Das Vollkommene in 1. Korinther 13

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 02.02.2001, aktualisiert: 03.01.2018

Leitverse: 1. Korinther 13,8-13

1Kor 13,8-13: Die Liebe vergeht niemals; seien es aber Weissagungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden. Denn wir erkennen stückweise, und wir weissagen stückweise; wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; als ich ein Mann wurde, tat ich das weg, was kindlich war. Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.

Zwei Zeitalter werden gegenübergestellt

Hier tritt ein neuer Punkt in den Vordergrund. Und das ist, dass die Gaben für ihre Ausübung nicht nur die Liebe brauchen, sondern, wenn die Gaben auch von Gott her rühren, sie ihre Beschränkung haben. Die Gaben sind nur für eine Zeit. Und das ist die Zeit, um es mit dem umgekehrten Wort aus Vers 9 zu sagen, der Unvollkommenheit. Die Gaben sind in sich vollkommen, denn sie rühren von Gott her, obwohl die Personen, die sie ausführen, unvollkommen sind. Aber die Gaben sind gegeben, weil sich die Versammlung noch in einem Zustand der Unvollkommenheit befindet. Das Geben der Gaben setzt Unvollkommenheit bei uns voraus. Wir brauchen Prophezeiungen, weil wir noch unvollkommen sind. Wir brauchen Erkenntnis, Offenbarungen und was irgend es sein möge in diesem Kapitel und auch im 12. Kapitel, weil wir uns noch in einem unvollkommenen Zustand befinden. Also: Die Gaben sind nichts ohne die Liebe.

Aber hier wird noch ein Punkt hinzugefügt, und das ist, dass die Liebe als solche größer ist als die Gaben an sich, weil die Gaben nur für eine Zeit sind, während die Liebe ewig bleiben wird. Also, es ist für die Verse 8 bis 13 sehr wichtig, zu sehen, dass es sich hier um zwei Zeitalter handelt, zwei Zeitperioden, die aufeinanderfolgen. Das Zeitalter, in dem wir jetzt leben, ist das unvollkommene Zeitalter, und das Zeitalter, das folgen wird, und zwar bei dem Kommen des Herrn Jesus, wenn wir in die vollkommene Herrlichkeit hineingehen werden, dieses Zeitalter wird hier mit dem Wort „das Vollkommene“ umschrieben (1Kor 13,9).

Eine zweite Auslegung

Nun wird heutzutage – eigentlich seit dem vergangenen Jahrhundert – auch oft eine Erklärung gegeben, wobei das Vollkommene etwas ist, was schon jetzt in Erfüllung gegangen sei. Es sei etwas, was in der Zeit des Apostels noch zukünftig war, und man denkt dann im Allgemeinen an den Abschluss des neutestamentlichen Kanons. In der Zeit des Apostels Paulus waren dann noch Offenbarungen nötig, weil der Kanon des Neuen Testamentes noch nicht abgeschlossen war. Aber nachdem die Kirche die ganze Offenbarung des Neuen Testamentes empfangen habe, sei das Vollkommene eingetreten, und deshalb wären gewisse Gaben, so wie besondere Prophezeiungen, Weissagung über unbekannte Wahrheiten, Offenbarungen und besonders auch das Zungenreden, zwar vorher sehr wohl nötig gewesen, aber nachher nicht mehr. Eine solche Erklärung hat natürlich einen gewissen Reiz, besonders für die, die die Zungengabe hundertprozentig auf die apostolische Zeit beschränken wollen.

Nun, ich habe schon gesagt, es handelt sich hier – besonders in 2. Korinther 12,12 sehen wir das – um die Zeichen der Apostel. Zeichengaben sind ganz sicher mit einem apostolischen Dienst verbunden. Und wir werden auch später noch in Kapitel 14 sehen, dass die Zeichengabe ein Zeichen für Ungläubige war, vermutlich sogar ganz besonders für Israel, als ein Zeichen in der Anfangszeit, dass das Heil für alle Nationen gekommen wäre. Nun es kann sein, dass das so ist, es lässt sich schwierig endgültig beweisen.

