Der Verfall des christlichen Zeugnisses
Niedergang und Abkehr vom Wort Gottes

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 10.07.2021

Bevor wir versuchen, Gottes Anweisung aus seinem Wort darzulegen, muss leider erst noch vieles vorab geklärt werden. Genauso wie ein weiser Baumeister tief graben und eine Menge Müll und unbrauchbares Material beseitigen muss, bevor er einen einzigen Stein legen kann (Lk 6,48), so müssen wir uns mit bestimmten Dingen befassen, die in das christliche Zeugnis hineingeraten sind und dort einfach nicht hingehören. Dabei ist es nicht unsere Absicht, die gegenwärtige Ordnung im Christentum zu kritisieren, nur um Fehler daran zu finden. Wir tun dies nur, weil wir glauben, dass es notwendig ist, damit der Leser sieht, wie sehr diese Dinge Gottes biblischer Ordnung entgegenstehen.

Im Laufe der Zeit sind viele Dinge im christlichen Zeugnis von der Masse als Gottes Weg akzeptiert worden. Es scheint, dass niemand auch nur daran gedacht hat, zu prüfen, ob diese Dinge mit dem Wort Gottes – der Grundlage und Richtschnur des Christen – in Einklang stehen. Die Menschen haben das alles einfach für bare Münze genommen. Das Problem dabei ist, dass bestimmte Dinge, mit denen wir lange Zeit gelebt haben, uns oft zu einer vorgefassten Meinung verleiten, die unsere Gedanken vernebelt und uns daran hindert, die Wahrheit zu erkennen. Deshalb wird das Erkennen der Wahrheit über Gottes Ordnung für Christen, die sich miteinander zur Anbetung und zum Dienst versammeln, für viele von uns bedeuten, dass wir möglicherweise einiges zu verlernen haben werden, was wir mit den Jahren (fälschlicherweise) übernommen haben. Und das ist nicht leicht.

Die „zweiten“ Briefe

Wenn wir uns nun dem Wort Gottes zuwenden, sehen wir, dass fast jeder Schreiber des Neuen Testamentes den Niedergang und die Abkehr vom Wort Gottes im christlichen Zeugnis vorhergesehen hat. Daher sollte es für uns keine wirkliche Überraschung sein, wenn wir eine solche Abwendung von Gottes Anordnung in der Form von konfessionellen und nichtkonfessionellen Kirchen sehen.

Die „zweiten“ Briefe im Neuen Testament befassen sich in besonderem Maße mit diesem Thema. Jeder Brief hebt einen Aspekt des christlichen Glaubens hervor, der aufgegeben wurde, und steckt daraufhin den Weg für die Gläubigen diesbezüglich ab.

  • Der zweite Brief an die Epheser (das Sendschreiben in der Offenbarung) beschreibt das Verlassen der ersten Liebe (Off 2,1-7).
  • Der zweite Thessalonicherbrief behandelt die Vernachlässigung der „glückseligen Hoffnung“ [Tit 2,13] – das Kommen des Herrn (die Entrückung).
  • Der zweite Brief des Johannes betrachtet die ernste Tatsache, die Lehre Christi zu vernachlässigen.
  • Im zweiten Petrusbrief finden wir, wie die praktische Gottesfurcht aufgegeben wurde.
  • Der zweite Korintherbrief behandelt unter anderem, dass die apostolische Autorität, wie sie in der Schrift gezeigt wird, aufgegeben wurde.
  • Der zweite Brief an Timotheus berichtet von der Vernachlässigung der Ordnung im Haus Gottes. (Dies steht in besonderer Verbindung mit dem Thema, mit dem wir uns beschäftigen.)

Das Zeugnis des Paulus

Der Apostel Paulus warnte davor, dass es im christlichen Bekenntnis eine große Abweichung vom Wort Gottes geben würde. Er sagte: „Ich weiß, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her“ (Apg 20,29.30). In seinen Briefen an Timotheus sprach er von denen,

  • die, „was den Glauben betrifft, Schiffbruch erlitten haben“ (1Tim 1,19.20).
  • die „von dem Glauben abfallen werden“ – dem Wesentlichen der christlichen Wahrheit (vgl. 1Tim 4,1-3).
  • die verführt wurden, „vom Glauben abzuirren“ (1Tim 6,10).
  • die auf Abwege vom Glauben geraten sind (1Tim 6,20.21).
  • die durch ihre falschen Lehren den „Glauben einiger zerstören“ würden (2Tim 2,18).
  • die „unbewährt hinsichtlich des Glaubens“ sein werden (2Tim 3,8).

Paulus sagte außerdem, dass eine Zeit kommen würde, in der das ganze christliche Bekenntnis „die gesunde Lehre nicht ertragen“ und deshalb die „Ohren von der Wahrheit abkehren, sich aber zu den Fabeln hinwenden“ würde, die keine Grundlage im Wort Gottes haben (2Tim 4,2-4). Er fährt fort, indem er sagt, dass auch die Moral im christlichen Zeugnis auf das Niveau der heidnischen Welt herabsinken werde (2Tim 3,1-5; vgl. Röm 1,28-32). Dabei sprach er von Hochstaplern, die aufkommen und erklären würden, Kenntnis der Wahrheit zu haben, die die Wunderkräfte Gottes nachahmen und so versuchen würden, der Wahrheit entgegenzuwirken (2Tim 3,7.8). Paulus sagte auch, dass die Dinge nicht besser werden würden, sondern dass „böse Menschen aber und Betrüger“ im christlichen Zeugnis (denn das ist der Kontext des Kapitels) „zu immer Schlimmerem fortschreiten“ würden (2Tim 3,13). Ein flüchtiger Blick auf das heutige christliche Bekenntnis lässt uns erkennen, dass all dies seine traurige Erfüllung gefunden hat.

Das Zeugnis des Matthäus

Der Apostel Matthäus deutet in den Gleichnissen vom Reich der Himmel ebenfalls diese Abweichung an. In diesen Gleichnissen sagte der Herr Jesus, dass ein Feind (Satan) kommen und „Unkraut unter den Weizen“ säen würde. Dies deutet darauf hin, dass es eine Einführung von falschen und toten Bekennern in das Reich der Himmel geben würde. Das Ergebnis wäre eine Mischung von echten Gläubigen (dem Weizen) und falschen Bekennern (dem Unkraut) im Reich Gottes, die erst am Ende des Zeitalters aussortiert werden würden (Mt 13,24-30.38-41).

