Begrenzte Sühne?!
Ein Gedankenanstoß

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 26.12.2014, aktualisiert: 31.01.2018

Besonders calvinistisch geprägte Gläubige sprechen häufig von der „begrenzten Sühne“. Gegenfrage: Hat denn Christus nur begrenzt Sühne getan?

Andere fragen: Ist Christus im Blick auf alle Menschen gestorben und hat Er dabei die Sünden aller Menschen getragen?

Das sind schon herzerforschende Fragen, die die Christen seit Jahrhunderten beschäftigt haben. Ich werde das Thema nicht erschöpfend behandeln, aber es liegt mir auf dem Herzen, doch ein paar Gedankenanstöße weiterzureichen, die mir bei diesem Thema wichtig geworden sind und die unsere Anbetung Gott gegenüber neu entfachen könnten.

Ich möchte weder den einen noch den anderen Standpunkt vertreten; ich möchte also weder von einer „begrenzten Sühne“ sprechen noch sagen, dass Christus für die Sünden aller Menschen (also unbegrenzt) Sühnung bewirkt hat. Mit der Aussage „Christus ist für alle Menschen gestorben“ hätte ich allerdings keine Mühe. Ist dir der Unterschied aufgefallen? In der letzten Aussage fehlt der Zusatz „für die Sünden“! Es geht hier nicht um Wortklauberei. Wenn wir sagen, Christus habe die Sühnung für die Sünden aller Menschen bewirkt, dann würde das letztlich auch bedeuten, dass kein Mensch mehr verlorengeht. Das wäre zwar sehr wünschenswert, aber aus Gottes Wort wissen wir, dass es anders ist. Wenn Christus die Strafe für die Sünden aller Menschen auf dem Kreuz von Golgatha getragen hätte, wenn Er also die Sühnung für die Sünden aller Menschen bewirkt hätte, dann wäre die Schuld bezahlt und der schuldige Sünder könnte den Gerichtssaal gerechtfertigt verlassen. Das wäre nichts anderes als Allversöhnung – zumindest in ihrer Konsequenz!

Deshalb müssen wir schon etwas vorsichtig in unserer Ausdruckswahl sein, und es ist gut, die Heilige Schrift daraufhin zu untersuchen. Denn dann stellt man fest, dass die Bibel immer über Gläubige spricht, wenn sie davon redet, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist. Wir finden keine einzige Bibelstelle, aus der hervorgeht, dass der Herr Jesus für die Sünden der Ungläubigen bezahlt hätte. Nein, Christus hat für all jene mit seinem Blut bezahlt, die an Ihn glauben.

Dennoch können wir in der Evangeliumsverkündigung den Menschen sagen: Christus starb auch für dich. Denn damit sind wir auf biblischen Boden. In 2. Korinther 5,14.15 steht: „Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir so geurteilt haben, dass einer für [im Hinblick auf] alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und er ist für [im Hinblick auf] alle gestorben.“ – Christus ist tatsächlich im Hinblick auf alle Menschen gestorben, das heißt aber nicht, dass Er stellvertretend für alle gestorben ist.

Wir müssen in dem Tod Christi zwei Dinge gut unterscheiden. Zum einen gibt es die Gott zugewandte Seite; hier kann man tatsächlich sagen, dass Christus im Blick auf Gott für die ganze Welt starb, so dass Gott in Bezug auf die Sünde in der Welt völlig zufriedengestellt und verherrlicht wurde. Aber wenn wir zum anderen bei dem Tod Christi an die dem Menschen zugewandte Seite denken, dann geht es um Zurechnung dieses Werkes, dann geht es darum, dass der Mensch jemand braucht, der ihn im Gericht vertritt. Im Alten Testament wurden massenweise Opfertiere als Sündopfer dargebracht. Warum? Weil sie stellvertretend für den Sünder in den Tod gingen. Der Sünder musste ein Opfertier bringen, der Priester bekannte die Sünde des Schuldigen vor Gott und legte dabei die Hand auf den Kopf des Opfertieres; dabei ging die Sünde auf das Opfertier über. Das ist Stellvertretung. Christus ist dieser Stellvertreter geworden, und wenn wir unsere Schuld bekennen, dann legen wir, bildlich gesprochen, unsere Hand auf das Opfer, das Christus selbst gebracht hat, und das Werk Christi wird uns angerechnet. Wir können dann wahrhaft sagen, dass Christus unsere Schuld getragen hat, ja Er hat die Sünden all jener getragen, die an Ihn glauben und ihre Hand auf das Opfer Christi gelegt haben.