Ich meine, es wäre theoretisch denkbar, dass auch heute auf den Missionsfeldern ein derartiges Zungenreden vorkommt, wobei die Ungläubigen dann diese Sprache verstehen. Das ist eine Bedingung, wie wir in Apostelgeschichte 2 sehen, es sind dann Sprachen, die von den Missionaren nicht gelernt wurden. Sprachen, die sie also verstehen können und wodurch sie in diesen Sprachen mit der wunderbaren Kraft des Heiligen Geistes in Berührung kommen. Theoretisch wäre das vielleicht möglich. Ich möchte mich darüber nicht aussprechen, das geht auch über dieses Kapitel hinaus.

Aber wenn man unbedingt der Meinung ist, dass das Zungenreden absolut nur auf die Anfangszeit beschränkt war, dann darf das noch nicht unsere Auslegung des Begriffes „das Vollkommene“ bestimmen. Dann muss man offenbleiben für die Möglichkeit, dass das „Vollkommene“ nicht am Ende des 1. Jahrhunderts gekommen ist, so schön diese Auslegung auch wäre, um damit beweisen zu können, dass das Zungenreden auch auf das 1. Jahrhundert beschränkt war. Aber ich glaube, dass es in diesem Kapitel nicht möglich ist, bei dem „Vollkommenen“ an etwas zu denken, was für Paulus noch zukünftig war und für uns jetzt schon längst Vergangenheit, indem das „Vollkommene“ schon am Ende des 1. Jahrhunderts gekommen ist.

Und warum glaube ich, dass das hier unmöglich ist? Erstens, weil es fast undenkbar ist, wie die Korinther je solch eine Erklärung hätten verstehen können. Wie hätten sie bei dem „Vollkommenen“, wie es hier steht, sich so etwas vorstellen können: den Abschluss des Kanons des Neuen Testamentes? Das geht ja weit über den Zusammenhang dieses Kapitels hinaus. Aber ganz besonders scheint für mich der Vers 12 entscheidend, wo wir zweimal lesen: „jetzt“ und „dann“. „Jetzt“ ist das heutige Zeitalter, nicht nur das Zeitalter des Apostels Paulus, wir leben immer noch in der Zeit dieses „jetzt“. Und das „dann“ ist auch für uns eindeutig immer noch Zukunft, ganz einfach, weil das Sehen ein Sehen von Angesicht zu Angesicht ist und ein Erkennen, so wie auch wir erkannt worden sind.

Nun, es muss doch klar sein, dass weder das Sehen von Angesicht zu Angesicht noch auch das Erkennen, wie wir erkannt worden sind, jetzt unser Teil sei. Das ist ausgeschlossen, es ist für uns zukünftig. Und so muss sich das „Vollkommene“ beziehen auf das „dann“, auf das Eingehen in die Herrlichkeit. Überdies, wenn man dabei noch bedenkt, dass das Wort „vollkommen“ in sich ein griechisches Wort einschließt, das „Ende“ bedeutet, also telos, und man denkt dann auch noch daran, dass dieses Wort etliche Male in diesem Briefe vorkommt und sich dann immer auf das Kommen des Herrn bezieht, nämlich auf das zukünftige Zeitalter (z.B. in Kapitel 1 und Kapitel 15), dann muss das deutlich sein, dass sich das „Vollkommene“ auf das Ende des heutigen Zeitalters bezieht. Dann, wenn wir tatsächlich selbst Vollkommene sein werden, uns in der vollkommenen Herrlichkeit befinden werden und dann von Angesicht zu Angesicht schauen werden und dann auch – besonders nach dem Richterstuhl – erkennen werden, wie auch wir erkannt worden sind.