Matthäus berichtet, dass der Herr Jesus die Volksmenge lehrte, dass aus der Einfachheit des ursprünglichen Christentums ein riesiges System entstehen würde, und dass es am Ende keine Ähnlichkeit mehr mit dem haben würde, was am Anfang war. Er benutzte das Beispiel eines Senfkorns, das in die Erde gepflanzt wird, und über die Maßen wächst, bis es zu einem riesigen Baum wurde, in dem die Vögel des Himmels wohnen (Mt 13,31.32). Der Baum spricht von Herrschaft und Macht (vgl. Dan 4,9-27.34). So deutete der Herr an, dass sich das christliche Zeugnis zu einer großen Einheit in dieser Welt mit einem großen äußerlichen Bekenntnis vor den Menschen entwickeln würde. Die Vögel sprechen von bösen Geistern und Personen (Mt 13,4.19; Off 18,2), die darin nach ehrenvollen Posten streben würden – also vielleicht nach den obersten Zweigen in diesem Baum. Wenn wir jemals die Gelegenheit gehabt haben, Zeuge des Lärms zu werden, der von einem Baum voller Vögel ausgeht, so verstehen wir, wie treffend dieses Bild von der Verwirrung ist, die im christlichen Zeugnis herrscht. Alle Vögel zwitschern gleichzeitig, alle haben scheinbar etwas zu sagen, aber ihre Stimmen sind alle widersprüchlich. Ist es nicht genau das, was wir hören, wenn wir die tausend Stimmen der verschiedenen sogenannten Kirchen in der Christenheit anschauen und hören?

Der Herr Jesus fuhr fort, über eine Frau zu sprechen, die Sauerteig unter drei Maß Mehl verbarg (Mt 13,33). Dies spricht von einem anderen Aspekt des Verfalls, der in das christliche Bekenntnis gekommen ist. Wenn die Vögel in dem riesigen Baum das gewaltige äußerliche Bekenntnis veranschaulichen, das sich entwickeln würde, so spricht der Sauerteig im Mehl von der großen inneren Verderbtheit, die auch das Christentum durchdringen würde. Der Sauerteig ist in der Schrift ein Bild von etwas Bösem (Mt 16,6; Mk 8,15; 1Kor 5,6-8; Gal 5,7-10). Das Mehl ist hier ein Bild für Christus, der „das Brot des Lebens“ ist. Er ist die geistliche Speise für die Kinder Gottes (Joh 6,33-35.51-58). Daher wies der Herr darauf hin, dass die bekennende Kirche (die Frau) die Speise der Kinder Gottes verderben würde, indem sie eine böse Lehre einführt und sie mit der Wahrheit seiner (des Herrn Jesus) Person vermischt. Ist dies nicht genau das, was wir heute überall um uns herum sehen? In weiten Teilen der Christenheit sind böse und irrige Lehren mit Christus in Verbindung gebracht worden.

So weisen diese drei Gleichnisse im Matthäusevangelium darauf hin, dass es die Einführung von bösen Menschen (Mt 13,24-30), bösen Geistern (Mt 13,31.32; 1Tim 4,1) und bösen Lehren geben würde (Mt 13,33).

Einige der anderen Gleichnisse des Reiches der Himmel im Matthäusevangelium deuten ebenfalls darauf hin, dass dasselbe Versagen eintreten würde (z.B. Mt 25,1-13: „Sie alle [wurden] schläfrig und schliefen ein“).

Das Zeugnis des Petrus

Der Apostel Petrus sprach auch von den bösen Lehren, die im christlichen Zeugnis aufkommen würden. Er sagte, dass falsche Lehrer unter den Gläubigen aufstehen und „Verderben bringende Sekten“ einführen würden, „und viele werden ihren Ausschweifungen nachfolgen“. Bis zu dem Punkt, an dem sie sogar den Weg der Wahrheit als böse bezeichnen werden (2Pet 2,1-3; 3,16). Eine „Irrlehre“ oder eine „Sekte“ ist per Definition die Aufrichtung einer Abspaltung innerhalb der Kirche, die sich tatsächlich von anderen trennt und ihre Gemeinschaft um eine bestimmte Sichtweise herum formt. Die subtilste aller Irrlehren ist die, die sich um einen Teil der Wahrheit herum entwickelt und dabei andere Wahrheiten ausschließt. Es mag viele wahre Gläubige geben, die mit solchen Irrlehren in Verbindung stehen. Aber eine „Verderben bringende Sekte“, von der Petrus spricht, ist eine Parteiung, die sich um Lehren versammelt, die der Seele ernsten Schaden zufügen.

Wenn wir das große christliche Bekenntnis betrachten, sehen wir dann nicht zahlreiche Abspaltungen und Sekten in der Kirche? Es heißt, dass heute über tausendfünfhundert Denominationen und nichtkonfessionelle Gemeinschaften existieren! Zum Glück können wir sagen, dass die meisten dieser Kirchengruppen keine „Verderben bringenden Sekten“ sind, aber nichtsdestoweniger handelt es sich bei ihnen um äußerliche Abspaltungen in der Kirche, die sektiererisch sind. Sektiererei ist nicht die Verbreitung einer bösen Lehre, sondern Bildung von Spaltungen! Dabei sollten wir uns daran erinnern, dass die Heilige Schrift sagt, dass wir die Sektiererei ablehnen sollen, weil sie ein Werk des Fleisches ist – der gefallenen sündigen Natur im Menschen (Tit 3,10.11; 1Kor 11,19; Gal 5,20). Es stimmt, dass böse Lehre oft mit Sektiererei zusammenhängt, und das ist wahrscheinlich der Grund, warum viele Christen Sektenbildung mit einer fremdartigen und gotteslästerlichen Lehre verbinden, aber Sektiererei an sich ist die Bildung einer äußerlichen Spaltung in der Kirche.

