Warum ich an eine Entrückung vor der Drangsal glaube
1. Thessalonicher 4,13-18; Johannes 14,1-3; Matthäus 24

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 12.12.2009, aktualisiert: 12.12.2017

Leitverse: 1. Thessalonicher 4,13-18; Johannes 14,1-3

1Thes 4,13-18: 13 Wir wollen aber nicht, Brüder, dass ihr, was die Entschlafenen betrifft, unwissend seid, damit ihr nicht betrübt seid wie auch die Übrigen, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird auch Gott die durch Jesus Entschlafenen mit ihm bringen. 15 (Denn dieses sagen wir euch im Wort des Herrn, dass wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden. 16 Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; 17 danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein. 18 So ermuntert nun einander mit diesen Worten.)

Joh 14,1-3:
1 Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich! 2 In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. 3 Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet.

Einleitung

Gläubige können heiß diskutieren, wenn es um den Zeitpunkt der Entrückung geht. Kann sie wirklich jederzeit geschehen oder müssen noch gewisse Dinge passieren? Das Ziel dieses Artikels[1] ist, kurz und knapp einige wesentliche Punkte zu nennen, die es zumindest dem Schreiber des Artikels unmöglich machen, an eine Entrückung nach der Drangsal zu glauben oder an eine Lehre, wonach die Entrückung und die Erscheinung des Herrn Jesus in Macht und großer Herrlichkeit zu ein und demselben Augenblick geschehen kann.

Eine Frage vorab …

Zuerst möchte ich all jenen sagen, die an eine Entrückung nach der Drangsal glauben, dass sie doch eine Bibelstelle angeben sollten, um ihre Behauptung zu untermauern. Denn das fordern sie selbst von jenen, die an eine Entrückung vor der Drangsal glauben. Wenn sie jedoch ehrlich sind, werden sie zugeben müssen, dass es keine einzige Bibelstelle für diese Behauptung gibt. Dabei gebe ich zu, dass auch all jene, die an eine Entrückung vor der Drangsal glauben, auf keine direkte Bibelstelle hinweisen können. Beide Seiten sind also auf Schlussfolgerungen und sorgsame Auslegung des Bibeltextes angewiesen. Nebenbei gibt es auch keine direkte Bibelstelle für die Trinität, und doch hält jeder bibeltreue Christ daran fest, weil das allgemeine Zeugnis der Schrift über diesen Punkt klar ist.

Erwartung des Herrn oder einer Katastrophe?

Wer also an eine Entrückung nach der Drangsal glaubt, muss beweisen, warum wir als Christen eine derartige katastrophale Sache wie die große Drangsal erwarten sollten und warum besonders der Apostel Paulus, der für die Gemeinde so besorgt war, mit keiner Silbe die Christen auf diese schwere Zeit vorbereitet hat.

Auch der Herr Jesus bereitet seine Jünger nicht auf eine solche Drangsal vor, abgesehen von Matthäus 24, wo es um den zukünftigen jüdischen Überrest geht, sondern Er tröstet sie mit dem Ausblick auf die herrliche Hoffnung seines Wiederkommens. Wenn Er seine Jünger auf die Zukunft hinweist, wenn Er abwesend sein würde, dann sagt Er hingegen zu ihnen: „Euer Herz werde nicht bestürzt, sei auch nicht furchtsam …; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt“ (Joh 14,1.2). Dann verspricht der Herr Jesus den Jüngern, wiederzukommen und sie zu sich zu nehmen ins Vaterhaus. Und Er sagt ihnen, dass das eine Selbstverständlichkeit ist und Er ihnen das natürlich gesagt hätte, wenn es nicht so wäre. Sollten wir nun erwarten, dass Er es uns zwar gesagt hätte, wenn unsere Zukunft nicht im Glück bei Ihm sein würde, aber dass Er nicht gesagt hätte, dass, bevor Er uns holen kann, wir noch durch eine Drangsal gehen müssten, wie es sie nie zuvor gegeben hat und nie später geben wird? Wie muss es den Herrn betrüben, wenn wir Ihm das zutrauen?

Das Kommen des Herrn Jesus, um die Gläubigen ins Vaterhaus zu holen, war eine sensationelle Neuigkeit für die Jünger, die bisher daran geglaubt hatten, dass der Messias kommen und sein Reich auf der Erde gründen würde. Die Jünger sollten sich also keine Sorgen machen und auch nicht furchtsam sein, denn ihre Hoffnung sollte nicht ein Christus auf der Erde sein, sondern mit Christus im Himmel verbunden zu sein. Wäre das Wiederkommen des Herrn wirklich eine Ermutigung für die Jünger gewesen, wenn sie zuvor durch eine große Drangsal hätten gehen müssen, von der uns gesagt wird, dass die wenigsten diese überleben würden (vgl. Off 6–18)? Wären die Worte „Euer Herz werde nicht bestürzt“ wirklich ein Mutmacher gewesen?

