Wenn Gott uns „ins Exil“ schickt
Können wir etwas aus der aktuellen Corona-Krise lernen?

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 19.04.2020, aktualisiert: 03.05.2020

Schwere Zeiten

Wir leben in schwierigen Zeiten; das ist keine neue Nachricht, denn schon der Apostel Paulus hatte angekündigt: „Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden“ (2Tim 3,1). Diese Zeiten sollten unter anderem davon gekennzeichnet sein, dass die Menschen „mehr das Vergnügen lieben als Gott“; auch würden die Menschen „ohne natürliche Liebe“ sein und viele würden „eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2Tim 3,3-5).

Wir leben in diesen letzten schweren Zeiten, wir leben längst in der Spaßgesellschaft, wo das Vergnügen überhandgenommen hat. Die natürliche Liebe zwischen einem Mann und einer Frau wurde durch die „Ehe für alle“ relativiert, so dass die Bibel sogar vom „widernatürlichen Verkehr“ spricht (Röm 1,26). Viele lassen sich noch kirchlich taufen, andere wollen unbedingt kirchlich heiraten oder christlich beerdigt werden, aber ansonsten will man mit der Kirche lieber nichts zu tun haben. Das „C“ steckt noch im Parteinamen, aber die Hilfe Gottes in schweren Zeiten zu erbitten und seine eigene Verletzlichkeit, Ratlosigkeit und Hilflosigkeit einzugestehen, dafür reicht es meistens nicht. In unserer Gesellschaft hat man sich in vielen Bereichen vom göttlichen Maßstab entfernt.

Und wir Christen?

Aber wie sieht es eigentlich bei uns Christen aus? Wir finden in der Gesellschaft vieles, was wir kritisieren könnten, aber die derzeitige Krise betrifft nicht nur „die böse Welt“ dort draußen; sie betrifft nicht nur unsere Gesellschaft, sondern auch uns Christen, und zwar sehr empfindlich. Das, was uns am wichtigsten ist, was für Christen essentiell ist, wurde uns von einem Tag auf den anderen genommen. Der Christ „funktioniert“ am besten in der Gemeinschaft von Gläubigen. Wir sind so eng miteinander verbunden, dass der Apostel Paulus davon spricht, dass wir Glieder eines Leibes sind (vgl. 1Kor 12,12-20). Eines der wichtigsten Elemente des Gottesdienstes ist das Abendmahl, wo wir die Gemeinschaft des Leibes des Christus und die Gemeinschaft des Blutes des Christus zum Ausdruck bringen und durch das Brechen des einen Brotes zum Ausdruck bringen: Wir bilden eine Einheit, wir gehören zusammen, keiner darf dieses Mahl für sich einnehmen, sondern es muss in der Gemeinschaft gefeiert werden.

Die Stärke der frühen Christen war ihr Zusammenhalt und ihr Einssein. Sie hatten jemand, der sie zusammenhielt; etwas, wovon sie angezogen wurden. Sie wurden von einer einzigartigen Person angezogen, und immer, wenn sie sich versammelten, dann war es ein Kommen zum Herrn Jesus selbst – es ging um seinen herrlichen Namen (1Kor 1,2; 2Tim 2,22). Waren das irgendwie christliche Romantiker?

Nein, der Herr Jesus hatte ihnen versprochen: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Das war ein ganz konkreter Ort, wo man sich versammelte, und man rechnete mit der persönlichen Gegenwart des Herrn Jesus. Er würde in ihre Mitte kommen, nicht leiblich, aber doch persönlich. Christus war ihr einziger Anziehungs- und Mittelpunkt. Überall von Jerusalem ausgehend bis in alle Teile der Welt entstanden christliche Versammlungen. Sie hatten keine Kirchengebäude, keine Versammlungslokale, keine Orgeln oder sonstiges Unterhaltungsprogramm, sondern sie versammelten sich in Häusern, und es war ihnen genug, dem Herrn Jesus zu begegnen. Sie ermutigten sich durch die Schriften der Apostel und lasen das Alte Testament; sie hatten Gemeinschaft, beteten miteinander, lobten Gott und feierten das Abendmahl.