Das Zeugnis des Johannes

Während der Apostel Paulus vor denen warnt, die sich von der offenbarten christlichen Wahrheit „zurückziehen“ würden (Heb 10,38.39), warnt der Apostel Johannes vor denen, die „weitergehen“ und nicht in ihr bleiben würden (2Joh 9). Johannes spricht von diesem Abweichen im christlichen Zeugnis als Ergebnis der Arbeit antichristlicher Lehrer. Er sagte: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns“ (1Joh 2,19). Das „uns“ bezieht sich hier und an vielen anderen Stellen im Johannesbrief auf die Apostel. Dieses Weggehen von der Lehre und der Gemeinschaft der Apostel bedeutete in Wirklichkeit, diese aufzugeben. Während Johannes sich in erster Linie darauf bezog, dass die Lehre über die Person Christi aufgegeben wurde, können wir sehen, dass das christliche Bekenntnis dort nicht haltgemacht hat. Vieles von dem, was heute als Ordnung für die Gemeinde gilt, hat im Wesentlichen keine Grundlage mehr in den Lehren der Apostel! Was wir sehen, erinnert uns an das Wort des Herrn an die Pharisäer, als Er sagte, dass sie „Menschengebote lehren“. Er sagte auch: „Geschickt hebt ihr das Gebot Gottes auf, um eure Überlieferung zu halten“ (Mk 7,7.9).

Das Zeugnis des Judas

Judas schreibt in seinem Brief ebenfalls, dass sich gewisse Männer unversehens unter die Christen einschleichen und „die Gnade Gottes in Ausschweifung verkehren“ würden (Jud 4). Er beschreibt den Charakter derer, die das christliche Bekenntnis entstellen, folgendermaßen (Jud 11):

  1. „Sie sind den Weg Kains gegangen.“
  2. Sie „haben sich für Lohn dem Irrtum Bileams hingegeben“.
  3. Sie sind „in dem Widerspruch Korahs umgekommen“.

Diese drei Dinge beschreiben treffend die Art von kirchlichem Irrtum, der heute in der Christenheit vorherrscht.

  1. Erstens gibt es den „Weg Kains“: Der Mensch bemüht sich, Gott die eigenen Werke zur Annahme bei Ihm vorzustellen. Kain war insofern ein religiöser Mensch, als dass er ein Opfer darbrachte, aber er legte das Werk seiner eigenen Hände Gott zur Annahme vor, und folglich wurde es abgelehnt (1Mo 4,1-5). Seine Opfergabe enthielt kein Blut, was im übertragenen Sinn auf das endgültige Opfer und das Blutvergießen des Herrn Jesus Christus hinweisen würde, ohne das niemand von Gott gesegnet werden kann. Ein unblutiges Evangelium (das in Wirklichkeit kein Evangelium ist) wird heute von den Kanzeln vieler Kirchen gepredigt, wodurch die Menschen dazu gebracht werden, zu glauben, dass sie ihre guten Werke Gott zur Annahme und Errettung darbringen können, obwohl die Bibel eindeutig darauf hinweist, dass die Errettung „nicht aus Werken“ erfolgt (Eph 2,8.9; Tit 3,5; Röm 4,4-8).

  2. Zweitens gibt es „den Irrtum Bileams“: Der Mensch ist bereit, für Geld und besondere Anerkennung Dinge zu lehren, die Gott nicht autorisiert hat. Bileam stellte sich dem Balak und den Moabitern als Prophet dar und war bereit, zum Schaden des Volkes Gottes für sie zu prophezeien (4Mo 22–24). Viele in der Christenheit (obwohl sie vielleicht nicht die Absicht haben, jemand aus dem Volk des Herrn zu schaden) lehren ebenfalls schädliche Lehren, die nicht auf der Schrift beruhen, und streben ebenfalls nach hohen Ehren in der Kirche.

  3. Drittens gibt es den „Widerspruch Korahs“: Hierbei geht es um die Organisation einer Gruppe von Menschen, die Gottes Anordnung zum Priestertum in Frage stellen. Korah und seine Männer wollten eine Stellung über dem Volk Gottes, die ihnen nicht von Gott gegeben worden war (4Mo 16). Im christlichen Bekenntnis hat es eine ähnliche Organisation einer besonderen Klasse von Menschen gegeben, die der Herde Gottes vorstehen wollten, nämlich den Klerus. Sie sprechen offen von der Herde Gottes als „ihrer“ Herde. Diese Art von Organisation mag mit guten Absichten entstanden sein, und es mag auch viele geben, die gegenwärtig diesen Platz einnehmen und mit ebenso guten Motiven dabei sind, aber dennoch ist es ein System, das keine Grundlage im Wort Gottes hat. Im Wesentlichen stellt es das wahre Priestertum eines jeden Gläubigen in Frage.

Das Zeugnis des Herrn

Schließlich verurteilt der Herr selbst eine Gruppe von Menschen, die sich in der Kirche erheben würden. Sie werden als Nikolaiten bezeichnet (Off 2,6.15). Diese Leute brachten Unreinheit in das christliche Zeugnis, und aus der Bedeutung ihres Namens hat so mancher Bibellehrer geschlossen, dass es durchaus die ersten Ansätze eines Klerikalismus gewesen sein könnten. „Niko“ bedeutet „herrschen“, und „laiten“ ist dasselbe Wort wie Laien und bedeutet „das Volk“. Die Nikolaiten waren eine Gruppe von Leuten, die anscheinend mit irgendeinem Mittel versuchten, „das Volk zu regieren“, und könnten daher durchaus der Beginn des Klerus/Laien-Systems gewesen sein. Der Herr sagt uns ausdrücklich, dass die „Werke“ und die „Lehren“ der Nikolaiten das sind, was Er hasst (Off 2,6.15).

So haben wir von den neutestamentlichen Verfassern reichlich Zeugnis davon, dass es eine große Abkehr von der Einfachheit des christlichen Glaubens geben würde (2Kor 11,3.4) und dass ein System aufgebaut werden würde, das keine Grundlage im Wort Gottes hat. Es stimmt, dass einige der Kirchen mehr von diesem geistlichen Irrtum haben als andere. Aber ganz gleich, ob es sich um den Petersdom in Rom oder die kleinste evangelische Kapelle handelt, die meisten, wenn nicht alle, haben die Grundprinzipien dieses Irrtums in das Wesen ihrer Kirchenleitung eingewoben. Der Gläubige, der durch den Geist Gottes unterwiesen ist, kann nicht umhin zuzugeben, dass das, was vor den Menschen als Kirche Gottes gilt, nur wenig oder gar keine Ähnlichkeit mit der Kirche Gottes hat, wie sie im Wort Gottes dargestellt wird.

Der „eine Leib“ im Gegensatz zu den vielen Sekten und Trennungen

Das vielleicht Traurigste all dieser offensichtlichen Abweichungen ist das Aufkommen der vielen Sekten und Abspaltungen. Die klare Lehre der Heiligen Schrift lautet, dass Gott Trennungen hasst, weil Zwietracht und Sektiererei (Parteibildung) ein Werk des Fleisches sind (Gal 5,20). Wie groß ist der Kontrast zu den zahlreichen Sekten und Trennungen im christlichen Zeugnis und zu dem Willen des Herrn für seine Gemeinde!