Wenn Paulus später zu den Thessalonichern von der Entrückung spricht, dann ist es so, als hätte er die Worte des Herrn aus Johannes 14 selbst gehört, denn auch er spricht von der Entrückung und leitet seine Ausführung mit den Worten ein: „damit ihr nicht betrübt seid“ (1Thes 4,13). Die Thessalonicher machten sich große Sorgen, was nun aus ihren Entschlafenen würde, wenn der Herr wiederkäme. Das waren andere Gründe als die der Jünger in Johannes 14, aber es ist doch interessant, dass sowohl der Herr als auch der Apostel als Trost gegen Betrübnis (weswegen auch immer) auf die Entrückung und die Heimholung ins Vaterhaus anspielen. Wenn die Entrückung jedoch erst nach der Drangsal stattfände, dann bliebe die Aussage des Apostels Paulus missverständlich, warum er dann noch auf die Idee kommt, den jungen Christen in Thessalonich zuzurufen: „So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (1Thes 4,18). Persönlich würde ich mir dann wünschen, dass die Entrückung noch sehr lange auf sich warten ließe und ich vorher in Frieden heimgehen kann, damit ich nicht durch diese gewaltige Drangsal gehen muss.

Es geht um eine spezielle Drangsal

Wer wünscht sich schon, durch eine Zeit zu gehen, wo die Erde den Zorn Gottes in noch nie da gewesener Weise (vgl. Röm 1,18) erdulden muss – man müsste schon masochistisch (= selbstquälerisch) veranlagt sein. Zwar müssen Christen auch heute durch viele Drangsale und Trübsale in die Herrlichkeit eingehen (vgl. Apg 14,22), aber das ist ja nicht damit zu vergleichen, wenn Gott seinen Zorn offenbart. Als Christus auf der Erde war, musste Er viele Drangsale erleiden, aber es waren Drangsale um der Gerechtigkeit willen oder Leiden wegen seines Mitgefühls für andere oder Leiden, weil Er allezeit den Willen des Vaters getan hat. Als Christus am Kreuz hing und in den drei Stunden der Finsternis von Gott verlassen wurde, musste Er den Zorn Gottes tragen. Es wird keiner bezweifeln, dass es zwischen diesen verschiedenen Arten der Drangsale große Unterschiede gibt. So ist die „große Drangsal“ nicht mit jenen Drangsalen zu vergleichen, die auch wir zum Beispiel um der Gerechtigkeit willen zu erdulden haben. Dies wird schon alleine dadurch klar, dass der Herr Jesus selbst sagt, dass es eine einzigartige und noch nie da gewesene Drangsal sein würde (Mt 24,21). Warum gehen viele Ausleger an dieser einfachen Tatsache vorbei?

Wäre in 1. Thessalonicher 4 nicht ein guter Zeitpunkt gewesen, uns darauf vorzubereiten, wie wir uns in der Drangsal verhalten sollen: wie wir es schaffen können, dem Herrn treu zu bleiben, um dem Tier aus dem Abgrund nicht zu verfallen und das Malzeichen an der Stirn anzunehmen? Stattdessen sagt Paulus uns im nächsten Kapitel: „Denn Gott hat uns nicht zum Zorn gesetzt, sondern zur Erlangung der Errettung durch unseren Herrn Jesus Christus“ (1Thes 5,9), und: „Deshalb ermuntert einander und erbaut einer den anderen“ (1Thes 5,11). Auf die Entrückung als Trost zu verweisen, obwohl man weiß, dass zuvor die schlimmste Drangsal in Form des Zornes Gottes auf einen wartet, ist nicht gerade eine Ermutigung, oder? Sie wäre höchstens noch eine Ermutigung, wenn der Apostel von der großen Drangsal reden würde und die Entrückung als Errettung für diese Gläubigen – das gälte dann ja nicht mehr allgemein – aus diesen widrigen Umständen verkündigen würde. Aber genau das tut Paulus nicht.

Es geht bei der Drangsal um den Zorn Gottes

Wenn Paulus übrigens davon spricht, dass Gott uns „nicht zum Zorn gesetzt hat“ (1Thes 5,9), wird aus Kapitel 1 deutlich, was mit diesem „Zorn“ gemeint ist. Dort heißt es in Vers 10: „Jesus errettet uns von dem kommenden Zorn“ (1Thes 5,10). Es war damals völlig klar, welchen Zorn Paulus hier meinte: Es war der Zorn, der im Alten Testament vielfach angekündigt wurde und auch der „Tag der Rache“ genannt wurde (Jes 61,2). Dieser Zorn stand besonders mit dem „Tag des Herrn“ im Alten Testament in Verbindung, und gerade um diesen „Tag des Herrn“ ging es ja in Kapitel 5 (s. 1Thes 5,4). Es ist der „Zorn des Lammes“ (Off 6,16), „der große Tag seines Zornes“ (Off 6,17), „der Kelch seines Zornes“ (Off 14,1). Der Herr Jesus „tritt die Kelter des Weines des Grimmes des Zornes Gottes“ (Off 19,15); und gerade über diesen Zorn sagt Paulus: „Gott hat [euch] nicht zum Zorn gesetzt.“

