Schreckgespenst „Absonderung“
Absonderung zu Ihm

Stephan Isenberg

© SoundWords, online seit: 11.07.2005, aktualisiert: 30.12.2017

Leitverse: 1. Chronika 12,1.9.17.19.20.24

Einleitung

Provokante Behauptung vorweg: Wer sich nicht absondern will, der ist überhaupt kein Christ!

Wenn wir über Absonderung gemeinsam nachdenken, was die Schrift dazu sagt, dann werden wir entdecken, dass in dieser Wahrheit zwei große Seiten vorhanden sind. Und das muss ich sehr stark betonen, weil in der Regel in neun von zehn Fällen immer nur eine Seite – und zwar die negative – der Absonderung zum Thema gemacht wurde. Man hat sich zu viel und einseitig damit beschäftigt, wovon wir uns abzusondern haben, anstatt es vor die Herzen zu stellen, zu wem wir uns absondern sollten. Obwohl die negative Seite der Absonderung nicht minder wichtig ist. Wir dürfen hier nicht das eine gegen das andere ausspielen.

Aber das ist nicht die einzige Weise, wie die Schrift von Absonderung redet. Und ich möchte hinzufügen: Wenn wir die positive Seite, wie die Schrift von Absonderung redet, nicht verstehen, dann werden wir die negative Seite nicht gottgemäß und zur Freude und Ehre Gottes verwirklichen können. Es würde nicht mehr als eine pharisäische Absonderung sein.

Absonderung kann etwas sehr Schönes sein, und ich bin davon überzeugt: Wenn wir den Herrn richtig kennengelernt haben, wird uns die Absonderung gar keine Mühe mehr machen, sondern sie wird uns ein Bedürfnis sein. Je mehr wir den Herrn Jesus kennenlernen, desto weniger schwer fällt uns die Absonderung vom Bösen.

Aber wenn wir unseren jungen Leuten oder auch anderen Gläubigen, die gemeindemäßig einen anderen Weg gehen, immer nur erzählen, wovon sie sich abzusondern haben, und es versäumen, ihnen die positive Seite zu zeigen und vorzuleben, dann wird die Absonderung auch weiterhin ein Schreckgespenst für uns selbst und für die junge Generation bleiben. Obwohl ich an dieser Stelle anmerken möchte: Wenn Gott uns nicht auch die positive Seite der Absonderung gegeben hätte, müssen wir Gott dennoch gehorsam sein, was die Absonderung vom Bösen angeht. Wie dankbar dürfen wir indes sein, dass Gottes Ziel nicht die Absonderung vom Bösen an sich war, sondern die Absonderung für sich und zu seinem Sohn hin! Die Absonderung zu Ihm ist das große Ziel, das auf dem Weg der Absonderung vom Bösen erreicht wird.

Wir müssen ihnen erzählen, „wozu“ wir abgesondert wurden. Wir müssen – so wie einst Andreas, der zu Petrus lief und ihm vom Herrn Jesus erzählte – voller Begeisterung erzählen, wen wir gefunden haben, und dann nehmen wir die Leute mit zu dem, den wir gefunden haben. Andreas sagte: „Wir haben den Messias gefunden“, und der Herr sagt dann: „Komm und sieh.“

Und weil ich mir eine gottgemäße Absonderung überhaupt nicht ohne die positive Seite vorstellen kann, möchte ich auch damit beginnen, etwas darüber zu sagen. Die negative Seite der Absonderung kann man in dem sehr ausführlichen und nicht minder wichtigen Artikel „Absonderung vom Bösen“ von H.C. Anstey finden.

Absonderung zu …

1Chr 12,9: Und von den Gaditern sonderten sich ab zu David …

Wir lesen in 1. Chronika 12,1, dass David sich in die Bergfesten zurückzog, um vor König Saul sicher zu sein. Nun waren schon viele nicht mehr zufrieden mit der Regierung Sauls, und es hätte ja ausgereicht, wenn sich die Unzufriedenen einfach von Saul trennten und allein in die Bergfesten zogen.

