenkommen. Propheten (wie in 1. Korinther 12 beschrieben) sollen sprechen, aber nicht als „Propheten für eine bestimmte Situation oder Zeit“ und auch nicht, wenn sie für den Dienst des Wortes nicht begabt sind.

Man beachte sorgfältig, dass auch 1. Korinther 14 nicht einen situationsbezogenen Prophetendienst beschreibt ebenso wenig wie einen situationsbezogenen Auslegerdienst. Wer in einer Sprache reden wollte, musste achtgeben, dass auch ein Ausleger vorhanden war. Wenn nicht, sollte er auch nicht in einer Sprache reden (1Kor 14, 27.28). Er konnte nicht damit rechnen, dass der Herr einen „Ausleger für die Situation“ herbeischafft. Sprachenredner, Ausleger und auch Propheten sind mit einer Gabe ausgestattet, die dauerhaft in ihnen ist. Somit ist es aus 1. Korinther 14 selbst schon klar, dass es falsch ist, an Sprachenredner, Ausleger und Propheten „für bestimmte Situationen“ zu denken[10]; ein solcher Gedanke verstößt gegen die Lehre der Schrift, dass Dienst in Ausübung einer Gabe geschieht.

1. Korinther 12 („der Geist der Kraft“), 1. Korinther 13 („der Geist der Liebe“) und 1. Korinther 14 („der Geist der Besonnenheit“) stellen innerhalb des Briefes einen besonderen Abschnitt dar. Sprachen, Erkenntnis und Weissagung in Kapitel 13 beziehen sich auf die entsprechenden Gaben der Sprachen, der Erkenntnis und Weisheit in Kapitel 12. Mit den Sprachen in 1. Korinther 13,8 sind also nicht Sprachen im Allgemeinen gemeint, die aufhören werden, wenn der Herr kommt, sondern das Reden in Sprachen, das „aufhört“ (ausläuft), wenn mit dem Ende der apostolischen Zeit auch die anderen Zeichengaben aufhören. Im Gegensatz dazu heißt es von den Gaben (des Wortes) der Erkenntnis und der Weissagung, dass sie „weggetan“ werden, wenn die Vollkommenheit erreicht sein wird. „Weggetan“ weist auf einen Akt der Beendigung hin – im Gegensatz zum „Aufhören“ der Sprachengabe. Die Liebe aber vergeht niemals; das heißt nicht, dass die Liebe immer wirksam ist, sondern dass die Liebe ewig bestehen bleibt. Also: Die Sprachen haben schon aufgehört, die Erkenntnis und die Weissagung werden weiter bestehen, bis der Herr kommt, und die Liebe bleibt ewig. Wenn wir den inneren Zusammenhang dieser drei Kapitel gut festhalten, wird es uns beim Verständnis dieser Fragen von großem Nutzen sein.

William Kelly schrieb hierzu:

Wenn wir zu Kapitel 14 kommen, sehen wir dort nicht den Grundsatz (den wir in Kapitel 12 finden), auch nicht die Energie wie in Kapitel 13, sondern die Praxis, die Anwendung der großen Wahrheit. Wir hören allerdings nicht sehr viel über Gaben in Kapitel 14 – ich erwähne das, weil dem vor nicht langer Zeit heftig widersprochen worden ist. Gott geht einfach davon aus, dass wir Kapitel 12 gelesen haben. Er schreibt das Wort ja nicht, um den Menschen Schwierigkeiten zu ersparen …

Die Gaben, von denen der Apostel in Kapitel 12 gesprochen hatte, sind in Kapitel 14 einfach vorausgesetzt. Zu argumentieren, in Kapitel 14 sei nichts Derartiges wie in Kapitel 12 zu finden, ist nichts anderes als die Torheit des Unglaubens.[11]

Die Propheten in 1. Korinther 14 sind dieselben Propheten wie in 1. Korinther 12. Ich glaube, es wird uns guttun, uns einmal neu klarzumachen, was Prophezeiung bzw. Weissagung in der Versammlung bedeutet. In seinem Aufsatz „Christian Ministry“ schreibt W. Kelly:

Der Apostel beginnt mit Weissagung; diese ist tatsächlich die höchste Form göttlicher Unterweisung, die durchaus nicht notwendigerweise zukünftige Dinge zum Inhalt hat. Zwar sagen Propheten auch Zukünftiges voraus, aber das ist es nicht, was den Prophetendienst ausmacht. Auf der anderen Seite wäre es ein großer Fehler, Weissagung einfach nur für einen allgemein auferbauenden Dienst zu halten. Der erwähnte Vers in 1. Korinther14 gibt uns keine Definition von Weissagung, sondern eine Beschreibung; das heißt, er sagt uns nicht, was Weissagung ist – und damit genug (!) –, sondern er beschreibt uns, was sie im Vergleich und im Gegensatz zu dem Reden in Sprachen ist. Das Reden in Sprachen erbaut die Gläubigen nicht, Weissagung aber wohl. Dennoch gibt es natürlich Diener, die die Versammlung erbauen, ohne zu weissagen. Denn zweifellos ist es auferbauend, wenn jemand die Seelen stärkt, indem er Christus und seine Liebe vorstellt; ebenso auch, wenn er die Geschwister in gutem Sinn ermahnt oder belehrt. Diese letzteren Dienste sind aber keine Weissagung; diese nämlich bringt das Gewissen eines Menschen in die Gegenwart Gottes, wodurch die Seele verspürt, dass es die Stimme Gottes ist, die zu ihr redet und alle Gedanken, Motive, Empfindungen – den ganzen Menschen – vor Gott entblößt. Das ist Weissagung! Mancher Dienst kommt dem sicherlich sehr nahe; aber dies ist die eigentliche Kraft der Weissagung. Hier in 1. Korinther 14 haben wir den Beweis. Ein Fremder, der in eine Versammlung kommt, in der in Sprachen geredet wird, könnte denken, die Leute seien verrückt. Was für eine Blamage für die Korinther! In ihrer kindischen Gesinnung dachten sie auf sehr menschliche Weise etwa so: „Wenn Gott uns Sprachen gegeben hat, dann sollen wir sie auch benutzen. Und weil es keinen Ort gibt, der so wichtig ist wie die Versammlung, deshalb müssen die Sprachen auch in der Versammlung ausgeübt werden.“ Ein einziger Gedanke an Christus, ein richtiges Empfinden für die Kirche hätte sie vor diesem Fehler bewahrt. Denn auf welche Weise fördert das Sprachenreden die Herrlichkeit Christi in der Versammlung? Erbaut es diejenigen, die im Namen des Herrn zusammengekommen sind? In keiner Weise! Wenn die Korinther also einfältig auf Christus geblickt und an die Seinen gedacht hätten, dann wären sie auf eine solche Idee nicht gekommen. Und so verirrten sie sich, indem sie der häufigsten Quelle des Irrtums verfielen: Sie dachten an sich selbst und ihre eigene Wichtigkeit. Sie hatten die Gabe des Sprachenredens und meinten, sie müssten sie ausüben, weil sie es selbst so wollten! Hätte ihnen jemand das verbieten können? War es nicht Gott, der ihnen diese Gabe gegeben hatte? Wir sehen hier also ein Handeln in Unabhängigkeit, zwar nicht ohne rationale Begründung, aber doch ohne ein ausdrückliches Wort Gottes und sogar ohne jedes geistliche Empfinden, das zur guten Anwendung der Wahrheit vonnöten ist. Die Korinther wandelten menschlich, sogar kindisch; sie waren nicht geistlich, sondern fleischlich; sie argumentierten, anstatt zu glauben. Und alles war falsch.

Das brachte den Apostel dazu, einen ganz anderen Fall zu beschreiben: Ein Mensch kommt in die Versammlung und hört, wie sie nicht etwa in Sprachen reden (die keiner versteht), sondern wie sie weissagen. Was für ein Unterschied! Alle Geheimnisse des Herzens werden offenbar – und die Wirkung auf den Unkundigen oder Ungläubigen ist: Er fällt auf sein Gesicht und spürt, dass Gott wahrhaftig unter ihnen ist! Von dem Wort Gottes getroffen würde sein Gewissen eine Begegnung mit Gott haben!