„Weggetan“ und „aufhören“

Dabei bleibt die Frage stehen – sie ist damit nicht gelöst –: Bedeutet das nun, dass die Gabe des Zungenredens während dieses ganzen Zeitalters nun andauern sollte? Nein, das ist damit überhaupt nicht gesagt! Lesen wir ganz genau Vers 8: „Die Liebe vergeht nimmer; seien es aber Prophezeiungen, sie werden weggetan werden; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.“

Prophezeiungen, Zungenreden und Erkenntnis werden ihr Ende finden, aber die Liebe bleibt ewig, wie wir letztendlich auch in Vers 13 deutlich sehen werden. „Prophezeiungen, sie werden weggetan werden, seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Erkenntnis, sie wird weggetan werden.“ Dass der Apostel hier diese Zeitwörter (weggetan und aufhören) benutzt, ist nicht einfach wegen des Stils, sondern es muss eine Bedeutung haben, dass er sagt, Prophezeiungen und Erkenntnisse werden weggetan werden. Das ist aktiv, da ist eine Macht, die diesen Dingen ein Ende setzt, während von dem mittleren Teil, von den Sprachen, gesagt wird, sie werden aufhören.

Prophezeiungen werden ihr Ende finden, wenn sie in Erfüllung gegangen sind, wenn es sich um zukünftige Prophezeiungen handelt in Bezug auf die Zukunft oder wenn man an Kapitel 14 Vers 3 denkt. Einmal wird eine Zeit kommen, dass wir diese Erbauung, diese Ermahnung, diese Tröstung nicht mehr nötig haben, und dann wird den Prophezeiungen ein Ende gesetzt werden. Schlagartig werden sie von der einen auf die andere Minute weggetan.

So wird es auch mit der Erkenntnis sein. Das bedeutet nicht, dass wir in der Ewigkeit keine Erkenntnis mehr haben werden, sondern es handelt sich hier um eine besondere Art der Erkenntnis, nämlich die Erkenntnis, so wie wir sie in Vers 12 haben: eine stückweise Erkenntnis. Wir haben das allerdings auch schon in Vers 9, denn wir erkennen stückweise. Das ist die typische Art der Erkenntnis, so wie wir das jetzt kennen: Wir erkennen Stücke. Stücke, die sich manchmal schwierig miteinander vereinbaren lassen, weil wir beschränkte Wesen sind, die immer nur eine gewisse Seite der Wahrheit zur gleichen Zeit anschauen können und nicht die vollkommene Übersicht haben über die ganze Wahrheit. Stückweise auch in der Hinsicht, dass das wir während unseres ganzen Lebens immer dazulernen werden. Wir haben eine gewisse Art der Erkenntnis und das ist unvollkommene Erkenntnis, eine Erkenntnis, die unserem heutigen unvollkommenen Zustand angepasst ist, eine Erkenntnis kennzeichnend für unseren heutigen unvollkommenen Zustand.

Nun, solch eine Erkenntnis, die uns heute kennzeichnet, wird plötzlich schlagartig, von einer Minute auf die andere ihr Ende finden – das ist aktiv. Von den Sprachen kann man das nicht sagen. Hier steht, „sie werden aufhören“, und die griechische Form lässt sogar vermuten, dass man lesen könnte, „sie werden von selbst aufhören“. Das ist wichtig, und das könnte man sogar von den Zeichen im Allgemeinen sagen.

Zeichen und Wunder sind Vergangenheit

Es gibt ein interessantes Wort in Hebräer 2,4, wo der Verfasser des Briefes schon in der Vergangenheitsform redet. Dort heißt es, dass Gott „mitzeugte durch Zeichen und Wunder“. Da wird schon in der Vergangenheit gesprochen, und in der Apostelgeschichte sehen wir, dass die Anzahl an Zeichen und Wundern allmählich abnahm.

Ein ganz bekannter Kirchenvater in der griechischen Welt, in der östlichen Kirche, Chrysostomus, hat in seiner Zeit schon geschrieben – und das war einige Jahrhunderte nach diesem Wort –: „Wir wissen schon in unserer Zeit nicht mehr, wovon der Apostel Paulus hier spricht, wir kennen diese Erscheinungen nicht mehr“, und er denkt dabei an dieses Wort in Vers 8: „aufhören“. Von ihm rührt schon diese Erklärung her. Er sagt: „Wir kennen noch immer Prophezeiungen, so wie Paulus es hier beschreibt, wir kennen immer noch diese stückweise Erkenntnis, die muss noch immer hinweggetan werden, aber die Sprachen haben offensichtlich schon längst aufgehört, wir kennen sie nicht mehr.“