Aber das Großartige an dieser Stelle ist nicht, dass jene, die bei Saul waren, aufgefordert werden, sich von Saul zu trennen, sondern wir lesen, dass sie sich derart von dem verworfenen König David angezogen fühlten, dass sie sich freiwillig zu ihm hin absonderten. Denn indem sie von David angezogen wurden, trennten sie sich von allem, was nicht in Übereinstimmung war mit dem Herzen Davids. Wenn wir diesen Punkt bei der Absonderung gut verstehen, können wir hier im Prinzip abbrechen, denn dann haben wir das Wesentliche verstanden. Und so wird es uns auch ergehen, wenn wir wirklich zu Ihm – dem Herrn Jesus, dem wahren David – abgesondert sind: Dann trennen wir uns dadurch automatisch von den Dingen, die nicht in Übereinstimmung mit dem wahren David sind, obwohl wir dennoch zu lernen haben, das Böse zu lassen und das Gute zu tun. Aber dies wird uns leichter fallen, wenn wir beachten, zu wem wir abgesondert wurden und wie lieb uns der hat, zu dem wir abgesondert wurden. Dann brauchen wir nicht mehr so oft zu sagen: „Dieses oder jenes darfst du nicht.“

Und dass sie von David förmlich angezogen wurden, das kommt in den Worten Amasais in 1. Chronika 12,19 zum Ausdruck:

1Chr 12,19: Dein sind wir, David, und mit dir, Sohn Isais! Friede, Friede dir, und Friede deinen Helfern! Denn dein Gott hilft dir!

Wir sehen hier einen Verworfenen, aber einen Verworfenen, der für Gott kostbar war, deshalb habe ich den Vers aus 1. Samuel 13,14 vorangestellt. Und jeder, der auf der Seite Gottes stehen wollte, ging zu David hin, weil Gott mit ihm war. Und der Mann, der nach dem Herzen Gottes war (1Sam 13,14: „Der HERR hat sich einen Mann gesucht nach seinem Herzen, und der HERR hat ihn zum Fürsten über sein Volk bestellt; denn du hast nicht beobachtet, was der HERR dir geboten hatte“), wurde auch der Mann nach dem Herzen dieser Menschen, die zu ihm kamen.

Das ist das große Ziel der Absonderung: dass ich mich auf die Seite dessen schlage, der bei Gott kostbar ist, und dass diese Person auch mir kostbar und groß wird. Es wird sicherlich nötig sein, verschiedene Dinge zu verlassen und mich von ihnen zu trennen, aber es wird bei weitem aufgewogen durch den, zu dem wir abgesondert sind.

Positive Absonderung im Alten Testament

Ps 4,4a: Erkennet doch, dass der HERR den Frommen für sich abgesondert hat!

Wenn der Herr uns absondert, dann finden wir nicht nur den Gedanken, dass Er uns „von etwas absondert“, sondern dass Er es ist, der uns für sich selbst absondert. Können wir hieraus nicht schließen, dass Gott auch uns abgesondert hat, damit wir zu seiner Freude da sind? Und das können wir heute natürlich nur deshalb sein, weil wir die Seite des verworfenen Davids, den Herrn Jesus, gewählt haben. Was für eine Freude für Gott, wenn Er Menschen sieht, die sich auf die Seite des Verworfenen, aber doch bei Ihm Auserwählten, geschlagen haben.

4Mo 6,2.5.6.12: Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ein Mann oder eine Frau sich weiht, indem er das Gelübde eines Nasirs {Abgesonderter, Geweihter} gelobt, um sich für den HERRN abzusondern … Alle die Tage des Gelübdes seiner Absonderung soll kein Schermesser über sein Haupt gehen; bis die Tage erfüllt sind, die er sich für den HERRN absondert, soll er heilig sein; … Alle die Tage, die er sich für den HERRN absondert, soll er zu keiner Leiche kommen. … Alle die Tage seiner Absonderung ist er dem HERRN heilig. … Und er soll die Tage seiner Absonderung nochmals für den HERRN absondern und ein einjähriges Lamm zum Schuldopfer bringen.

