Böse Knechte in der Christenheit
Matthäus 24,45-51

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 25.07.2004, aktualisiert: 03.01.2018

Anmerkung der Redaktion
Der vorliegende Artikel ist ein Vortrag aus dem Jahr 1998. Wir haben uns auf einen bestimmten Abschnitt dieses Vortrages beschränkt, da er uns für die heutige Zeit sehr wichtig erschien.

Leitverse: Matthäus 24,45-51

Mt 24,45-51: Wer ist nun der treue und kluge Knecht {o. Sklave; so auch nachher}, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat, um ihnen die Speise zu geben zur rechten Zeit? Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, also tuend finden wird! Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen. Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verzieht zu kommen, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und isst und trinkt mit den Trunkenen, so wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tage, an welchem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß, und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil setzen mit den Heuchlern: Da wird sein das Weinen und das Zähneknirschen.

Aufruf zur Wachsamkeit

Wir haben hier in dieser Endzeitrede zuerst (in Matthäus 24) das, was der Herr Jesus über die Zerstörung des Tempels sagt, dann über die große Drangsal in der Endzeit und schließlich die Ermahnung zur Wachsamkeit in Matthäus 24,32-44. Das ist natürlich die Einführung zu unserem Thema. Denn auch hier sagt der Herr Jesus genauso, dass wir wachen sollen: „Wacht also, denn ihr wisst nicht, zu welcher Stunde euer Herr kommt“ (Mt 24,42). In gewisser Hinsicht haben wir schon in diesem Abschnitt kleine Gleichnisse so wie hier auch bei dem Dieb in Vers 43: „Jenes aber erkennet: Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb komme, so würde er wohl gewacht und nicht erlaubt haben, dass sein Haus durchgraben würde. Deshalb auch ihr, seid bereit; denn in der Stunde, in welcher ihr es nicht meinet, kommt der Sohn des Menschen“ (Mt 24,43). Und das ist bemerkenswert, denn wenn wir jeden Tag damit rechnen, wenn ich jede Stunde damit rechne, dann könnte mir das gar nicht passieren. Wenn der Herr dann kommt, dann weiß ich: Ja, ich hab doch sowieso damit gerechnet! Also, darüber staune ich gar nicht! Ich habe jede Stunde darauf gewartet, und wenn Er dann tatsächlich kommt, dann kann mich das nicht überfallen, als ob das etwas Fremdes, etwas Neues sein würde.

Und trotzdem sagt der Herr Jesus, ganz praktisch, ganz nüchtern, würde ich fast sagen: „In einer Stunde, in der ihr es nicht meint …“ Denn man kann – man soll – jeden Tag in der Erwartung des Herrn leben, und trotzdem wird dieses Kommen höchst unerwartet sein, denn plötzlich ist Er da. In einem Augenblick wird es sein, wo wir mit gewissen Dingen, mit gewissen Aufgaben – die wir ja selbst aus seiner Hand angenommen haben – beschäftigt sein werden. Wenn es nicht in der Nacht ist, wenn wir schlafen, dann werden wir mit etwas beschäftigt sein. Und das, was wir dann machen werden, das wird zu der Arbeit gehören, zu den Aufgaben, die wir von Ihm empfangen haben, oder vielleicht auch zu den Entspannungen, die wir auch als Geschenk aus seiner Hand angenommen haben. Aber Er kommt in dieser Hinsicht immer unerwartet. Wir warten auf Ihn und trotzdem wird es eine große Überraschung sein. Und in diesem Spannungsfeld leben wir.

Wann ging die Wachsamkeit verloren?

Im 1. Jahrhundert konnte man sagen: Jetzt ist es schon zwei Jahre oder zwölf Jahre oder zwanzig Jahre her, dass der Herr Jesus weggegangen ist von uns. Jetzt wird Er doch bald kommen! Aber man sieht schon im 2. Jahrhundert, dass da diese lebendige Erwartung allmählich aus den Gedanken verschwand, als der Herr Jesus nicht kam, als Er, so wie es jetzt in der revidierten Elberfelder Übersetzung heißt, „auf sich warten ließ“. Das haben wir sowohl in dem einen Gleichnis in Matthäus 24,48 als auch in Matthäus 25,5 gelesen: „Als er auf sich warten ließ …“ Wir sehen das in den Schriften der Kirchenväter ganz deutlich. Zuerst haben sie noch damit gerechnet. Eigentlich in den ersten Jahrhunderten. Man kann sagen, solange die Erprobungen, die Drangsale, die Verfolgungen unter den römischen Kaisern andauerte. Das kann man auch verstehen, dass sie sich immer nach dem Kommen des Herrn gesehnt haben.