Wir müssen bedenken, dass die Christen damals von Heiden und Juden umgeben waren – die einen aufgewachsen mit den Torheiten vieler Götter und vieler Herren, die moralisch nicht etwa über ihnen, sondern noch tiefer standen als sie selbst; die anderen gewöhnt an trockenes und eiskaltes Moralisieren über das Gesetz und die Propheten. Was für ein Wechsel war es für sie, jetzt mit Herz und Gewissen dem wahren Gott zu begegnen! Die Wirkung war gewaltig für sie, insbesondere für die armen Heiden. Diese Menschen brachen förmlich zusammen vor dem lebendigen und wahren Gott, der so die Geheimnisse ihrer Herzen aufdeckte. Hier erkennen wir, was Weissagung ihrem Wesen nach eigentlich ist. Es geht nicht darum, etwas Zukünftiges vorherzusagen, dessen Erfüllung man abwarten muss. Das ist nicht die Weissagung, die der Apostel meint. In besonderen Situationen kann sich Weissagung zwar auf die Zukunft beziehen, aber das ist nicht der Charakter, den wir heutzutage erwarten sollten. Ich glaube nicht, dass jemand, der heute zukünftige Dinge voraussagt, dies unter der Anleitung des Heiligen Geistes tut – aus dem einfachen Grund, weil alles Zukünftige, was für Gott und Menschen wichtig ist, schon im geschriebenen Wort enthalten ist. Was bleibt, ist die andere Bedeutung: nämlich dass die Wahrheit Gottes dem Gewissen des Menschen vorgestellt wird und ihn völlig überführt; dass es Gott ist, der hier durch Menschen zu ihm redet. Ich sehe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass Gott dies immer noch in seiner Güte ermöglicht – wenn auch vielleicht selten und in schwachem Ausmaß; ich zweifle nicht, dass der Grundsatz immer noch gültig ist und wirksam bleibt, solange Gott noch ein Zeugnis und ein Arbeitsfeld auf der Erde hat.

Insoweit nicht die Vorhersage der Zukunft gemeint ist, besteht der prophetische Dienst auch heute noch. Propheten haben diese Gabe, und sie sind es, über die 1. Korinther 14 redet.

Wenn es klar ist, dass jemand keine prophetische Gabe hat, das heißt kein Prophet ist, er aber trotzdem darauf besteht, zu sprechen, dann kann dem abgeholfen werden, indem man ihm mitteilt, dass er eine solche Gabe nicht hat. Wenn das ohne Wirkung bleibt, dürfen auch stärkere Maßnahmen ergriffen werden.

Achimaaz allerdings war wirklich ein Botschafter. Hier haben wir also das Problem, dass ein echter Botschafter darauf besteht, zu laufen, auch ohne ausgesandt zu sein! Joab sagte zu Achimaaz, es gebe keine passende Nachricht für ihn, weil der Sohn des Königs tot war. Achimaaz stammte zwar aus einer guten Linie, der Linie Zadoks und des großen Kriegshelden und Priesters Pinehas (des Sohnes Eleasars, des Sohnes Aarons), des Hüters der Schwelle im Zelt der Zusammenkunft, der mit dem Eifer des Herrn, seines Gottes, eiferte. Es sind gerade diese Söhne Zadoks, die wegen der Treue des Pinehas im Tausendjährigen Reich den Priesterdienst versehen werden (Hes 40–48) unter dem Melchisedek-Priestertum Christi. Aber nichts davon qualifizierte Achimaaz dazu, ohne einen Sendungsauftrag loszulaufen. Eine Botschaft gab es nur für den Kuschiten, das heißt für den Äthiopier. Und du – wenn du auch keinen großen Namen hast: Wenn der Herr dich sendet, dann solltest du laufen!

Beachte, dass der Kuschit sich niederbeugte vor dem, der ihm die Botschaft gab. Wie wichtig ist dies: eine Botschaft zu empfangen, einen Auftrag zu ihrer Ausrichtung zu empfangen und sich vor dem Geber dieser Botschaft zu beugen (2Sam 18,21).

Achimaaz entschloss sich leider loszulaufen und Joab gegenüber auch darauf zu bestehen. Joabs Antwort fiel jedes Mal kürzer aus, schließlich gab er seinen Widerstand auf und am Ende sagte er: Lauf!