Als Er noch auf der Erde war, betete Er, dass wir alle eins sein mögen. Er sagte: „Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben, damit sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, damit auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,11.20.21). Er war bereit zu sterben, „damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte“ (Joh 11,51.52)! Er sagte auch, dass Er nach seinem Tod danach streben würde, seine Schafe zu „einer Herde“ zu versammeln, damit sie „einen Hirten“ hätten – Ihn selbst (Joh 10,15.16). Trotz des Wunsches des Herrn, dass sein Volk zusammen eine praktische und sichtbare Einheit auf der Erde darstellen sollte, sind sie alle in verschiedene Gruppen verteilt, von denen jede ihren eigenen Glauben und ihre eigenen Praktiken hat, die der jeweiligen Gruppe eigen sind. Wie kann dies die Zustimmung des Herrn finden?

Beim ersten Auftreten von Spaltungen in der frühen Gemeinde wurde der Apostel Paulus vom Geist geleitet zu schreiben: „Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und nicht Spaltungen unter euch seien … Dass jeder von euch sagt: Ich bin des Paulus, ich aber des Apollos, ich aber des Kephas, ich aber des Christus. Ist der Christus zerteilt?“ (1Kor 1,10-13; 12,25). Im Auftrag Gottes ermahnt Paulus hier alle Gläubigen in aller Deutlichkeit, dass es zur Verherrlichung des Namens des Herrn Jesus keine Spaltungen geben soll! Doch wenn wir uns heute im christlichen Bekenntnis umschauen, sehen wir, dass genau das, was die Schrift anprangert, geschehen ist! Wie viele Tausende von Christen sagen: „Ich bin von Rom“ (römisch-katholisch), „Ich bin von Luther“ (lutherisch), „Ich bin von Wesley (methodistisch)“, „Ich bin von Menno Simons (mennonitisch)“ und viele andere mehr. Wenn es den Geist Gottes betrübte, Christen sagen zu hören: „Ich bin von Paulus“, und: „Ich bin von Apollos“, wie könnte es dem Heiligen Geist jetzt gefallen, sie sagen zu hören: „Ich bin von Luther“, oder: „Ich bin von Wesley“? Wenn es in jenen frühen Tagen der Kirche als fleischlich angeprangert wurde, kann man es dann jetzt als geistlich bezeichnen (1Kor 3,1-5)? Diese vielen Konfessionen haben Gottes Ordnung für die Leitung der Gemeinde beiseitegeschoben und eine eigene Ordnung mit all ihren Glaubensbekenntnissen und Kirchenverordnungen aufgestellt. Damit haben sie jedoch traurige Spaltungen in der Gemeinde verursacht.

Der Herr Jesus lehrte die Jünger zu beten: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf der Erde“ (Mt 6,10). Wir fragen: „Gibt es im Himmel sektiererische Spaltungen?“ Einmütig würden alle Christen zustimmen, dass sie dort oben alle verschwunden sind. Im Himmel werden alle in vollkommener Einheit ohne jegliche sektiererische Zugehörigkeit um den Herrn Jesus Christus versammelt sein. Wie kann es dann sein, dass Christen sich auf der Erde in sektiererischen Trennungen zum Gottesdienst treffen wollen, wenn es so etwas im Himmel nicht gibt?

Der Apostel Paulus sagte, dass die erste Verantwortung, die wir als Christen haben, die wir „würdig wandeln der Berufung, mit der wir berufen worden sind“, darin besteht, dass wir uns „befleißigen, die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“. Er fährt fort und erklärt, warum: „Denn es ist ein Leib“ (Eph 4,1-4). Das bedeutet, dass wir als Christen danach streben sollten, die Wahrheit, dass wir ein Leib sind, in einem praktischen Sinn zu verwirklichen. Die Welt sollte eine sichtbare Einheit in der Gemeinde sehen. Unglücklicherweise sieht sie, dass das christliche Zeugnis in viele Teile zersplittert ist. Es ist natürlich nicht möglich, dass sich die ganze Gemeinde unter einem Dach an einem Ort versammelt. Trotzdem sollte eine praktische Einheit in den Beziehungen und dem Umgang zwischen verschiedenen, über die Erde verteilten örtlichen Gemeinden sichtbar sein.

Wir hören Christen, die von verschiedenen Konfessionen als „ihrem Leib“ und „unserem Leib“ sprechen, als ob es viele Leiber gäbe! Sie sprechen von ihrer jeweiligen kirchlichen Gemeinschaft als einem „Leib“ in sich selbst im Unterschied zu anderen kirchlichen Gruppen, die sie ebenfalls als Leiber betrachten. Nach allem, was wir unter vielen Christen sehen und hören, ist die Wahrheit des einen Leibes aus dem Blick geraten.

Eine von dem inzwischen verstorbenen Charles Stanley verwendete Illustration beschreibt treffend die Verwirrung, die im christlichen Bekenntnis herrscht. Angenommen, ihre Majestät die Königin von England schickt einen Oberbefehlshaber in eine ihrer Kolonien und die Armee stellt sich für eine gewisse Zeit ganz unter sein Kommando. Dann würde man sie „die Armee ihrer Majestät“ nennen. Aber wenn diese Armee den Oberbefehlshaber absetzen und einen anderen ihrer Wahl ernennen würde oder wenn die Armee sich in verschiedene Teile aufteilen würde und jede Abteilung ihren eigenen ernannten Befehlshaber hätte, obwohl jeder Soldat immer noch ein britischer Soldat wäre, könnte diese geteilte Armee dann zutreffend „die Armee ihrer Majestät“ genannt werden? Wenn sie die Autorität des von ihrer Majestät ernannten Oberbefehlshabers außer Kraft setzen würden, wäre dann nicht jede dieser Abteilungen in einem Zustand der Meuterei? Wäre es nicht illoyal, sich in die Reihen einer solchen meuternden Division einzureihen? Wenn wir dies nun auf die Kirche anwenden, können wir leicht sehen, dass so etwas in der Tat bei der Entstehung von konfessionellen und nichtkonfessionellen Kirchen geschehen ist.

