Reden wir darüber ...
Von der Schwierigkeit, miteinander statt übereinander zu reden ...

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 26.09.2002, aktualisiert: 11.01.2018

Leitverse: Markus 2,13-28; 2. Mose 20,16

2Mo 20,16: Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen gegen deinen Nächsten.

Einleitung

Hast du dir auch schon einmal die Frage gestellt, warum es in unserer Zeit so schwierig ist, miteinander zu reden, und warum es so viel einfacher ist, bei Problemen übereinander zu reden? Ist das vielleicht ein typisches Problem unserer Tage oder hat es das schon immer gegeben? Oder ist das vielleicht für dich schon gar kein Thema mehr, weil du dies einfach so hingenommen hast?

Das sind alles Fragen, die wir uns einmal stellen sollten. Denn alles, was wir reden, soll wahr sein, denn die Schrift sagt: „Du sollst kein falsches Gerücht verbreiten“ (2Mo 23,1), oder: „Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“ (2Mo 20,16). Warum treffen wir dieses Problem selbst unter Christen so häufig an?

Wenn wir uns nun mit diesem Thema beschäftigen, dann kann nicht jeder Fall berücksichtigt werden, denn es gibt natürlich auch Situationen, in denen ein Gespräch nicht möglich ist, weil die Herzen verhärtet oder die Entfernungen zu groß sind. Es kann auch vorkommen, dass man bewusst zuerst mit einer dritten Person reden sollte, um einen geistlichen Rat zu erhalten, bevor man mit der betreffenden Person über Probleme und Schwierigkeiten redet.

Ist es nicht so, dass manches falsche Gerücht vielleicht ungewollt Kreise zieht, weil wir nicht bedacht haben, welche Folgen es haben kann, wenn wir eine Sache nicht ganz der Wahrheit gemäß erzählen? Selbst wenn wir über eine Sache nur die Hälfte weitergeben, können wir uns schuldig machen. „Hast du schon gehört, was der und der gesagt hat? Ist das nicht unmöglich?“ Solche oder ähnliche Sätze haben wir vielleicht selbst schon gesprochen, und wir können sie tagtäglich hören.

Wir wollen uns nun hauptsächlich Gedanken machen, wie wir am besten mit anderen direkt reden können und welche Gesinnung, welches Bewusstsein uns prägen sollte, wenn wir etwas weitergeben bzw. wenn jemand uns etwas weitersagt.

Das Reden übereinander gab es schon zu den Zeiten des Herrn Jesus

Eins steht fest: Diese Probleme, die wir heute haben, gibt es schon seit dem Sündenfall. Aber wir möchten uns besonders mit der Zeit des Herrn Jesus beschäftigen, in der das Reden übereinander, gerade in geistlichen Dingen, sehr beliebt war.

In Markus 2,13-28 finden wir dieses Problem gleich dreimal innerhalb eines Kapitels. Zuerst sehen die Schriftgelehrten und Pharisäer den Herrn Jesus mit den Zöllnern und Sündern zu Tisch liegen, und sie fragen die Jünger (nicht den Herrn): „Warum isst und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern?“ Ein anderes Mal wiederum, in Vers 18, als es um das Fasten ging, fragen die Pharisäer und die Jünger des Johannes den Herrn (nicht die Jünger): „Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht?“ Und wiederum in Vers 24; dort geht es um den Sabbat, da fragen die Pharisäer: „Siehe, was tun sie am Sabbat, das nicht erlaubt ist?“

In der ersten Begebenheit beklagten sich die Pharisäer bei den Jüngern über den Meister. Der Herr weist auf sich hin als den großen Arzt, der weniger auf den Buchstaben des Gesetzes sieht als viel mehr auf den Menschen in seinem Elend. Bei der zweiten und dritten Begebenheit traten kritische Fragesteller an den Herrn heran, diesmal um sich bei dem Meister über die Jünger zu beklagen. Offensichtlich fehlte ihnen der Mut, sich Auge in Auge auseinanderzusetzen. Bruder F.B. Hole schreibt dazu: „Diese unaufrichtige Methode, Verfehlungen nachzuspüren, ist sehr verbreitet. Lasst uns sie aufgeben!“

