Der Unterschied zwischen Sühnung und Versöhnung
… oder bedeutet beides das Gleiche?

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 23.12.2004, aktualisiert: 14.01.2018

Leitverse: Römer 5,10; 1. Johannes 2,2; Johannes 1,29; 3. Mose 16

Einleitung

In der letzten Zeit ist hier und da über das Thema Sühnung und Versöhnung gesprochen worden. Ehrlich gesagt war das für mich auch bis vor kurzem ein Thema, über das ich noch nicht viel hätte schreiben können. Aber dann wurde ich hier und dort in Diskussionen hineingezogen, so dass ich mich mit diesem Thema auseinandersetzen musste. Und ich bin sehr froh, dass ich zu dieser Beschäftigung mehr oder weniger gezwungen wurde, denn es ist ein gewaltiges Thema, bei dem einem wieder neu klarwird, aus welcher Verlorenheit heraus der Herr Jesus uns gerettet hat. Es geht mir aber nicht um eine ausführliche Betrachtung der Begriffe Sühnung und Versöhnung, sondern ich möchte lediglich aufzeigen, dass diese beiden Begriffe durchaus unterschiedlich sind. Mein Wunsch ist es, dieses Thema möglichst knapp und übersichtlich zu behandeln.

In all den Diskussionen fiel mir auf, dass die Begriffe Sühnung und Versöhnung fast als Synonyme benutzt wurden. Bei mir selbst entdeckte ich, dass auch ich hier bisher nicht sauber unterschieden hatte. Doch es musste einen Unterschied geben, denn es sind schließlich zwei völlig unterschiedliche Wörter – nicht nur im Deutschen, sondern auch im Griechischen.

So könnte man die Begriffe Rechtfertigung, Erlösung, Vergebung, Versöhnung, Sühnung sicher alle in einen Topf werfen, und es gibt sicher auch manche Schnittmengen, aber das Besondere an der Rechtfertigung ist, dass unsere Schuld auf gerechter Basis getilgt wurde. So stehen wir jetzt nicht nur als Begnadigte, sondern auch als Gerechte vor Gott. Erlösung hat im Wesentlichen mit der Befreiung aus der Knechtschaft zu tun. Vergebung bringt uns das Bewusstsein, dass unsere Sünden weggetan wurden, damit wir Gottes Herz für uns kennenlernen könnten. So musste es also auch bestimmte wesentliche Aspekte geben, die mit dem Wort Sühnung bzw. Versöhnung zusammenhingen. Dabei weise ich auf die hervorragenden Artikel hin, die wir bereits veröffentlicht haben und die in dieses Thema tiefer einführen können.

Zum Thema Versöhnung siehe:
www.soundwords.de/t87484.html

Zum Thema Sühnung siehe:
www.soundwords.de/t87483.html

Eine kurzer Leitsatz vorneweg:
Versöhnung und Sühnung sind nicht das Gleiche. Versöhnung ist die Folge der Sühnung. Die beiden Worte bedingen einander, aber sie haben keinerlei sprachliche Verwandtschaft im Griechischen. Das ist wichtig, weil, wie gesagt, vielfach einfach nicht sauber unterschieden wird und diese Wörter fast als Synonyme verwandt werden.

Versöhnung

Versöhnung im Neuen Testament bedeutet vor allen Dingen eines: die Zurückführung einer Person / der Welt / aller Dinge aus einer Entfremdung / Verfeindung / einem Gott unpassenden Zustand in einen Gott passenden Zustand in seiner Nähe. Bei Versöhnung geht es nicht so sehr um die Sünden, die uns von Gott trennen, sondern um unsere Haltung, die verändert bzw. erneuert werden muss. Ich denke an folgende Bibelstellen:

Röm 5,10: Denn wenn wir, da wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, viel mehr werden wir, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden.

Eph 2,16: … und die beiden in einem Leib mit Gott versöhnte durch das Kreuz, nachdem er durch dasselbe die Feindschaft getötet hatte.

Kol 1,21.22: … und durch ihn alle Dinge mit sich zu versöhnen, indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes, durch ihn, es seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln. Und euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart nach der Gesinnung in den bösen Werken, hat er aber nun versöhnt

Röm 11,15: Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten?

Bei der Versöhnung geht es also um eine Entfremdung oder Feindschaft, die aufgehoben werden musste. Diese Entfremdung nahm ihren Anfang beim Sündenfall. Adam entfremdete sich von Gott, so dass er sich gar versteckte und Gott ihn suchen musste (Gott sprach: „Adam, wo bist du?“).

Wer musste versöhnt werden?

In diesem Zusammenhang möchte ich auf folgenden wichtigen Punkt hinweisen (mit dem ich mich jedoch jetzt nicht näher beschäftigen möchte): Es ist gewaltig, dass nicht Gott versöhnt werden musste, sondern dass der „Mensch“, die „Welt“ oder auch „alle Dinge“ versöhnt werden. Sicher machten gerade die Sünden der Menschen eine Scheidung zwischen Gott und dem Menschen. Auf Gottes Seite gab es nichts zu korrigieren; der Mensch war es, der korrigiert, der versöhnt und aus der Entfremdung zurückgeholt werden musste. Deshalb sandte Gott ja seinen Sohn, weil auf seiner Seite nur Liebe war, während auf der Seite der Menschen Feindschaft und Entfremdung herrschte. Christus kam nun, um zu suchen und zu erretten, was verloren war. In dieser versöhnenden Haltung war Christus in dieser Welt. Das ist die gewaltige Botschaft des Evangeliums – Gott sei Dank!