Eine ungesunde Entwicklung

Was finden wir heute in den Gemeinden? Was ist uns heute so wichtig; was muss man in einer Gemeinde unbedingt haben, damit wir überhaupt dort hingehen? Na ja, ich möchte wenigstens gut unterhalten werden, wenn ich schon am frühen Sonntagmorgen aufstehe und mich auf den Weg mache. Andere gehen nur in eine christliche Gemeinde oder Kirche, wenn dort ein cooler Prediger spricht oder wenn wenigstens die Musik meinem Geschmack entspricht. Andere sagen: Wenn wir nicht alles genauso machen wie unsere Väter im Glauben, dann verlassen wir den schmalen Pfad – „Do not touch“ ist ihre Devise –; es muss alles so bleiben, wie es ist.

Was haben wir uns nicht alles ausgedacht, und wie weit haben wir Christen uns von dem wegbewegt, was wirklich existentiell für eine christliche Versammlung oder Gemeinde ist. Ich sehne mich ehrlich gesagt nach der Schlichtheit der ersten Christen – wo Christus als Mittelpunkt noch genügte. Dabei habe ich noch nicht davon gesprochen, ob wir eigentlich mit der richtigen Haltung unsere Gemeindestunden und Gottesdienste aufgesucht haben. Klar, ich bin schon physisch anwesend, aber auch geistig? Klar, ich komme ja zum Gottesdienst, aber ich nehme mir schon raus, zu kommen, wann ich will; pünktlich kommen eh nur die Superheiligen und Streber.

Wir gehen zum Abendmahl und wissen eigentlich, dass wir bestimmte Dinge in unserem Leben nicht geregelt haben: Da ist der Streit mit den Kindern, mit der Ehefrau; die ungeregelte Sache zwischen Glaubensgeschwistern; eigentlich weiß ich, dass ich mich danebenbenommen habe, aber eine Entschuldigung kommt nicht in Frage; da ist der versteckte Neid und die Wurzel der Bitterkeit, aber diese kann ja zum Glück keiner sehen; oder wir leben mit dem Arbeitskollegen im Clinch, aber egal, davon hat ja keiner etwas mitbekommen, und außerdem, wer hat eigentlich gesagt, dass ich perfekt bin.

Und wie ist es eigentlich mit der Vorbereitung auf den Gottesdienst? Ok, viele werden jetzt sagen: Wieso? Dafür haben wir doch den Pastor, der macht das schon. Aber haben wir mal hinterfragt, ob das eigentlich ein biblisches Modell ist, so eine One-Man-Show? Gilt denn 1. Korinther 14 heute nicht mehr, wo vom Prinzip her ein jeder etwas zum Gottesdienst beitragen könnte (mit bestimmten Ausnahmen und Einschränkungen um der Ordnung willen)?

Aber auch solche, die meinen, ein mehr biblisches Modell zu vertreten: Ist es wirklich zur Ehre Gottes, wie wir zusammenkommen? Wenn wir schon das Pastorenmodell ablehnen, sind dann wenigstens die Brüder am Ort „vorbereitet“? Haben sie sich in der Woche mit dem Herrn beschäftigt; leben sie ein geheiligtes Leben, um am Sonntag „gefüllte Körbe“ (vgl. 5Mo 26,2) zu haben, um Gott ein Lobopfer zu bringen (das gilt übrigens auch den Schwestern, auch wenn sie in der Zusammenkunft öffentlich nichts beitragen können; Gott schaut das Herz an)? Oder besteht da eher die Haltung: Ach, das wird schon am Sonntag irgendwie laufen und wenn nicht, dann haben wir so viel Erfahrung, dass wir immer irgendein Lied finden oder eine Bibelstelle vorlesen können. Bedenken wir es gut: Nur wovon das Herz voll ist, davon sprudelt der Mund über.

Wie sieht es eigentlich im Bereich des Tisches des Herrn aus? Er ist ein Bild für die Einheit des einen Leibes, denn „ein Brot, ein Leib, sind wir, die Vielen“ (1Kor 10,17). Der Herr Jesus war gekommen, nein, Er musste sterben, um „die zerstreuten Kinder Gottes in eins zu versammeln“ (Joh 11,52). Der Herr Jesus war der Kaufmann in dem Gleichnis der kostbaren Perle, und das Großartige an dieser Perle war, dass es eine Perle war, nicht zwei, nicht drei und auch nicht hundert, sondern eine kostbare Perle. Wie haben wir als Christen versagt! Die Gemeinde Jesu Christi ist zertrennt in unzählige Untergruppen und immer mehr angebliche Gemeinden „entstehen“, als ob es gar keine Rolle spielt und den Herrn Jesus überhaupt nicht schmerzen würde, dass immer neue Kirchen und Gemeinden entstehen.

