Abweichungen von der Wahrheit geschehen oft schleichend
Epheser 4,1-3

Frank Binford Hole

© SoundWords, online seit: 06.03.2010, aktualisiert: 11.12.2017

Leitverse: Epheser 4,1-3

Eph 4,1-3: 1 Ich ermahne euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr würdig wandelt der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, 2 mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander ertragend in Liebe, 3 euch befleißigend, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens.

Wenn die Heiligen bestrebt sind, nach der Wahrheit über die Versammlung zu wandeln, wie sie in der Schrift dargelegt wird, und so in praktischer Gemeinschaft nach dem apostolischen Muster zusammenkommen, brauchen wir nicht zu erwarten, dass sie in Ruhe gelassen werden. Der Feind Gottes und seines Volkes ist zu wachsam und zu rege, als dass er das zuließe.

Mehr noch als die offenkundigen und groben Verstöße gegen Gottes Ordnung haben wir die feinen Abweichungen von der Wahrheit und von der Einfalt zu fürchten. Diese entwickeln sich im Lauf der Jahre nahezu unbemerkt und finden allmählich ihren Platz in unserem Denken, ohne dass es uns immer bewusst wäre; bis wir schließlich die Abweichung für den ursprünglichen, wahren Weg halten und dafür mit Hartnäckigkeit als für die Wahrheit kämpfen.

Als Illustration nennen wir drei bestimmte Punkte, die wir beobachtet haben. Im ersten Fall handelt es sich um die Wahrheit des „einen Leibes“. Diese Wahrheit wird in den folgenden Kapiteln behandelt: Römer 12; 1. Korinther 10; 12–15; Epheser 1 und 4; Kolosser 1 und 2. Beim sorgfältigen Lesen und Betrachten dieser Abschnitte stellen wir fest, dass der Schwerpunkt dieser Wahrheit in der Richtung liegt: Einheit, Liebe, aufeinander achthaben, gegenseitige Rücksichtnahme und ähnliche Dinge, dass aber keine direkte Verbindung besteht zu Versammlungsfragen wie Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung. Epheser 4,1-4 dürfen wir als eine Zusammenfassung in Bezug auf die apostolische Anwendung und Umsetzung dieser bewussten Wahrheit auffassen.

Wir erleben jedoch immer wieder, dass diese Wahrheit ganz anders angewandt und ausgelegt wird. Vor Jahren, als die Gläubigen, die nach der Wahrheit der Schrift vorangingen, noch an Zahl zunahmen, kamen sie an vielen Orten in Gruppen zusammen. Es ist festzustellen, dass die Wahrheit von der Einheit des Leibes, ebenso wie andere Wahrheiten, ihren Umgang miteinander ebenso bestimmte, als repräsentierten sie – obwohl sie nur eine kleine, unbedeutende Minderheit waren – die ganze Versammlung an ihren jeweiligen Orten. Hieraus wurde abgeleitet (zu Recht, wie wir meinen), dass in Zucht- und anderen Angelegenheiten die örtlichen Versammlungen stellvertretend [Anm. der Red.: dieser Ausdruck ist sehr missverständlich gewählt] für alle anderen handelten und ihre Handlungen daher beachtet werden sollten, es sei denn, sie wären offensichtlich im Widerspruch zur Heiligen Schrift. Die Einheit des Leibes wurde also mit gutem Recht herangezogen, um Unabhängigkeit und der daraus entstehenden Unordnung vorzubeugen.

In den letzten Jahren scheint diese zuletzt genannte Anwendung von der Wahrheit des einen Leibes für viele so unverhältnismäßig an Gewicht zugenommen zu haben, dass die erste Bedeutung, wie die Schrift sie lehrt, gänzlich aus dem Auge verloren wird. Für manche scheint es die Wahrheit selbst zu sein, anstatt zu bedenken, dass es sich um nicht mehr als eine abgeleitete Anwendung handelt, die zwar aus der Schrift gefolgert, aber nicht klar darin gelehrt wird.