Im 4. Jahrhundert kamen die Kaiser – zuerst Konstantin, der „der Große“ genannt wurde, Konstantin I. Als er das Christentum annahm (ich zögere zu sagen, dass er Christ wurde) und dann später das Christentum von seinem Nachfolger sogar zur Staatsreligion im Römischen Reich gemacht wurde, da konnten die Christen erleichtert aufatmen. Und sobald Christen aufatmen, sobald das Leben leichter wird auf der Erde, wird es weniger gut mit dieser Erwartung des Kommens des Herrn. Stärker noch, es kamen Stimmen, die sagten: Aber das, worauf wir gewartet haben, das haben wir doch jetzt. Was wir jetzt haben, ist das Millennium (das Tausendjährige Reich), das Reich des Friedensfürsten. Christus regiert, indem Er durch diesen gläubigen römischen Kaiser regiert. Jetzt ist Friede, die Pax Romana. Das war der römische Friede, den der erste Kaiser Augustus gestiftet hatte. Aber später wurde das auch noch ein christlicher Friede. Die Menschen wurden jetzt massiv, in großen Massen Christen. Hauptsächlich äußerlich, aber es werden auch viele ernsthaft zu Christus gekommen sein. Jetzt wurde es ein christlicher Friede, und viele meinten, dass jetzt das Friedensreich gekommen sei.

Und als dann Augustinus, der große Kirchenvater, im 4. und 5. Jahrhundert anfing, diese neue Lehre zu bringen, dass es kein Tausendjähriges Reich in der Zukunft mehr geben würde, da ließ die Erwartung allmählich nach. Menschlich gesprochen verständlich. Aber zu gleicher Zeit katastrophal. Aber warum? Ich habe diese Frage immer noch nicht beantwortet. Warum ist das nun katastrophal? Der Herr könnte doch jeden Tag kommen, und wenn Er kommt, dann ist das gut. Die Antwort ist: Wenn Menschen nicht mehr mit dem baldigen Kommen des Herrn rechnen, obwohl – das muss ich noch hinzufügen – natürlich orthodoxe Christen immer formal an das Kommen des Herrn geglaubt haben. Das haben sie immer wieder im apostolischen Glaubensbekenntnis in jeder Messe wiederholt, dass der Herr Jesus wiederkommen würde aus dem Himmel, um zu richten die Lebendigen und die Toten. Das wussten alle orthodoxen Christen ganz genau. Keiner zweifelte daran, aber die Vorstellung war, dass das am Ende der Zeiten ist. Am Ende der Zeiten – irgendwie bedeutete das: Wenn Er kommt, dann ist alles vorbei, dann bricht der ewige Zustand an, dann ist die Geschichte vorbei. Und psychologisch bedeutete das, dass das ganz weit weggeschoben wird.

Sobald man das Tausendjährige Reich nicht mehr sah, sobald das Kommen des Herrn etwas wurde – so wie noch viele Reformierte, Lutheraner und Katholiken das noch immer glauben –, dass der Herr Jesus am Ende der Zeit wiederkommt, dann bedeutet das, dass das doch ganz weit weg sein muss. Aber wenn wir an das Tausendjährige Reich glauben und wenn wir daran glauben, dass nichts dem Kommen des Herrn im Weg steht, dann ist es auch viel leichter anzunehmen, dass Er heute kommen kann. Aber das Kommen des Herrn, daran glaubte man, aber es war immer weit weg. Man glaubte daran formal – mit dem Kopf –, aber man rechnete nicht mehr damit. Und jetzt kommen wir endlich zu der Frage: Was war die Konsequenz? Und das zeigt uns das erste Gleichnis.

