Ballack: Von einem, der in die Bresche sprang ...
Gedanken zur Fußball-WM 2002

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 28.06.2002, aktualisiert: 11.01.2018

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist (fast) am Ziel ihrer Träume. Millionen von Menschen haben es gesehen, wie Deutschland gegen Korea mit 1:0 ins Finale einzog. Viele hat es begeistert, wie Michael Ballack sich in den Dienst der Mannschaft stellte und die Koreaner an einer guten Torchance hinderte [Anm.: Natürlich wollen wir nicht das Foulspiel gutheißen, sondern die Bereitschaft, mit vollem Einsatz und im Sinne der Mannschaft zu spielen![1], selbst auf die Gefahr hin, dass ihm das eine weitere gelbe Karte einbringen würde und er damit in einem möglichen Finale, dem Traum eines jeden Fußballspielers (!), nicht dabei wäre. Jedenfalls war Thorsten Frings seinem Mannschaftskameraden so sehr dankbar (er machte im Vorfeld den Fehler, der zu dieser Situation führte!), dass er nach dem Spiel sagte: „Nun müssen wir das Finale für Michael gewinnen!“

Ganz ehrlich, mich haben diese Worte doch bewegt. Natürlich, es ist nur ein Fußballspiel. Und sicher, es gibt wirklich wichtigere Dinge auf der Welt als Fußball, aber kann man nicht auch als Christ von solch einer Einsatzbereitschaft für das eigene christliche Leben etwas lernen? Ohne diesen Vergleich jetzt überstrapazieren zu wollen – aber sollten gewisse Werte, die man anscheinend in der deutschen Mannschaft wiederentdeckt hat, nicht auch uns Christen etwas zu sagen haben? Jedenfalls sind es doch moralisch hochstehende Werte, wenn von Zusammenhalt – „einer für den anderen“ – und von „in den Dienst der Mannschaft stellen“ die Rede ist. Sicher, wir Christen könnten das alles wissen, jedenfalls wenn wir gewissenhaft die Bibel lesen. Und doch, wie sieht es gerade unter uns Christen heute aus? Wo sind die Männer und Frauen, die sich aufreißen für den anderen, die sich einsetzen, die zusammenhalten, die nicht aufgeben und den guten Kampf weiterkämpfen?

In vielen Gemeinden lebt man doch vielfach aneinander vorbei, man sieht sich zu den „Gottesdienst“-Stunden, und ansonsten geht jeder so seinen Weg. Es ist doch manchmal erschreckend, wie viel „Eigenbrötlertum“ es gerade unter uns Christen gibt. Paulus forderte die Gläubigen in Ephesus auf, die nach Kapitel 2 anscheinend aus Nationen und Juden kamen, dass sie doch die Einheit, die der Geist bewirkt hatte, in Liebe, Sanftmut und Langmut bewahren sollten. Mehrmals schreiben die Apostel: Seid in Frieden untereinander. Oder wir denken an Philipper 2, wo es heißt, dass der eine den anderen höher achten sollte als sich selbst. Und wir denken auch an die bewegende Szene, als der Herr Jesus sich kurz vor seinem Tod das leinene Tuch umband und anfing, den Jüngern die Füße zu waschen. Ja, der Herr Jesus war der wahre Diener. Er war gekommen, nicht um bedient zu werden, sondern um zu dienen. Er hat sein Leben gegeben als Lösegeld für viele. Er ist in die Bresche gesprungen, die uns nicht nur den Einzug in ein Finale, sondern den Einzug in die himmlische und ewige Glückseligkeit gebracht hat. Er sagte noch kurz vor seiner Festnahme: „Wenn ihr mich suchet, dann lasst diese (die Jünger) gehen.“ – Das ist wirklich rührend! Wir singen in einem Lied:

O Liebe ohnegleichen!
Kein Sinn kann je erreichen,
wie Du, o Herr, uns liebst.
Vergaßest Deine Schmerzen,
trugst die nur auf dem Herzen,
die Du so unaussprechlich liebst!

Klar, uns sind als Christen diese Begebenheiten und auch dieses Lied sehr gut bekannt, zu oft haben wir diese Sätze gehört, das Lied gesungen, manchmal von der Sonntagsschule an. Aber wir sehen auch in ganz irdischen Dingen, dass, wenn man sich an gesunden Werten orientiert, das dann auch mit Segen verbunden sein kann. So sagt ja auch der Herr Jesus, wenn die Christen ihr „Einssein“ vor der Welt zeigen würden, die Welt dann sogar erkennen könnte, dass der Vater den Sohn gesandt hat (Joh 17). Aber was für ein Bild geben wir vor der Welt ab?

Sicher ist Einheit um jeden Preis die andere Gefahr, in die man verfallen kann. Aber wollen wir in diesen Tagen nicht einmal neu darüber nachdenken, wo wir dem anderen dienen können, wo wir mehr für die Gemeinschaft tun können und wo wir unsere Interessen einmal zurückstellen, weil wir den Mitbruder oder Mitschwester im Blick haben? Gibt es nicht auch heute noch Möglichkeiten, wo wir wie Mose, David oder Paulus für das Volk Gottes in ganz anderer Weise in die Bresche springen könnten? Als Mose vom Berg Sinai mit den Tafeln des Gesetzes kam, betete er um Gnade für das Volk Israel und wollte selber aus dem Buch des Lebens gelöscht werden, wenn nur Gott das Volk nicht verstoßen würde (2Mo 32). Paulus wollte mit einem Fluch von Gott entfernt werden, damit sich seine Volksgenossen und Brüder nach dem Fleisch für Christus entschieden (Röm 9). Und David betete einmal, dass Gott ihn strafen sollte und nicht das ganze Volk (1Chr 21). So betete David die rührenden Worte: „Herr, mein Gott, es sei doch deine Hand wider mich und wider das Haus meines Vaters, aber nicht wider dein Volk zur Plage!“

Denke einmal darüber nach!

 

Anmerkungen

[1] Man möge mir erlauben, die Begebenheit mit Ballack einmal durch die Brille eines deutschen Fußball-„Fans“ zu betrachten. Natürlich gibt es neben manchen Parallelen auch gravierende Unterschiede, auf die ich hier aber nicht eingehe.

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