Darum ist auch bei einigen entstandenen Schwierigkeiten ein unverhältnismäßiger Aufwand betrieben worden bei dem Versuch, zu zeigen, dass diese oder jene Gruppe von Heiligen die Grundlage des einen Leibes verlassen habe, da sie einen falschen Schritt begangen hat, etwa die Nichtanerkennung eines Urteils oder einer Handlung einer anderen Versammlung und dergleichen.

Aber es geht noch weiter: Durch die Übergewichtung der abgeleiteten Anwendung, die die primäre Bedeutung verdeckt, ist die Wahrheit von der Einheit des Leibes zwar der maßgebliche Grund für Ausschluss und Ablehnung, aber nicht mehr für Aufnahme. Wer hätte etwa davon gehört, dass eine Versammlung einen Gläubigen aufnimmt, aber dann fordert, dass andere Versammlungen ihn auch aufnehmen sollen, da sie ansonsten als nicht mehr auf der Grundlage des einen Leibes stehend betrachtet werden können? Diese Anwendung wird immer nur gemacht, um andere zur Zustimmung für Handlungen des Hinaustuns und des Zurückweisens zu bewegen.

Durch das übermäßige Betonen der sekundären Auslegung wird also die Kraft der ersten Bedeutung dieser Wahrheit übersehen und damit praktisch zunichtegemacht. Wie die Evangelien zeigen, waren zur Zeit unseres Herrn ähnliche Handhabungen gebräuchlich, wodurch das Wort Gottes kraftlos gemacht wurde.

All dies lässt uns natürlich fragen, ob nicht diesem Missverständnis noch ein weiteres zugrunde liegt, das zum Abweichen von der Wahrheit führen könnte. Ich gehe davon aus, dass solch ein Missverständnis vorliegt, und zwar dann, wenn man – wie nicht wenige es tun – annimmt, die Tatsache, dass Heilige im Licht dieser Wahrheit zusammenkommen (nämlich auf der Grundlage des einen Leibes), verleihe ihnen eine gemeinschaftliche Stellung, die sich von dem, was das Teil der Versammlung als Ganzes ist, unterscheidet.

Gewisse Abschnitte der Heiligen Schrift behandeln den Verfall der bekennenden Christenheit und zeigen unseren Pfad und unsere Hilfsmittel angesichts dieser Umstände auf; so zum Beispiel Apostelgeschichte 20; 2. Timotheus; 2. Petrus; 2. und 3. Johannesbrief. Was haben diese Abschnitte uns zu diesem Punkt zu sagen?

Sie machen deutlich: Obwohl Wölfe von außen hereinkommen würden und auch in der Ältestenschaft (d.h. bei den Regierungsautoritäten, wie Gott sie ursprünglich eingesetzt hatte) keine Sicherheit zu finden sein würde, sollten Gott selbst und das Wort seiner Gnade immer zur Verfügung stehen (Apg 20,29-32). Kein Ereignis, wie hoch die Flut des Bösen auch steigen würde, könnte den Grund Gottes zum Wanken bringen; er würde feststehen, und treue Männer würden gefunden werden, die auch fähig sein würden, andere zu belehren. Und nicht allein das, sondern am Ende würden einige, wenn auch nur wenige, den Herrn aus reinem Herzen anrufen und Liebe zur Wahrheit zeigen (2Tim 2,1.2.19-22), und andere sollten ein gutes Zeugnis von der Wahrheit selbst erhalten (3Joh 3.12).

Was aber fehlt, ist der Hinweis, dass diese treuen Seelen hierdurch eine besondere gemeinschaftliche Stellung erlangen würden. Zwar könnten sie gemeinsam vieles genießen, was sie als Einzelne nicht konnten, aber gemeinschaftlich würden sie nichts haben, was nicht auch der ganze Leib Christi schon besitzt.