Der Ursprungsgedanke war, dass es nur eine weltweite Gemeinde gibt, dass es an einem Ort eine Gemeinde gab, die aus allen wahren Gläubigen besteht. Selbst da, wo man diese Gedanken noch hochhalten möchte, hat der Spaltpilz sein Unwesen getrieben. Aufrichtige Kinder Gottes sind voneinander getrennt und können das Brot nicht miteinander brechen, oder solche, die überhaupt keinen Platz am Tisch des Herrn haben sollten, nehmen daran teil. Alles ist mittlerweile denkbar und möglich. All das muss uns doch mal auf die Knie bringen, und wenn wir es schon nicht beheben können, dann sollten wir es doch zutiefst empfinden.

Gefällt Gott, was wir tun?

Wir wollen uns die ernste Frage stellen: Hat Gott wirklich noch Gefallen daran, was wir Ihm als Gottesdienst darbringen, so wie wir als Gläubige zusammenkommen? Schauen wir mal in die Zeit Maleachis. Lange Zeit war es nicht möglich, Gott Opfer darzubringen, denn der Tempel war durch Nebukadnezar zerstört und das Volk ins Exil nach Babylon geführt worden.

Gott redet auf unterschiedliche Arten und Weisen. Was, wenn Er heute durch die Corona-Krise zu uns Christen reden will oder wenigstens auch zu uns Christen reden will?

Gott hatte die Untreue des Volkes gerichtet und den Opferdienst unmöglich gemacht. Ohne Tempel keine Opfer – ganz einfach. Aber jetzt in Maleachis Tagen, da war der Tempel wieder gebaut und der Opferdienst wiedereingeführt, aber was sagt Gott jetzt?

Mal 1,10: Wäre doch nur einer unter euch, der die Türen verschlösse, damit ihr nicht vergeblich auf meinem Altar Feuer anzündetet! Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der HERR der Heerscharen, und eine Opfergabe nehme ich nicht wohlgefällig aus eurer Hand an.

Alles, was das Volk Gott darbrachte, war krank, war halbherzig, war der Rest, der vom Tag übriggeblieben war. Es war eine große Mühsal für sie (Mal 1,13) – es war ihnen lästig, Gott etwas, ja das Beste darzubringen. Gott wollte sich das nicht länger mit anschauen und bat darum, dass doch jemand die Türen zum Haus Gottes verschließen sollte. Es war besser, keinen Opferdienst zu tun, als ihn nur halbherzig auszuführen.

In der Folge des Buches Maleachi geht es um die untreue Priesterschaft (vgl. Mal 2,1-9) und um die Untreue des Volkes in Verbindung mit der Unauflösbarkeit der Ehe (vgl. Mal 2,10-17) und schließlich um die Untreue im Geben des Zehnten (vgl. Mal 3,6-12).

All das sind doch Bereiche, die auch uns Christen etwas zu sagen haben, oder gibt es gerade im Dienst der Priesterschaft – und hier speziell der Dienst am Wort (vgl. Mal 2,7-9) – nicht viel Defizite? Wie viel Oberflächlichkeit beim Auslegen von Gottes Wort gibt es! Wo sind die gewissenhaften Bibelausleger? Gibt es nicht zudem auch in christlichen Ehen viele Probleme und ist die Scheidungsrate auch unter Gläubigen nicht in den letzten dreißig Jahren sprunghaft gestiegen? Wie gehen wir mit unserem materiellen Besitz um? Geben wir Gott wirklich immer das, was Ihm zusteht?

Was hat Gott uns zu sagen?

Müssen wir uns nicht wenigstens die Frage stellen, warum der Herr in der heutigen Zeit die Türen zum Haus Gottes geschlossen hat? Treffen denn alle oben beschriebenen Dinge nicht auch im Ansatz auf uns zu? Ist es nicht Zeit, Buße zu tun und von falschen Wegen umzukehren?