Es steht hier nicht zuerst, „wovon“ der Nasir sich abzusondern hat, sondern „für wen“. Das Gelübde eines Nasiräers mag ein sehr spezieller Fall im Alten Testament sein, aber dürfen wir daraus nicht auch lernen, dass es darum geht, für unseren Herrn da zu sein? Der Nasiräer verzichtete auf gewisse irdische Freuden, die an sich nicht verkehrt waren, aber er tat es für den HERRN. 

Auch wir dürfen uns an dieser Stelle ermuntern, die Prioritäten in unserem Leben so zu setzen, dass wir den irdischen Dingen den rechten Stellenwert zuteilen. Absonderung ist also zu dem wahren David – dem Herrn Jesus – hin. Wenn wir uns in dieser Welt auf die Seite des Verworfenen stellen, dann beinhaltet dies, dass wir uns von denen absondern, die Ihn verworfen haben.

Positive Absonderung im Neuen Testament

Wenden wir uns jetzt zum Neuen Testament. Wenn wir uns persönlich oder auch als Versammlung heutzutage absondern, dann finden wir dort denselben Gedanken wie im Alten Testament: Wir sondern uns ab zu einem Verworfenen, aber einem Verworfenen, der bei Gott kostbar ist.

Damit sondern wir uns auch ab von allem, was mit seinen Rechten nicht rechnen will.

In Matthäus 18,20 heißt es:

Mt 18,20: Denn wo zwei oder drei versammelt sind zu meinem Namen hin, da bin ich in ihrer Mitte.

Die Welt hat den Herrn Jesus nicht gewollt; dass Letzte, was die Welt von dem Herrn Jesus sah, war das Grab. Und wenn wir nun zum Herrn Jesus kommen wollen, dann müssen wir bildlich diese Welt verlassen – durch die Öffnung des Grabes gehen –, uns mit dem Tod des Herrn Jesus einsmachen (damit verurteilen wir das Böse!), und dann werden wir auf der anderen Seite den Herrn Jesus finden. In der geistlichen Welt können wir den Herrn Jesus dann in unserer Mitte sehen, so wie die Jünger den Herrn am Auferstehungstag buchstäblich in ihrer Mitte hatten – aber auch da war der Herr schon auferstanden, auch die Jünger hatten damals schon Zugang zu dieser Auferstehungswelt.

Das Einzigartige hier ist, dass wir zu seinem Namen hin zusammenkommen, das schließt jeden anderen Namen aus – jeder, der die Gegenwart des Herrn erleben will, muss sich um Ihn versammeln, muss seinen Platz verlassen und dorthin gehen, wo mindestens zwei oder drei von Herzen die Rechte des Herrn anerkennen wollen.

Sehen wir uns 1. Petrus 2,4 einmal an:

1Pet 2,4: Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein …

Dieser Vers zeigt auch noch einmal den Grundsatz an, dass wir uns aufmachen zu Ihm. Wir verlassen etwas, um etwas Besseres zu bekommen. Wir kommen gleich noch einmal auf diesen Vers zurück.

Gehen wir noch schnell zu Hebräer 13,12-15, um zu sehen, dass wir dort den gleichen Grundsatz finden:

Heb 13,13-15: Darum hat auch Jesus, auf dass er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Durch ihn nun lasst uns Gott stets ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.

