Das Beste ist: Wir marschieren alle im gleichen Schritt
Die Gefahr, aus der Gemeinde eine Elite-Einheit zu machen ...

Frank Binford Hole

© EPV, online seit: 07.10.2001, aktualisiert: 20.11.2017

Vorwort der Redaktion
In seiner Broschüre Versammlungsgrundsätze beschreibt F.B. Hole einige wesentliche Merkmale, die man beachten sollte, wenn man sich zum Namen des Herrn hin versammelt. Hole (1874–1964; Kurzbiographie) war selbst eine Führerpersönlichkeit der sogenannten Brüderbewegung. Er hinterließ einen sehr lesenswerten Kommentar zum Neuen Testament (erschienen im CSV-Verlag, Hückeswagen).
Schon Hole erkannte, in welche Gefahren die Brüder laufen würden, sollten sie nicht wachsam sein. Inzwischen sind nach Holes Tod im Jahr 1964 mehr als fünfzig Jahre vergangen, und wir müssen davon ausgehen, dass sich die Situation nicht unbedingt zum Besseren verändert hat. Deshalb möchten wir zur Besinnung und Selbstprüfung besonders auf bestimmte Probleme hinweisen, die das Versammeln ohne eine Benennung oder Organisation mit sich bringt. 
Die Broschüre Versammlungsgrundsätze kann bei www.daniel-verlag.de oder www.csv-verlag.de bestellt werden.

Die Gefahr des Eklektizismus

Zum Schluss möchte ich noch auf das Aufkommen eines Eklektizismus eingehen. Unter den alten griechischen Philosophen waren die Eklektiker Leute, die sich nicht mit irgendeinem der anerkannten philosophischen Systeme identifizieren wollten, sondern es vorzogen, aus verschiedenen Systemen gewisse Ideen „zusammenzuschweißen“. Wir möchten dieses Wort benutzen, um Christen zu beschreiben, welche die ihnen wünschenswertesten Personen aussuchen und sie zusammenführen, um eine auserlesene Schar zu bilden. Ist es schriftgemäß, ausgesuchte und besonders geistliche Personen von den weniger erwünschten und weniger geistlichen Personen abzusondern und zusammenzuschließen?

Jeder, der über die vom Geist geleitete gottgemäße Bewegung, die zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts begann, gut informiert ist (wir haben diese Bewegung bereits mehrmals erwähnt), weiß, dass sie als Ergebnis die klare Wiederentdeckung und Lehre der Wahrheit hinsichtlich der Natur, des Charakters, der gegenwärtigen Vorrechte, der Verantwortung und zukünftigen Bestimmung der Kirche (Versammlung) Gottes hatte. Gläubige wurden aus vielen nicht schriftgemäßen Systemen herausgeführt und versammelten sich dann in der praktischen Anerkennung und im Gehorsam gegenüber der wiederentdeckten Wahrheit. Wenn jemand behaupten wollte, es sei das Ziel dieser Brüder gewesen, die Erlesensten und Geistlichsten, die in der Christenheit zu finden waren, zu einer Körperschaft zu vereinigen, so erweist sich seine Behauptung angesichts der noch vorhandenen Fülle der Schriften jener Zeitperiode als unzutreffend.

Aber was sagt die Bibel? Wir glauben, dass die Schrift zeigt, dass der einzige Weg, den Gott gutheißt für die letzten Tage jeder Haushaltung, der ist, so weit wie möglich zu den ursprünglichen Grundsätzen und Handlungsweisen, die die Haushaltung bei ihrem Anfang kennzeichneten, zurückzukehren. Die Geschichte vergangener Haushaltungen illustriert diesen Grundsatz, wie wir sehen werden. Gott richtet immer das auf, was nach Seinen Gedanken ist. Daher schließt jedes Abweichen von Seinen Grundsätzen Verderben in sich. Andererseits beginnen die Erfindungen des Menschen unfertig und undurchdacht und werden durch Veränderungen verbessert. […]