Tatsächlich, ob im Alten oder im Neuen Testament, wenn eine göttliche Einrichtung versagt, finden wir keinen neuen oder besonderen Gemeinschaftsstatus, der einem Teil des Ganzen verliehen würde, so gottesfürchtig oder gottergeben die Personen auch sein mögen, aus denen sich diese Gruppe zusammensetzt. In Zeiten des Verfalls ist es immer eine Frage der persönlichen Treue, verbunden mit Herzensumkehr, so dass man einfach zum ursprünglichen Zustand zurückkehrt. An diesem Zustand hat der einzelne Treue teil aufgrund seiner Zugehörigkeit zur ursprünglichen Einrichtung, nicht aber, weil er mit anderen die Stellung eines Überrestes einnimmt. Man beachte zum Beispiel:

Als Israel das goldene Kalb gemacht hatte, konnten sie von dort nur weiterziehen, weil die persönliche Treue eines Mannes wie Mose sie aufrechterhielt (vgl. 2Mo 33,12-17).

Als sie im Land waren, nach Josuas Tod, fielen sie nach kurzer Zeit ab. Es gab zwar Erweckungen, aber immer durch die Kraft und die Glaubenstaten Einzelner. „Wenn der HERR ihnen Richter erweckte, so war der HERR mit dem Richter, und er rettete sie aus der Hand ihrer Feinde alle Tage des Richters“ (Ri 2,18).

Als einige nach der Wegführung aus Babylon zurückkehrten, wurden sie offensichtlich geleitet vom Glauben und von der Energie einzelner Männer Gottes wie Serubbabel, Esra und Nehemia. Unter dem Einfluss dieser Männer gab es einen herrlichen Neuanfang; sie erfassten erneut Gottes Gedanken über ganz Israel und sahen sich selbst mit ihm verbunden (siehe z.B. Esra 6,17; 9,4-15). Gerade weil sie sich später eine besondere Stellung anmaßten, die weit über Israels ursprüngliche Berufung hinausging, entstand bei ihnen eine Geisteshaltung, die darauf hinsteuerte, den Messias zu verwerfen, als Er kam.

Im Neuen Testament wurde die Wahrheit des Geheimnisses der Versammlung Paulus anvertraut. Er war der „weise Baumeister“, der nicht nur die Grundlage legte, sondern nachher in seinen Briefen Themen behandelte, die die Ordnung, Zucht und Verwaltung in den Versammlungen betrafen. Umso bemerkenswerter ist es also, dass er in seinem Abschiedsbrief an Timotheus lediglich eine Einzelperson anschreibt und dass er die Gesamtheit der treuen Personen nicht mit einem Ausdruck beschreibt, der auf eine Körperschaft schließen lässt, die sie bilden würden, sondern mit einem Ausdruck, der ihren moralischen Charakter deutlich macht: „… die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“ (2Tim 2,22).

Die Stellung eines Überrestes ist also in allen Haushaltungen eine persönliche. Die heutige Zeit bildet hierin keine Ausnahme. Die Heiligen, die sich in zurückliegenden Jahren um die Wahrheit geschart haben und auf der Grundlage des einen Leibes zusammenkamen, haben dadurch keinen Status als Körperschaft bekommen: Sie waren bestenfalls treue Einzelpersonen, die in der Wahrheit wandelten. Sie haben keine Stellung, die über die ursprüngliche Stellung der Versammlung hinausgeht – aber das gibt ihnen nicht das Recht, irgendeinen Teil der Wahrheit zu verachten. Obwohl sie nur als Einzelpersonen auftreten, ist es ihre Verantwortung, von der Wahrheit der Versammlung geleitet zu werden, da sie von der ganzen Wahrheit geleitet werden.

Der dritte Punkt, den wir hier erwähnen möchten, ist die Tatsache, dass der Kelch und das Brot des Abendmahls mit der Einheit des Leibes verbunden sind. Der Kelch und das Brot stellen das Blut und den Leib Christi dar. In 1. Korinther 10 sehen wir darin mehr die Gemeinschaft mit seinem Blut und mit seinem Leib als deren symbolische Darstellung, insofern als „wir, die vielen, ein Brot, ein Leib“ sind. Darum ist der Gedanke hier nicht nur, dass wir uns mit dem Tod Christi einsmachen, so wie sich der Jude mit dem Altar oder der Heide mit den Dämonen einsmachte, sondern dass wir so auch gemeinsam als ein Leib gesehen werden, denn es heißt: „Wir alle nehmen teil an dem einen Brot“ (1Kor 10,17).