Zwei (Erkenntnis und Prophezeiung) werden aktiv weggetan werden, nämlich wenn das Vollkommene kommen wird. Von einem steht hier, nämlich von den Sprachen, sie werden von selbst aufhören, und deshalb ist es merkwürdig und zu beachten, dass in Vers 9 auch nur über die Prophezeiung und die Erkenntnis gesprochen wird, „wir erkennen stückweise und wir prophezeien stückweise“. Nun, das haben wir noch immer, wir kennen diese Art der Erkenntnis noch immer, kennen noch immer Weissagung, im Sinne von 1. Korinther 14,3, das ist uns immer noch geläufig. Sprachen aber nicht! So werden also auch Prophezeiungen und Erkenntnis fortwähren bis zum Ende des heutigen Zeitalters. „Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, so wird das, was stückweise ist, weggetan werden“, da haben wir eine direkte Erklärung für dieses Wort „weggetan werden“ in Vers 8. Aber wie gesagt, in Vers 9 und 10 wird nur über Erkenntnis und Weissagung oder Prophezeiungen – das ist immer dasselbe – gesagt, diese Dinge werden weggetan werden. Das wird hier nicht von den Sprachen gesagt, genauso wie in Vers 8. Und wann werden sie nun hinweggetan werden? Wenn das Vollkommene kommt!

Wir erkennen immer stückweise

Ich wiederhole noch einmal für alle deutlich: Wenn der Herr Jesus kommt, brauchen wir keine Weissagung in dem Sinne von Ermahnung, Tröstung und Erbauung mehr. Wir werden die vollkommene Herrlichkeit erreicht haben, und auch diese Art der stückweisen Erkenntnis werden wir nicht mehr haben, denn sie gehört einer Zeit der beschränkten Einsicht an, so wie wir das jetzt haben. Nicht nur, weil wir noch nicht alles wissen, weil wir immer noch dazulernen, sondern die Art und Weise, wie wir erkennen, ist immer einseitig. Wir brauchen vier verschiedene Evangelien, vier Stücke, um ein vollständiges Bild des Herrn Jesus zu haben. Dies ist unsere Art der Erkenntnis. Es wäre unmöglich, ein Evangelium zu schreiben, in dem wir das vollständige Bild haben, das kommt durch unsere Beschränkung. Wir brauchen den Römerbrief wie auch den Epheserbrief, und das sind zwei Stücke, die völlig entgegengesetzt sind, würde ich fast sagen, jedenfalls völlig verschiedene Seiten der Wahrheit darstellen: Sie ergänzen sich, aber sie brauchen ihre eigene Darstellung.

Die Übersetzung „stückweise“, die, glaube ich, noch von Luther herrührt, ist sehr glücklich im Deutschen für diese Art der Erkenntnis. Immer in Stücke, immer die eine Seite nach der anderen. Wir haben nicht die Übersicht. Nicht weil wir so wenig wissen, sondern selbst wenn wir alles wüssten, dann wäre unsere Erkenntnis noch immer stückweise, nämlich immer in Teilen, immer nur eine Ansicht nach der anderen. So wie man eine Kiste nur immer von einer bzw. maximal zwei Seiten sehen kann, aber nie alle Seiten auf einmal, das gehört zu dem heutigen unvollkommenen Zustand, und in der Ewigkeit werden wir, um bei dem Bild zu bleiben, alle Seiten zu gleicher Zeit in Augenschau nehmen.

Der kindliche Zustand

Diese Erkenntnis wird also vorübergehen, wenn das Vollkommene gekommen ist, und das bedeutet einfach, wie es in Kapitel 1 schon gesagt wird: Das „Ende“ ist das Kommen des Herrn. In Vers 11 benutzt der Apostel ein anderes Bild, um dasselbe noch einmal klarzumachen. Er spricht da über zwei Zeitalter, das Zeitalter der Kindheit und das Zeitalter des Erwachsenseins. Und er vergleicht das ganz deutlich mit dem Zeitalter der Unvollkommenheit, in dem wir jetzt leben, und dem Zeitalter der Vollkommenheit, das erst bei dem Kommen des Herrn anbrechen wird. Das Zeitalter, in dem wir jetzt leben, vergleicht er mit der Kindheit. Das Kind ist in seinem Reden, in seinem Denken und Urteilen beschränkt. Es ist kindisch, beschränkt, so wie unser Reden und Denken und Urteilen im Vergleich zu dem vollkommenen Zustand der Zukunft kindisch ist. Wir halten uns für sehr reif und erwachsen, und wir meinen, wir hätten sehr viel Erkenntnis, und in gewisser Hinsicht mag das auch so sein, aber es bleibt doch nach der Art und Weise des Kindes, im Bilde gesprochen.