Eine Zeitlang stand die frühe Gemeinde unter der Autorität des Heiligen Geistes, der vom Himmel herabgesandt wurde, um die Gemeinde zu regieren, so wie die britische Armee eine Zeitlang die Autorität des Oberbefehlshabers ihrer Majestät besaß. Als es in der Gemeinde zu einer Entfernung von Gottes Wort kam, kamen damit auch Spaltungen, und es wurden menschliche Anordnungen eingeführt, um diese Abspaltungen zu steuern. Diese menschlichen Erfindungen wurden zweifellos mit guter Absicht eingeführt, aber ohne Autorität aus dem Wort Gottes. Als sich die Sekten innerhalb des christlichen Bekenntnisses vervielfachten, wurden in den verschiedenen Denominationen weitere menschliche Instanzen (mit ihren speziellen Glaubensbekenntnissen und kirchlichen Statuten) eingerichtet, um deren Angelegenheiten zu verwalten. Heute ist das Ganze zu einem gewaltigen System angewachsen, und sehr wenig davon hat Autorität aus dem Wort Gottes.

Ist es ein Wunder, dass die nicht erretteten Menschen der Welt auf die Kirche schauen und den Kopf schütteln? Wenn sie gefragt werden, warum sie nicht an das Evangelium glauben, zeigen sie oft auf den verwirrenden und gespaltenen Zustand der Christenheit mit all ihren widersprüchlichen Stimmen, um damit ihre Ablehnung Christi zu entschuldigen. Wie traurig ist das Zeugnis, das wir dieser Welt geben! Mit Sicherheit sollten wir unsere Häupter senken und dem Herrn bekennen, dass wir gesündigt haben, so wie Daniel anerkannte, dass er am Verfall und Scheitern des Zeugnisses Israels Anteil hatte (Dan 9,1-19; vgl. auch Hes 9,1-15; Neh 9,4-38).

Gebräuchliche Begriffe im Gegensatz zu biblischen Begriffen

Ein großer Teil der Verwirrung, die im christlichen Zeugnis herrscht, rührt von den Begrifflichkeiten her, die Theologen den einfachen Wahrheiten der Bibel beigefügt haben. F.B. Hole hat einmal gesagt, dass die moderne Theologie viele Begriffe der Schrift genommen und sie ihrer biblischen Bedeutung beraubt hat, um diesen Begriffen dann Bedeutungen menschlicher Erfindung anzuhängen, die ihr theologisches System stützen. Wenn wir diese Ideen dann mit dem Wort Gottes vergleichen, sehen wir, dass sie weit von der Wahrheit entfernt sind.

Die „Kirche“

Eines der offensichtlichsten Beispiele dafür, wie die traditionelle Terminologie einem biblischen Begriff eine neue Bedeutung zugewiesen hat, ist „die Kirche“. Die meisten Christen verwenden diesen Begriff, um sich auf ein Gebäude zu beziehen, in das Christen gehen, wenn sie sich zum Gottesdienst treffen. Wenn sie sich in dem Gebäude versammeln, sagen sie: „Wir gehen in die Kirche.“ Die Bibel verwendet das Wort jedoch nie auf diese Weise. Die Bibel spricht von der Kirche [griech. ekklesia] als einer Gemeinschaft von erlösten Personen, die sowohl aus Juden als auch aus den Nationen durch ihren Glauben an das Evangelium „herausgerufen“ wurden. Diese Personen bilden den Leib Christi und werden eines Tages mit Ihm als seine Braut über die Welt herrschen. Die Bibel zeigt deutlich, dass die Gemeinde kein materielles Gebäude ist, denn sie sagt, dass Christus sie geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat (Eph 5,25.26). Sicherlich würde Er das nicht für ein bloßes Gebäude tun, das von Menschen gemacht wurde. Das Wort Gottes sagt uns auch, dass die Gemeinde oft im Haus eines Menschen zu finden war (Röm 16,5; 1Kor 16,19; Kol 4,15; Phlm 2). Es sagt, dass die Gemeinde Ohren hatte, um Belehrung zu empfangen (Apg 11,22.26); dass Urteilsvermögen vorhanden war, um die Gedanken des Herrn zu erkennen (Apg 15,22); und dass sie beten konnte (Apg 12,5), gegrüßt (Röm 16,5) und verfolgt wurde (Apg 8,1; 1Kor 15,9). Aus diesen Bibelstellen ist ganz klar ersichtlich, dass die Gemeinde eine Gemeinschaft von Menschen ist, die durch die Gnade Gottes gerettet wurden, und nicht ein bloßes Gebäude aus Steinen und Holz.

Eine Frau auf den Westindischen Inseln, die etwas von der Wahrheit der Versammlung gelernt hatte, wurde vom „Pastor“ einer örtlichen Kirchengemeinde gefragt, warum sie nicht mehr „in die Kirche“ gehe. Sie antwortete: „Die einzige Kirche, von der ich in der Bibel lese, ist die, die Paulus um den Hals fiel und ihn küsste. Wenn das Ding (wobei sie die Straße hinab zum Kirchengebäude zeigte) auf mich fallen würde, würde es mich umbringen!“

Christen verwenden diesen Begriff auch fälschlicherweise, um eine Abspaltung in der Kirche zu beschreiben. Sie sprechen davon, ein Mitglied einer Kirche zu sein; in Wirklichkeit reden sie aber davon, ein Mitglied einer konfessionellen (oder nichtkonfessionellen) Abspaltung in der Kirche zu sein. Die Wahrheit ist, dass die Schrift keine andere Mitgliedschaft kennt als die am Leib Christi. Jeder Gläubige an den Herrn Jesus Christus ist ein Glied dieses Leibes (1Kor 12,12.27). Wir hören auch, dass Christen davon sprechen, dass Menschen „einer Kirche/Gemeinde beitreten“, was in Wirklichkeit bedeutet, dass sie einer Sekte (Abspaltung) innerhalb der Kirche beitreten.

A.H. Rule sagte einmal:

Die Gemeinde ist keine freiwillige Vereinigung, der Menschen nach Belieben beitreten oder sie verlassen können, wie es bei den Sekten der Fall ist.