Konsequenzen fehlender Wachsamkeit

Es fiel mir beim Lesen auf – man hängt doch irgendwie an der alten Übersetzung, mit der man vertraut ist –, dass in Vers 48 noch buchstäblich steht: „wenn aber jener böse Knecht“ (Mt 24,48). Das ist es auch, was dort buchstäblich im Urtext steht, und ich kann verstehen, dass die Revision das etwas abgeändert hat, weil das ein wenig merkwürdig ist. Erst heißt es, er ist ein treuer und kluger Knecht (Mt 24,45), und dann in Vers 48 ist dieser selbe Knecht plötzlich jener böse Knecht, der jetzt in seinem Herzen sagt: „Mein Herr verzieht zu kommen.“ Wie ist das zu verstehen? Der treue und kluge Knecht ist jetzt plötzlich der untreue, der böse Knecht. Ja, aber der Knecht in diesem Gleichnis ist sozusagen die eine Kirche. In dem nächsten Gleichnis ist es anders, da haben wir innerhalb der Kirche, oder sagen wir genauer innerhalb der Christenheit, Unterschiede, da gibt es kluge Jungfrauen und es gibt törichte Jungfrauen. Aber das finde ich hochinteressant. In diesem ersten Gleichnis ist das nicht der Fall, da ist es die eine Christenheit, die man üblicherweise die Kirche nennt. (Ich will jetzt nicht darüber streiten, aber Kirche ist doch dasselbe wie ecclesia im Neuen Testament, das ist doch die wahre Gemeinde Gottes; aber nun gut, so redet man im Allgemeinen, ich meine jetzt damit die Christenheit.) Und da sehen wir, der treue und kluge Knecht ist nicht einfach die Gesamtheit der Christen, denn es heißt hier: „den Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat“. Es ist hier ein Hausherr. Ein Hausherr war jemand, der ein größeres Haus hatte, wo nicht nur Kinder sind, sondern auch Gesinde (Personal). Also ein Haus, in dem viele arbeiten, in dem viele Knechte sind. Ein Hausherr ist also nicht irgendein Mann, der in einem Haus wohnt, sondern ein Mensch, der viel Personal unter sich hat. Und dieser Hausherr ist hier weggezogen, aber er überlässt sein Personal (Gesinde) seinem treuen und klugen Knecht.

Die Führerschaft in der Kirche

Also, der Knecht ist nicht einfach die Christenheit, sondern die Führerschaft in der Christenheit, und in der Praxis bedeutete das natürlich die Führerschaft in der Kirche. Und das war bis 1500 n.Chr. hauptsächlich – hier im Westen jedenfalls – die römisch-katholische Kirche, in der ab 500 n.Chr. der Bischof von Rom immer mehr Autorität an sich zog. Besser gesagt, um das Jahr 500 war dieser Prozess bereits abgeschlossen; man kann sagen, das Papsttum fängt etwa um diese Zeit an, als die Oberautorität des Bischofs von Rom nicht mehr angezweifelt wurde. Das war die Zeit von Gregorius dem Großen. Das war die Führerschaft in der Kirche.

Der Herr Jesus hatte seine Gemeinde den Leitern, den Aufsehern, den Ältesten anvertraut – Bischof kommt aus dem griechischen episkopos und bedeutet einfach „Aufseher“ – immer in der Mehrzahl. Nun sieht man: Sie sollten dem Volk Speise geben. Das ist eine wichtige Aufgabe, weil der Aufseher auch Hirte ist. Er versorgt das Volk, er bringt ihnen nicht nur Lehre bei – Wahrheiten –, obwohl das natürlich an sich nicht unwichtig ist, sondern er gibt ihnen Speise (Nahrung). Das ist sehr wichtig. Aufsicht kann sehr schnell bedeuten, dass wir nur Kontrolle ausüben. Aber Aufseher haben zuerst dafür zu sorgen, dass nicht aufgepasst wird, dass die Schafe nicht weglaufen, sondern dass die Schafe Nahrung bekommen. Jeder, der diese Aufsicht begehrt nach 1. Timotheus 3, hat sich zuerst diese Frage zu stellen: Bin ich denn so sehr an der Herde interessiert, dass sie Nahrung bekommt? Bin ich um das Wohl der Herde wirklich besorgt? Und nicht nur: Das passt mir gut, ich habe gute Gaben, die Aufsicht auszuüben. Nein, sie müssen Speise bekommen. „Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird. Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen.“ Wir werden uns morgen Abend in dem Gleichnis der Pfunde noch weiter damit beschäftigen, weil wir da auch sehen, dass der treue Knecht über vieles gestellt wird – über fünf Städte, über zehn Städte. Und das, was der Herr Jesus hier sagt, bezieht sich auf die Zukunft. Mit anderen Worten: Das, was ich sein werde im Tausendjährigen Reich, wird bestimmt durch das, was ich jetzt bin.