Es geht hier also nicht um ein allmähliches Erwachsenwerden, so dass man das Kindische schon auf dieser Erde ablegt. Es geht hier nicht um Wachstum, es geht hier um zwei Phasen im Leben, die miteinander verglichen werden. Insoweit ist das Bild hier beschränkt, denn für uns wird diese Vollkommenheit, wie gesagt, von der einen auf die andere Minute stattfinden. Wir werden diese Vollkommenheit sofort erreichen, wenn wir bei dem Herrn sind. Es gibt ein gewisses Wachstum schon hier auf dieser Erde, aber es bleibt immer, im Bilde gesprochen, kindisch (beschränkt). Unsere Erkenntnis bleibt immer bis zum Ende stückweise. Wenn wir auch noch so viel heranwachsen in der Wahrheit: Sie bleibt immer stückweise, und wir brauchen immer Erbauung, Ermahnung und Tröstung, das heißt Weissagung und Prophezeiung.

Nun, das vergleicht er mit diesen zwei Phasen. Er macht dabei Gebrauch von drei Zeitwörtern: reden, denken und urteilen. Oft hat man vermutet, dass der Apostel Paulus auch hier an die drei Gaben denkt, über die er besonders gesprochen hat. Dabei würden dann die Sprachen mit dem „reden“ in Verbindung stehen und „denken“ und „urteilen“ mit Prophezeiung und Erkenntnis, und weil man nicht so genau sagen kann, ob nun „denken“ mit Prophezeiung oder mit Erkenntnis zu verbinden ist, ist das vielleicht etwas künstlich, diese drei Zeitwörter mit den drei Gaben zu verbinden.

Aber jedenfalls müssen wir über dieses Kindische nachdenken. Das Kindische bedeutet hier, dass wir noch von Gaben abhängig sind, nicht nur dass man in der Anfangszeit die Sprachen noch brauchte, als ob wir jetzt erwachsener wären, indem wir jetzt die Sprachen nicht mehr brauchen, denn auch wir brauchen immer noch Erkenntnis und Prophezeiung. Insoweit befinden wir uns noch immer in dem kindischen Zeitalter. Zu gleicher Zeit, und dabei denke ich an 1. Korinther 14,20, könnte man es noch kindischer machen, als nötig ist, denn es heißt dort: „Brüder, seid nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene.“ Hier sieht man, dass die Bilder durcheinandergehen. Man kann in dem Zeitalter der Kindheit, wo noch Weissagung, Erkenntnis und Sprachen nötig sind, sich zur gleichen Zeit – zwar in zwei verschiedenen Bildern – mehr erwachsen oder mehr kindisch benehmen.

Die Korinther, die die Sprachen so gerne zeigten und daraus gerne eine Schau machten in den Zusammenkünften, benahmen sich kindisch. Denn sie sollten daran denken, dass sie das bringen sollten in der Zusammenkunft, was zum Nutzen sein sollte, zum Nutzen für die ganze Versammlung, und dazu gehörte wohl nicht, in der Versammlung in Sprachen zu sprechen, die keiner verstehen konnte. Aber selbst wenn sie in Sprachen sprechen würden, die man auslegen oder übersetzen konnte, und selbst wenn sie sich völlig auf die Prophezeiung beschränken würden oder auf die Erkenntnis, dennoch sind wir nicht erwachsen in dem Sinne von 1. Korinther 14,20. Da kann man erwachsen werden, indem man sich mehr und mehr konzentriert auf das, was zum Nutzen des Ganzen ist. Aber das ist nicht das Bild, das wir hier haben in Vers 11. Hier handelt es sich darum: Wenn wir auch noch so erwachsen sein würden, indem wir nur das bringen, was zum Nutzen der ganzen Versammlung ist, dann ist das hier (im Bilde gesprochen) dennoch die Kindheit. Denn die reine Tatsache, dass wir Dinge zu unserem Nutzen brauchen, wie Erkenntnis, wie Erbauung, Ermahnung und Tröstung, zeigt, dass wir das Vollkommene noch nicht erreicht haben. Und darum handelt es sich hier.

