Was ist eine Sekte?

John Nelson Darby

© SoundWords, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 11.01.2018

Definition einer Sekte

Der Ausdruck „Sekte“ ist eine Übersetzung des griechischen Wortes hairesis. Die Bedeutung dieses Wortes ist gut bekannt. Es findet sich (außer in der Apostelgeschichte, wo es sechsmal gefunden wird) nur einmal im Brief an die Korinther, einmal im Brief an die Galater (Gal 5,20) und einmal im Petrusbrief (2Pet 2). Im ersten Korintherbrief allein wird es durch das Wort „Parteiungen“ übersetzt. Es bezeichnet eine Lehre oder ein System auf philosophischem oder religiösem Gebiet, bei der sich ihre Anhänger vereinigt haben, um dieser Lehre nachzufolgen.

Die Bedeutung dieses Wortes hat sich heute etwas geändert, da der größte Teil der Christenheit sich den Namen „katholische“, d.h. „allgemeine“ Kirche beigelegt hat. Jede religiöse Körperschaft, jede christliche Versammlung, die nicht dieser sogenannten katholischen Gemeinschaft angehört, wurde von diesem Augenblick an von der katholischen Kirche als eine Sekte betrachtet. Dadurch hat das Wort eine kritisierende Bedeutung bekommen.

Alle christlichen Körperschaften werden oft „Sekten“ genannt, sobald sie sich von den Christen im Allgemeinen oder von denen trennen, die diesen Namen tragen. Jedoch beinhaltet das Wort „Sekte“ an und für sich schon mehr oder weniger eine negative Kritik aufgrund des Gedankens, dass solche, die einer Sekte angehören, durch eine besondere Lehre oder unter einem besonderen Namen vereinigt sind. Man kann nicht sagen, dass diese Anschauungsweise ganz falsch ist; die Anwendung kann falsch sein, nicht aber der Gedanke selbst. Für uns ist wichtig zu untersuchen, was uns das Recht gibt, eine Versammlung von Christen eine „Sekte“ zu nennen. Da nun das Wort „Sekte“ auf Versammlungen oder christliche Körperschaften angewendet wird, muss man, um richtig zu urteilen, den wahren Grundsatz kennen, nach dem die Christen sich versammeln sollten. Alles, was nicht auf diesen Grundsatz gestellt ist, ist tatsächlich eine „Sekte“.

Der Gedanke der Einheit

Obgleich die Anwendung, die seitens der sogenannten Katholiken von dieser Wahrheit gemacht wird, höchst falsch und verkehrt ist, so ist es dennoch nicht weniger wahr, dass die Einheit der Kirche oder der Versammlung für die Christen, sei es die Einheit aller, als einzelne Personen in der Welt dargestellt (Joh 17), sei es die Einheit des durch den Heiligen Geist gebildeten Leibes Christi (Apg 2; 1Kor 12,13), eine Wahrheit von höchster Bedeutung ist.

So betet der Herr in Johannes 17 zum Vater, hinschauend auf die durch das Wort der Apostel an Ihn Glaubenden: „… auf dass sie alle in uns eins seien, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Dies ist die praktische Einheit der Christen in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Die Apostel mussten durch die Wirkung ein und desselben Geistes eins sein in der Gesinnung, in den Gedanken und Handlungen gleichwie der Vater und der Sohn in der Einheit der göttlichen Natur (Joh 17,11). Danach mussten die durch ihr Wort an Ihn Glaubenden eins sein in der Gemeinschaft des Vaters und des Sohnes (Joh 17,21); und endlich werden wir vollkommen sein in der Einheit der Herrlichkeit. Doch auch jetzt schon müssen wir eins sein, damit die Welt glaube (Joh 17,21). Überdies hat der um Pfingsten herniedergekommene Heilige Geist all die Gläubigen zu einem Leib getauft, der als Leib mit Christus, dem Haupt, vereinigt ist und auf der Erde diese Einheit offenbart (1Kor 12,13). Man sieht deutlich, dass das zwölfte Kapitel des ersten Korintherbriefes durch die Erklärung: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit“, die Stellung der Gläubigen hier auf Erden bezeichnet, denn im Himmel kann man nicht leiden. Aber der Heilige Geist fügt hinzu: „Ihr aber seid Christi Leib, und Glieder insonderheit“ (1Kor 12,26.27).