Und ich frage mich, ob das nicht sogar über das Tausendjährige Reich hinausgehen wird. Ich habe mich in den letzten Jahren immer mehr mit diesem Gedanken vertraut gemacht, den ich schon vor Jahren hörte, dem ich aber sofort erstmal kritisch gegenüberstand; aber es ist ein Gedanke, der mir immer wertvoller geworden ist. Und das ist dieser Gedanke: Wir werden in der Ewigkeit das sein, was Gott hier auf Erden aus uns hat machen können, so wichtig ist das Leben hier. Und ich glaube das bedeutet auch: Leben im Lichte der Zukunft! Was kann Gott aus mir machen hier auf dieser Erde? Wie ist es mit meinem geistlichen Wachstum? Wie ist es mit meiner Heiligung? Wie ist es mit meiner Hingabe? Das ist nicht nur bestimmend für die Frage, über wie viel Städte ich regieren werde, sondern auch, was ich sein werde in der Ewigkeit. Wir werden alle vollkommene Gefäße sein, voll von dem Herrn – das ist Vollkommenheit, alle werden vollkommen sein –, aber es wird kleine und große Gefäße geben. Das ist mein starker Eindruck und diese Gefäße werden alle voll sein, und kleine Gefäße sind auch genauso voll wie die großen Gefäße, sie können jedoch sehr viel weniger beinhalten als große Gefäße. Was kann der Herr aus uns machen? Und jetzt ist es das Entscheidende in diesem Gleichnis – es ist viel mehr dazu zu sagen, aber wir wollen uns jetzt auf den Punkt beschränken –, das Entscheidende ist also, inwieweit man sich ausrichtet auf das Kommen des Herrn.

Das ist nicht das Einzige, aber es hier die Belehrung. Und das sehen wir sofort in dem nächsten Punkt: „Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verzieht zu kommen, und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und isst und trinkt mit den Trunkenen …“ usw., dann sehen wir, dass sein Teil gesetzt wird mit den Heuchlern. Ich greife jetzt etwas voraus; ich komme direkt darauf zurück, was dieser böse Knecht macht. Aber sein Teil ist mit den Heuchlern, das heißt, er hat noch immer sein christliches Gesicht, aber er benimmt sich nicht mehr wie einer, der dem Herrn angehört. Ein Heuchler ist jemand, der von innen anders ist, als man von außen an ihm sieht. Und das ist erschütternd! Und was ist der Knackpunkt bei ihm, was hat er falsch gemacht, wo ging es schief mit ihm? Es ist dieser Punkt: „Mein Herr lässt auf sich warten“, „Mein Herr verzieht zu kommen“! Und jetzt sind wir bei dem schlagenden Punkt. Jetzt sehen wir, was die Erwartung bedeutet.

Konsequenzen einer falschen Erwartung

Erwartung bedeutet: Diese Gemeinde, diese örtliche Gemeinde, über die der Herr mich gestellt hat, gehört Ihm. Es ist seine Gemeinde, nicht meine! Ich muss sozusagen jeden Tag bereit sein, diese Aufgabe Ihm zurückzugeben, und das tue ich in dem Augenblick, wo Er wiederkommt. Aber sobald sein Kommen auf den Hintergrund meiner Gedanken rückt, wird in der Praxis diese Gemeinde immer mehr zu meiner Gemeinde. Versteht mich richtig. Hier haben wir einen ganz wichtigen Punkt. Da wird die Gemeinde immer mehr unsere Gemeinde, über die wir verfügen können, weil das Kommen des Herrn doch immer erst am Ende der Zeiten ist. Und inzwischen entscheiden wir hier, was in dieser Gemeinde zu tun ist oder was auch nicht. Und dann sehen wir, dass der treue Knecht genau derselbe ist wie der böse Knecht, weil er zuerst ein treuer Knecht war, solange er noch an das baldige Kommen seines Herrn glaubte. Aber dieser selbe Knecht – deshalb heißt es „jener böse Knecht“ –, dieser selbe Knecht wird ein böser Knecht in dem Augenblick, als er sagt: Mein Herr lässt auf sich warten.