„Zu ihm hinausgehen“: Wir gehen zu Ihm hinaus, um geistliche Schlachtopfer zu bringen. „Opfer des Lobes“: Da, wo man heute nicht mehr bereit ist, in Wirklichkeit „sich zu ihm zu versammeln“ oder wie hier „zu ihm hinauszugehen“, dort kann man zuallererst beobachten, wie der Dienst des Lobes, des Dankes und der Anbetung vernachlässigt wird. Legen wir den Prüfstein an jedes christliche Zeugnis hier auf der Erde an! Da, wo man von Herzen zu Ihm hinausgegangen ist, da findet man den Dienst der Anbetung in Geist und Wahrheit – keine Gefühlsduselei, keine Show, kein starres Festhalten an gutgemeinten Traditionen, keine festgefahrene Liturgie, sondern wahre Anbetung. Ist das bei uns so? Im persönlichen Leben und in der Gemeinde? Lasst uns Ihm stets ein Opfer des Lobes darbringen. So wie das beständige Brandopfer, das ständig in Gang gehalten wurde, so sollte auch unser Lob und unser Dank stets dargebracht werden.

Absonderung zu etwas sehr Kostbarem

Kommen wir noch einmal auf 1. Petrus 2,4 zurück:

1Pet 2,4-8: Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesus Christus. Denn es ist in der Schrift enthalten: „Siehe, ich lege in Zion einen Eckstein, einen auserwählten, kostbaren; und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.“ Euch nun, die ihr glaubt, ist die Kostbarkeit; den Ungehorsamen aber: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden“, und „ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“, die sich, da sie nicht gehorsam sind, an dem Wort stoßen, wozu sie auch gesetzt worden sind.

Hier lesen wir dreimal von etwas sehr Kostbarem. Und das ist tatsächlich das ganze Geheimnis der Absonderung. Wie sollte ich die Kraft für irgendeine Absonderung haben, wenn ich nichts von der Kostbarkeit verstanden habe? Wenn wir nichts davon verstehen, was der Herr Jesus für Gott bedeutet, und wenn wir nicht sehen, welche Kostbarkeit uns geschenkt wurde – „Er, der doch seines eigenen Sohn nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat, wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“ lesen wir in Römer 8 –, wie sollten wir dann wirklich auf eine gottgemäße Art und Weise abgesondert sein? Es würde nichts als Last, Qual, Heuchelei und stinkendes Pharisäertum bedeuten.

Die Kraft der Absonderung

Wenn wir die Kraftquelle sehen möchten, wie wir uns auf gottgemäße Art absondern sollen, dann müssen wir zwei Dinge sehr gut verstehen:

1) Wir müssen verstehen, was der Herr Jesus für Gott bedeutet

Wir müssen verstehen, was Gott zu seinem Sohn sagte, als Er im Jordan getauft wurde und der Himmel sich öffnete: „Dieser ist mein geliebter Sohn“, „Dieser ist mein Auserwählter“, „Dieser ist der Kostbare.“ So wie David der Mann nach dem Herzen Gottes genannt wurde, so ist das der Herr Jesus in vollkommener Weise.

2) Wir müssen verstehen, was der Herr Jesus für uns bedeuten kann

Und jetzt stellt Gott Ihn vor unsere Augen und sagt: „Euch, die ihr glaubt, ist die Kostbarkeit.“ Hast du noch Schwierigkeiten mit der Absonderung? Dann beschäftige dich mehr mit dem Herrn Jesus und erkenne noch mehr seine Kostbarkeit.

Wovon bist du so begeistert?

Die Frage in diesem Zusammenhang ist: Wovon bist du begeistert? Du bist begeistert von dem Film Der Herr der Ringe, du siehst die Filme, kaufst dir die Figuren, hängst dir Poster ins Zimmer, kaufst dir Bücher usw., und ich will dazu jetzt gar nichts sagen (obwohl es dazu sicher etwas zu sagen gäbe), aber ich frage dich: Hat dich der Herr Jesus schon einmal so sehr begeistert? (Du kannst hier auch andere Dinge einsetzen, z.B. Haus, Garten, Auto, Beruf, Karriere usw.) Es geht mir nicht darum, dieses oder jenes zu verbieten, sondern es geht mir darum, dass wir verstehen, was unser Herz gefangenhält und wovon wir wirklich begeistert sind. Und wenn wir von einer Sache begeistert sind, dann deshalb, weil wir uns viel damit beschäftigt haben. Deshalb können wir nur in dem Maße vom Herrn Jesus begeistert sein, wie wir uns mit Ihm beschäftigen.