Das ganze Kapitel behandelt dieselbe Wahrheit; aber die angeführten Stellen beweisen zur Genüge, dass von der Gemeinde auf der Erde die Rede ist. Wir haben hier also die durch den Heiligen Geist gewirkte wahre Einheit, und zwar die Einheit der Gläubigen untereinander und die Einheit des Leibes.

Wie zeigt sich der Sektengeist?

Der Sektengeist existiert dann, wenn sich die Gläubigen auf einer anderen und nicht auf dieser Grundlage der Einheit vereinigen; es ist der Sektengeist, wenn man diese oder jene Meinung zur Grundlage macht, um sich zu vereinigen. Eine solche Einheit wurzelt nicht in dem Grundsatz der Einheit des Leibes oder der Vereinigung der Gläubigen. Wenn einzelne Personen sich in dieser Weise zu einer Gemeinschaft vereinigt haben und sich untereinander als Glieder dieser Vereinigung anerkennen, so bilden sie wirklich eine „Sekte“, weil der Grundsatz einer solchen Versammlung nicht die Einheit des Leibes Christi ist und weil die Glieder der Vereinigung sich nicht, obwohl sie es sein mögen, als Glieder des Leibes Christi, sondern als Glieder einer besonderen Gemeinschaft vereinigen. Alle Christen sind Glieder des Leibes Christi und machen ein Auge oder eine Hand oder einen Fuß usw. dieses Leibes aus (1Kor 12,13-25). Mitglied irgendeiner Gemeinde oder Kirche zu sein, ist ein Gedanke, der in der Heiligen Schrift nirgends gefunden wird. Der Heilige Geist stellt die Gemeinde auf der Erde als einen Leib dar, wovon Christus das Haupt ist (Eph 1,22.23; Kol 1,18).

So ist jeder Christ ein Glied dieses Leibes und damit auch von Christus. Die Mitgliedschaft einer besonderen Gemeinschaft ist ein ganz anderer Gedanke. Die Feier des Abendmahls ist der Ausdruck dieser Vereinigung der Glieder, wie wir dies in 1. Korinther 10,17 finden, so dass, wenn eine christliche Gemeinschaft das Recht, daran teilzunehmen, ihren Mitgliedern zuerkennt, hierdurch eine Einheit anerkannt wird, die in der Tat mit der Einheit des Leibes Christi im Widerspruch steht. Es ist möglich, dass dies aus Unkenntnis getan wird; es ist möglich, dass diese Christen es nie begriffen haben, was die Einheit des Leibes Christi ist, und dass es Gottes Wille ist, diese Einheit auf der Erde zu offenbaren; aber tatsächlich bilden sie eine Sekte, eine Leugnung der Einheit des Leibes Christi. Es gibt viele, die Glieder des Leibes Christi, aber keine Glieder dieser Gemeinschaft sind; und ihr Abendmahl ist, obwohl die Mitglieder in einer frommen Gesinnung daran teilnehmen, nicht der Ausdruck der Einheit des Leibes Christi, sondern nur der Einheit dieser Gemeinschaft.

Was bewahrt mich vor dem Sektengeist?

Nun aber stellt sich eine Schwierigkeit vor unser Auge: Die Kinder Gottes sind zerstreut. Viele fromme Geschwister sind Glieder der einen oder anderen Gemeinschaft oder klammern sich an den einen oder den anderen Punkt der Wahrheit, und vielleicht stehen sie sogar bezüglich ihres Gottesdienstes um eines Vorteils willen mit denen, die von der Welt sind, in Verbindung: Ach, wie viele gibt es, die gar keine Vorstellung von der Einheit des Leibes Christi haben oder die die Notwendigkeit, diese Einheit auf der Erde zu offenbaren, durchaus nicht anerkennen! Doch dies alles macht die Wahrheit Gottes nicht kraftlos. Die, die sich als Glieder einer Gemeinschaft oder einer Vereinigung versammeln, sind, wie bereits gesagt, grundsätzlich nichts anderes als eine Sekte.