Bevor wir darüber nachdenken, wie Achimaaz sich verhielt, als er bei David ankam, lasst uns einmal das folgende Zitat bedenken:

Mit einer Gabe wird keinesfalls irgendeine Unabhängigkeit verliehen. Im Gegenteil, der Diener, der die ihm verliehene Gabe treu und allein für den Herrn einsetzen will, muss in Bezug auf Ort, Zeit und Inhalt vorbehaltlos auf die Anweisung des Herrn warten. Ich glaube, hierbei versagen wiederum viele begabte Brüder. Sie erlauben es sich, bezüglich dieser Punkte von den jeweiligen Situationen und ihren eigenen Eindrücken gelenkt zu werden anstatt von der Absicht des Herrn, die sie durch Glauben hätten herausfinden können. Es gibt Verschiedenheiten von Diensten, aber denselben Herrn. In der Ausübung meiner Gabe muss ich deshalb bei jedem Dienst, den ich tue, überzeugt sein, genau dort zu sein, wo der Herr mich haben will, und dass der richtige Zeitpunkt zur Ausübung für mich gekommen ist; ebenso auch, dass ich das richtige Thema habe. Wie geistlich und kraftvoll würde jeder Diener werden, wenn er in dieser Weise sensibel vom Herrn gelenkt würde! Oder besser umgekehrt: Wie sehr müsste es als großer Mangel im Dienst wahrgenommen werden, wenn dieser Verantwortung nicht lebendig und konsequent entsprochen würde! Wie oft schon hat ihre Vernachlässigung zu mangelhafter Gemeindeleitung und zu nutzlosen Predigten geführt, die eine Schande für christliche Versammlungen sind! Nicht dass ein Übersehen dieser Verantwortung immer dazu führt, dass keine lautere Gesinnung mehr da ist – auf keinen Fall. Wenn sie aber übersehen wird – nein, wenn sie nicht strikt beachtet wird –, wird man selbst der Maßstab für die eigenen Gedanken und Wünsche, und weder Ort, Zeit noch Thema wird mit wirklicher Rücksicht auf die Absichten des Herrn gewählt, sondern allein mit Rücksicht auf die eigenen Gedanken. In einem solchen Fall mag für eine so irregeleitete Einzelperson wohl alles sehr passend erscheinen, während es aber für die Versammlung völlig deplatziert und unerbaulich ist.[12]

Achimaaz also war gut zu Fuß und ein flinker Läufer (2Sam 18,23). Jemand hat mir einmal erzählt, dass man bei ihm oft Zusammenkünfte wie in 1. Korinther 14,29 hatte und dass ein bestimmter Bruder dann immer zuerst auf den Füßen war, bis man schließlich solche Zusammenkünfte nicht mehr abhielt. Ist das eine schriftgemäße Abhilfe? Würden wir ein solches Heilmittel auch einsetzen, wenn ein Missbrauch bei dem Gedächtnismahl vorkäme, wenn wir zusammenkommen, um Brot zu brechen?

Achimaaz überholte den Kuschiten und näherte sich nun dem König. Der Wachposten erkannte die besondere Laufart und sagte, es handele sich um Achimaaz. David sagte: „Das ist ein guter Mann, und er kommt mit guter Botschaft“ (2Sam 18,27). Reagieren wir auch so? Wer uns gute Nachricht bringt, ist ein guter Mann! Lasst uns aufpassen und diese Haltung in uns selbst richten. Hüten wir uns, Personen und Sympathisanten anzusehen und nur „gute“ Botschaften und Botschafter zu schätzen!

Es wird nicht gesagt, dass Achimaaz sich vor dem verbeugte, der ihm die Botschaft auftrug (wie es der Kuschit tat); er beugte sich aber wohl vor dem, dem er die Botschaft überbrachte (was von dem Kuschiten nicht berichtet wird). Da es sich hier um einen Bericht aus Gottes Wort handelt, werden alle Einzelheiten erwähnt bzw. weggelassen, wie es für uns geistlicherweise von Nutzen ist. In diesem Fall wird, glaube ich, angedeutet, wem wir gefallen sollen: dem Sender, nicht den Empfängern.