Doch leider haben nicht alle Menschen dieses Versöhnungsangebot Gottes angenommen, man hat Christus aus der Welt hinausgeworfen, hat gesagt: Wir wollen Dich nicht, und hat Ihn von der Erde weg auf das Kreuz erhöht, und so ist die Welt nicht versöhnt worden. Doch jetzt kommt das gewaltige Wunder: Gott benutzt gerade dieses, um die Grundlage dafür zu legen, dass Einzelne, die in Buße und Glauben zu Ihm kommen, doch auf eine gerechte Weise versöhnt werden können, gerade durch „dieses Blut seines Kreuzes“ und „den Tod seines Sohnes“.

Sühnung

Sühnung ist – wie gesagt – nicht nur ein völlig anderes Wort im Grundtext, es hat auch eine völlig andere Bedeutung. Das Wort Sühnung oder sühnen kommt im Neuen Testament an folgende Stellen vor:

Heb 2,17: Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, auf dass er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werden möchte, um die Sünden des Volkes zu sühnen;

1Joh 2,2: Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

1Joh 4,10: Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.

Lk 18,13: Und der Zöllner, von ferne stehend, wollte sogar die Augen nicht aufheben gen Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!
[Man könnte auch übersetzen: „Schaffe Sühnung für mich, den Sünder.“]

Demnach werden Sünden gesühnt (hinweggenommen). Menschen werden versöhnt – kommen aus der Entfremdung und Feindschaft zurück –, aber Sünden werden gesühnt (hinweggenommen); obwohl man aus Lukas 18,13 auch ersehen kann, dass der Sünder Sühnung braucht – also ganz trennen können wir dies nicht. Indem das Sühnopfer geopfert wurde, wurde es die Grundlage dafür, dass Gott mit dem Menschen Gemeinschaft haben konnte, denn Gott kann mit dem Sünder in seinen Sünden keine Gemeinschaft haben.

Christus hat die Sünden derer gesühnt, die einmal an Ihn glauben werden. (Dies wird in den oben erwähnten Artikeln ausführlich betrachtet.) Hätte Christus, wie vielfach geglaubt wird, die Sünden der Welt bzw. aller Menschen gesühnt (hinweggenommen), dann würde dies konsequenterweise bedeuten, dass keiner mehr verlorengehen müsste. Denn wenn wirklich alle Sünden gesühnt (hinweggenommen) wären, warum geht dann noch jemand verloren? Gottes Wort sagt hingegen ganz klar in Johannes 8,24: „Daher sagte ich euch, dass ihr in euren Sünden sterben werdet; denn wenn ihr nicht glauben werdet, dass ich es bin, so werdet ihr in euren Sünden sterben.“ Klarer kann man es eigentlich nicht ausdrücken. Man mag argumentieren, dass Christus zwar alle Sünden (eines ungläubigen Menschen) gesühnt hätte, dass der Mensch jedoch verlorengehe, weil er nicht geglaubt habe. Nun, man mag so argumentieren, aber es scheint doch eher etwas gekünstelt: Warum sollte Christus alle Sünden (dieses Menschen) gesühnt haben bis auf diese eine Sünde des Unglaubens?

Hätte Christus wirklich die Sünden aller Menschen gesühnt, gäbe es nur zwei Konsequenzen: Entweder man wird Allversöhner oder man unterschiebt Gott etwas Ungerechtes. Denn wenn Christus alle Sünden aller Menschen gesühnt (hinweggenommen) hätte, warum bestraft Gott diese Menschen noch, indem Er sie in die Hölle wirft? Warum richtet Er die Sünden dann zweimal? Einmal an Christus und einmal dann, wenn der Mensch ungläubig stirbt? Denn der Mensch wird nach Offenbarung 20 nach seinen Werken gerichtet. Warum dieses Gericht nach den Werken des Menschen, wenn doch Christus die Sünden bereits gesühnt hat?

Sühnung hat jedoch noch einen weiteren wesentlichen Punkt, der oftmals vergessen wird. Es gibt in der Hauptsache drei Bibelstellen im Neuen Testament, die diesen Punkt beschreiben. Es sind die Stellen:

1Joh 2,2: Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

Joh 1,29: Des folgenden Tages sieht er Jesus zu sich kommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt wegnimmt.

Heb 9,26: … sonst hätte er oftmals leiden müssen von Grundlegung der Welt an; jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter geoffenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer {eig. Schlachtopfer}.

Sühnung hat einen weiteren Aspekt in Bezug auf die Welt, beziehungsweise in Bezug auf Gott und die Sünde, die in der Welt ist. Auch dieser Aspekt ist eng verbunden mit der Reinigung von Sünden, was wir aus 3. Mose 16,16 ersehen können.