Es ist wahr, dass der Ausdruck „Zorn Gottes“ auch für die ewige Beziehung ungläubiger Menschen zu Gott verwendet wird, dennoch kann hier (1Thes 1,10) nicht von dem ewigen Zorn Gottes die Rede sein, denn von diesem Zorn wird jeder Gläubige für immer bei seiner Bekehrung errettet (siehe auch Joh 3,36; hier kommt der Zorn nicht wie in 1. Thessalonicher 1,10, sondern er ist bereits auf den Ungläubigen), aber die Schrift gebraucht diesen Ausdruck weitaus öfter, um die Zeit zu beschreiben, wenn „Gottes Zorn … vom Himmel her offenbart [wird] über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen“ (Röm 1,18). Um erkennen zu können, welche Bedeutung dieser „Zorn“ hat, ist jeweils der Zusammenhang entscheidend: In 1. Thessalonicher 5 geht es im Zusammenhang eben um den „Tag des Herrn“, dem die schweren Gerichte (der Zorn Gottes) vorausgehen. Es ist falsch, zu schließen, dass es hier um die ewige Errettung geht, weil das Wort „Errettung“ im gleichen Vers vorkommt (1Thes 5,9). Das Wort „Errettung“ hat in der Schrift eine vielschichtige Bedeutung und beschreibt auch die Errettung und Befreiung aus irdischen Umständen heraus (siehe z.B. Apg 2,40: „Lasst euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!“). Auch hier (in 1Thes 5,9) bedeutet dieses Wort die Errettung vor dem Zorn Gottes, der über diese Erde kommen wird. Die ewige Errettung ist zweifellos darin inbegriffen.

Der Apostel lobt die Thessalonicher in Kapitel 1, weil sie den Herrn aus dem Himmel erwarteten, und anstatt sie darauf hinzuweisen, dass sie zuvor doch lieber auf den Zorn Gottes in der großen Drangsal warten sollten, sagt er ihnen, dass Jesus sie erretten würde „von dem kommenden Zorn“. Wie gesagt kann an dieser Stelle der „Zorn“ nicht der ewige Bestimmungsort für Ungläubige sein, weil dieser Zorn nicht als „kommend“ beschrieben wird, sondern einfach auf dem „bleibt“, der nicht Buße tut und nicht an den Sohn Gottes glaubt (Joh 3,36).

Manchmal wird gesagt, dass der Zorn Gottes erst ausgegossen wird, wenn Christus wiedergekommen ist (also nach der eigentlichen Drangsalszeit). Damit will man der Schriftstelle Rechnung tragen, dass wir tatsächlich „vom kommenden Zorn“ errettet werden, bei gleichzeitiger Leugnung einer Entrückung vor der Drangsal. Das Ausgießen des Zornes Gottes dürfe nicht, so sagt man, mit der „großen Drangsal“ verwechselt werden.

Es stimmt, dass der Höhepunkt des Zornes Gottes wohl erst nach dem Kommen des Herrn stattfinden wird. Aber gerade die Gerichte vor dem Kommen des Herrn (Siegelgerichte, Posaunengerichte und Schalengerichte) sind bereits der Anfang dieses Zornes Gottes.

Wenn es nämlich in Offenbarung 15,1 heißt, dass der Grimm Gottes in diesen Plagen/Schalen vollendet werden wird: „Und ich sah ein anderes Zeichen in dem Himmel, groß und wunderbar: Sieben Engel, die sieben Plagen hatten, die letzten; denn in ihnen ist der Grimm Gottes vollendet“, dann gehören also die sieben Schalengerichte, die auch explizit „die sieben Schalen des Grimmes Gottes“ genannt werden und vor dem Kommen des Herrn stattfinden, zu dem Grimm Gottes. Da aber darin der Grimm vollendet wird, müssen auch vorher schon Gerichte da sein, die den Grimm/Zorn Gottes beinhalten.

In der Endzeitrede des Herrn Jesus in Lukas 21,23 heißt es: „Wehe den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn große Not wird in dem Land sein und Zorn über dieses Volk.“ Es handelt sich hier zwar um die Zeit von 70 n.Chr., wo Jerusalem zerstört wurde, doch ist gerade dieses Gericht eine Vorschattung von dem, was in den letzten Tagen in vollkommenen Maß stattfinden wird. Wenn schon das was dort geschah, aufgrund des Zornes Gottes geschah, wäre es auch kaum vorstellbar, dass das, was in der Zukunft an weit schrecklicherem durch den König des Nordens über Israel und Jerusalem kommen wird, nicht dazu gehören sollte. Daneben wird uns in den Propheten ja auch explizit gesagt, dass der König des Nordens, der Assyrer, das Werkzeug des Zornes Gottes ist (siehe z.B. Jes 10). Das ist die Rache Gottes als Antwort auf die Annahme des Antichristen. So wie auch die Annahme des Mahlzeichens des Tieres (des römischen Weltherrschers) explizit das Trinken des Kelches des Zornes Gottes nach sich zieht (Off 14,10).

Vielfach meint man bei der großen Drangsal, es handle sich um die Verfolgung der Gläubigen. Und tatsächlich ist auch Verfolgung eine Form der Drangsal, obwohl sie sprachlich schon davon geschieden wird, und es wird auch Drangsal für die Gläubigen in der Zukunft geben, aber das Wort hat einen weit größeren Bedeutungsbereich für alle Arten aufgedrückter Not aus verschiedenen Ursachen. Und so ist „die große Drangsal“ das Strafgericht Gottes insbesondere für Israel wegen der Annahme des Antichristen bzw. der christlichen Welt aufgrund ihres Abfalls von ihm.

