Bist du eine Hilfe oder ein Hindernis in der Gemeinde?
1. Korinther 12

Charles Henry Mackintosh

© Die Wegweisung (CV-Dillenburg), online seit: 30.11.2016, aktualisiert: 18.07.2017

Leitverse: 1. Korinther 12

Von den vielen Vorrechten, die uns der allzeit gütige Herr verliehen hat, ist gewiss eines der höchsten dies, bei den Zusammenkünften seines geliebten Volkes, da wo Er seines Namens Gedächtnis gestiftet hat, zugegen sein zu dürfen. Jeder, der Christus wirklich liebt, wird seine ganze Freude darin fin­den, an diesem Ort zu sein. Was auch immer der beson­dere Charakter des Zusammenkommens sein mag, sei es an dem Tisch des Herrn, um seinen Tod zu verkünden, oder zur Betrachtung des Wortes, um die Gedanken Gottes kennenzulernen, oder vor dem Thron der Gnade zum Gebet, um Ihm gemeinsam unsere Bedürfnisse kundzutun und aus seiner unendlichen Fülle zu schöpfen – jedes treue Herz wird sich danach sehnen, anwesend zu sein; und wir können versichert sein, dass jeder (wer es auch sei), der absichtlich oder freiwillig das Zusammenkommen versäumt, sich in einem kalten, gleichgültigen und ungesunden Seelenzustand befindet. Unser Zusammenkommen zu versäumen, ist der erste Schritt auf der abschüssigen Bahn, die zum völligen Aufgeben Christi und alles dessen, was Ihm teuer ist, führen kann (vgl. Heb 10,25-27).

Der Zweck dieser wenigen Zeilen ist nun nicht, wie von vornherein gesagt sei, die oft erhobene Frage zu erörtern: „Wie können wir wissen, zu welcher Ver­sammlung wir gehen sollen?“ Diese Frage ist gewiss für jeden Christen von der größten Bedeutung, und jeder Gläubige sollte sie sich selbst stellen und mit Ernst und Treue eine Antwort aus Gottes Wort zu empfangen suchen. Denn zu einer Gemeinde zu gehen, ohne zu wissen, auf welchem Grund sie steht oder zusammenkommt, heißt in Unwissenheit oder Gleichgültigkeit handeln, was mit der Furcht des Herrn und der Liebe zu seinem Wort nicht vereinbar ist.

Diese Frage liegt uns aber heute nicht vor. Wir beschäftigen uns jetzt nicht mit dem Boden, auf dem man zusammenkommt, sondern mit unserem Zustand und Verhalten auf diesem Boden, mit einer Sache also, die für jede Seele, die bekennt, sich mit anderen Gläubigen in dem Namen Jesu zu versammeln, überaus ernst und wichtig ist; denn Er ist „der Heilige und der Wahrhaftige“. Wir möchten daher an jedes Herz und Gewissen die Frage richten: Bist du für die Gemeinde eine Hilfe oder ein Hindernis? Dass jeder Einzelne das eine oder andere von beiden ist, ist ebenso klar wie ernst, und deshalb ist die Frage von so schwerwiegender praktischer Bedeutung.

Wir bitten den Leser, seine Bibel zu öffnen und unter ernstem Nachdenken und Gebet 1. Korinther 12 zu lesen. Er wird hier die eben erwähnte praktische Wahrheit, dass jedes Glied des Leibes auf den ganzen übrigen Teil seinen Einfluss ausübt, klar niedergelegt finden. Es ist gerade so wie am menschlichen Körper: Wenn hier etwas nicht in Ordnung ist, und sei es auch an dem verborgensten und schwächsten Teil desselben, so wird der Körper es dennoch fühlen. Es braucht nur ein Nagel eingerissen, ein Zahn fehlerhaft oder ein Glied verrenkt zu sein, es mag sich irgendein Gelenk, ein Muskel oder ein Nerv nicht in Ordnung befinden, sogleich ver­spürt der ganze Leib es als ein Hindernis. So verhält es sich auch in der Gemeinde Gottes, an dem Leib Christi: „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; oder wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit“ (1Kor 12,26). Der Zustand eines jeden Gliedes beeinflusst den ganzen Leib. Daraus folgt also notwendig, dass jedes Glied allen Übrigen entweder eine Hilfe oder ein Hindernis ist. Welch eine ernste Wahrheit! In der Tat, sie ist von schwer­wiegender praktischer Bedeutung.