Die Grundlage der [Brüder-]Bewegung zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war und ist Absonderung zu Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden hin gemeinsam mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen. Gerechtigkeit beginnt damit, dass man Gott und Seinem Wort den gebührenden vorrangigen Platz und die volle Autorität einräumt. Glauben umfasst den ganzen geoffenbarten Willen und Ratschluss Gottes. Die Bewegung, von der wir reden, ist daher nicht in erster Linie ein Versuch, eine gewisse geistliche Klasse von Gläubigen zusammenzuführen (obwohl das in der Praxis geschehen mag). Es ist eine Bewegung, die der Heiligkeit Gottes Rechnung trägt, sodass etwas Bestimmtes vorhanden ist, das gesehen werden und an das man sich halten kann. Ihr Gehorsam erstreckt sich auf das ganze geoffenbarte Wort Gottes, und ein solcher Gehorsam ist praktische Gerechtigkeit.

Sollen wir nun angesichts alles bisher Gesagten, wenn wir uns mit wenigen Gläubigen zu dem Namen des Herrn hin versammeln, uns als eine geistliche Elite betrachten, die durch Treue gegenüber gewissen religiösen Handlungen oder Entscheidungen zusammengehalten wird oder durch Treue gegenüber einem Zeugnis, von dem wir glauben, es sei uns anvertraut worden, oder durch ein höheres geistiges Niveau, von dem wir denken, es habe uns geistlicher gemacht als andere? Oder versammeln wir uns als wenige Gläubige, die den Namen des Herrn wertschätzen, Seine Autorität anerkennen möchten und in praktischem Gehorsam der ganzen Wahrheit gegenüber zu wandeln wünschen, also wahren Versammlungsboden einnehmen, indem wir auf Seine Rückkehr warten?

Das ist nicht eine Frage von bloß theologischem oder akademischem Interesse. Sehr wichtige praktische Konsequenzen hängen davon ab. Unser Betragen und unser Tun, die Versammlungscharakter tragen, werden von unserer Antwort stark beeinflusst. Missverständnisse über diesen Punkt sind die Ursache vieler trauriger Fehler in der Vergangenheit gewesen.

Die Frage der Zucht verdeutlicht gut die Unterschiede zwischen den beiden Standpunkten in der vorgenannten Frage. Wir finden allerlei an Belehrung über Zucht in den Briefen, wo Zucht in verschiedenen Abstufungen von Strenge angeordnet wird, die in einigen Fällen als letztes Mittel ihren Höhepunkt im Ausschluss finden (der in Wirklichkeit das Eingeständnis ist, dass alle eigentliche Zucht das Böse nicht aufhalten konnte).

Von Anfang der Geschichte der Kirche (Versammlung) an ist Schwachheit in ihrer Mitte gewesen. Die Briefe zeigen uns, dass die Versammlungen, die von Paulus gegründet wurden, keine Vorbilder waren von dem, was eine Versammlung sein sollte, sondern es gab dort viele „Unmündige“, viele, die „fleischlich“ waren, viele, deren Hände schlaff, deren Knie gelähmt und deren Füße nahe daran waren, „vom Wege abgewandt zu werden“. Es gab auch „viele zügellose Schwätzer“, solche, die Christus „aus Neid und Streit“ predigten, und sogar judaisierende Lehrer, die versuchten, die Gläubigen in die Knechtschaft des Gesetzes und zum Judentum zurückzubringen. Es überrascht uns deshalb nicht, dass heute, wo auch immer sich Gläubige auf Versammlungsboden versammeln, ein ähnlicher Zustand der Dinge bald in ihrer Mitte offenbar wird. Was ist zu tun?