In dieser Weise ist die Sühnung tatsächlich begrenzt, aber was die Seite Gottes anbelangt, so ist die Sühnung unbegrenzt. Von Gottes Seite ist alles getan, damit jeder kommen kann; so sagt es die Schrift. Bringen wir hier nicht zu schnell die Auserwählung hinein, sondern lassen wir einfach stehen, was Gottes Wort sagt: „Wer will, nehme das Wasser des Lebens umsonst“ (Off 22,17). Paulus kann deshalb schreiben: „Er gab sich selbst als Lösegeld für alle“ (1Tim 2,6). Und tatsächlich: Gott „will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1Tim 2,4), und Gott „will nicht, dass irgendwelche verlorengehen, sondern dass alle zur Buße kommen“ (2Pet 3,9).

Die Tatsache, dass Christus zwar im Hinblick auf alle Menschen starb, aber dass dies nicht automatisch heißt, dass Er auch die Strafe für die Sünden aller Menschen getragen hat, wird bereits in einem alttestamentlichen Vorbild vorgeschattet. Darüber freue ich mich immer ganz besonders, weil es uns hilft, schwierige und komplexe Dinge leichter zu verstehen. Wie gnädig ist unser Gott! Der große Sühnungstag in 3. Mose 16 berichtet unter anderem von zwei Opfertieren, die gebracht werden sollten. Das eine Opfertier spricht von der Gott zugewandten Seite, es heißt dort: „ein Los für den HERRN“ (3Mo 16,8), und das andere Opfertier spricht von der dem Menschen zugewandten Seite: „ein Los für Asasel“ (3Mo 16,8). Das wird im Verlauf von Kapitel 16 näher erklärt und steht damit in Verbindung, dass auf diesem Opfertier (Asasel) die konkrete Schuld des Volkes bekannt wurde; dann wurde das Opfertier in die Wüste geschickt. Dieses Opfertier musste also stellvertretend entfernt (eine Bedeutung des Wortes „Asasel“) werden, so wie Christus in seinem Tod von Gott entfernt wurde. Er musste ausrufen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Diesen Gedanken der zwei Seiten der Sühnung (Genugtuung und Stellvertretung) finden wir auch beim Apostel Johannes. Er schreibt: „Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt“ (1Joh 2,2). Hier müssen wir genau lesen, am besten im griechischen Grundtext. Es heißt im zweiten Teil nicht: „sondern auch für die Sünden der ganzen Welt“, sondern einfach: „sondern auch für die ganze Welt“. Die meisten Bibelübersetzungen ergänzen hier fälschlicherweise, was im griechischen Grundtext gar nicht dort steht. Nein, wenn es um „unsere Sünden“ geht, dann ist der Herr Jesus „die Sühnung für unsere Sünden“ (Stellvertretung), aber wenn es um die ganze Welt geht, dann geht es um die Gott zugewandte Seite der Sühnung – um die Genugtuung, dass Gott nämlich in Bezug auf die Sünde in der Welt zufriedengestellt und durch seinen Sohn verherrlicht wurde. Und das gilt unbegrenzt.

Die Bibel ist in ihrer Ausdruckweise wunderbar genau. So schreibt Johannes in seinem Evangelium: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Joh 1,29). – Es heißt dort nicht: „das die SündEN der Welt wegnimmt“, sondern die „SündE der Welt“. Es geht auch hier um die ganz allgemeine und Gott zugewandte Seite der Sühnung. Und mit Welt ist nicht einfach die „Welt der Auserwählten“ gemeint, wie manche meinen, sondern es geht viel weiter: Das Werk des Herrn reicht auch dafür aus, dass die Sünde mit all ihren Folgen einmal ganz aus dem Weltall abgeschafft sein wird. Der Herr Jesus hat ein Opfer gebracht „zur Abschaffung der Sünde“ (Heb 9,26). Wir können also von dem Opfertod Christi nie groß genug denken!

Es könnte auch ganz praktisch unsere Anbetung wieder neu beleben, wenn wir noch mehr darüber nachdenken, was Christus durch seinen Opfertod für Gott vollbracht hat. So sehen wir, dass das Fett des Sündopfers auf dem Brandopferaltar geräuchert wurde (3Mo 4). Auch wenn Gott sein Angesicht von unserem Herrn Jesus abwenden musste, als Er zur Sünde gemacht wurde, so hat Gott sich auf der anderen Seite doch auch unendlich gefreut über die Hingabe, die der Herr Jesus zeigte, als Er bereit war, das Problem der Sünde an seinem Leib zu lösen. Diese Seite der Sühnung wird bei der Diskussion über die angeblich „begrenzte Sühne“ doch oft aus dem Auge verloren, und es ist so traurig, weil Gott dabei nicht das Teil bekommt, das Ihm sogar in erster Linie zukommt.

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