Auch in diesen beiden Begebenheiten stellt sich der Herr selbst vor die Blicke, einmal als Bräutigam und einmal als Herr des Sabbats. In beiden Fällen nimmt der Herr seine Jünger in Schutz. Hier liegt auch eine schöne Ermunterung für uns: Wenn einer nur etwas Negatives von seinen Geschwistern zu berichten weiß und den glimmenden Docht in der Asche nicht erkennen kann, dann lasst uns das Gute anerkennen und auf den Herrn hinweisen, der auch für den Mitbruder gestorben ist.

Damit wird ganz deutlich, dass dies auch ein großes Problem zu der Zeit Jesu war und dann noch im Zusammenhang mit „scheinbar“ geistlichen Fragen. Wir brauchen uns also nicht zu wundern, dass es gerade unter uns Christen diese Not gibt.

Wir wollen uns jetzt fragen, was der Auslöser dieser Probleme sein kann und wie wir gerade dieser Not, besonders auch in unserem eigenen Herzen, begegnen können. Denn eins ist sicher: Wenn wir nicht ganz nah beim Herrn sind, dann passiert uns dieses Übel ganz schnell.

Das Problem des Traditionalismus

Nun, das Problem der Pharisäer ist bekannt: Sie belasteten die Menschen „mit schwer zu tragenden Lasten“. Sie verließen sich nicht allein auf das Wort Gottes, sondern fügten noch Überlieferung auf Überlieferung hinzu. Außerdem hatten sie eine außerordentliche Schriftkenntnis, ohne jedoch Kraft daraus zu schöpfen. Die Kenntnis des Wortes ging so weit, dass sie, als sie gefragt wurden, wo der Christus geboren werden sollte, wie aus der Pistole geschossen antworten konnten: zu Bethlehem in Judäa (Mt 2,4)! Ein Computer hätte die Antwort wahrscheinlich auch nicht viel schneller hervorbringen können als diese Schriftgelehrten. Auch wir können unter diesen Dingen leiden. Wir stehen in Gefahr zu sagen: „Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts.“ Oder wir glauben, etwas besser zu wissen, und wir bestehen auf bestimmte Dinge, die sich letzten Endes vielleicht nur als Traditionen oder Überlieferungen herausstellen: „… und weißt nicht, dass du der Elende und der Jämmerliche und arm und blind und bloß bist“ (Off 3,17). Das sind also Fehler, die uns durchaus auch passieren können, da wir zur Gesetzlichkeit der Pharisäer neigen, die auch eine Form von Weltlichkeit ist (s. Kol 2,20).

Das Problem der mangelnden Liebe

Ein weiterer Auslöser für das Reden übereinander anstatt miteinander ist mangelnde Liebe. Dies geht Hand in Hand mit dem oben erwähnten Problem, nämlich dass wir vielleicht große Erkenntnis (so wie die Pharisäer) haben, aber keine Liebe. Wir stehen dann in Gefahr, aufgrund irgendwelcher Dinge (z.B. Briefe, Gerüchte, Vermutungen) unsere Schlüsse zu ziehen, ohne wirklich einmal miteinander gesprochen zu haben. Wenn wir unsere Schlussfolgerungen dann weitergeben, kann das dazu führen, dass wir dem Grundsatz der Liebe (vielleicht ungewollt) nicht mehr entsprechen, denn von der Liebe heißt es: „Sie denkt nichts Böses, … sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles [deckt alles zu], sie glaubt alles, sie hofft alles.“ Dies muss unser erster Gedanke sein, wenn es um Dinge geht, die man nur vom „Hörensagen“ und über Dritte, Vierte oder vielleicht sogar Fünfte gehört hat. Deshalb wird es immer besser sein, ein Gespräch mit der betreffenden Person zu suchen, um gegebenenfalls Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. So können Herzen verbunden werden in der Liebe und durch die Liebe. Die Liebe wird immer nach der Wahrheit verlangen, sie hat kein Interesse an der Ungerechtigkeit (1Kor 13,6). Die Liebe, die nicht aus der Wahrheit ist, ist auch nicht aus Gott, und offenbar Böses nicht sehen zu wollen, das sei auch gesagt, hat nichts mit Liebe zu tun.