In der Welt verworfen

Wir müssen uns fragen, wo wir den Herrn Jesus finden. Denn wir sind uns sicher alle bewusst, dass diese Person bei der Welt nicht kostbar ist; im Gegenteil, sie hat Ihn hinausgeworfen. Und so müssen wir auch verstehen, dass, wenn wir Ihn besitzen wollen, wir Ihn nicht mehr in dieser Welt finden. Deshalb heißt es auch: „… weil sie nicht von dieser Welt sind, gleichwie ich nicht von dieser Welt bin“, aber es heißt auch: „… dass wir noch in der Welt sind.“

Was können wir dieser Welt noch bedeuten?

Wir gehören einer anderen Welt an, während wir aber noch auf diese Erde unsere Füße stellen. Wir bringen nun etwas von dieser jenseitigen Welt auf diese Erde. Wir scheinen als Himmelslichter in unsere irdischen Umstände hinein. Und wirken so wie das Salz dem Verderben entgegen. Und zwar in allen Bereichen unseres Lebens: in Schule, Beruf, Ehe, Familie, Politik (wer sich dazu berufen fühlt).

Falsch verstandene Absonderung

Absonderung hat also auch damit zu tun, dass wir von der Welt abgesondert leben und jenseits des Grabes in der Auferstehungswelt des Herrn Jesus leben. Aber Absonderung allein von dieser Welt ist nicht genug! Und das beweisen uns die Pharisäer. Sie waren die Abgesonderten jener Tage. Pharisäer bedeutet wahrscheinlich sogar „die Abgesonderten“. Aber wir haben hier eine ganze Gesellschaft von Leuten, die nur ausgewählte negative Aspekte der Absonderung kannten: Sie wussten genau, was man durfte und was man nicht durfte, und sie erfanden noch viele menschliche Regeln; sie wollten mit den Heiden und denen, die es mit dem Gesetz nicht so ernst meinten, wie sie es verstanden, nichts zu tun haben. Denn zu wem waren sie abgesondert? Zu Gott, zu Jahwe? Wie konnten sie zu Gott abgesondert sein und gleichzeitig den, der bei Gott auserwählt und kostbar ist, verwerfen? Hier sehen wir also, wohin man kommt, wenn man nur die negative Seite (und dazu noch eine oftmals falsch verstandene!) der Absonderung betont. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Absonderung vom Bösen an sich pharisäerhaft wäre. Denn Absonderung vom Bösen ist an sich eine gute Sache. Doch wenn wir nicht mehr haben, dann verschiebt sich sehr schnell der Blickwinkel von dem, was wirklich gut, und dem, was wirklich böse ist. Wir sehen dies daran, dass die Pharisäer die Krausemünze verzehnteten, aber die Dinge wie Gericht und Barmherzigkeit vergaßen (Mt 23,23).

Hochmut und Stolz

Diese Art der Absonderung macht einen dann schnell hochmütig. Man hat, äußerlich betrachtet, keinen Anteil an dieser bösen Welt, man rühmt sich dessen, dass man mit alledem nichts zu tun hat, doch zur gleichen Zeit verwirft man den Gesalbten Gottes. So kann es auch heute immer wieder dazu kommen, dass manche sehr stark darauf achten, dass bestimmte Dinge, die sie für weltlich halten, nicht geduldet werden, und dass sie auf der anderen Seite die Wirkungen des Geistes blockieren. Viele Gemeinden ersticken heutzutage an dieser Blockadepolitik, wobei alles, was anders ist als gewohnt – auch wenn es durch die Korrektur des Wortes kommt –, gleich verurteilt und blockiert wird. Es gibt viele, die argwöhnisch auf alles achten, was im Volk Gottes an Bösem passiert, die aber gleichzeitig versäumt haben, sich einen Bezugspunkt zu suchen, bei dem sie in Ruhe und Frieden sein können.