Das bedeutet, ich brauche mit seinem Kommen überhaupt nicht mehr rechnen, inzwischen mache ich hier, entscheide ich hier und bestimme ich hier, was zu tun ist. Ich verfüge inzwischen über diese Gemeinde – sie ist meine Gemeinde! Und das ist auch geschehen. Sobald das Wiederkommen des Herrn als praktische Erwartung in den Hintergrund der Gedanken rückte, da ging es in mancherlei Hinsicht schief in der Kirche. Da gab man dem Volk keine Speise mehr – ich rede jetzt nicht von den vielen positiven Ausnahmen, die es natürlich immer in der Kirchengeschichte gegeben hat, wir müssen nicht allzu pauschal argumentieren. Ich denke an den Brief an Thyatira in Offenbarung 2, wo die Frau Isebel Hurerei und Götzendienst in die Gemeinde hineinführt, und trotzdem wird am Anfang der Beschreibung sehr Schönes ausgesagt über diese Gemeinde. Es war auch viel Gutes darin, das dürfen wir nicht übersehen. Der Herr Jesus fasst die Kirchengeschichte hier sehr sehr knapp zusammen. Denn so sehe ich das als eine ganz kurze Beschreibung der Kirchengeschichte – sehr kurz! –, es gab einige schlagende Punkte, wir dürfen nicht alles auf einen Haufen werden, es war auch sehr viel Positives dort. Es hat große Bußprediger gegeben – wie wir das jetzt nennen würden –, durch die auch wirklich viele Menschen Buße getan haben. Heute würden wir von einer Erweckung sprechen, die es auch damals schon längst vor der Reformation hin und wieder gegeben hat. Aber im Großen und Ganzen war das das Bild: Das Kommen des Herrn war weit weg. Und das bedeutete: Die Kirche ist unsere Kirche.

Wer vielleicht den Roman von Dostojewski Die Brüder Karamasov kennt, der weiß, dass darin die berühmte Erzählung von dem Großinquisitor erzählt wird. Und er erscheint dort plötzlich und die Menschen erkennen ihn sofort. Ein totes Kind wird aus der Kirche hinausgeführt, und er bringt dieses Kind zurück ins Leben und die Menge jauchzt. Aber der Großinquisitor – also der Mann aus der Inquisition, der all diese Ketzer am vorhergehenden Tag hat verbrennen lassen – befiehlt seinen Männern, und sie nehmen diese Figur, die alle als Christus erkannt haben, gefangen.

In der Nacht kommt der Großinquisitor und führt ein Gespräch mit ihm, ein sehr einseitiges Gespräch. Er redet und redet, und was er da redet, ist hochinteressant. Er gibt von seinem Gesichtspunkt aus eine Übersicht über die Geschichte der Kirche bis dahin. Und ganz kurz zusammengefasst ist das die Botschaft: Du hast uns die Kirche anvertraut, und du darfst dich damit nicht beschäftigen, bis du wiederkommst, und das dauert noch lange, und in der Zwischenzeit, darfst du uns nicht vor den Füßen laufen, darfst du dich nicht mit der Sache beschäftigen. Du hast sie uns anvertraut, mische dich da nicht hinein. Wir wissen genau, was die Leute brauchen. Du hast mit deiner Lehre auf Erden viel zu hohe Anforderungen gestellt, die können die Leute gar nicht verkraften, deshalb würdest du, wenn du die Sache selbst in die Hand genommen hättest, nie die große Menge erreicht haben. Aber wir haben die große Menge erreicht, wir haben das ganze Europa an unsere Füße gelegt, weil wir wissen, was das Volk braucht und was es gerne sehen will, was sie gerne hören wollen, was sie gerne essen wollen, und sie machen genau, was wir wollen, mische dich bloß nicht hinein in unsere Sache. Er redete sehr lange. Ich erzähle nur kurz, wie die Geschichte zu Ende geht. Am Ende kommt diese geheimnisvolle Figur – die alle als Christus erkannten – auf ihn zu und küsst ihn. Und darüber ist der Großinquisitor, ein alter Mann von über neunzig Jahren, völlig verwirrt, und er öffnet die Tür und sagt: „Geh weg, komm nie wieder.“ Und diese Figur geht.

