Jemanden in der Gemeinde zum Schweigen bringen
Besondere Gemeindezucht

Raymond Kenneth Campbell

© VCG, online seit: 24.12.2005, aktualisiert: 11.10.2016

Leitvers: 1. Korinther 14

Zum Schweigen bringen

Wir wollen hier auf eine spezielle Art der Versammlungszucht näher eingehen. Sie besteht darin, einen Bruder in der Versammlung zum Schweigen zu bringen. Wir finden hierfür kein ausdrückliches Gebot in der Schrift, wie es sonst normalerweise der Fall ist. Aber wir finden schriftgemäße Grundsätze, die uns zur Ausführung dieser Zucht hinführen.

Während uns die Schrift lehrt, dass für den Heiligen Geist in der Versammlung die Freiheit sein gegeben muss, zu benutzen, wen immer Er als seinen Mund benutzen will (1Kor 12,11), so lehrt sie uns auch, dass für diejenigen, die so benutzt werden, eine dementsprechende Verantwortlichkeit besteht, ihren Wandel in Heiligkeit und zur Ehre und Verherrlichung des Herrn zu führen.

Fleischlicher und unnützer Dienst

Galater 5,13 sagt uns: „Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder; allein gebrauchet nicht die Freiheit zu einem Anlass für das Fleisch, sondern durch die Liebe dient einander.“ Freiheit im Geist darf nicht als Vorwand für das Fleisch benutzt werden, um in der Versammlung zu wirken und sich selbst zu erheben. Rein fleischliche Tätigkeit, die ohne die Kraft des Geistes und nicht zur Erbauung der Versammlung ist, sollte sicher in der Versammlung Gottes nicht geduldet werden – sie muss unterbunden werden. Einander in Liebe zu dienen, das ist der Beweggrund für jeden Dienst und nicht die Zurschaustellung der eigenen Person.

In 1. Korinther 14,3 lesen wir: „Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung.“ Weiter belehrt uns Vers 26: „Alles geschehe zur Erbauung“, und Vers 29 ermahnt uns: „Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen.“ In 1. Petrus 4,11 heißt es: „Wenn jemand redet, so rede er als Aussprüche (Orakel) Gottes; wenn jemand dient, so sei es als aus der Kraft, die Gott darreicht, auf dass in allem Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus.“ 

Diese Schriftstellen zeigen klar, dass, wenn jemand in der Versammlung sprechen will, er als Mund Gottes sprechen muss – zur Auferbauung, Ermahnung und Tröstung. Sein Ziel muss immer sein, dass die Hörer auferbaut, dass sie im Glauben gestärkt werden und dass Gott in allem verherrlicht wird. Weissagen und „Aussprüche Gottes“ reden bedeutet mehr, als nur Wahrheiten auf eine intellektuelle Weise bringen. Es ist vielmehr das Bringen jener besonderen Wahrheit, von der Gott will, dass sie in dem gegebenen Augenblick den Herzen und Gewissen der Zuhörer in aller Kraft des Heiligen Geistes vorgestellt werde.

Wie die schon zitierte Schriftstelle in 1. Korinther 14,29 zeigt, soll die Versammlung den in ihrer Mitte ausgeübten Dienst beurteilen. Wenn jemandes Dienst beständig ohne die Kraft des Geistes ausgeübt wird und nicht zur Auferbauung und zur Segnung der Hörer gereicht, so sollte man sich um diesen Bruder bemühen. Und wenn keine Änderung erfolgt, so sollte er, was das Auslegen des Wortes anbelangt, zum Schweigen gebracht werden. Wenn jemand keine Kraft von Gott hat, das Wort Gottes in einer verständlichen, erbaulichen Weise vorzustellen, so ist es gewiss nicht Gottes Wille, dass er in der Versammlung einen Dienst tut. Die Heiligen sollen nicht durch einen unnützen oder fleischlichen Dienst gequält werden. Die Versammlung ist für den Dienst und für die Lehre in ihrer Mitte verantwortlich; so ist es auch ihre Pflicht, jeden zum Schweigen zu bringen, der beständig die Versammlung durch einen Dienst übt, der weder schriftgemäß noch nützlich noch zur Verherrlichung Gottes ist.