Diese Worte, das sollten wir sehr wohl beachten, beschreiben einfach, dass die Teilnahme an dem einen Brot beim Mahl des Herrn der Ausdruck dieser Einheit ist und dass sie darum als deren Zeichen oder Beweis betrachtet werden kann. Es bedeutet nicht, dass das Essen von dem einen Brot die Ursache dieser Einheit ist. Wir sagen zum Beispiel: „Morgen wird es schönes Wetter geben, denn das Barometer steigt“; wir meinen nämlich nicht, dass das Barometer das schöne Wetter auslöst, sondern dass es das Zeichen für schönes Wetter ist. So ist auch unsere gemeinsame Teilnahme an dem einen Brot das Zeichen und die Bestätigung für die Tatsache, dass wir ein Leib sind.

Das ist wichtig, denn wenn man glaubt, dass Heilige, die sich auf einer schriftgemäßen Grundlage versammeln, dadurch eine besondere gemeinschaftliche Stellung einnehmen, wird die nahezu sichere Folge sein, dass das Mahl des Herrn und die Teilnahme daran mit diesem „inneren Kreis“ und nicht mit dem ganzen Leib verbunden wird. Das macht das Mahl des Herrn zu einem Ausdruck „unserer“ Gemeinschaft und nicht wahrer christlicher Gemeinschaft. Dadurch entsteht wieder eine Neigung, Personen vom Mahl des Herrn fernzuhalten, jedoch nicht aufgrund der Autorität der Schrift, sondern weil sie uns nicht gefallen oder weil sie nicht übereinstimmen mit den Zielen, die wir verfolgen, oder aus ähnlichen Gründen.

Wenn ein Gläubiger sich zum Mahl des Herrn begibt und daran teilnimmt, wird er dadurch anerkannt als ein Glied des Leibes Christi und als jemand, der passend ist für die christliche Gemeinschaft. Die Frage dabei ist nicht, ob alle mit seinen Ansichten und Handlungen einverstanden sind. Das zeigt 1. Korinther 10,23-29 recht deutlich. Gerade das Kapitel 10, das die Tatsache der Gemeinschaft in Verbindung mit dem Tod Christi und mit seinem Tisch am stärksten betont, schließt nicht, ohne Fragen zu behandeln, die Freiheit für die Ausübung des persönlichen Gewissens und Glaubens beanspruchen – eine erstaunliche Tatsache, die wir aufmerksam und ganz besonders zu beachten bitten. Ist es doch ein klarer Beweis, dass die extreme Auffassung von Gemeinschaft, die alle, die Gemeinschaft haben, verantwortlich machen will für jede einzelne persönliche Handlung, keine Grundlage in der Schrift hat. Natürlich reden wir hier nicht von Ansichten und Handlungen, die der Schrift widersprechen oder sie in Frage stellen.

Würde jemand sich überlegen, an einem bestimmten Ort mit den dort versammelten Heiligen das Brot zu brechen, wäre die passende Frage: Wollt ihr, dass ich mich dadurch einer Verbindung anschließe, die ihr gegründet habt; oder wollt ihr mich als ein Glied des Leibes aufnehmen, das heißt verbunden mit der Organisation, die Gott ursprünglich gebildet hat, mit der Absicht, das Einssein mit dem Tode Christi zu verwirklichen?

In der Praxis hängt von dieser Frage sehr viel ab. Im ersten Fall ist es nur Sektiererei, mögen die Mitglieder dieser Sekte auch noch so erleuchtet und vorbildlich sein. Im anderen Fall bedeutet es, wenigstens in diesem Zusammenhang, Wandeln in der Wahrheit.


Originaltitel: „One Loaf: One Body“
aus Scripture Truth, Jg. 49, Mai 1986, S. 33–37
zuerst veröffentlicht in Christ and the Assembly: Being Papers Issued as a Supplement to Scripture Truth, London (The Central Bible Truth Depot) 1943

Übersetzung: Wim Hellendoorn

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