Die Antwort ist einfach für solche, die auf eklektischem Boden stehen. Jeder, der nicht mit ihrem Elite-Kreis übereinstimmt, ist unerwünscht und wird, wenn möglich, hinausgetan. Da kann zum Beispiel ein Bruder einer gewissen Handlung oder Entscheidung dieses Kreises nicht zustimmen und erhebt Einspruch. Die Folge ist, dass er nicht in Gemeinschaft bleiben darf, selbst wenn er dazu bereit ist, nachdem er durch seinen Einspruch sein Gewissen erleichtert hat. Oder ein anderer ist nicht imstande, eine mit Eifer verfochtene Lehrmeinung als gesund und als ausgewogenen Ausdruck der Wahrheit der Schrift zu akzeptieren. Da aber diese Elite-Vereinigung dieser Lehrmeinung anhängt, gibt es keine Ruhe, bis er von „drinnen“ nach „draußen“ getan worden ist. So wird der Ausschluss, ob nun direkt oder auf diese oder jene undurchsichtige Weise, das „Heilmittel“ für jegliches Übel in einem eklektischen System. Wenn du nicht völlig dem System zustimmst, so ist dein Platz draußen. Das ist zum einen außerordentlich einfach und hat überdies den äußeren Anschein großer Heiligkeit. Es erfordert keine Übung. Es strapaziert niemandes Geduld. Ein Ausdruck der Gnade Christi ist hier jedoch nicht zu finden. Dem Geltungsbedürfnis und der Selbstherrlichkeit des Menschen wird gedient, und es lässt dem Eigenwillen derer Freiheit, die sich mit diesem elitären System identifizieren. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass der Eklektizismus bei vielen festen Fuß gefasst hat und dass manche nicht in der Lage sind, etwas anderes wertzuschätzen.

Für solche, die auf Versammlungsboden stehen, ist diese Frage jedoch nicht so einfach. Die Grundlage ihrer Stellung ist, dass die Grundsätze der Versammlung sie leiten sollen. Die Versammlung ist aber der Ort, wo der Herr regiert und wo der Heilige Geist wirkt (1Kor 12,4-11). Sie ist der Ort, wo das inspirierte Wort Gottes führt und leitet. In Apostelgeschichte 15,13-29 lesen wir: „Simon hat erzählt … und hiermit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht … deshalb urteile ich … deuchte es uns, einstimmig geworden, gut.“ Die Versammlung ist der Ort, wo der Wille Gottes, wie er in Seinem Wort zum Ausdruck kommt, das Einzige ist, was zählt. Es darf daher niemals eine Zucht geübt werden, die strenger ist, als die Schrift anweist. Die Frage ist nicht: Was ist passend für unsere Gemeinschaft?, sondern: Was ist geziemend für das Haus Gottes, dem wir angehören, und was entspricht den Grundsätzen, nach denen wir wandeln möchten? Man kann diese Frage nur im Licht des Wortes Gottes beantworten.

All das bringt viele Übungen hervor, damit die Schrift richtig angewandt wird. Unsere Geduld wird dabei oft auf die Probe gestellt werden, weil Fälle vorkommen, für die wir in der Schrift keine direkten Anweisungen haben. Wir müssen dann im Gebet auf den Herrn warten, damit wir Seinen Willen erfahren und nicht eigenmächtig und ohne Ihn handeln. Dazu ist beständig Gnade nötig. Alle werden dazu gebracht, ihre eigene Nichtigkeit zu fühlen, und bloßer Eigenwille wird zurechtgewiesen. Schließlich kommt die Autorität, Zucht im Hause Gottes auszuüben, nur von Gott selbst. Indem wir zu dem Namen des Herrn hin versammelt sind, haben wir Autorität (Mt 18,18-20), aber wir können nur in Seinem Namen handeln, wenn wir uns durch Sein Wort leiten lassen.