„Lernt von mir …“

Wir wollen uns zum Schluss noch mit der positiven Seite beschäftigen, nämlich wie ich ein Gespräch mit einer Person führen kann, wo Probleme besprochen werden müssen und wobei Herzen gewonnen und geheilt werden können. Es reicht nicht aus, nur die Auslöser für unsere Probleme zu sehen, sondern wir brauchen auch die Ermunterung unseres großen Vorbildes, des Herrn Jesus. Wenn der Herr Jesus z.B. mit einer sündigen Person sprach, dann versuchte Er stets, das Herz zu gewinnen. Den Aussätzigen in Markus 1 berührte Er und wurde innerlich bewegt, als dieser vor Ihm niederkniete. Er berührte den, vor dem alle anderen wegliefen, weil keiner sich verunreinigen wollte. Wir zweifeln keine Sekunde daran, dass der Herr durch diese Berührung dieses arme und verzweifelte Herz zu sich zog.

Als der Herr die Frau am Jakobsbrunnen sitzen sah, sah Er eine Seele, die Durst hatte nach mehr, nach Ewigkeit. Aber Er sah auch eine Seele, die beladen war mit vielen Sünden. Der Herr wusste, dass Er dieser Seele nur dann das lebendige Wasser geben konnte, wenn zuerst das Problem der Sünden geklärt würde. Und so sehen wir, dass der Herr zu der Frau sagt: „Gehe hin, rufe deinen Mann und komm hierher.“ Der Herr sagte nicht, dass Er ihr das Wasser leider nicht geben könnte, weil sie eine stadtbekannte Hure wäre. Nein, unser Heiland offenbart hier, was Johannes im ersten Kapitel schreibt: „Wir haben seine Herrlichkeit angeschaut … voller Gnade und Wahrheit.“ Der Herr offenbart hier beides, indem Er die Frau behutsam zu einem Bekenntnis führt (Gnade) und indem Er sich mit ihren Sünden beschäftigt (Wahrheit). Ja, gelobt sei der Herr: „Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“

Auch Joseph, der ein herrliches Vorbild des Herrn Jesus ist, kann uns ein schönes Beispiel sein. Es entspricht dem Handeln des Herrn in Gnade und Wahrheit, wie Joseph mit seinen Brüdern in Ägypten handelte. Als sich Joseph seinen Brüdern zu erkennen gab, da sagte er unter Tränen: „Ich bin Joseph!“ Nur das? Nein, er fügte hinzu: „Lebt mein Vater noch?“ Er lenkt die Blicke aller auf den gemeinsamen Gegenstand ihrer Liebe: auf den Vater, so wie der Herr Jesus nach seiner Auferstehung die Blicke der Maria auf den gemeinsamen Gott und Vater gelenkt hatte: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater“ (Joh 20,17). Das ist eine wichtige Voraussetzung zu einem Gespräch (wobei es um Aussprache geht), dass man die Herzen zu dem gemeinsamen Gegenstand der Liebe erheben und festigen will. Ohne diese Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn können keine schwierigen Gespräche geführt werden. Mein Gegenüber muss erkennen können, dass ich, vielleicht nur in aller Schwachheit, die Verherrlichung Gottes des Vaters suche und von Herzen wünsche. Wäre es nicht schön, wenn wir viel mehr in dieser Gemeinschaft gefunden würden, wenn wir durch Liebe und Wahrheit geprägt wären? Würden dann nicht auch manche Probleme geringer und würden andere nicht sogar ganz verschwinden?

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