Eine Analyse des Vorkommens des Wortes tlipsis (gr. für Drangsal/Trübsal/Bedrängnis) bestätigt diese Bedeutung:

  • 1Mo 42,21: „Da sprachen sie einer zum anderen: Wahrhaftig, wir sind schuldig wegen unseres Bruders, dessen Seelenangst wir sahen, als er zu uns flehte, und wir hörten nicht; darum ist diese Drangsal über uns gekommen.“
    • Bedeutung ist hier Strafe. Diese Geschichte ist übrigens gerade ein Vorbild von dem, was mit dem jüdischen Überrest in der Zukunft stattfinden wird.
  • 5Mo 28,53: „Und in der Belagerung und in der Bedrängnis, womit dein Feind dich bedrängen wird, wirst du die Frucht deines Leibes essen, das Fleisch deiner Söhne und deiner Töchter, die der Herr, dein Gott, dir gegeben hat.“
    • Drangsal durch den Feind für Israel.
  • 5Mo 28,57: „… wegen ihrer Nachgeburt, die zwischen ihren Beinen hervorgeht, und wegen ihrer Kinder, die sie gebiert; denn sie wird sie im Geheimen aufessen aus Mangel an allem, in der Belagerung und in der Bedrängnis, womit dein Feind dich bedrängen wird in deinen Toren.“
    • Drangsal durch den Feind für Israel.
  • 5Mo 31,17: „Und mein Zorn wird an jenem Tag gegen es entbrennen, und ich werde sie verlassen und mein Angesicht vor ihnen verbergen; und es wird verzehrt werden, und viele Übel und Drangsale werden es treffen. Und es wird an jenem Tag sagen: Haben nicht darum diese Übel mich getroffen, weil mein Gott nicht in meiner Mitte ist?“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Israel.
  • Ri 10,14: „Geht hin und schreit zu den Göttern, die ihr erwählt habt: Sie mögen euch retten zur Zeit eurer Bedrängnis!“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Israel.
  • 2Chr 15,6: „Und es stieß sich Nation an Nation und Stadt an Stadt; denn Gott beunruhigte sie durch allerlei Bedrängnis.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen die Menschen.
  • 2Chr 20,9: „Wenn Unglück über uns kommt, Schwert, Strafgericht oder Pest oder Hungersnot, und wir treten vor dieses Haus und vor dich – denn dein Name ist in diesem Haus – und schreien zu dir aus unserer Bedrängnis, so wirst du hören und retten.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Israel.
  • Ps 55,4: „… vor der Stimme des Feindes, vor der Bedrückung des Gottlosen; denn sie wälzen Unheil auf mich, und im Zorn feinden sie mich an.“
    • Drangsal der Gottlosen.
  • Ps 78,49: „Er ließ seine Zornglut gegen sie los, Wut und Grimm und Drangsal, eine Schar von Unglücksengeln.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Israel.
  • Ps 107,39: „Und sie vermindern sich und werden gebeugt durch Bedrückung, Unglück und Jammer.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Israel.
  • Spr 1,27: „… wenn der Schrecken über euch kommt wie ein Unwetter, und euer Unglück hereinbricht wie ein Sturm, wenn Bedrängnis und Angst über euch kommen.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Spötter.
  • Jes 37,3: „Und sie sprachen zu ihm: So spricht Hiskia: Dieser Tag ist ein Tag der Bedrängnis und der Züchtigung und der Schmähung; denn die Kinder sind bis an die Geburt gekommen, aber da ist keine Kraft zum Gebären.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Israel.
    • Auch diese Begebenheit ist ein Vorbild von dem, was in der Zukunft geschehen wird.
  • Hab 3,16: „Ich vernahm es, und es zitterte mein Leib; bei der Stimme bebten meine Lippen; Morschheit drang in meine Gebeine, und wo ich stand, erzitterte ich: Ich werde ruhen am Tag der Drangsal, wenn derjenige gegen das Volk heranzieht, der es angreifen wird.“
    • Drangsal durch den Angriff der Feinde gegen Israel.
  • Zeph 1,15: „Ein Tag des Grimmes ist dieser Tag, ein Tag der Drangsal und der Bedrängnis, ein Tag des Verwüstens und der Verwüstung, ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und des Wolkendunkels.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen Israel.
  • Apg 7,11: „Es kam aber eine Hungersnot über ganz Ägypten und Kanaan, und eine große Drangsal, und unsere Väter fanden keine Nahrung.“
    • Drangsal als Not durch Hunger als „Weltgericht“ die sieben mageren Jahre sind ein Vorbild auf die kommende Drangsal.
  • Röm 2,9: „Drangsal und Angst über jede Seele eines Menschen, der das Böse vollbringt, sowohl des Juden zuerst als auch des Griechen.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen die Bösen.
  • Röm 8,35: „Wer wird uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“
    • Drangsal unterschieden von Verfolgung.
  • 2Thes 1,6: „… wenn es denn bei Gott gerecht ist, denen, die euch bedrängen, mit Drangsal zu vergelten.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen die Bösen.
  • Off 2,22: „Siehe, ich werfe sie in ein Bett und die, die Ehebruch mit ihr treiben, in große Drangsal, wenn sie nicht Buße tun von ihren Werken.“
    • Drangsal als Mittel der Ausgießung des Zornes Gottes gegen die böse Kirche.