Doch es bleibt bestehen: Wenn ich mich zum Herrn Jesus absondere, dann muss ich ganz praktisch in meinem Leben auch alles das verwerfen, was mit diesem Auserwählten und Kostbaren nicht in Übereinstimmung ist. Das kann im Berufsleben sein; das kann bei der Partnerwahl sein; das kann bei der Wahl der Freunde sein, die einen schlechten Einfluss auf mich haben könnten; das kann auch unsere Häuser betreffen; das kann in unsere freie Zeit betreffen, wo wir uns so einrichten sollten, dass wir verantwortlich mit den Medien unserer Zeit umgehen (Fernsehen, Video, Internet usw.) – dann können wir eigentlich keinen Bereich unseres Lebens ausklammern.

Der Herr Jesus sagte sogar bezüglich der Pharisäer: „Alles, was sie euch sagen, tut.“ Das Böse zu meiden, war nicht das Schlechte, aber die Pharisäer suchten nicht, das Gute zu tun. Sie kannten nur die „Absonderung von“ und nicht die „Absonderung zu“.

Die Taufe – ein Akt der Absonderung

Vielleicht ist die Taufe das erste große Zeugnis im Leben eines Christen, mit dem er sagen möchte: Ich verlasse diesen Bereich der Welt, über der das Gericht eine beschlossene Sache ist, und ich wähle die Seite des Verworfenen, der aber gleichzeitig bei Gott der Auserwählte und der Kostbare ist, „denn zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein“. In der Taufe sterben wir bildlich gesehen unserm alten Leben und stehen dann auf, um in Neuheit des Lebens mit einem guten Gewissen unseren Weg zu gehen. Wir stehen dann auf der Seite dieses lebendigen Steines. Die Taufe ist äußerlich betrachtet der erste große Schritt eines Christen auf dem Weg der Absonderung: Er stellt sich öffentlich auf die Seite des Herrn Jesus. Und wenn wir dann praktizieren, was wir in der Taufe zum Ausdruck bringen – nämlich dass wir auf der Seite des Herrn stehen –, dann wird das Thema Absonderung für uns kein Schreckgespenst mehr sein.

Schlussgedanken

Zu Beginn hatte ich die These aufgestellt, dass man ohne Absonderung überhaupt nicht sagen könnte, dass jemand ein Christ ist. Ich hoffe, dass diese Behauptung nun Hände und Füße bekommen hat und wir gesehen haben, dass es unmöglich ist, sich Christ zu nennen, ohne die Seite des Herrn Jesus öffentlich und in seinem Herzen eingenommen zu haben.

Absonderung allein vom Bösen, die an sich richtig ist, kann uns zum Pharisäertum führen; aber Absonderung zu Ihm führt uns zu einer gottgemäßen Absonderung vom Bösen. Das ist der Weg, den ich in der Schrift gefunden habe.

Ist die Absonderung ein Schreckgespenst? Ich denke nicht; ohne Absonderung könnten wir jede Gemeinschaft mit dem Herrn vergessen. Kein Christ kann ohne Absonderung leben. In der richtigen Anwendung der Absonderung liegt alle Kraft und aller Segen verborgen. Absonderung sollte kein Schrecken, sondern ein Vorrecht sein.

Ich bin absichtlich in erster Linie auf die positive Seite der Absonderung eingegangen, weil ich glaube, dass sich aus dieser positiven Seite gewisse Konsequenzen vielfach automatisch ergeben – und diese kann man in dem Artikel „Absonderung vom Bösen“ von H.C. Anstey nachlesen.

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