Wenn ich alle Christen als Glieder des Leibes Christi anerkenne, wenn ich sie liebe und sie, vorausgesetzt, dass sie in der Wahrheit und Heiligkeit wandeln und den Herrn aus reinem Herzen anrufen (2Tim 2,19-22; Off 3,7), mit weitem Herzen zum Abendmahl empfange, dann – wenn ich auch nicht alle Kinder Gottes zusammenzubringen vermag – verhalte ich mich nicht sektiererisch; denn ich verhalte mich nach dem Grundsatz der Einheit des Leibes Christi, und ich strebe nach der praktischen Vereinigung der Gläubigen. Wenn ich mich mit anderen Gläubigen vereinige, einfach als Glied des Leibes Christi und nicht als Glied irgendeiner kirchlichen Gemeinschaft, um das Mahl des Herrn zu nehmen – wenn ich wirklich in der Einheit des Leibes bereit bin, alle Christen, die in der Heiligkeit und in der Wahrheit wandeln, an der Feier des Abendmahls teilnehmen zu lassen, dann bin ich kein Glied irgendeiner Sekte, sondern ich bin nur ein Glied des Leibes Christi. Aber jede Vereinigung auf irgendeinem anderen Grundsatz, und zwar um eine kirchliche Körperschaft zu bilden, ist Sektiererei. Der Grundsatz ist sehr einfach. Die Schwierigkeiten in seiner Verwirklichung sind wegen des praktischen Zustandes, worin sich die Gemeinde Gottes befindet, durchaus nicht gering. Doch Christus ist für alles völlig genügend, und wenn wir zufrieden sind, in den Augen der Menschen gering zu erscheinen, dann ist die Sache so schwierig nicht.

Was ist nun eine Sekte?

Eine Sekte ist also eine kirchliche Körperschaft, die sich nach einem anderen Grundsatz als dem der Einheit des Leibes Christi vereinigt. Eine solche religiöse Körperschaft ist systematisch eine Sekte, wenn die, welche einen Teil von ihr ausmachen, als deren Glieder betrachtet werden. Auch verhält man sich sektiererisch, wenn man nur gewisse Personen anerkennt und zulässt, wenn man sie auch nicht Mitglieder nennt. Wir sprechen hier nicht von der Zucht, die in der Mitte des einen Leibes Christi ausgeübt wird, sondern von dem Grundsatz, nach dem man sich vereinigt. Das Wort Gottes spricht nicht von der Gliedschaft irgendeiner Kirchengemeinschaft, sondern nur von den Gliedern des Leibes Christi. Diese Glieder nun sind berufen, die Einheit zu offenbaren, und zwar dadurch, dass sie zusammen einen Weg gehen. Wir können auf Matthäus 18,20 hinweisen als auf eine schöne Ermunterung in diesen Tagen der Zersplitterung, in dieser bösen Zeit des Endes, wo der Herr uns verheißen hat, überall in der Mitte zu sein, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind.

Der Leitfaden für unsere Zeit

Inmitten der um uns herrschenden Verwirrung besitzen wir auf dem Wege, der uns verordnet ist zu gehen, einen Leitfaden, den Er uns in 2. Timotheus 2,20-22 gegeben hat: „In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene; und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre. Wenn sich nun jemand von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet. Die jugendlichen Lüste aber fliehe; strebe aber nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Friede mit denen, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen.“

J.N.D.


Originaltitel: „What is a Sect?“
aus The Collected Writings of J.N. Darby, Bd. 14, S. 362–364 (1872)

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