Der Apostel Paulus schrieb an Timotheus, dass er ihn gebeten habe, in Ephesus zu bleiben, „auf dass du etlichen gebötest, nicht andere Lehren zu lehren, noch mit Fabeln und endlosen Geschlechtsregistern sich abzugeben, die mehr Streitfragen hervorbringen, als die Verwaltung Gottes fördern, die im Glauben ist“ (1Tim 1,3.4). Hier sehen wir, dass einige Männer bezüglich ihres Dienstes gewarnt wurden, dass er gesund in der Wahrheit und nützlich sein müsse und nicht Streitfragen hervorbringe, welche nicht auferbauen. Wenn solche fortfuhren, ihren Dienst auszuüben, so offenbarten sie ihren Eigenwillen und mussten sicherlich unter Zucht gestellt und zum Schweigen gebracht werden. Ein solcher Dienst mochte der Anfang davon sein, was jene Person später als einen sektiererischen Menschen offenbar machte.

Auch schreibt Paulus an Titus: „Denn es gibt viele zügellose Schwätzer und Betrüger, besonders die aus der Beschneidung, denen man den Mund stopfen muss“ (Tit 1,10.11). Obwohl sich diese Worte auf Männer außerhalb der Versammlung beziehen, so geben sie uns doch auch Unterweisung für den Dienst innerhalb der Versammlung. Zügellosen Schwätzern und Betrügern muss der Mund gestopft werden, besonders in der Versammlung Gottes. Jemand mag durch Stolz, eitlen Ruhm oder Eigenwillen veranlasst werden zu sprechen; doch wenn es offenkundig ist, dass beständig das Ich am Werk ist und nicht der Heilige Geist, so muss die Zucht des „Zum-Schweigen-Bringens“ an einem solchen durch die Versammlung ausgeübt werden!

Behinderungen

3. Mose 21,16-23 gibt uns einen wichtigen Grundsatz, der seine geistliche Anwendung auf die Tätigkeit der christlichen Priester in der Versammlung findet und uns weiteres Licht in Bezug auf unseren Gegenstand gibt.

3Mo 21,16-23: Und der HERR redete zu Mose und sprach: Rede zu Aaron und sprich: Jemand von deinem Samen bei ihren Geschlechtern, an dem ein Gebrechen ist, soll nicht herzunahen, um das Brot seines Gottes darzubringen; denn jedermann, an dem ein Gebrechen ist, soll nicht herzunahen, es sei ein blinder Mann oder ein lahmer oder ein stumpfnasiger oder der ein Glied zu lang hat oder ein Mann, der einen Bruch am Fuße oder einen Bruch an der Hand hat oder ein Höckeriger oder ein Zwerg oder der einen Flecken an seinem Auge hat oder der die Krätze oder Flechte oder der zerdrückte Hoden hat. Jedermann vom Samen Aarons, des Priesters, der ein Gebrechen hat, soll nicht herzutreten, die Feueropfer des HERRN darzubringen; ein Gebrechen ist an ihm, er soll nicht herzutreten, das Brot seines Gottes darzubringen. Das Brot seines Gottes von dem Hochheiligen und von dem Heiligen mag er essen; allein zum Vorhang soll er nicht kommen, und zum Altar soll er nicht nahen, denn ein Gebrechen ist an ihm, dass er nicht meine Heiligtümer entweihe; denn ich bin der HERR, der sie heiligt.

Ein Priester mit einem Gebrechen konnte sich nicht der vollen Vorrechte seiner Stellung als Priester erfreuen. Obwohl es ihm erlaubt war, von dem Brot seines Gottes zu essen, so konnte er doch nicht in das Heiligtum gehen oder dem Altar nahen, um das Brot seines Gottes darzubringen – er konnte nicht das Volk in priesterlichem Dienst vor Gott darstellen. Wenn wir diesen Grundsatz auf die Versammlung anwenden, so sehen wir, dass es ein offizieller, repräsentativer, priesterlicher Dienst ist, in der Versammlung zum Gebet, zum Lobpreis oder zum Dienst des Wortes den Mund aufzutun. Der obige Grundsatz bedeutet also, dass ein Gläubiger mit einer entsprechenden Behinderung Gott nicht anstelle des Volkes nahen kann oder auch umgekehrt nicht anstelle Gottes zu dem Volk reden kann. Obwohl er noch das Vorrecht hat, an des Herrn Mahl teilzunehmen, ist er nicht in der Lage, der Mund der Versammlung zu sein. „Ein Gebrechen ist an ihm, er soll nicht herzutreten, das Brot seines Gottes darzubringen.“