Jes 30,15: So spricht der Herr, HERR, der Heilige Israels: Durch Umkehr und durch Ruhe würdet ihr gerettet werden; im Stillsein und im Vertrauen würde eure Stärke sein.

Wir haben derzeit viel Ruhe und müssen uns im Stillsein üben. Natürlich können wir auch in Aktionismus verfallen und ganz schnell Livestreams, Videochats und dergleichen ins Leben rufen und einfach zur Tagesordnung übergehen. Im Übrigen sind solche Dinge wirklich ein Segen. Aber will Gott uns wirklich nicht mehr sagen?

Immer wenn Gott den Tempeldienst im Alten Testament unmöglich machte, dann war das auch eine ernste Ansprache an das Volk Gottes. Nachdem der Herr Jesus gekreuzigt worden war, hatte Gott noch vierzig Jahre Geduld, bis der Tempel in Jerusalem zerstört und der Tempeldienst damit unmöglich wurde.

Ist es nicht berechtigt, dass wir Christen uns fragen: Was hat Gott uns zu sagen? Müssen wir uns nicht wieder auf das Wesentliche zurückbesinnen? Müssen wir unsere Hingabe an den Herrn nicht erneuern? Soll jetzt in der Krise alles so weitergehen wie bisher? Es ist gut, wenn wir eine Ansprache an die Menschen ohne Gott finden, aber genauso wichtig ist die Frage: Was wollen wir Christen aus der Krise lernen?

Manchmal führt der Herr Jesus uns an einen öden Ort, einfach deshalb, damit wir erkennen, dass wir aus uns selbst heraus völlig unbrauchbar sind, dass wir nichts haben – damit wir unseren Mangel und unsere Bedürftigkeit erkennen. In Markus 6,31 nimmt der Herr Jesus die Jünger mit an einen öden Ort. Auch wenn die versprochene Ruhe wohl nicht lange dauerte, so wird doch klar, was die Jünger wirklich hatten. Der Herr fragt angesichts der großen hungrigen Volksmenge: „Wie viele Brote habt ihr?“ Und sie mussten erkennen: Es waren nur fünf Brote und zwei Fische – also quasi nichts für fünftausend Männer.

Wenn der Herr Jesus uns an einen öden Ort führt – das kann eine Krankheit sein, eine Quarantäne, ein Versammlungsverbot oder was auch immer –, dann wollen wir lernen, unseren eigenen Mangel zu erkennen und dass nur dann, wenn wir das, was wir haben, in die Hand des Herrn legen, etwas gedeihen kann und dass nur dann alle satt werden, wenn wir aufhören, uns selbst zu vertrauen. Unsere schönen Unterhaltungsprogramme für den Gottesdienst sucht Gott nicht – Er sucht Herzen, die sich allein aufgrund der Tatsache versammeln, dass Er in der Mitte ist, und damit selbstverständlich anerkennen, dass Er das Sagen hat. Wie oft meinen wir, dass wir die Stunden nach unserem Gutdünken einrichten können, so dass es uns gefällt, uns zum Segen ist, bis dahin, dass wir uns einer reinen Konsumhaltung hingegeben haben. Wir gehen in die Gemeindestunden, um etwas zu empfangen, aber nicht, um etwas beizutragen und zu geben.

Auf der anderen Seite meinen wir auch oft, dass die Gemeindestunden eine gute Gelegenheit wären, unsere Kenntnisse, Beiträge, Möglichkeiten „an den Mann zu bringen“, statt alles, was wir haben, in die Hand des Herrn zu legen. Wie selbstsicher sind wir manchmal; was für ein Sendungsbewusstsein gibt es bei uns; wie schnell erheben wir das Wort und wie wenig haben wir das Bewusstsein: Herr, ohne dich kann ich nichts tun. Herr, lass mich auf dich warten.