Es hat sich oft Eklektizismus dort eingeschlichen, wo solche, die vor dem Wort Gottes zitterten, sich gefürchtet haben, zu handeln, weil sie keine Berechtigung dazu sahen. Die eklektische Schar oder ihr Vorgehen musste verteidigt werden; so empfand man, dass ein drastisches Handeln notwendig wäre, und wenn man vom Herrn keine Bevollmächtigung dazu hatte, so begründete man sein Vorgehen mit einer Schriftstelle, die sich nur ganz entfernt oder unklar auf den betreffenden Fall anwenden ließ. So geschah es immer wieder, dass das, was man Zucht im Hause Gottes nennt, nur dazu benutzt wurde, persönliche oder parteiliche Ziele zu stützen – eine sehr ernste Sünde! Durch solche Handlungsweisen verrät sich der Eklektizismus als eindeutige Sektiererei in einer sehr anmaßenden Verkleidung.

Abschließende Bemerkungen

Wenn Gläubige, wie wenige oder wie schwach sie auch sein mögen, sich wirklich auf Versammlungsboden versammeln, so wandeln sie gemäß der Heiligkeit des Hauses Gottes, wie sie in Seinem Wort niedergelegt ist. Sie trennen jedoch niemals ihre Herzen und Zuneigungen von der gesamten Kirche (Versammlung) Gottes. Sie erkennen Christus als ihr Haupt droben und den Heiligen Geist als ihre Kraft hier auf Erden an. Sie wissen, dass sie niemals über die Belehrungen des Wortes Gottes hinauszugehen brauchen, um das zu bewahren, was von Ihm ist (2Tim 3,16.17). Ja, sie sind nicht eifrig damit beschäftigt, eine Sache oder „das Zeugnis“ zu „retten“, weil sie begriffen haben, dass der Herr weiß, wie Seine eigene Sache bis zum Ende aufrechtzuerhalten und Sein eigenes Zeugnis zu bewahren ist. Es geht ihnen darum, dem ganzen Wort Gottes zu gehorchen. Durch einen solchen Gehorsam gewährleisten sie Errettung sowohl für sich selbst als auch für solche, die sie hören mögen (1Tim 4,15.16).

Wir tun wohl, wenn wir gleich dem Psalmisten zu sagen vermögen: „HERR!, nicht hoch ist mein Herz, noch tragen sich hoch meine Augen; und ich wandle nicht in Dingen, die zu groß und zu wunderbar für mich sind“ (Ps 131,1). Es gibt große Dinge, die zu hoch und zu wunderbar für uns sind und die der Herr sich vorbehalten hat. Er führt Sein eigenes Werk weiter. Er leitet Sein Zeugnis und bewahrt es, wenn es nötig ist. Er beauftragt und überwacht Seine Diener. Wenn jedoch wohlmeinende Menschen Dinge zu tun suchen, für die sie nie einen Auftrag erhalten haben, dann läuft das gewöhnlich darauf hinaus, dass sie zu tun versäumen, was Gott in der Tat von ihnen getan haben wollte!

Gott möchte, dass wir das weniger ins Auge fallende, aber praktischere Werk tun, nämlich im Gehorsam Seinen geoffenbarten Gedanken gegenüber zu wandeln. Wir sind hiergelassen, um der Wahrheit zu gehorchen, und das ist groß und hoch genug für uns. Die ganze Wahrheit ist in Christus zur Darstellung gekommen: Er ist die Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist für uns in der Schrift geoffenbart, deshalb ist das Wort die Wahrheit. Der Heilige Geist ist uns gegeben worden, sodass wir die Wahrheit kennen und ihr gehorchen können. Er ist der Geist der Wahrheit. Möchten wir deshalb genug Gnade haben, um unsere geistliche Energie darauf zu konzentrieren, der Wahrheit zu gehorchen!

Zum gleichen Thema: Versammlungskontrolle – Anmaßung der Gemeinde


Aus der Broschüre Versammlungsgrundsätze, S. 55-56, 59-64
von F.B. Hole (Ernst-Paulus-Verlag)

Weitere Artikel in der Kategorie Gemeinde (104)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...