Dann lieferte er seine Botschaft ab – eine Botschaft, die zum größten Teil, wenn nicht vollständig, den Tatsachen entsprach. Aber es gab noch etwas, was den König vor allem interessierte: Wie war es Absalom ergangen? Hier nun kam es heraus, dass Achimaaz nicht wirklich gesandt war. Er hatte keine Botschaft! Er redete zwar, und insoweit er redete, sagte er auch durchaus nichts Falsches; obwohl es doch recht seltsam ist, dass er keine Ahnung hatte, was aus Absalom geworden war. Vielleicht war er einer von denen, die sich immer schön zurückhalten, wenn etwas dringend gesagt werden muss. So kann man nämlich seine Beliebtheit pflegen. Das ist eine Methode, die manche gar „sanktionieren“ mit Worten wie „Predige Christus!“ – als wenn das Verkündigen dessen, was Christus geziemt, nicht „Christus predigen“ wäre. In einem Brief, der dem Menschen Gottes Verhaltensrichtlinien für Zeiten des Verfalls gibt, lesen wir: „Predige das Wort“ (2Tim 4,2). Wir tun gut daran, dies zu beachten und nicht den Wortdienst auf das zu reduzieren, was den Ohren der Menschen gefällt.

Die Antwort an Achimaaz lautete: „Wende dich, stell dich hierher!“ (2Sam 18,30). Achimaaz verschwendete nur des Königs Zeit. Und wo immer es vorkommt, dass Gottes Boten so auftreten, gibt es nicht auch heute eine passende Antwort für sie? Kann es richtig sein, gemäß 1. Korinther 14 gehaltene Erbauungsstunden abzusetzen, nur weil es Achimaaze gibt, die sie missbrauchen? Muss man das ertragen? Oder sollte nicht auch ihnen gesagt werden: „Wende dich …“?

Dann kam der Kuschit und seine Botschaft war in ihrem ersten Teil im Wesentlichen gleichlautend mit der des Achimaaz. Aber dann kam die Frage: Was ist mit Absalom? Und dieser Äthiopier überbrachte seine Nachricht in dem Geist von Haggai 1,13 – wie „der Bote des HERRN, kraft der Botschaft des HERRN“; er sagte: „Wie dem Jüngling, so möge es den Feinden des Königs, meines Herrn, ergehen und allen, die gegen dich aufgestanden sind zum Bösen!“ Und David, anstatt gelangweilt in seine Bibel zu starren oder ringsumher die anderen Leute zu begucken oder auf seinem Stuhl herumzurutschen, während die Rede weiterging, war „sehr bewegt“. Denn hier gab es eine Botschaft für ihn! 

Im Neuen Testament lesen wir: Propheten lasst zwei oder drei reden. Ach, wenn wir doch nur mehr die Anwesenheit des Herrn Jesus in der Mitte seiner um Ihn versammelten Heiligen erkennen möchten, wo diese zwei oder drei (nicht einer oder vier) die Zeugen seiner Anwesenheit sind, um uns zu dienen! Dann könnten vielleicht auch uns sogar Tränen kommen – wie David (2Sam18,33).

Als Paulus den Brief an die Galater schrieb, war das nicht „Christus predigen“? Als Johannes den sieben Versammlungen schrieb (Off 2–3), war das nicht „Christus predigen“? Als Paulus den Korinthern schrieb: „Ich hielt nicht dafür, etwas unter euch zu wissen als nur Jesus Christus und ihn als gekreuzigt“, bezog er das nicht nur auf die grundlegende und einfache Verkündigung der Kreuzesbotschaft, sondern er wollte damit sagen, dass er – ermächtigt durch den Heiligen Geist – seinen ganzen Dienst mit dem Ziel ausführte, den „ersten Menschen“ und das „Fleisch“ zum Schwinden zu bringen und den „zweiten Menschen“ zu verherrlichen. Wo in den Gedanken und Wünschen, im Verhalten und im Umgang, in der Kleidung usw. die Weltlichkeit zunimmt, da wird in gleichem Maße jeder Dienst verachtet, der „Christus und ihn als gekreuzigt“ auf eben diese Weltlichkeit und Selbstsucht anwendet, die so kennzeichnend ist für den ersten Menschen.