Es gibt Zeiten, da können wir keine Gemeindestunden besuchen, zum Beispiel wenn wir krank sind oder wenn wir wie der Apostel Paulus auf hoher See unterwegs sind und sogar in Seenot oder irgendeine andere Not geraten. Dann können wir möglicherweise wochenlang keine Zusammenkünfte besuchen. Es kann auch sein wie bei dem Apostel Johannes, der auf die Insel Patmos ins Exil geschickt wurde und am Tag des Herrn, dem ersten Tag der Woche, nicht mit den Geschwistern zusammenkommen konnte. Dennoch waren gerade diese notvollen Zeiten ein großer Segen für die Apostel; der eine erlebte Gott in einer außergewöhnlichen Situation und der andere schaltete sich nicht am ersten Tag der Woche in die Videokonferenz nach Ephesus ein – wenn er schon eine Vision vom Herrn bekam, warum dann nicht zu den Geschwistern in Ephesus? –, sondern bekam eine ganz andere Vision gezeigt. Das zeigt uns, dass solche Zeiten nicht immer nur Gerichts- oder Prüfungszeiten sind, sondern auch dazu führen können, dass wir großartige Erfahrungen mit unserem Herrn machen können – auch ohne Zusammenkünfte. Wir wollen hier ausgewogen sein, aber uns dennoch fragen, in welche Richtung uns die heutige Krise weist. Vielleicht gibt es darauf auch nicht die eine Antwort.

Weitermachen wie bisher?

Worauf will ich eigentlich hinaus? Mein persönliches Anliegen ist, dass wir sehr behutsam vorgehen, wenn es darum geht, unsere Zusammenkünfte und Gottesdienste als Livestream oder Videokonferenz anzubieten. Es sind schwierige Zeiten, und schwierige Zeiten erfordern manchmal herausfordernde Entscheidungen. Einmal ging David in das Haus Gottes und aß mit seinen Leuten die Schaubrote, die eigentlich nur für die Priester bestimmt waren (vgl. Lk 6,4). Aber es war eben eine außergewöhnliche Zeit, und außergewöhnliche Zeiten erfordern manchmal außergewöhnliche Handlungen. Gott hat das damals jedenfalls nicht verurteilt. Deshalb möchte ich mit einem Urteil sehr vorsichtig sein. Doch wenn wir schon in dieser Form „zusammenkommen“, dann aber erst, wenn man sich die obigen Vorfragen ehrlich gestellt hat.

Gehen wir also nicht zu schnell zur Tagesordnung über und meinen, wir könnten unsere Gemeindestunden mir nichts dir nichts ins Internet verlegen. Wenn Gott es für gut erachtet hat, die Türen zum Haus Gottes zu verschließen, sollten wir vorsichtig sein, sie zu schnell wieder zu öffnen. Es wird sehr schwierig werden, hierfür wirklich vernünftige Gründe zu finden, die wirklich überzeugend sind, denn eines ist klar: Von einer Art Gottesdienst im Internet finden wir in der Heiligen Schrift nichts, wie auch, gab es solche Medien ja damals nicht – aber das heißt eben auch, dass wir bei der Beurteilung sehr vorsichtig sein sollten. Es ist wahr, wir sind über den Bildschirm und das Internet miteinander verbunden, aber sind wir wirklich zu seinem Namen hin versammelt? Geht es nicht in Matthäus 18,20 um einen ganz konkreten Ort? Ging es nicht auch in 1. Korinther 11 und 14 jeweils um einen ganz konkreten Ort (1Kor 11,17.18.20.33.34; 14,23.26)? Wie sollte sich eine Stätte, wo man versammelt ist, bewegen (Apg 4,30), wenn es gar keine gibt? Wenn der Herr Jesus wirklich online in der Mitte ist – hätten wir das wohl auch anerkannt, als es noch keine Krise gab? Und gilt das dann auch noch, wenn es keine Krise mehr gibt? Ich bin fast sicher, dass viele vor der Krise gesagt hätten: Einen Internet-Gottesdienst können wir nicht als vollwertigen Gottesdienst anerkennen! Aber warum geht es dann in der Krise?