Die Bibel lehrt nicht, dass wir einer Gemeinde „beitreten“ sollen. In der Bibel gibt es nur eine Gemeinde: Zu dieser fügt der Herr (nicht wir) Personen hinzu, wenn sie an Ihn glauben zur Errettung (Apg 2,47; 5,14; 11,24; 1Kor 6,17). Ein Bruder, der ein Verständnis für diese Wahrheit hatte, wurde gefragt, zu welcher Gemeinde er gehöre. Er antwortete: „Ich gehöre zu der Gemeinde, der niemand beitreten kann.“ Die Person, die fragte, war natürlich ziemlich überrascht und fragte: „Wie bekommen Sie dann neue Mitglieder?“ Er antwortete: „Oh, der Herr fügt sie durch den Geist zusammen, wenn sie gerettet werden, aber die Leute können nicht freiwillig beitreten“ (vgl. 1Kor 12,13). Wem wir uns anschließen können und sollen ist die Gemeinschaft der Heiligen, aber wir können nicht uns selbst der Kirche anschließen (Apg 9,26).

Oder manchmal fragt jemand: „Wer ist euer Gemeindeoberhaupt?“, in der Annahme, dass wir den Namen eines „Pastors“ nennen werden. Das einzige Haupt der Gemeinde, von dem die Bibel spricht, ist jedoch im Himmel. Es ist Christus selbst (Kol 1,18)!

Wir haben auch schon Menschen sagen hören: „Unsere Kirche lehrt so und so …“ Es gibt jedoch keinen einzigen Gedanken im Wort Gottes über eine kirchliche Lehre. Es ist eine rein menschliche Idee. Wenn es die Aufgabe der Menschen wäre, eine Organisation mit bestimmten Lehren und Glaubensbekenntnissen für diese Gruppierung zu gründen, dann wäre es nicht falsch, zu sagen, dass diese Organisation lehrt. Aber so eine Organisation ist die Kirche eben nicht. Die Wahrheit ist, dass die Kirche keine gesetzgebende Körperschaft ist, die Regeln, Gesetze und Dogmen aufstellt. Sie lehrt nicht; sondern sie wird belehrt! Und zwar durch begabte Einzelpersonen, die von Christus, dem aufgefahrenen Haupt der Gemeinde, erweckt wurden (Apg 11,26).

Ein „Heiliger“

Ein weiteres Beispiel für durcheinandergeratene Begrifflichkeiten, die in der Christenheit existieren, findet sich in der Bedeutung des Wortes „Heiliger“. Viele Christen denken bei einem Heiligen an jemand, der ein vorbildliches Leben führt oder geführt hat. Aber die Bibel verwendet diesen Begriff, um alle Gläubigen zu beschreiben, sogar die in Korinth, die von Spaltung und Fleischlichkeit geprägt waren (1Kor 3,1-4). Sie verkehrten mit moralisch Bösem (1Kor 5), und einige von ihnen vertraten eine böse Lehre, die das Fundament des Christentums angriff (1Kor 15). Es gab keine Gruppe von Christen in der Bibel, die in einem so schlechten Zustand waren, außer vielleicht die Galater. Doch trotz all ihres Versagens nennt das Wort Gottes die Korinther „Heilige“ (1Kor 1,2)! Daraus wird deutlich, dass die Bibel eine andere Definition für „Heilige“ hat als das, was die Menschen heute üblicherweise verwenden.

W. Kelly sagte, dass in den Köpfen der meisten Menschen, ein Heiliger zu sein, als etwas Größeres angesehen wird, als nur ein Christ zu sein; aber in Wirklichkeit ist ein Christ etwas Größeres als ein Heiliger.

W.Kelly sagte zudem:

Viele würden meine Lehre für seltsam halten, weil sie jeden landauf, landab für einen Christen halten, aber nur sehr wenige auf der Erde für einen Heiligen – und vielleicht keinen, bis sie in den Himmel kommen. Aber für mich ist es ganz offensichtlich – es gibt nichts Sichereres –, dass ein Christ ein Heiliger ist und noch viel mehr!

Die Wahrheit ist, dass alle Christen Heilige sind, aber nicht alle Heiligen sind Christen! Ein Heiliger ist ein „geheiligter Mensch“. Er wird durch die Wiedergeburt zu einem solchen gemacht. Geheiligt zu sein bedeutet, durch Gott „abgesondert“ zu sein. Sie sind diejenigen, die von der Masse der Menschheit, die auf die Verdammnis zusteuert, beiseitegesetzt wurden. Sie wurden zu denen gestellt, die auf dem Weg zum Himmel sind. Geheiligt (stellungsmäßig) ist jeder Mensch, der ein neues göttliches Leben von Gott empfangen hat, unabhängig davon, wie er lebt.[1]

Alle Gläubigen vom Beginn der Zeit an sind Heilige. Aber die Heiligen in den Zeiten des Alten Testamentes waren keine Christen. Die Gläubigen von Pfingsten bis zur Entrückung sind die einzigen Heiligen, die in der Bibel als „Christen“ bezeichnet werden. Die Schrift spricht nicht von Abraham, Hiob, Mose und den anderen Heiligen des Alten Testamentes als solche. Es ist ein spezifischer Begriff, der Gläubige heute beschreibt. Ein Christ ist ein Heiliger, der „an das Evangelium seines Heils“ geglaubt hat und daraufhin mit dem Geist versiegelt wurde (Eph 1,13). Somit wurde er in eine weitaus höhere Position gebracht – er ist mit Christus, dem Haupt der Gemeinde, verbunden – als jemand, der lediglich durch die neue Geburt abgesondert (geheiligt) wurde. Der Platz und der Segen des Christen als Teil des Leibes und der Braut Christi ist etwas, was sich von dem, was die Heiligen Gottes zu alttestamentlichen Zeiten hatten, deutlich unterscheidet. Außerdem werden diejenigen, die sich in der kommenden siebenjährigen Trübsalszeit nach der Entrückung (wenn die Gemeinde im Himmel sein wird) dem Herrn zuwenden werden, auch nicht Christen genannt, obwohl sie Heilige Gottes sind.

Es ist hier nicht der Raum, all die verschiedenen Begriffe aufzuzählen, die von Christen heute fälschlicherweise verwendet werden. Wir werden jedoch einige von ihnen untersuchen, während wir unserem Thema folgen.

