Die Sprache Kanaans
Ist sie ein Hindernis für moderne Zuhörer?

Johannes Pflaum

© J. Pflaum, online seit: 23.10.2001, aktualisiert: 20.11.2017

Die Sprache Kanaans

Wahrscheinlich ist Ihnen diese Formulierung auch schon begegnet. Meistens wird sie etwas spöttisch und abwertend für einen Sprachschatz gebraucht, der mit biblischen und christlichen Begriffen durchzogen ist. „Die Sprache Kanaans“, so wird gesagt, „sei ein großes Hindernis, um dem Glauben fernstehende Menschen zu Christus zu führen.“

Manche sind regelrecht bemüht, jeden Anflug von „kanaanäisch“ in ihrer Verkündigung zu vermeiden. Andere beschleicht ein bedrückendes Gefühl, wenn abwertend und etwas ironisch über das „Kanaanäisch“ geredet und geurteilt wird. Was ist nun davon zu halten? Haben die Kritiker der „Sprache Kanaans“ recht, oder ist Gefahr in Verzug, dass biblische Inhalte verwischt werden?

Eine verständliche Sprache ist wichtig

Ohne Zweifel ist es wichtig, eine Sprache zu sprechen, welche die Menschen heute verstehen. Dabei muss sauber differenziert werden zwischen biblischen Begriffen und einer antiquierten Sprache. So haben Wörter wie z.B „sintemal“, „fürbass“ oder „weiland“ nichts mit biblischen Begriffen zu tun und können durch „weil/da“, „weiter/weitergehen“ sowie „früher“ problemlos ersetzt werden, ohne dem biblischen Text Abbruch zu tun.

Ebenso ist eine süßlich säuselnde oder pomadige Predigt nicht mit einer vollmächtigen Verkündigung zu verwechseln. Sicher sollte auch kein wahlloses „Feuerwerk“ von christlichen Begriffen abgebrannt werden, ohne sich über deren eigentliche Bedeutung und inhaltliche Füllung im Klaren zu sein. Aber bei der abschätzigen Beurteilung der „Sprache Kanaans“ geht es oft um mehr.

Eine alarmierende Bibelstelle

Immer wieder hat mich ein bedrückendes Gefühl beschlichen, wenn Personen, meistens aus einem gut gemeinten missionarischen Eifer heraus, sich abfällig oder sogar sehr spöttisch über die „Sprache Kanaans“ äußerten. Dabei wurde oft allzu schnell die Grenze zwischen einem altmodischen Deutsch und biblischen Sachverhalten verwischt. Als ich dann in der Bibel tatsächlich auf die Sprache Kanaans stieß, begannen alle „Alarmlichter“ zu blinken. In Jesaja 19,18 steht: „An jenem Tag werden fünf Städte im Land Ägyptens sein, die die Sprache Kanaans reden und dem HERRN schwören werden.“ Hier geht es um Gottes zukünftige Segenszeit mit Israel im Tausendjährigen Reich. Das Reden der „Sprache Kanaans“ ist somit im biblischen Zusammenhang nichts Abwertendes, sondern ein Zeichen für Gottes erneuerndes Handeln an Ägypten!

Wie aber kann es sein, dass ein biblischer Sachverhalt, der Gottes rettendes Handeln zum Ausdruck bringt, zunehmend als eine abfällige oder spöttische Redewendung gebraucht wird? Wenn dies auch oft aus Unwissenheit geschieht, wird doch damit deutlich, dass der abwertende Gebrauch der „Sprache Kanaans“ nicht dem Heiligen Geist und der biblischen Wahrheit entspringen kann.

Neue Begriffe – neue Inhalte?

Leider bleiben bei Kritikern der „Sprache Kanaans“ im Bemühen um ein verständlicheres Deutsch oft biblische Wahrheiten auf der Strecke. So werden bei dem Feldzug gegen das „Kanaanäisch“ biblische Begriffe wie z.B. Lamm Gottes, Blut und Kreuz Christi, Gnade, Heiligkeit Gottes, Gericht, Sünde, Hölle, Verdammnis etc. aus der Verkündigung verbannt.

Damit werden aber nicht nur Begriffe, sondern biblische Inhalte über Bord geworfen. So ist es ein großer Unterschied, ob ich in einer Verkündigung das biblische Sündenverständnis erkläre oder lediglich von „Fehler machen“ rede. Bedeutende biblische Begriffe können wir nicht einfach auswechseln, ohne inhaltliche Einbußen hinzunehmen. Stattdessen sollte es uns ein Anliegen sein, z.B. das Lamm Gottes, das Kreuz Christi, die Heiligkeit Gottes, Sünde usw. ganz neu unseren Mitmenschen zu erklären. Könnte es vielleicht auch sein, dass eine lau gewordene Christenheit viele biblische Begriffe leichtfertig wegwirft, weil sie selbst nichts mehr damit anzufangen weiß?