Sühnung bedeutet nicht nur, dass unsere Sünden gesühnt wurden. Sühnung bedeutet auch, dass Gott in Bezug auf die Sünde, die in der Welt ist, verherrlicht und völlig zufriedengestellt werden musste. Die ganze Schöpfung seufzt unter den Folgen des Sündenfalls (s. Röm 8). Nicht nur sollten die Sünden von Menschen gesühnt werden, sondern auch für das Prinzip der Sünde, das in diese Welt gekommen ist, musste Sühnung getan werden. Christus hat dafür die Grundlage gelegt, dass auch in der Zukunft die Sünde aus dieser Welt abgeschafft sein würde, wie es im Hebräerbrief (Heb 9,26: „Jetzt aber ist er einmal … offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer“) heißt oder auch im Johannesevangelium (Joh 1,29: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“).

Es musste also im Blick auf die Sünden eine Sühnung vollbracht werden. In gleicher Weise musste diese Sühnung aber auch vollbracht werden, damit Gott zufriedengestellt würde in Bezug auf die Sünde, die in der Welt war (jedoch einschließlich der Sünden der Menschen). Auch wenn Christus nur die Sünden derjenigen stellvertretend trug, die Ihn einmal annehmen würden, so musste Gott doch im Hinblick auf alle Sünden und deren Folgen verherrlicht werden. Gott wurde in dieser Welt durch die Sünde entehrt und um diese Ehre wiederherzustellen, war die Sühnung genauso notwenig.

Das sind die beiden Aspekte, die wir bei dem Thema Sühnung berücksichtigen müssen. Das geht – um das einmal typologisch anzuwenden – Hand in Hand mit der Auslegung des großen Versöhnungstages, über den wir jetzt nachdenken wollen.

Die zwei Böcke am großen Versöhnungstag

3Mo 16,7-10: Und er soll die zwei Böcke nehmen und sie vor den HERRN stellen an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft. Und Aaron soll Lose werfen über die zwei Böcke, ein Los für den HERRN und ein Los für Asasel. Und Aaron soll den Bock herzubringen, auf welchen das Los für den HERRN gefallen ist, und ihn opfern als Sündopfer. Und der Bock, auf welchen das Los für Asasel gefallen ist, soll lebendig vor den HERRN gestellt werden, um auf ihm Sühnung zu tun, um ihn als Asasel fortzuschicken in die Wüste.

3Mo 16,21: Und Aaron lege seine beiden Hände auf den Kopf des lebendigen Bockes [Asasel] und bekenne auf ihn alle Ungerechtigkeiten der Kinder Israel und alle ihre Übertretungen nach allen ihren Sünden; und er lege sie auf den Kopf des Bockes und schicke ihn durch einen bereitstehenden Mann fort in die Wüste, damit der Bock alle ihre Ungerechtigkeiten auf sich trage in ein ödes Land; und er schicke den Bock fort in die Wüste.

Diese zwei Böcke sind die zwei Seiten, die zwei Aspekte bei der Sühnung.

  1. Der eine Bock ist auf den HERRN gerichtet: die Zufriedenstellung oder Genugtuung Gottes.
  2. Der andere Bock ist auf die Sünden des Volkes Gottes gerichtet: die Stellvertretung.

Gott brauchte Sühnung, um im Hinblick auf die Sünde und die Sünden zufriedengestellt zu werden; der Mensch brauchte Sühnung für seine Sünden (und diese Sühnung wird jedem zuteil, der glaubt).

  • Die Zufriedenstellung ist allgemein.
  • Die Stellvertretung ist begrenzt.

Schlussgedanken

Wenn man diesen Punkt einmal in sein Herz gefasst hat, hat man keine Schwierigkeiten mehr mit dem Vers:

1Joh 2,2: Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

Er bedeutet: (1) Christus hat „unsere“ Sünden (nämlich die Sünden derer, die glauben) gesühnt („auf dass er unsere Sünden wegnehme“; 1Joh 3,5); und (2) Christus hat die Sühnung auch im Blick auf die ganze Welt getan (der „die Sünde der Welt wegnimmt“; Joh 1,29), so dass Gott jetzt ausgehen und allen Menschen durch seine Diener zurufen kann: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5). Auch heißt es: „Denn also hat Gott die Welt geliebt …“ – das kann Er, weil Christus auch Sühnung getan hat im Blick auf die ganze Welt.

Bei allen Schwierigkeiten, die dieses Thema mit sich bringt, und bei vielleicht auch noch manchen offenen Fragen, so ist es doch eine gewaltige Tatsache und sollte uns wirklich einmal stille stehen lassen vor unserem großen Gott und unserem Herrn, der so ein weitreichendes Werk auf Golgatha vollbracht hat. Die denkbar weiteste Entfremdung, die größtmögliche Feindschaft wurde durch das Blut des Herrn überwunden. Mehr noch: Gott brachte uns näher an sein Herz, als Adam je bei Ihm wart. Wir haben also viel mehr durch das Werk des Herrn bekommen, als Adam im Paradies verloren hatte. Das ist wirklich Gnade!

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