Ich respektiere das Argument von David und den Schaubroten, dennoch sollten wir bedenken, dass es bei David ums blanke Überleben ging – auch war der wahre König in Israel verworfen und auf der Flucht. Die Zusammenkünfte der Gläubigen sind zwar ein schönes Hilfsmittel für das geistliche Wachstum eines Gläubigen, aber sie sind nicht existentiell – der Gläubige kann sich auch in Gott erfreuen, wenn er einsam ist und alleine dasteht (vgl. Ps 42 u. Ps 43). Gott hat ihm zum geistlichen Wachstum alles Notwendige persönlich geschenkt: „Seine göttliche Kraft hat uns alles zum Leben und zur Gottseligkeit geschenkt durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch Herrlichkeit und Tugend, durch die er uns die kostbaren und größten Verheißungen geschenkt hat“ (2Pet 1,4). Es ist wahr: Für Gläubige, die nie gelernt haben, geistlich auf eigenen Beinen zu stehen, scheinen diese Zusammenkünfte existentiell zu sein, aber das Problem liegt hier auf der Seite des Gläubigen und hat nichts damit zu tun, dass die Zusammenkünfte, objektiv betrachtet, existentiell wären. Für solche ist es jetzt gerade an der Zeit, ein eigenständiges Glaubensleben zu entwickeln und nicht nur durch den Glauben anderer zu leben.

Ich möchte nicht sagen, dass ich auf alle aufgeworfenen Fragen eine gute Antwort habe. Unterschiedliche Gemeinden werden hier wohl zu unterschiedlichen Ansichten gelangen und wir wollen uns gegenseitig ertragen. Mein Eindruck ist jedoch, dass wir sehr vorsichtig sein sollten, damit wir nicht in unserem wohlmeinenden Aktivismus über das Ziel hinausschießen. Es ist gut, dass wir wieder tief empfinden, dass nicht zuerst wir einen tiefen Verlust erdulden, sondern in erster Linie unser Herr. Denn während wir durch das Anhören von Online-Botschaften vielleicht nicht viel vermissen mögen, muss Gott auf das Opfer der versammelten Gemeinde (nicht auf die persönlichen Opfer) verzichten, und der Herr sitzt bildlich gesprochen ziemlich allein an seinem Tisch, weil kaum noch welche seinen Tod verkündigen. Es ist gut, wenn wir das empfinden, und viele empfinden auch genau das und wollen dem so schnell wie möglich mit Videokonferenzen begegnen. Dennoch kann es sein – wie wir oben gesehen haben –, dass der Herr bewusst auf diese Gemeinschaft an seinem Tisch verzichtet, weil es höhere Ziele gibt, die Er in uns erreichen möchte. Im Buch Daniel lesen wir einmal:

Dan 8,11.14: Auch bis zum Fürsten des Heeres tat er groß; und er nahm ihm das beständige Opfer weg, und die Stätte seines Heiligtums wurde niedergeworfen. … Und er sprach zu mir: Bis zu 2.300 Abenden und Morgen; dann wird das Heiligtum gerechtfertigt werden.

Gott zählt jedes Brandopfer, das Ihm vorenthalten wurde. Warum? Weil jedes Brandopfer ein Vorbild für die Hingabe des Sohnes ist – auf Ihn wies jedes einzelne Brandopfer hin. Die Brandopfer durften damals nur im Bereich des Heiligtums dargebracht werden, und so sind es nicht zuerst wir, die etwas vermissen, sondern Gott.

Und wenn es noch lange dauert?

Es mag sein, dass wir noch einige Monate keine Möglichkeit haben werden, uns in der zuvor gekannten Form zu versammeln. Sollen wir dann wirklich auf jegliche Form des Gottesdienstes verzichten oder sind dann Online-Gottesdienste inklusive Brotbrechen möglich? Wenn wir versuchen, diese Frage an Hand der Heiligen Schrift zu klären, dann geht es mir zuerst einmal darum, eine Bestandsaufnahme zu machen. Welche Bibelstellen kommen für eine Beurteilung überhaupt in Frage und in welche Richtung weisen diese Bibelstellen? Es geht mir dabei nicht um ein gesetzliches Bestehen auf irgendeiner Schriftstelle, sondern um die Richtung, in die eine Bibelstelle weist. Vielleicht ist es demnächst schon möglich, in sehr kleinen Gruppen in den Häusern mit genügend Platz für einen ausreichenden Abstand voneinander das Brot zu brechen und aus dem Kelch zu trinken, indem man den Wein nach der Danksagung in kleine Pinnchen umschüttet; dabei wären wir sicher auf der biblischen Seite. Aber dass jeder zu Hause ein Glas Wein und ein Stück Brot vor sich stehen hat, ist jedenfalls kein biblischer Weg. Das möchte ich im Folgenden kurz begründen:

  • Beim Abendmahl stehen zwei sichtbare Zeichen im Vordergrund. Das eine Brot spricht von dem einen Leib Christi (vgl. 1Kor 10,17). Es steht ein Brot vor uns, und das will uns gerade daran erinnern, dass es nicht mehrere Leiber gibt, sondern nur einen. Es gibt nur eine Gemeinde bestehend aus allen wiedergeborenen und mit dem Heiligen Geist versiegelten Christen (vgl. 1Kor 12,13). Dieser Gedanke geht verloren, wenn jeder vor dem Monitor sein eigenes Brot zu sich nimmt. Von dem Kelch heißt es: „der Kelch der Segnung“ (1Kor 10,16). Es sind nicht zwei Kelche, sondern ein Kelch, in dem alle Segnungen für alle Gläubigen gesichert wurden. Der Fokus liegt in 1. Korinther 10 gerade auf dem gemeinschaftlichen Aspekt. Ich sage nicht, dass am Bildschirm jegliche Form der Gemeinschaft unmöglich wäre, aber wir merken doch hoffentlich, dass wir vor dieser Krise niemals auf die Idee gekommen wären, das Brot vor den Bildschirmen zu brechen. Der Gedanke, dass jeder sein eigenes Brot hat, versinnbildlicht eher den Zustand von heute, dass jeder meint, er könne seine eigene Gemeinde wählen und viele Gemeinden könnten nebeneinander bestehen. Ist das nicht gerade das, was den Herrn so traurig machen muss?

  • Ist es ratsam, als Ehepaar das Brot zu brechen? Nun, auch hier möchte ich keine Gesetze aufstellen, aber wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir doch sagen, dass der Gedanke des einen Leibes völlig verlorengeht, wenn jeder für sich das Brot bricht. Es wird manchmal argumentiert, beim Passah gab es auch „ein Lamm für ein Haus“ (2Mo 12,3), aber hier ging es eben auch um das persönliche Teil, hinter dem Blut des Lammes Schutz zu finden. Aber beim Brotbrechen steht nicht nur das Lamm Gottes vor unseren Blicken, sondern auch der Gedanke der Einheit und des einen Leibes. Beim Brotbrechen mussten Menschen ihr Haus verlassen und in ein anderes Haus mit anderen Geschwistern zusammenkommen, um das Brot zu brechen (vgl. Apg 2,46). Ich möchte auch nicht sagen, dass es besondere Situationen geben könnte; es geht mir erst einmal um die Richtung, in die uns Gottes Wort weist.

  • Du sagst: Bei uns in der Gemeinde stehen sowieso immer mehrere Kelche und mehrere Brote auf dem Tisch! – Sollte man jetzt vielleicht mal nachdenken, ob man das nicht schon immer falsch gemacht hat? Die Schrift ist auch hier sehr deutlich: „Und während sie aßen, nahm er Brot, segnete, brach und gab es ihnen: Nehmt; dies ist mein Leib“ (Mk 14,22). Sie nahmen also alle von dem gleichen Brot. Vom Kelch heißt es: „Und er nahm einen Kelch …; und sie tranken alle daraus“ (Mk 14,23). Weiter heißt es: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“ (Lk 22,20). Auch hier geht es mir nicht um eine gesetzliche Einhaltung eines Rituals, sondern um die Richtung, die uns gewiesen wird.

  • Manche schlagen vor, dass während des Online-Abendmahls lediglich einer stellvertretend das Brot bricht und von dem Kelch trinkt oder dass jeder seinen eigenen Kelch und sein eigenes Brot vor sich hat, aber hat der Herr nicht gesagt: „Nehmt, esst [also Mehrzahl]; dies ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen diesen und sagte: Trinkt alle daraus“ (Mt 26,26.27)? Wenn einer stellvertretend für alle das Brot bricht und aus dem Kelch trinkt, wäre meine Frage, ob es denn dann nicht ähnlich ist wie in der katholischen Kirche, wo nur der Priester aus dem Kelch trinkt und die Gemeindemitglieder nicht von dem einen Brot essen, sondern jeder eine einzelne Oblate bekommt. Ich bin fast sicher, dass die gleichen Leute, die jetzt auf eine große Freiheit drängen, diese Dinge in der Vor-Corona-Zeit verurteilt hätten und den katholischen Weg als unbiblisch bewertet haben.