Der Punkt ist hier, dass wir Gaben brauchen und dass dies gerade beweist, dass das Vollkommene noch nicht gekommen ist. Es kann sein, dass in dem heutigen Zeitalter eine gewisse Entwicklung ist, und da kann man sagen: Wenn die Sprachen von selbst aufhören, dann bedeutet das, dass eine spätere Phase kommt, dass diese Sprachen nicht mehr nötig sind und dass, wenn man sich daran festklammert, das auch eine Art des Kindseins bedeutet. Aber der Punkt ist hier, dass, wenn wir auch die Sprache nicht mehr hätten und uns völlig konzentrierten auf Erkenntnis und Weissagung und was es auch sein möge, wir doch noch immer, solange das Vollkommene nicht gekommen ist, in der Kindheit sind. Wir brauchen noch wie Unmündige diese Gaben. Die reine Tatsache, dass wir solch eine Zusammenkunft wie heute Abend haben – zu unserer Belehrung –, beweist, dass wir alle, ich selbst eingeschlossen, noch in der Kindheit sind. Denn in der Vollkommenheit der zukünftigen Herrlichkeit werden wir diese Gaben, keine von diesen Gaben, mehr benötigen, und deshalb heißt es hier in Vers 12, da haben wir die weitere Erklärung dafür: „Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht, jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie auch ich erkannt worden bin.“

Wie durch einen Spiegel

Eigentlich könnte man sagen, dass beides (1Kor 13,12) über die Erkenntnis spricht, und dieser Vers beweist uns, welcher Art unsere Erkenntnis ist, und wir haben schon einiges darüber gesehen. Die Erkenntnis ist so, wie wenn man in einen Spiegel schaut. Ich habe das Wort Spiegel hier lieber als das Wort Fenster, wie die Anmerkung sagt. Es ist ein Spiegel, und wir wissen heute, dass Korinth zu jener Zeit eine Stadt war, die wegen ihrer Spiegelindustrie sehr bekannt war. Und die Spiegel, die in Korinth gemacht wurden – aus Metall allerdings, nicht aus Glas –, bildeten eine vorzügliche Arbeit. Wir müssen also nicht wie selbstverständlich annehmen, dass diese Spiegel ein so vages und verschwommenes Bild lieferten, das braucht auch nicht unbedingt die Absicht des Apostels gewesen zu sein.

Vielleicht sollte man noch eher übersetzen, wie es in der Anmerkung heißt; dort steht: „in Rätseln“, und das ist es auch genau, was buchstäblich im Griechischen dort steht, nicht dunkel oder undeutlich, sondern „in Rätseln“. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass der Apostel dabei an 4. Mose 12,8 denkt, wo wir denselben Ausdruck in der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes haben und wo Gott Mose mit den anderen Propheten vergleicht. Andere Propheten bekommen Botschaften durch Gesichte und durch Träume, aber Mose nicht: „Mit Mose spreche ich von Mund zu Mund, nicht in Rätseln“, sagt Gott. Das ist nun ein Von-Angesicht-zu-Angesicht, das stimmt mit dem Ausdruck von Mund zu Mund überein. Bei Mose sehen wir, dass da eine direkte Verbindung war, Gott sprach direkt zu ihm. Aber bei anderen Propheten war das indirekt, durch Gesichte und Träume oder was immer es auch sein mochte. Hier sehen wir, was zu der heutigen Unvollkommenheit gehört, dass unsere Erkenntnis indirekt ist. Es ist noch nicht ein Erkennen von Angesicht zu Angesicht. Wir werden einmal den Herrn Jesus erkennen, so wie man einen kennt, dem man direkt in die Augen schauen kann „von Angesicht zu Angesicht“.