Und Christus? Wenn wir Ihn nicht haben wollen, wenn wir Ihn nicht brauchen, wenn Er lästig ist, wenn Er sich hineinmischt in unsere Sachen, dann geht Er noch immer. Ich finde das eine sehr bewegende Botschaft. Ich habe die Geschichte sehr oft gelesen und auch sehr oft vorgelesen vor meinen Studenten, weil sie so bewegend ist, und auch besonders durch die Analyse, die der Großinquisitor gibt, worauf ich jetzt nicht eingehe. Aber das ist jetzt meine Hauptbotschaft: Mische dich bloß nicht hinein! Nun, das war die römisch-katholische Kirche im Mittelalter.

Aber ich habe mir so oft die Frage gestellt: Wir bekennen, dass der Herr Jesus in unserer Mitte ist, wenn wir zusammenkommen. Aber stellen wir uns vor, dass der, der ja in der Mitte ist, sichtbar in der Mitte sein würde. Grundsätzlich macht das überhaupt keinen Unterschied, ob Er nun sichtbar ist oder nicht, Er ist dabei. Aber irgendwie – ich hätte den Mut nicht mehr, noch aufzustehen und ein Wort zu sprechen. Und besonders, wenn die Aufseher zusammenkommen, um über die Gemeinde zu reden, die ja in der Praxis oft – obwohl sie das natürlich nicht so sagen – ihre Gemeinde geworden ist, und Er wäre dabei. Er würde vielleicht sogar noch seine Ansprüche erheben und sagen: „Pass auf, das ist doch meine Gemeinde!“ Könnte es nicht genauso sein, dass wir Ihn sehr lästig finden würden und das Gefühl hätten, dass Er sich in eine Sache hineinmischt, die Ihn letztendlich gar nichts angeht, sondern uns? Ich sage es etwas überspitzt, aber ich denke, sehr viele Spannungen, sogar Trennungen in vielen Gemeinden entstehen genau dadurch. Sie entstehen dadurch, dass in der Praxis (natürlich nicht nach unserem Bekenntnis und wenn wir das solchen Brüdern sagen würden, dann würden sie sogar sehr empört sein und nicht heuchlerisch, weil sie sich selbst da – das ist meine absolute Überzeugung – sich zu schlecht kennen. Oder vielleicht reagieren sie so gereizt, eben weil sie erkennen, das etwas daran ist) die Gemeinde unsere Gemeinde geworden ist, die so aussehen muss, wie wir das haben wollen, und so, wie wir es auch immer gemacht haben, wie unsere Vorväter es auch schon gemacht haben. Das ist unsere Gemeinde: „Fass die nicht an! Wenn du etwas anderes haben willst, dann musst du rausgehen und deine eigene Gemeinde machen“ – das ist ganz kennzeichnend –, „dann machst du deine eigene Gemeinde, denn die hier ist unsere Gemeinde!“

Aber Trennung, Spaltung, Druck, Verfolgung oder wie man es auch nennen will, das ist genau das, was hier steht: „seine Mitknechte zu schlagen!“, und im eigenen Selbstvergnügen umzukommen, zu essen und zu trinken mit den Trunkenen. Natürlich, letztendlich geht es hier um einen – so wie es heißt –, der entzweigeschnitten wird; sein Teil wird mit den Heuchlern sein, da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. So ist das auch bei den törichten Jungfrauen; die Darstellung ist so, dass sie verlorengehen. Es sind keine aufrichtigen Christen. Aber in dem Augenblick, wo ich das sage, könnten wir schnell schließen: Aha, dann haben wir also mit den ganzen Sachen nichts zu tun, denn wir haben auch manchmal mit solchen Leuten zu tun, aber wenigstens sind das doch wiedergeborene Christen. Na, erstens sage ich, wir kennen die Herzen nicht – wir müssen vielleicht manchmal vorsichtig sein, das allzu leichtfertig zu sagen –, und zweitens, wenn es sich auch um solche hier handelt, die tatsächlich verlorengehen, dann kann immer noch das, was hier steht, grundsätzlich angewandt werden auf alle, die irgendwie in der Gemeinde Verantwortung haben, die gestellt worden sind über das Gesinde, über solche, die dem Haus dieses Hausherrn angehören. Wenn ich den Herrn Jesus nicht lebendig erwarte, wird ganz leicht sein Haus mein Haus, wo ich machen kann, was mir richtig erscheint.