  • Einen weiteren Ansatz für die Beurteilung der aufgeworfenen Fragen können wir auch in den Vorbildern des Alten Testamentes finden. In 1. Korinther 10,14-22 wird der Tisch des Herrn mit dem alttestamentlichen Tisch des Herrn (vgl. Mal 1,7.12; Hes 41,22; 44,16), dem Altar, in Verbindung gebracht. Die Opfer durften nur an dem Ort dargebracht werden, den der HERR auserwählt hatte (vgl. 5Mo 12,1-14). Die Israeliten wurden eindringlich gewarnt: „Hüte dich, dass du deine Brandopfer nicht an jedem Ort opferst, den du siehst!“ (5Mo 12,13). Es gibt auch heute einen Ort, den der Herr auserwählt hat: der Ort, von dem Er selbst in Matthäus 18,20 spricht: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Es ist auch hier ein ganz konkreter geographischer Ort.

Ich sage nicht, dass wir vor leichten Entscheidungen stehen; ich möchte jedoch dafür werben, weitreichende Entscheidungen nicht zu schnell zu treffen, sondern ernsthaft ins Gebet zu gehen und vor dem Angesicht Gottes um eine weise Entscheidung zu ringen. Die obigen Punkte sollen dabei eine Hilfe sein, damit wir uns klarwerden, in welche Richtung uns die Heilige Schrift weist. Natürlich werden die meisten Gemeinden bereits eine Entscheidung getroffen haben, dennoch ist es für eine ehrliche persönliche und gemeinschaftliche Bestandsaufnahme nie zu spät. Vielleicht sollten wir ehrlich vor Gott hintreten und sagen:

Wir haben die Situation in deinem Wort untersucht. Wir sind beschämt, da wir keinen biblischen Weg finden, um an den Tod unseres Herrn in gottgefälliger Weise zu gedenken. Wir sind sehr betrübt, dass uns deine Wege in so ernster Weise getroffen haben. Wir wollen uns demütigen unter deine mächtige Hand und uns fragen, was du uns zu sagen hast. Aber sieh, hier stehen wir, und wir haben den Wunsch, an den Tod deines Sohnes zu denken und dich für diese unaussprechliche Gabe anzubeten; deshalb fragen wir dich, wie wir es vielleicht machen können.

Vielleicht sagt der Herr uns dann aber auch, dass wir die ganze Situation aus seiner Hand annehmen müssen und uns darunterstellen und die Zeit zur stillen Einkehr, Besinnung und Buße nutzen.

Natürlich haben wir auch in Krisenzeiten Verantwortung füreinander. Verantwortliche Brüder und Älteste einer örtlichen Gemeinde haben immer noch den Auftrag, die Herde Gottes zu hüten, die bei ihnen ist, und hier haben die digitalen Medien sicher ihren Platz. Zudem sind wir alle unseres Bruders Hüter (1Mo 4,9; Gal 6,2). Wie dankbar dürfen wir sein, dass wir einsame und ältere Geschwister anrufen können, eine WhatsApp-Nachricht, E-Mail oder SMS schicken dürfen. Außerdem muss es am Sonntag ja nicht zwingend einen „Gottesdienst“ geben oder einen Gemeindestundenersatz per Internet, sondern man kann sich doch auch so zu einer Videokonferenz verabreden und gemeinsam Bibel lesen, singen, sich mit einem kurzen Wort ermutigen und sich freuen, dass wir diese digitalen Möglichkeiten haben, dass wir uns sogar dabei ins Angesicht schauen dürfen. Jeder, der das einmal mitgemacht hat, wird doch sagen, dass es guttut, sich auf diese Weise gegenseitig im Glauben zu ermutigen.

Ich wünsche jedem Leser in dieser schweren Zeit einen weisen Umgang mit diesen Fragen.

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Hinweis der Redaktion:

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