Der Apostel redet hier nicht von irgendeiner örtlichen Versammlung, son­dern von dem ganzen Leib, von dem allerdings jede Versammlung der örtliche Ausdruck sein soll. So sagt er, wenn er zu den Korinthern spricht: „Ihr aber seid Christi Leib und Glieder im Einzelnen.“ Freilich gab es an ande­ren Orten auch noch Versammlungen; aber hätte der Apostel zu einer von ihnen über denselben Gegenstand geredet, so würde er auch auf gleiche Weise zu ihnen gesprochen haben; denn was wahr ist von dem ganzen Leib, ist auch wahr von jedem örtlichen Ausdruck desselben. Das ist ganz klar und einfach und in praktischer Hinsicht sehr wichtig. Aus der Wahrheit, die wir betrachten, ergeben sich für uns drei kräftige Beweggründe zu einem heiligen, ernsten und treuen Leben: 

  1. Wir sollten den Herrn Jesus nicht verunehren, das Haupt des Leibes, mit dem wir vereinigt sind;
  2. Wir sollten den Heiligen Geist nicht betrüben, durch welchen wir mit dem Haupt vereinigt und alle zu einem Leib getauft sind;
  3. Wir sollten den mit uns so innig verbundenen Gliedern des Leibes nicht schaden.

Was könnte einen mächtigeren Einfluss auf uns ausüben als solche Beweg­gründe? Mögen sie unter Gottes Kindern mehr zur Geltung kommen! Man kann die Lehre von der Einheit des Leibes anerkennen und lehren; allein etwas ganz anderes ist es, in ihr zu leben und ihre heilige, umbildende Macht zu offenbaren. Der arme menschliche Verstand kann die höchsten Wahrhei­ten erörtern und darüber hin und her reden, ohne dass Herz, Gewissen und Leben je deren heiligenden Einfluss erfahren haben. Wie ernst ist dieser Gedanke für jeden von uns! Möchten wir ihn in unseren Herzen bewegen und auf Leben und Gesinnung einwirken lassen! Ja, möchte die Wahrheit von dem „einen Leib“ für jedes Glied dieses Leibes auf dem ganzen Erdkreis zu einer ernsten Wirklichkeit werden!

Wir könnten hiermit schließen in dem Bewusstsein, dass, wenn die Wahrheit, von der wir geredet haben, in lebendiger Glaubenskraft von allen erfasst und festgehalten wird, dann gewiss auch all die köstlichen Ergebnisse, die für das praktische Leben daraus folgen, sich zeigen werden. Es lag uns aber bei der Abfassung dieser Zeilen eine Seite unseres Gegenstandes ganz besonders am Herzen, diese nämlich: wie eine Gemeinde durch den Zustand jeder einzelnen Seele und durch die Herzensstellung und Gesin­nung eines jeden Bruders und einer jeden Schwester, die ihr angehören, beeinflusst und gestaltet wird.

Zunächst möchten wir darauf hinweisen, dass alle diejenigen unter einer besonderen und ernsten Verantwortlichkeit stehen, die irgendwie in der Versammlung dienen, sei es, dass sie ein Lied vorschlagen, sei es, dass sie beten, danken oder einen Abschnitt aus dem Wort Gottes vorlesen, oder endlich, dass sie an der Belehrung und Ermahnung teilnehmen. Alle solche sollten sich klar darüber sein, ob sie von Gott zu ihrem Dienst berufen und befähigt sind, und sollten nie vergessen, dass sie auch in dem, was sie tun, nur des Herrn Werkzeuge sind; anders werden sie der Versammlung ernstlich schaden. Sie können den Geist auslöschen, die Anbetung hindern, ja den Segen des Zusammenkommens in großem Maße vereiteln.