Konsequenzen einer richtigen Erwartung

Ich hörte mal eine kleine Geschichte in Italien von einem Reisenden, der an einem großen Park vorbeiging, wo ein wunderbares Haus stand. Aber der Park selbst war auch sehr schön ausgestattet und da waren viele Arbeiter tätig, um diesen Park so schön auszuschmücken. Und der Reisende kam ins Gespräch mit einem dieser Arbeiter und fragte, wer da wohnte, und da stellte sich heraus, dass der Bewohner dieses Hauses sehr oft verreist war, und inzwischen war er wohl jetzt schon mehrere Jahre nicht zu Hause gewesen. Da fragte der Reisende: Wenn das so ist, warum macht ihr euch so viel Mühe, den Garten, den Park so schön zu unterhalten? Was bringt das? Was hat das für einen Sinn? Und die Antwort war: Wir wissen nicht, wann er wiederkommt! Aber in dem Augenblick, wo er wiederkommt, muss der Park einwandfrei aussehen. Stell dir mal vor, sie wüssten, er kommt nächstes Jahr im August zurück – ja, warum sollte man sich um den Park kümmern? Das ist doch überhaupt nicht nötig. Im nächsten Jahr im Frühling, wenn der Winter vorbei ist, dann fangen wir erst mal wieder neu an, nach dem Garten zu schauen, und geben uns mehr Mühe, und dann wird der Park im August wieder sehr schön sein. Da brauchen wir uns doch jetzt überhaupt keine Mühe zu machen. Aber wenn man weiß, dass er heute wiederkommen kann, dann weiß man jeden Tag, Sommer und Winter: Der Park muss bestens aussehen.

Wenn ich Aufseher sein würde über eine Gemeinde (und das bin ich auch, mit anderen natürlich), wenn ich also Aufseher bin über eine Gemeinde und ich weiß, der Herr kann heute kommen und sagen: Hör mal, das ist hier meine Gemeinde, was habt ihr daraus gemacht? – was für eine Verantwortung bringt das mit sich! Ich muss Ihm da sagen können: Herr, wir haben gemacht, was wir konnten, und wir haben uns dabei ständig vor Augen gehalten, dass es deine Gemeinde ist, deshalb haben wir auch jedes Mal, als wir auch zusammenkamen, gefragt: Herr, was ist dein Wille für diese Gemeinde? Herr, was sind deine Pläne für diese Gemeinde? Und ich kann auch in Aufrichtigkeit sagen, dass ich nicht sage, dass wir es immer so gut machen. Wenn wir zusammenkommen als Aufseher, beten wir immer genau das. Und es ist uns wirklich ein echtes Anliegen, obwohl ich glaube, dass wir trotzdem Fehler machen und dass wir uns in der Praxis doch so benehmen können, als ob es doch irgendwie wieder unsere Gemeinde ist. Aber das Anliegen sollte grundsätzlich sein: Herr, es ist deine Gemeinde! Wir sollten uns dies ständig in Erinnerung bringen.

Die Reformation und die Erwartung des Herrn

Wir gehen weiter. Dann kam die Reformation. Sie hat sich mit sehr vielen wichtigen Fragen auseinandergesetzt, aber nicht mit der Zukunft. Ich sage das nicht, um den großen Reformatoren Luther und Calvin Vorwürfe zu machen, die hatten so viel zu tun. Es gab andere Prioritäten. Andere Prioritäten: Rechtfertigung, nur aus Glauben; die Wiederherstellung der Autorität des Wortes Gottes, nicht zuerst die Autorität der Kirche oder der Tradition, sondern die Autorität des Wortes: ganz wichtige Fragen, sogar entscheidend, aber irgendwie haben sie über die Zukunft dasselbe ausgesagt, was die Kirche schon immer gesagt hat. Sie haben auch die Lehre von Augustin wiederholt, dass die Kirche jetzt an die Stelle von Israel getreten sei. Von einer Zukunft Israels hatten sie also überhaupt keinen Blick: Wir sind das wahre, geistliche Israel, für uns sind die Segnungen, und für Israel die Verfluchungen. Nun, wir haben bis ins 20. Jahrhundert erlebt, was die Folgen solcher Gedanken sind, und über die Zukunft hat man sich weiter keine Gedanken gemacht. Auch wieder mit Ausnahmen – aber darüber wollen wir uns jetzt nicht unterhalten.

[…]


Der Vortrag wurde von SoundWords sprachlich leicht bearbeitet,
wobei der Vortragsstil jedoch beibehalten wurde.

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