Achimaaz war ein Mann mit „positivem Dienst“, wie einige es formulieren würden. Es sieht so aus, als wenn wir heute Probleme damit haben; wir ziehen es vor, immer „positiven Dienst“ zu hören, der uns nicht tadelt und uns mit unserem weltlichen Denken und Handeln in Ruhe lässt. Auf solche Weise bestärken wir aber das Falsche. Und schließlich kommen wir zu der Auffassung, Achimaaz sei wirklich gesandt worden, insbesondere weil wir ja nichts Schriftwidriges in seinem Beitrag finden. Besser aber wäre es, wenn wir eine halbe Stunde still in der Gegenwart des Herrn sitzen und auf Ihn warten würden, damit Er uns einen Dienst in seinem Sinn gibt, als nur irgendwie die Zeit herumzukriegen. Auf jeden Fall wäre das Warten eine nützliche geistliche Übung für uns.

Lasst uns nun darüber nachdenken, welchen Wert ein richtiger, weil aufbauender Dienst in der Schrift hat; und lasst uns durch Gottes Gnade Nutzen ziehen aus solchem Dienst.

 

Anmerkungen

[1] Man denkt sehr oft, dass nur der ein Prophet sei, der zukünftige Ereignisse vorhersage, aber eine solche Beschränkung jenes Ausdruckes ist falsch. 1. Korinther 14,28-32 gibt den Worten „Prophet“ und „weissagen“ eine viel weitere Bedeutung. Lehrer und Prophet stehen eng und in schöner Weise miteinander in Verbindung. Der Lehrer entfaltet die Wahrheiten des Wortes Gottes, der Prophet wendet sie auf das Gewissen an. Der Hirte untersucht, ob und inwieweit der Dienst beider auf das Herz und Leben der einzelnen Gläubigen einwirkt.

[2] Die fünf Bücher Mose, Christliche Schriftenverbreitung, Hückeswagen, 2011, „5. Mose 26. Die persönliche Heiligkeit“, S. 1204–1206.

[3] C.H. Mackintosh, Die fünf Bücher Mose, Christliche Schriftenverbreitung, Hückeswagen, 2011, „2. Mose 4: Mose und Aaron“, S. 263.

[4] W. Kelly in „Christian Ministry“.

[5] W. Kelly in The Bible Treasury, Bd. 9, S. 96.

[6] W. Kelly, Lectures Introductory to ... Acts, The Catholic Epistles and the Revelation, S. 317.

[7] Anm. d. Red.: Auf Deutschland übertragen, könnte man an die großen Kirchen denken.

[8] W. Trotter, Five Letters on Worship and Ministry in the Spirit [1857], S. 8–9.

[9] Aus Collected Writings of J.N.Darby, Bd. 3, S. 353, Bible Truth Publishers.

[10] Anm. der Red.: Man könnte meinen, dass diese Aussage im Widerspruch steht zu dem, was W. Kelly weiter oben schreibt:

Ich glaube, dass Gott sein Recht in seiner Kirche aufrechterhält – sein Recht, einen Mann zu erwecken, der ein Wort (und dieses Wort ist vielleicht ein wichtiges Wort) reden soll und der möglicherweise nicht noch einmal von Gott dazu berufen wird, zu sprechen; er wurde von Gott nur für eine bestimmte Aufgabe gebraucht.

Der scheinbare Widerspruch klärt sich so auf: R.A. Huebner schreibt von der Regel, die wir im Wort Gottes finden: Gott hat bestimmte Gaben geschenkt und wirkt durch diese Gaben, und da ist es nun mal so, dass nicht jeder die Gabe für einen Dienst am Wort hat. W. Kelly geht es aber darum, zu zeigen: Gott hat das Recht, Ausnahmen zu machen, wenn es Ihm beliebt, und Er kann ausnahmsweise für ein einziges Wort auch einmal einen Bruder benutzen, der die spezielle Gabe nicht hat. Es ist ähnlich wie bei den Zeichengaben: Grundsätzlich gibt es diese nicht mehr, aber Gott behält sich das Recht vor, in einer Ausnahmesituation durch einen Bruder noch einmal ein Wunder zu wirken.

[11] W. Kelly, The Action of the Holy Spirit in the Assembly, S. 39–40.

[12] Aus „Ministry“ in The Girdle of Truth, Bd. 8, 1864, S. 368–369.


Originaltitel: „Part 1: The Lord’s Messenger“,
in A Few Thoughts on Ministry in the Assembly, 1985, Present Truth Publishers, S. 1–13

Frank Cisonna / Heiko Remmers


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