Das ist ernst und erfordert eine heilige Wachsamkeit seitens aller, die in irgendwelcher Weise am Dienst in der Gemeinde teilnehmen. Selbst ein nicht passendes oder zur Unzeit vorgeschlagenes Lied kann zum Scha­den sein, indem es den Verlauf eines Zusammenseins zu unterbrechen und dessen ganzen Ton herabzustimmen vermag. Ja selbst das Wort Gottes kann an der unrechten Stelle oder zur unrechten Zeit vorgelesen wer­den. Mit einem Wort: Alles, was nicht die unmittelbare Frucht des Geistes ist, kann nur die Erbauung und den Segen der Versammlung hindern. [Anm. d. SW-Red.: Natürlich soll dies nicht dazu führen, dass vor lauter Angst gar nichts mehr gesagt wird.] Alle, die am Dienst teilnehmen, sollten jederzeit danach trachten, dass sie in dem, was sie tun, vom Geist Gottes geleitet werden. Nur eines sollte ihr Beweggrund sein: die Verherrlichung Christi in der Versammlung und der Segen der Ver­sammlung durch Ihn. Wenn es nicht so ist, so schweigen sie besser und war­ten auf Ihn. Sie werden dann den Herrn mehr verherrlichen und den Seelen mehr zum Segen sein, als sie es manchmal durch ruhelose Tätigkeit und unerbauliches Reden sind.

Doch neben der besonderen heiligen Verantwortlichkeit aller derer, die am Dienst in der Gemeinde in der einen oder anderen Weise teilnehmen, gibt es eine ernste Verantwortlichkeit für jeden Einzelnen. Der allgemeine Ton, der Charakter und Zustand einer Gemeinde selbst, wie auch ihrer Zusammenkünfte, hängt aufs innigste mit der Frage zusammen, wie der innere geistliche Zustand aller Seelen, die auf diesem Boden stehen, beschaffen ist. Diese Tatsache bewegt unser Herz tief und treibt uns an, die vorliegenden Zeilen an alle zu richten, die im Namen Jesu zusammenkom­men, wo es irgendeine solche Versammlung unter der Sonne gibt. Jede Seele in ihr ist entweder eine Hilfe oder ein Hindernis, ein Mehrer oder ein Zerstörer. Alle, die mit einem hingebenden, ernsten, liebevollen Herzen zusammenkommen, die zu den Zusammenkünften gehen, einfach weil der Herr selbst da ist, die dorthin gehen, wo seines Namens Gedächtnis gestiftet ist, die in seiner Gegenwart glücklich sind, diese alle sind eine wahre Hilfe, ein Segen für die Gemeinde. Möge Gott ihre Zahl vermehren! Wenn alle Versammlungen mehr solcher gesegneten Elemente hätten, wie viel anders wäre es an manchen Orten bestellt!

Und warum ist es nicht so? Es handelt sich ja nicht um Gabe oder Wissen, sondern nur um Gnade und Gottseligkeit, um wahre Frömmigkeit und ein Leben im Gebet, um einen Zustand also, in dem sich jedes Kind Gottes und jeder Knecht Christi befinden sollte und ohne den die glänzendsten Gaben und die größten Kenntnisse nur ein Hindernis und ein Fallstrick sind. Bloße Gabe und Erkenntnis, ohne ein tätiges Gewissen und ohne Gottes­furcht, können vom Feind zum Verderben der Seelen gebraucht werden und sind schon dazu gebraucht worden. Wo aber wahre Demut und Wirklichkeit sind und wo jener Ernst vorhanden ist, der durch das Bewusstsein der Gegenwart Gottes hervorgebracht wird, da finden sich in der Versammlung – ob Gaben da sind oder nicht – sicherlich der Geist der Anbetung und Tiefe und Frische des Geistes.

Es ist ein großer Unterschied, ob eine Gemeinde sich um einen begabten Mann schart oder ob sie einfach um den Herrn selbst als Glieder des einen Leibes versammelt ist. Durch den Dienst oder den Diener am Wort oder zu dem Dienst oder dem Diener am Wort versammelt sein, sind gleichfalls zwei sehr verschiedene Dinge. Wenn die Seelen nur zu dem Dienst oder Diener versammelt sind, so werden sie, wenn der Dienst ausbleibt, in Gefahr sein, auch auszubleiben. Wenn aber ernste, von Herzen treue, hingebende Seelen einfach zum Herrn selbst hin versammelt sind, so werden sie ihren Halt nicht am Dienst haben, obwohl sie sehr dankbar für denselben sind. Ihr Halt ist der Herr. Sie schätzen deshalb die Gabe nicht geringer als andere, aber sie schätzen den Geber höher. Sie sind für die Ströme des Segens dankbar, aber sie wissen sich nur abhängig von der Quelle derselben.