In diesem Zusammenhang stimmt es bedenklich, dass Bibelübertragungen wie „Hoffnung für alle“ oder die „Gute Nachricht“ innerhalb der Gemeinde Jesu mehr und mehr Verbreitung finden. Sicher können solche Übertragungen nach genauer Prüfung auch eine Verständnishilfe im heutigen Deutsch bieten. Aber um persönlich tiefer in Gottes Wort hineinzuwachsen, benötigt man eine gründliche und gute Übersetzung des biblischen Grundtextes und nicht etwa eine menschliche Interpretation (Bibelübertragung) oder sogar stellenweise eine handfeste Verfälschung des biblischen Sachverhaltes (wie z.B. in der Guten Nachricht).

Prägung oder Preisgabe?

Die Bekämpfer des „Kanaanäisch“ führen oft als Vorbild Martin Luther an, der für seine Bibelübersetzung dem Volk „aufs Maul geschaut hat“. Zweifellos war Luther von dem gottgewirkten Anliegen getrieben, eine für das Volk verständliche Bibel zu übersetzen. Aber etwas sehr Wichtiges wird dabei übersehen: Luther hechelte mit seiner allgemein-verständlichen Übersetzung nicht etwa dem Zeitgeist hinterher, sondern prägte und formte durch das Wort Gottes die deutsche Sprache, indem er die Bibel übersetzte! Das ist der grundlegende Unterschied zur postmodernen angepassten Verkündigung, in der zunehmend eine Preisgabe der biblischen Begriffe und Inhalte festzustellen ist.

Durchdringung oder Verdrängung

George Whitefield wurde von Gott in eine Generation gerufen, die vom völligen moralischen Zerfall und einer gesellschaftlichen Verrohung gekennzeichnet war. Gott gab ihm mit einer lebendigen und bildlichen Verkündigung den Zugang zu allen Bevölkerungsschichten. Die Durchschlagskraft seiner Botschaft machte ihn zu einem der größten Verkündiger in der Kirchengeschichte. Whitefields Wirken wurde dadurch gekennzeichnet, dass seine Verkündigung immer mehr von Gottes Wort durchdrungen war.

Benedikt Peters lässt in seiner Biographie über George Whitefield einen Zeitzeugen zu Wort kommen:

Er bedient sich ausgiebig der Sprache des Neuen Testaments. Dazu besitzt er eine bewundernswerte Gabe, die Schrift zu erklären.

Vorlesen und auslegen

In Nehemia 8,8 wird uns über die „Erweckung“ der Israeliten Folgendes berichtet: „Und sie lasen aus dem Buch, aus dem Gesetz Gottes, abschnittsweise vor, und gaben den Sinn an, so dass man das Vorgelesene verstehen konnte.“ So und nicht anders wurde dem Volk, welches inzwischen „anders geprägt“ war, der Zugang zur göttlichen Offenbarung wiedergegeben.

Wir brauchen biblisch durchdrungene Verkündigung

Könnte es sein, dass es dem Widersacher Gottes gelungen ist, mit der spöttischen Abwertung der „Sprache Kanaans“, trotz begrüßenswerter missionarischer Motive, ein „trojanisches Pferd“ in die Gemeinden einzuschleusen? Entspricht es dem Wirken des Heiligen Geistes, wenn sich eine Verkündigung mehr an der Sprache einer gottlosen und ehebrecherischen Gesellschaft orientiert als an der Bibel? Was wir dringend brauchen, ist keine „knackige“ und „fetzige“ Verkündigung, die mehr dem Verlangen nach „Entertainment“ und „Stammtischkumpelei“ entspricht, sondern wieder Ehrfurcht vor Gott und Seinem irrtumslosen, ewig gültigen Wort.

Wir brauchen heute mehr denn je Menschen, deren Leben und Denken zutiefst von der Heiligen Schrift geprägt und verändert ist. Deren Glaube nicht auf theologisch-intellektuellen Theorien, sondern auf der Erkenntnis biblischer Wahrheiten gründet. Menschen, die mit einem Herz voller Liebe bereit sind, anderen die biblischen Wahrheiten zu bezeugen und zu erklären. Wir brauchen eine Verkündigung, die ganz neu von Gottes Wort durchdrungen ist.


Originaltitel: „,Die Sprache Kanaans‘“
aus fest und treu, 3/2001, Nr. 95, S. 4–5
www.clv.de

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