Es wirkt doch sehr gekünstelt, wenn man annehmen sollte, dass die „große Drangsal“, die als etwas beschrieben wird, was die Welt noch nicht erlebt hat und auch nicht mehr erleben wird, dass ausgerechnet diese Drangsal nicht Gottes Zorn offenbart – was bitte sehr, sollte es dann sein? Es greift zu kurz, wenn wir den Zorn oder Grimm Gottes lediglich auf die Zeit nach dem Kommen des Herrn Jesus beschränken, wenn auch hier der Höhepunkt des Zornes und Grimmes Gottes stattfinden wird.

Der Heilige Geist im Alten und im Neuen Testament

Thomas Jettel schreibt:

Nun behaupten die Vertreter der Vorentrückungslehre, dass der Heilige Geist in den letzten 3,5 (o.: 7) Jahren vor der Wiederkunft genauso wirkt wie im AT, nicht mehr so wie im Zeitalter der Gemeinde Jesu. Denn er wird ja in diesem Sinne weggenommen sein. (So sagt man). Aber der Geist hat im AT nicht anders gewirkt hat als im NT. Der entscheidende Unterschied zum NT ist der, dass der Geist im AT nicht ununterbrochen bei den einzelnen Heiligen verblieben war. Im AT war es möglich, dass der Geist zeitweise von den „gesalbten“ Heiligen wieder weggenommen wurde. Wenn nun der Geist nach der Entrückung – wie im AT – nur zeitweise in den Gläubigen verbleibt, dann ist also der Geist dann nicht mehr die zurückhaltende Macht. So lehrt es die Vorentrückungsthese. Wenn aber der Heilige Geist heute die „zurückhaltende“ Macht ist, dann müssen wir schließen, dass er genauso während der Zeit des AT die „zurückhaltende“ Macht gewesen sein. Denn sowohl heute, wie damals, ist das „Geheimnis der Bosheit“ noch nicht zur vollen Entfaltung gekommen. Der Heilige Geist hielt es zurück – damals wie heute. Aber wenn der Heilige Geist im AT die „zurückhaltende“ Macht war und dieser in den letzten 3,5 (oder 7) Jahren vor der Wiederkunft genauso wirkt und waltet wie im AT, dann muss man folgern, dass er auch dann weiterhin die zurückhaltende Macht ist! Folglich darf man nicht behaupten, das Wirken des Geistes (oder die Gegenwart des Geistes) wäre das entscheidende Element, das weggenommen wird, damit die Bosheit in den letzten 3,5 (o. 7) Jahren voll zum Ausbruch kommen kann. (Hervorhebungen durch den Verfasser)

Stimmt das wirklich? Die Frage ist doch, ob der Geist wirklich nicht anders gewirkt hat im Alten und im Neuen Testament. Wenn wir die Aufgaben des Heiligen Geistes im Johannesevangelium finden, dann sehen wir Ihn dort als Tröster, Fürsprecher, Sachwalter, Führer usw., und Paulus spricht von Ihm als dem Unterpfand in unseren Herzen, mit dem wir versiegelt worden sind (2Kor 1,22). Waren das die Aufgaben des Heiligen Geistes im Alten Testament? Also wenn der Heilige Geist in der Zeitepoche der Gemeinde offenbar doch andere oder zusätzliche Aufgaben hat als im Alten Testament, warum sollte eine weitere Aufgabe nicht die sein, als „Zurückhalter“ (nach 2Thes 2) zu agieren?

Und selbst wenn das Zurückhalten keine Aufgabe ist, sondern nur eine Konsequenz seines Wohnens auf der Erde, so gibt es doch kein Problem damit, zu glauben, dass solange eine Person der Gottheit auf der Erde ist, auf jeden Fall das Gericht nicht ausgeübt werden kann. Obwohl das nun auch nicht heißt, dass das Gericht gleich kommen müsste, wenn eine Person der Gottheit nicht mehr auf der Erde wohnt. Zu alttestamentlichen Zeiten hatte es zwar schon einmal ein ähnliches Gericht gegeben, und zwar bei der Sintflut, aber danach hat sich das Böse erst einmal wieder langsam entwickelt – siehe z.B. 1. Mose 15,16. Danach wohnte Gott auch wieder eine Zeitlang auf der Erde (im Allerheiligsten im Tempel zwischen den Cherubim) und dann war der Herr als Mensch hier auf der Erde – auch wieder eine göttliche Person. Und wenn auch dann ein Gipfel des Bösen beim Kreuz erreicht war, so hat Gott doch noch die Gnadenzeit geschenkt.

Die Ähnlichkeit zwischen Mt 24 und 1Thes 4

Ein Argument jener, die an eine Entrückung nach der Drangsal glauben, ist, dass 1. Thessalonicher 4 und Matthäus 24 Ähnlichkeiten in der Beschreibung aufweisen. Das ist zwar auf den ersten Blick richtig, aber man verkennt doch, dass der Apostel ein „Wort des Herrn“ hat, wie er in 1. Thessalonicher 4 sagt. Das heißt: Der Apostel hatte eine Offenbarung erhalten. Er wiederholt eben nicht das Wort des Herrn aus Matthäus 24, sondern offenbart völlig neue Dinge, die bis dahin nicht bekannt waren. Das bestätigt auch 1. Korinther 15,51, wo es heißt: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“[2]. Unmittelbar darauf spricht Paulus im nächsten Vers von der Entrückung „in einem Nu“ und von unserer Verwandlung in demselben Augenblick.