Man wird immer und überall finden, dass solche Gläubigen, die den Dienst am ersten entbehren könnten, gerade diejenigen sind, die ihn am mei­sten schätzen und anerkennen. Sie räumen dem Dienst seinen göttlichen Platz ein. Die aber, die den Gaben mehr Ehre und Wichtigkeit beilegen, als ihnen zukommt, und immer und immer klagen, wenn diese einmal gering sind, und die in der Versammlung ohne sie keinen Genuss oder Segen haben, sind ein Hindernis und eine Quelle der Schwachheit für die Gemeinde.

Leider gibt es noch manche solcher Hindernisse und Ursachen der Schwachheit, die unsere ernste Beachtung erfordern. Ehe wir hingehen, um unseren Platz in der Gemeinde einzunehmen, sollte jeder von uns sich selbst ernstlich fragen: Bin ich eine Hilfe oder ein Hindernis, ein Mehrer oder ein Zerstörer? Wenn wir in einem kalten, gleichgültigen oder gar verhärteten Herzenszustand kommen, wenn wir nur aus Form und Gewohnheit auf dem für richtig erkannten Weg vorangehen oder in einem angerichteten, unge­brochenen, murrenden und klagenden Geist, der überall Fehler sucht und findet, alles und alle richtet, nur sich selbst nicht – dann sind wir ganz gewiss ein ernstes Hindernis für den Segen und die Freude der Versammlung. Wir sind dann jenes kranke oder verrenkte Glied am Leib. Wie betrübend und demütigend, ja erschreckend ist das aber! Lasst uns dagegen wachen, dage­gen beten, es entschieden verurteilen!

Wie anders stehen die Seelen, die mit freudigem Herzen zu den verschiedenen Zusammenkünften gehen, in einem liebenden, gnadenvollen Geist, der von der Gesinnung Christi zeugt; die in der Voraussicht sich erfreuen, dort mit geliebten Geschwistern sich zusammenzufinden, sei es an dem Tisch des Herrn oder am Quell der Heiligen Schrift oder vor dem Thron der Gnade im gemeinsamen Gebet; die mit tiefer und herzlicher Liebe alle Glieder des Leibes Christi umfassen; deren Auge nicht trübe und deren Zuneigungen gegen niemand um sie her durch Argwohn und Verdacht oder durch irgend­welche lieblosen Gefühle kalt geworden sind; die von Gott gelehrt sind, ihre Brüder zu lieben, sie „vom Gipfel der Felsen“ aus anzusehen und sie „mit dem Gesicht des Allmächtigen“ zu betrachten (vgl. 4Mo 23,9; 24,4); die jeden Dienst und jeden Segen, den der Herr ihnen senden mag, gern und dankerfüllt annehmen, auch wenn er ihnen nicht durch eine glänzende Gabe oder einen beliebten Lehrer zuteilwird. Ja, alle solche See­len sind ein Segen Gottes für die Gemeinde, wo immer sie sind. Darum wiederholen wir von ganzem Herzen: Möge Gott ihre Zahl vermehren! Wenn alle Gemeinden von solchen Seelen gebildet wären, so wäre hier die Atmosphäre des Himmels. Der Name Jesu würde sein wie ausgegossene, kostbare Narde. Jedes Auge würde auf Ihn gerichtet, jedes Herz von Ihm erfüllt sein; und für seinen Namen und seine Gegenwart würde dann in unserer Mitte ein mächtigeres Zeugnis abgelegt werden, als es durch die herrlichste Gabe je geschehen kann.

Der Herr wolle gnädig seinen Segen über alle seine Versammlungen ausgie­ßen! Er wolle sie von jedem Hindernis, jedem Druck und jedem Stein des Anstoßes und jeder Wurzel der Bitterkeit befreien! Möchten die Herzen aller in gegenseitigem Vertrauen und in wahrer, brüderlicher Liebe fest verbunden und vereinigt sein! Ja, möchte Er mit seinem reichsten Segen die Bemühun­gen und Arbeiten aller seiner geliebten Knechte krönen, sowohl daheim als auch in der Fremde, indem Er ihre Herzen ermuntert und ihre Hände stärkt und ihnen Gnade darreicht, „fest, unbeweglich, allezeit überströmend in dem Werk des Herrn“ zu sein, in der gewissen Zuversicht, dass ihre Mühe nicht vergeblich ist in Ihm!


Aus Wegweisung, 11/87, als Beilage
Engl. Originaltitel: „Each Member—A Help or a Hindrance: Which? A Question for all in the assembly“
aus Miscellaneous Writings, Buch 6

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