Die in der obigen Schriftstelle erwähnten körperlichen Gebrechen geben uns ein Bild von den geistlichen Gebrechen, die man heutzutage unter christlichen Priestern finden mag. Jemand, der blind ist, kann nicht sehen; er hat kein geistliches Unterscheidungsvermögen. „Denn bei welchem diese Dinge nicht sind, der ist blind, kurzsichtig, und hat die Reinigung seiner vorigen Sünden vergessen“ (2Pet 1,9). Ein Stumpfnasiger mag andeuten, dass er den süßen Wohlgeruch des Opfers nicht zu unterscheiden vermag. Er spricht von jemandem, der unfähig ist, in die Kostbarkeit Christi vor Gott einzutreten. Ein Zwerg mag ein verkümmertes geistliches Wachstum andeuten. Und wer lahm ist oder einen gebrochenen Fuß hat, mag vorbildlich für solche stehen, deren Wandel schwach oder nicht gut ist. Solche sind ganz und gar unfähig, priesterlichen Dienst in der Versammlung auszuüben.

Aber im Christentum braucht kein Gebrechen dauerhaft zu sein. Das Essen des Brotes Gottes wird, geistlich gesprochen, die Behinderungen rückgängig machen. Wie jemand gesagt hat: „Unser großer Hoherpriester kann alle Behinderungen bei den Gliedern seiner Familie rückgängig machen.“ So gibt es hier keine Notwendigkeit dafür, dass die Gläubigen dauerhaft unfähig sind für den Dienst in der Versammlung. Dem Blinden können die Augen geöffnet werden, der Lahme kann geheilt werden, die Krüppel können wachsen in Christus, wenn sie wollen. Das bedeutet, dass, wenn einem das Schweigegebot auferlegt wurde in der Versammlung, das nicht von Dauer sein muss.

Lasst uns einmal die Situation besehen, wo ein Priester lahm ist oder einen gebrochenen Fuß hat. Ein Gläubiger, der kein gutes Christenleben führt oder nicht nach den Vorschriften des Wortes Gottes lebt, hat einen schwerwiegenden Makel. Er ist ein lahmer Priester und unfähig zum Dienst. Wenn jemand ernstlich in seinem Wandel fällt, wird er ein lahmer Priester und muss in den Zusammenkünften zum Schweigen gebracht werden, denn seine Worte haben kein moralisches Gewicht. Wenn Gott in seinem Wandel nicht verherrlicht wird, wie soll das dann durch seinen Dienst geschehen. Wenn die Herrlichkeit Gottes jemanden nicht im täglichen Leben leitet, wie soll dann diese Herrlichkeit das Motiv für seinen Dienst in der Versammlung sein.

Ein solcher wandelt nicht in Gemeinschaft mit Gott und kann nicht vom Geist Gottes gebraucht werden, um Sprachwerkzeug Gottes in der Versammlung zu sein. Wenn er weitermacht, sich in der Versammlung zu beteiligen, dann muss er unter die Zucht des Schweigens gestellt werden, bis sein Wandel korrigiert und das Vertrauen wiederhergestellt ist.

Jesaja 52,11 enthält eine wichtige Ermahnung für solche, die in der Versammlung dienen: „Reinigt euch, die ihr die Geräte des HERRN tragt.“ Das muss beachtet werden. Gottes Priester müssen reine Herzen, Zungen, Hände und Füße haben. Wenn nicht, können sie nicht im Heiligtum dienen. Damals mussten die Priester ihre Hände und Füße waschen, bevor sie in die Stiftshütte gingen, um dort zu dienen (2Mo 30,19.20). Die Notwendigkeit beständiger Reinigung durch das Wasser des Wortes wird darin vorgebildet.


Originaltitel: The Church of the Living God
Deutsche Übersetzung aus Die Versammlung des lebendigen Gottes, VCG, S. 244–249


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