Der Zustand der Seele – die notwendige Voraussetzung zum Erkennen der Wahrheit

Wir könnten fragen: „Warum akzeptieren so viele Christen dieses ganze von Menschen erfundene System in der Christenheit, ohne deren Glaubwürdigkeit auch nur in Frage zu stellen?“ Wir könnten auch fragen: „Warum haben so viele Christen die biblische Ordnung für die wahre christliche Anbetung und den wahren Dienst verfehlt?“ Die Antwort darauf liegt darin begründet, dass es eine Voraussetzung gibt, die dem Verständnis der Wahrheit vorausgeht. Diese wichtige Voraussetzung ist im Zustand der Seele zu finden. Die folgenden Punkte sind absolut notwendig, wenn wir einen Seelenzustand haben wollen, um die Wahrheit der Schrift zu begreifen:

1. Zeit in der Gegenwart des Herrn in Gemeinschaft mit Ihm verbringen

Das Wort Gottes sagt: „Gott, dein Weg ist im Heiligtum!“ (Ps 77,13). Da sein Weg „im Heiligtum“ ist, müssen wir dort mit Ihm sein, wenn wir erkennen wollen, was sein Wille ist. In seinem Heiligtum zu sein, bedeutet für Christen, in seiner Gegenwart zu leben, in Gemeinschaft und Verbundenheit mit Ihm. Die Gedanken des Herrn und sein Wille werden uns offenbart, wenn wir uns in der Verborgenheit seiner Gegenwart aufhalten. „In deinem Licht werden wir das Licht sehen“ (Ps 36,9). Es gibt keinen Ersatz für die Gemeinschaft mit dem Herrn. Dieses gewaltige Vorrecht der Gemeinschaft mit Ihm können wir jederzeit genießen, denn wir haben freien Zugang zu seiner Gegenwart durch das Gebet: „Glückselig der Mensch, der auf mich hört, indem er an meinen Türen wacht Tag für Tag, die Pfosten meiner Tore hütet!“ (Spr 8,34).

2. Eine Bereitschaft, den Willen Gottes zu tun (zu praktizieren)

Die Bibel sagt: „Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede“ (Joh 7,17). Die meisten, wenn nicht alle Christen wollen Gottes Willen für ihr Leben kennenlernen. Aber das ist nicht das, was dieser Vers sagt. Dieser Vers spricht von der Bereitschaft, Gottes Willen zu tun, nicht nur vom bloßen Wissen darüber. Viele Christen verbringen ihr ganzes Leben damit, nicht zu wissen, was der Wille Gottes für sie ist. Das kann viele Bereiche umfassen, einschließlich der Frage, wo und wie Gott sie mit anderen Christen zur Anbetung und zum Dienst versammeln möchte. Der Grund dafür ist, dass es nicht ausreicht, nur den Wunsch zu haben, seinen Willen zu kennen. „Die Seele des Faulen begehrt, und nichts ist da“ (Spr 13,4). Die Erkenntnis von Gottes Willen wird denen offenbart, die bereit sind, seinen Willen zu tun, koste es, was es wolle. Wenn wir bereit sind, Gottes Willen zu tun, wird Er ihn uns offenbaren.

3. Die Übung der Seele, sich anzustrengen, um die Wahrheit zu lernen

Es heißt: „Esra hatte sein Herz darauf gerichtet, das Gesetz des HERRN zu erforschen und zu tun … Und ich rief dort am Fluss Ahawa ein Fasten aus, um uns vor unserem Gott zu demütigen, um von ihm einen geebneten Weg zu erbitten für uns und für unsere Kinder und für alle unsere Habe“ (Esra 7,10; 8,21). Wir müssen das Gleiche tun. Es muss ein Eifer vorhanden sein, die Wahrheit zu suchen, indem man das Wort Gottes durchforscht (Apg 17,11). Im Buch der Offenbarung musste der Apostel Johannes das „Büchlein“, das die Wahrheit der Ratschlüsse Gottes über Christus und sein Erbe auf der Erde enthielt, „nehmen“, wenn er es haben wollte. Er hatte darum gebeten, aber das war nicht genug, der Engel antwortete: „Nimm es und iss es auf“ (Off 10,9). Das zeigt uns, dass die Wahrheit nicht automatisch denen gegeben wird, die nur darum bitten, sondern denen, die die geistige Energie haben, sie zu nehmen [und zu essen]. Dies erfordert Fleiß: „Die Seele der Fleißigen wird reichlich gesättigt“ (Spr 13,4). Paulus sagte zu Timotheus: „Befleißige dich, dich selbst Gott als bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit recht teilt“ (2Tim 2,15). Er sprach auch von dem „Wort des Glaubens und der guten Lehre“, die Timotheus in fleißigem Studium „genau befolgen“ sollte (1Tim 4,6). Es gibt unter den Christen heute im Allgemeinen einen bedauerlichen Mangel an persönlichem Studium der Heiligen Schrift. Manche Christen verlassen sich einzig und allein auf die geistliche Nahrung, die sie vom „Pastor“ in ihrer Kirche bekommen, oder auf das, was sie im Radio hören.[2] Solche Medien sind nicht geeignet, ihren Zuhörern die Wahrheit über das Thema, das wir hier betrachten, zu vermitteln. Daher ist es kein Wunder, dass viele Christen Gottes Ordnung für die Anbetung und den Dienst nicht kennen.

4. Aufrichtigkeit des Herzens, um die Wahrheit anzuerkennen, wenn sie sich zeigt

Das Wort Gottes sagt: „Den Aufrichtigen geht Licht auf in der Finsternis“ (Ps 112,4). Die Wahrheit mag uns nicht gefallen, wenn sie uns präsentiert wird, aber wenn wir ein ehrliches und aufrechtes Herz haben, werden wir anerkennen, dass sie die Wahrheit ist. Wenn uns die Wahrheit gegen den Strich geht, ist das nur ein Beweis dafür, dass wir nicht in die richtige Richtung schauen, denn die Wahrheit tut nicht weh, es sei denn, sie sollte es.

Unsere einzige Schlussfolgerung, warum so viele Christen diese ganze Situation im christlichen Bekenntnis einfach akzeptieren, ohne sie in Frage zu stellen, ist, dass einer oder alle dieser wichtigen Punkte nicht beachtet werden. Wenn wir heute so viele Christen sehen, die sich mit der unbiblischen Situation im christlichen Bekenntnis zufriedengeben, fragen wir uns, ob es vielleicht so ist wie in den Tagen Jeremias, als er sagte: „Die Propheten weissagen falsch, und die Priester herrschen unter ihrer Leitung, und mein Volk liebt es so“ (Jer 5,31).

Paul Wilson pflegte zu sagen, dass, wenn es ein Hindernis für unser Verständnis einer Schriftstelle gibt, dies auf eines oder alle der folgenden drei Dinge zurückzuführen ist:

  1. Wir haben die Stelle nicht sorgfältig gelesen.
  2. Wir haben eine vorgefasste Meinung (oder Lehre) zu dem Thema, die uns daran hindert, die wahre Bedeutung zu erkennen.
  3. Unser eigener Wille ist am Werk, und wir wollen die Wahrheit nicht hören.