Wenn der Apostel im 20. Jahrhundert gelebt hätte, dann hätte er vielleicht das Bild einer Fotografie benutzt. Man kann sich aus einem fotografischen Bild sicher ein gewissen Eindruck verschaffen. Wenn man eine Person kennenlernen möchte, dann kann man sich ihr Bild anschauen, aber es ist ein Bild, und das Bild kann sehr scharf sein, von einem hervorragenden Fotografen gemacht, sehr klar, überhaupt nicht undeutlich, und trotzdem ist es wie ein Spiegel, es ist indirekt, es ist nicht ein Sehen von Angesicht zu Angesicht. Und wenn wir auch noch so schöne fotografische Bilder kennen, haarscharf, sehr schön und sehr deutlich, so deutlich, dass, wenn man das Bild gesehen hat, man die Person, um die es geht, sofort erkennt. So gut das Bild auch ist, trotzdem gibt es eine riesige Entfernung zwischen dem Sehen solch eines Bildes und dem Sehen von Angesicht zu Angesicht. Unsere Erkenntnis heutzutage ist wie so eine fotografische Erkenntnis, wir haben es nur noch mit den fotografischen Bildern zu tun. Selbst wenn man in unsere Spiegel hineinschaut, sieht man nur eine Abbildung, eine Widerspiegelung, und diese Widerspiegelung kann sehr scharf sein, sehr genau sein, aber es bleibt ein Spiegelbild, es ist nicht die Realität. Das ist das, wovon Paulus spricht. Es ist noch nicht ein Kennen von Angesicht zu Angesicht.

Erkennen, wie ich erkannt worden bin

„Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt worden bin.“ Das ist eine besondere Umschreibung der Art unserer Erkenntnis, so wie wir sie einmal haben werden. Erkennen wird in unserer Zeit zu sehr intellektuell aufgefasst, so wie eine Erkenntnis, die man in einer Schule erwerben kann. Aber es handelt sich hier um das Erkennen einer Person, wie man jemanden kennt von Angesicht zu Angesicht – dann werden wir Ihn kennen, so wie Er ist, wir werden Ihn sehen von Angesicht zu Angesicht. Aber Er braucht diese Veränderung nicht, Er kennt uns jetzt schon, Er sieht uns nicht wie durch einen Spiegel, Er kennt uns schon von Angesicht zu Angesicht. Der Herr Jesus, oder Gott, braucht sich nicht mit einem Spiegelbild zu begnügen. Er kennt uns so, wie wir sind. Und „dann“ werden wir auch erkennen, so wie Er uns jetzt schon kennt.

Es steht hier nicht dabei, was wir dann kennen werden; wir dürfen ruhig hinzufügen, dann werden wir uns selbst kennen, so wie Er uns jetzt kennt. Denn auch uns selbst kennen wir nur stückweise. Aber mehr noch als das: Wir werden Ihn dann kennen, wie Er uns jetzt schon kennt. Normalerweise ist es eher so, dass zwei Personen, die vielleicht lange Zeit einen Briefwechsel gehabt haben und Bilder ausgewechselt haben, dann endlich einander von Angesicht zu Angesicht sehen. Aber so ist es hier nicht. Er kennt uns von Angesicht, wir aber Ihn nicht, und so möchte ich am liebsten hinzufügen: Wir werden Ihn erkennen, so wie Er uns schon längst erkannt hat. Aber es steht hier nicht „IHN“, es steht hier auch nicht „MICH“; man könnte hinzufügen: Wir werden endlich alle Dinge in dem wahren Licht sehen. Das stückweise Erkennen wird vorbei sein, wir werden die Dinge in allen ihren Aspekten völlig überblicken können. In jeder Hinsicht werden wir diese vollkommene Erkenntnis haben, aber es scheint mir, weil es hier von Angesicht zu Angesicht heißt, dass wir ganz besonders Ihn kennen werden in dieser vollkommenen Weise.


Auszug aus einem Vortrag über 1. Korinther 13,8-14 aus dem Jahr 1991

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