Die Entrückung und die damit verbundene Auferstehung aus den Toten sowie die Verwandlung derer, die in allen vorherigen Zeitaltern geglaubt haben, war bis dahin ein Geheimnis und noch völlig unbekannt. Deshalb kann man nicht wie selbstverständlich davon ausgehen, dass der Apostel sich hier auf das Ereignis des Kommens des Herrn mit Macht und großer Herrlichkeit beruft. Im Gegenteil, er führt hier einen ganz neuen Aspekt ein: Die Ankunft des Herrn läuft offenkundig in zwei Phasen ab, und zwar in dem Kommen für die Seinen (1Thes 4,15-18) und dem Kommen mit den Seinen (1Thes 3,13). Sein Kommen mit den Seinen war allerdings kein Geheimnis, weil man es zum Beispiel schon in Sacharja 14,5 angedeutet findet.

Neben Ähnlichkeiten in 1. Thessalonicher 4 und Matthäus 24 (Wolken, Posaune, Engel) gibt es allerdings auch gravierende Unterschiede:

  • In Matthäus 24,29.30 wird explizit darauf hingewiesen, dass das Kommen des Herrn mit Macht und großer Herrlichkeit kurz nach der großen Drangsal stattfinden wird; in 1. Thessalonicher 4 lesen wir davon nichts. Im Gegenteil, in Kapitel 3 lesen wir sogar, dass der Herr Jesus wiederkommt und alle Heiligen mit sich bringen wird, das heißt, die Gläubigen müssen zuvor zu Ihm entrückt worden sein.

  • Wenn es denn eine Chronologie in 1. Thessalonicher 4 und 5 gibt, dann die, dass zuerst die Entrückung erwähnt (Kap. 4) und erst dann über den „Tag des Herrn“ gesprochen wird (Kap. 5). In Matthäus 24 spricht der Herr jedoch zuerst über die Drangsal und dann über das Kommen in Macht und großer Herrlichkeit. Erst daran anschließend sollte Er, wie manche glauben, unvermittelt von der Entrückung sprechen („einer wird gelassen und einer genommen“; siehe Fußnote 1)?

  • In Matthäus 24,30 würde der Herr erscheinen, während alle Stämme des Landes wehklagen. Nach 1. Thessalonicher 4 würde der Herr zu einer ermunterten und getrösteten Gemeinde kommen, die sein Kommen schon erwartete.

  • In Matthäus 24,30.31 würde der Sohn des Menschen „auf den Wolken des Himmels“ wiederkommen, und wenn Er seine Auserwählten versammelt, sammelt Er sie nach Israel, denn nach Sacharja 14,4 stellt der Herr bei seinem Kommen seine Füße auf den Ölberg. Dagegen heißt es in 1. Thessalonicher 4, dass der Herr Jesus uns nicht auf der Erde versammelt, sondern dass wir zu Ihm hin versammelt werden in die Luft (siehe auch 2Thes 2,1).

  • Außerdem werden die Auserwählten in Matthäus 24,31 von den Engeln gesammelt, während der Herr Jesus in 1. Thessalonicher 4 persönlich kommt, um uns zu holen (s.a. Joh 14).

  • In Matthäus 24 stoßen anscheinend die Engel in die Posaunen stoßen, um die Auserwählten zu sammeln; dagegen lesen wir in 1. Thessalonicher 4,16, dass der Herr Jesus selbst „mit gebietendem Zuruf“ herabkommt mit der „Posaune Gottes“. Es liegt hier zumindest nahe, dass der Herr selbst in die Posaune Gottes stoßen wird.

Das Kommen des Herrn für sein himmlisches Volk und die Wiederkunft für sein irdisches Volk Israel weisen zwar gewisse Ähnlichkeiten auf. Aber das Wiederkommen zur Entrückung der Gläubigen hat eine tiefere oder persönlichere Dimension als seine Wiederkunft für sein irdisches Volk: Denn während die Gläubigen der christlichen Zeitepoche ins Vaterhaus geholt werden, werden die Auserwählten des jüdischen Volkes nach Israel (Jerusalem) versammelt. Zudem passt es auch zu unserer himmlischen Berufung, dass wir in der Luft mit dem Herrn zusammentreffen, und zu Israels irdischer Berufung, dass der Herr zu ihnen auf die Erde kommt.

Das Geheimnis in Römer 11,25.26

Für eine Entrückung vor der Drangsal spricht auch Römer 11,25.26:

Röm 11,25.26: Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden.

Erst wenn die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird, nimmt Gott den Faden mit Israel wieder auf. Besonders die letzte Jahrwoche (7 Jahre) aus Daniel 9 wird eine Vorbereitungszeit für Israel sein (siehe Off 6-19), so dass ein Überrest erweckt wird, der dann so groß sein wird, dass er „ganz Israel“ repräsentieren wird. Auch hier spricht der Apostel Paulus von einem Geheimnis. Dass Israel wiederhergestellt würde, ist kein Geheimnis, das war längst durch das Alte Testament hinlänglich bekannt, aber wie dieses Ziel erreicht würde, nachdem die Epoche der Gemeinde begonnen hatte, dieses Geheimnis offenbart der Apostel hier in Römer 11. Erst muss die Vollzahl eingegangen sein, bevor „ganz Israel“ errettet werden kann.