Wir sind nicht dazu berufen, den Verfall im christlichen Zeugnis richtigzustellen

Viele aufrechte und besorgte Gläubige haben gefragt: „Was kann ich tun, um zu helfen, die Dinge im christlichen Zeugnis wiederherzustellen? Vielleicht sollte ich diese Dinge meinem ‚Pastor‘ vorlegen, damit wir eine biblischere Gemeinde haben können?“

Für die Antwort darauf müssen wir uns wieder an das Wort Gottes wenden. Die Heilige Schrift weist darauf hin, dass der gefallene Zustand des christlichen Zeugnisses nicht wiederhergestellt, sondern vielmehr von Gott gerichtet werden wird. In Römer 11 sprach der Apostel Paulus von „dem Ölbaum“, dessen Zweige „ausgebrochen“ wurden, um bildlich zu veranschaulichen, wie Israel als Nation von dem Platz des Vorrechts, den es bei Gott innehatte, abgesetzt werden würde. Dies geschah, weil sie jegliches Zeugnis von Gott in Christus (wie in den Evangelien festgehalten) und dem Heiligen Geist (wie in der Apostelgeschichte berichtet) ablehnten. Der Apostel sprach dann von den Zweigen eines „wilden Ölbaums“, die „der Wurzel und Fettigkeit des Ölbaums teilhaftig geworden“ sind. Er benutzte dies, um zu illustrieren, wie Gott die Heiden durch das Evangelium in eine Stellung des Segens bringen würde. Diejenigen, die den Namen Christi bekennen, sind jetzt an diesem Ort des Vorrechts und der Verbindung mit Ihm. Dies ist der Platz, den die Christenheit durch Gottes Gnade einnimmt. Aber der Apostel warnte, dass, wenn die Zweige des wilden Ölbaums (der Christenheit) nicht in der Güte Gottes blieben, sie von dem Ort des Vorrechts abgeschnitten würden. Stattdessen würden die Zweige, die vorher abgetrennt wurden (Israel), wieder an diesen Ort des Vorrechts gebracht werden. Wie wir gezeigt haben, hat die Christenheit in allen Punkten ihrer Verantwortung versagt und wartet auf Gericht. Dieses Gericht wird stattfinden, nachdem der Herr bei seinem Kommen (der Entrückung) die wahren Gläubigen aus der Christenheit herausgerufen hat. So sehen wir, dass das Ende der Christenheit Gericht ist, nicht Wiederherstellung. Ein weiteres Vorbild in der Heiligen Schrift dafür ist, dass Vasti (die heidnische Königin, die das Christentum symbolisiert) beiseitegesetzt und Esther (die Jüdin) an ihre Stelle gebracht wird (Est 1–2).

Auch in den Sendschreiben des Herrn an die sieben Gemeinden in Asien, die prophetisch die aufeinanderfolgenden Stationen des Niedergangs aufzeigen, die die bekennende Kirche durchlaufen würde, gibt Er keinerlei Hinweis darauf, dass das christliche Zeugnis wiederhergestellt werden würde. Im Gegenteil, es würde am Ende vielmehr aus seinem Mund ausgespien werden (Off 3,16). Es gibt auch in keinem der Briefe ein Wort, dass es eine Wiederherstellung des christlichen Zeugnisses geben würde.[3]

Mehr noch, in Matthäus 13,28-30 haben wir das Wort des Herrn selbst, dass wir von dem Versuch, den gefallenen Zustand im christlichen Zeugnis zu beheben, ablassen sollen. Als der Feind das Unkraut unter den Weizen gesät hatte, sagten die Knechte des Hausherrn: „Willst du denn, dass wir hingehen und es zusammenlesen?“ Sie fragten, ob sie versuchen sollten, die Situation zu beheben, und der Hausherr antwortete: „Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts zugleich mit diesem den Weizen ausrauft. Lasst beides zusammen wachsen bis zur Ernte.“ Die „Ernte“ ist das Ende des Zeitalters (Mt 13,39). Es ist also klar, dass wir nicht dazu aufgerufen sind, die Verwirrung in der Christenheit in Ordnung zu bringen, sondern dass wir alles dem Herrn überlassen, damit Er es am Ende des Zeitalters klärt (vgl. 2Chr 11,1-4).

Wenn nun Gott sagt, dass das christliche Zeugnis nicht wiederhergestellt werden wird, dann ist es sicherlich eine vergebliche Anstrengung unsererseits, zu versuchen, den gegenwärtigen Zustand in Ordnung zu bringen. Würde Er uns bitten, etwas zu tun, von dem sein Wort uns sagt, dass es nicht getan werden sollte? Würde Er von uns verlangen, etwas zu tun, von dem Er uns in seinem Wort gesagt hat, dass wir es nicht tun sollen? Stattdessen hat der Herr gesagt: „Ich werfe keine andere Last auf euch; doch was ihr habt, haltet fest, bis ich komme“ (Off 2,24.25).


Engl. Originaltitel: „The Ruin Of The Christian Testimony“ 
aus God’s Order for Christians Meeting together for Worship and Ministry: The Biblical Answer to Church Traditions
Christian Truth Publishing 1999

Übersetzung: Nathanael Imming

 

Anmerkungen

[1] Es gibt auch so etwas wie eine praktische Heiligung. Sie hat mit der Vervollkommnung der Heiligkeit im Leben des Gläubigen zu tun – damit, dass wir unser Leben praktisch mit unserer Stellung in Einklang bringen (vgl. Joh 17,17; 1Thes 4,3.4; 5,23; Heb 12,14; 2Kor 7,1).

[2] Anm. d. Red.: Dies trifft auch auf jene zu, die ihre geistliche Speise lediglich aus den wöchentlichen Zusammenkünften entnehmen.

[3] Anm. d. Red.: Mit der Wiederherstellung des christlichen Zeugnisses meint der Autor, dass wir die verschiedenen Trennungen und Spaltungen innerhalb der Kirche nicht rückgängig machen können. Dennoch sollten wir all das zu verwirklichen suchen, was noch möglich ist. Es geht nicht darum, dass wir den Kopf in den Sand stecken und nicht persönlich oder gemeinschaftlich lebendige Christen sein könnten.


Hinweis der Redaktion:

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