Der Zeitpunkt der Entrückung

Diese Unterschiede sind an sich zwar deutlich und auch vielsagend, aber sie sagen zugegebenermaßen natürlich noch nichts darüber aus, wie viel Zeit zwischen diesen beiden Phasen des Wiederkommens liegt. Um hier einen Schritt weiterzukommen, müssen wir bedenken, dass die Gemeinde im Alten Testament noch ein Geheimnis war und in den prophetischen Schriften nicht zu finden ist. Sie war ein Geheimnis, das „den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden ist“ (Eph 3,5). Heute ist es offenbar, dass das Geheimnis des Willens Gottes ist, alles unter ein Haupt (Christus) zusammenzubringen, und zwar alles das, was in den Himmeln ist, und alles das, was auf der Erde ist (Eph 1,9). Nun wissen wir, dass Gott einen Plan für diese Erde hatte (der den Söhnen der Menschen sehr wohl kundgetan worden war; siehe Ps 8), und dieser Plan wird erfüllt werden, wenn Christus im tausendjährigen Friedensreich regiert. Dass Gott jedoch auch einen Plan für den Himmel hatte, das war den „Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden“. Gott erfüllt diesen Plan ebenfalls im tausendjährigen Friedensreich oder, besser gesagt, in der „Verwaltung der Fülle der Zeiten“ (Eph 1,10), hier jedoch so, dass Christus einen Leib haben wird, der als Haupt über alles vom Himmel her seine Regierung und Herrschaft mit Ihm teilt (Eph 1,19-22).

Wenn wir das gut auseinanderhalten und bedenken, dass der Heilige Geist die große Drangsal eine „Drangsal für Jakob“ und eine Drangsal für das „Volk Daniels“ nennt (Jer 30,7; Dan 12,1), während dieser Zeit wird Michael, der große Fürst, auftreten, „der für die Kinder deines Volkes [für das Volk Daniels] steht“ – wie können wir uns dann vorstellen, dass die Gemeinde überhaupt durch diese Drangsal gehen sollte? Zumal für uns nicht der Erzengel Michael bereitsteht, sondern der Herr selbst kommen wird, um uns zu sich zu nehmen. Er kommt zwar mit gebietendem Zuruf und der Stimme eines Erzengels, aber Er kommt persönlich!

Welcher hermeneutische Schachzug erlaubt uns, diese beiden Bestimmungen und Berufungen – die der Versammlung und die Israels – derart miteinander zu vermischen? Können wir glauben, dass der Herr Jesus sein irdisches Volk durch die Propheten mit vielen Details auf diese schwere Zeit vorbereitet hat und zu seinem himmlischen Volk mit keiner Silbe von einer derartigen Katastrophe spricht? Können wir glauben, dass der Apostel Paulus, der doch besonders die Wahrheit über die Gemeinde offenbart hat und für sie Tag und Nacht im Gebet gerungen hat, diese Drangsal dann an keiner Stelle erwähnt hat, außer vielleicht in 2. Thessalonicher 2? Hier liegt es jedoch nahe, dass er auch hier davon ausgeht, dass die Gemeinde bereits zum Herrn Jesus in den Himmel versammelt wurde (2Thes 2,1), bevor der Abfall über diese Erde hereinbricht.

Wenn wir die Berufung für Israel und für die Gemeinde gründlich untersuchen, dann kann man sich nicht vorstellen, wie solche gravierenden Unterschiede in den Berufungen nebeneinander existieren sollten. Die einen ziehen aus in alle Welt, verkündigen das „Evangelium des Reiches“ (Mt 24,14), predigen das Reich als nahe gekommen und bereiten die Menschen auf ein irdisches Reich vor, wie der Herr Jesus selbst zu Beginn seines Dienstes (Mt 4,17); und die anderen predigen das „Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“, den verherrlichten Menschen Christus im Himmel und dass wir als Himmelsbürger mit diesem Menschen im Himmel verbunden sind. Die Erwartung der einen richtet sich auf die Erde und die Erwartungen der anderen auf das, was droben ist, wo der Christus ist (Kol 3,1.2). Die einen erwarten ein Reich auf der Erde, die anderen das Vaterhaus.

Wenn wir die Hoffnungen und Verheißungen Israels und der Gemeinde nicht unterscheiden, dann nehmen wir entweder dem Volk Israel ihre Hoffnungen und Verheißungen weg oder wir erniedrigen die Hoffnungen der Gemeinde auf das Niveau jüdischer, irdischer Hoffnungen herab. John Nelson Darby hat zu Recht geschrieben:

Wenn ihre [der Juden] Hoffnungen die Hoffnungen der Kirche waren und wenn ihr geistlicher Zustand derselbe war wie unser geistlicher Zustand, dann sind ihre Hoffnungen nicht erfüllt, sondern enttäuscht worden. Oder (und der Leser möge das bitte besonders beachten) wenn ihre Hoffnungen nicht die Hoffnungen der Kirche sind, dann werden unsere Hoffnungen auf das Niveau jüdischer irdischer und zeitlicher Hoffnungen herabgesetzt. Dieses große Ziel verfolgt der Feind mit diesem Plan, denn zweifellos handelt es sich um das aktive Wirken des Feindes. Wenn wir einen klar und deutlich abgegrenzten jüdischen Überrest leugnen, der einen jüdischen Glauben und jüdische Hoffnungen hat und sich auf jüdische Verheißungen beruft, dann setzt das die Gemeinde auf dieses Niveau herab. Damit leugnen wir den Wert und die Kraft der geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern in Christus, und der Platz des Leibes Christi in Verbindung mit Ihm geht verloren. Genau das macht diese Frage so wesentlich für die Christen. Das große Ziel des Feindes ist, den wahren Glauben der Gemeinde zu leugnen und zu zerstören und die Gemeinde selbst beiseitezusetzen. Das will er erreichen, indem er die Entrückung der Gläubigen vor der Erscheinung des Herrn leugnet und, als Konsequenz, einen klar und deutlich abgegrenzten jüdischen Überrest mit jüdischen Hoffnungen und jüdischer Frömmigkeit ablehnt. Ich möchte keinesfalls behaupten, dass alle, die in dieses System abgeglitten sind, dies beabsichtigen oder sich der Folge bewusst sind, wenn sie die Entrückung der Gläubigen vor der Erscheinung des Herrn und den jüdischen Überrest leugnen. Aber die Wirkung stellt sich trotzdem ein, und es ist ihr Verlust, obwohl sie es nicht beabsichtigt haben. Sie werden durch den Feind getäuscht; obwohl sie selbst keineswegs vorhaben, durch den Feind ihre Leser zu täuschen und irrezuleiten (Collected Writings, Bd. 11, S. 122).

Manchmal wird gesagt, dass diese beiden Berufungen in der Zeit zwischen 30 und 70 n.Chr. doch auch nebeneinander laufen konnten. Das ist jedoch ein schwaches Argument, weil Gott nach der Steinigung des Stephanus die spezielle Botschaft (vgl. Apg 3,19-26; Apg 7) an das Volk Israel völlig eingestellt hat. Es wurden zu keiner Zeit zwei unterschiedliche Berufungen verkündigt und von Gott anerkannt. Im Gegenteil, Paulus trat als das „auserwählte Gefäß“ (Apg 9,15) erst nach der Steinigung des Stephanus auf. Der himmlische Charakter der Gemeinde wurde vorher nicht verkündigt.

Das Zeugnis der Offenbarung

Und als ob diese Argumente nicht schon reichen würden, passt auch noch die Betrachtung der Offenbarung in das oben gezeichnete Bild völlig hinein, wenn es dort in den ersten drei Kapiteln immer wieder um die Gemeinde geht; das Wort „Gemeinde“ kommt insgesamt 19-mal vor. Dann wird ab Kapitel 4 eine himmlische Szene beschrieben und ab Kapitel 6-18 schwere Gerichte und der Zorn Gottes, der über diese Erde kommen wird. Ausgerechnet in dieser Phase (Off 6–18) des Buches der Offenbarung lesen wir nicht ein einziges Mal von der Gemeinde, außer im Bild der 24 Ältesten, die im Himmel gesehen werden. Ja das Wort „Gemeinde“ kommt nicht ein einziges Mal vor. Im Gegensatz dazu werden aber interessanterweise etliche Bezüge zu alttestamentlichen Bibelstellen hergestellt und die 12 Stämme Israels (Off 7) erwähnt, etwas völlig Untypisches für die Schriften von Johannes. Erst nach dieser Ausgießung des Zornes Gottes und der Gerichte erscheint die Gemeinde wieder im Bild der Braut und des himmlischen und neuen Jerusalems (Off 19–21). Sollen wir glauben, dass dies alles rein zufällig geschrieben wurde? Oder wurde das so vom Geist Gottes bewusst geführt? Müssen wir daraus nicht die logische Schlussfolgerung ziehen, dass aus dem biblischen Befund nicht geschlossen werden kann, dass die Entrückung und das Kommen mit Macht und großer Herrlichkeit ein und dieselbe Sache sind und dass mindestens die Zeit der großen Drangsal zwischen diesen beiden Ereignissen liegt? Ist das nicht auch der Unterschied zwischen dem Kommen des Herrn, wenn Er für das Volk Israel als die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20) kommt und als der „glänzende Morgenstern“ (Off 22,16), wenn Er für die Gemeinde kommt? Weder in Johannes 14,3 noch in Offenbarung 22,20 wird uns etwas davon berichtet, dass dem Kommen des Herrn noch bestimmte Dinge vorausgehen müssen. Das Kommen des Herrn für die Gemeinde ist jederzeit möglich. Der Geist und die Braut rufen: Komm! Und die Antwort darauf ist: Ja, ich komme bald! (vgl. Off 22,17-20).

Wer sich intensiver mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Buch Der vergessene Reichtum, erschienen 2009 im Daniel-Verlag. In diesem Buch werden die im Artikel angedeuteten Themen ausführlicher ausgearbeitet.

 

Anmerkungen

[1] Dieser Artikel entstand unter anderem aufgrund eines Artikels von Thomas Jettel. Erschienen in Unterwegs notiert, Nr. 42 (Februar/März 2007). Quelle: Unterwegs notiert Nr. 42 - 02/2007

[2] Ein Geheimnis ist im Neuen Testament immer etwas, was im Alten Testament nicht offenbart wurde. Siehe: Matthäus 13,11; Epheser 1,9; 3,9; 6,19; Kolosser 1,26; Römer 11,25; 16,25; 1. Timotheus 3,16.

Weitere Artikel des Autors Stephan Isenberg (71)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...