Verrat und Gefangennahme des Herrn

Fritz von Kietzell

© CSV, online seit: 06.03.2006, aktualisiert: 29.03.2018

Leitverse: Matthäus 26,47-56; Markus 14,43-52; Lukas 22,47-53

Mt 26,47-56: Und während er noch redete, siehe, da kam Judas, einer der Zwölfe, und mit ihm eine große Volksmenge mit Schwertern und Stöcken, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes. Der ihn aber überlieferte, hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen irgend ich küssen werde, der ist es; ihn greifet. Und alsbald trat er zu Jesu und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi! und küsste ihn sehr. Jesus aber sprach zu ihm: Freund, wozu bist du gekommen! Dann traten sie herzu und legten die Hände an Jesum und griffen ihn. Und siehe, einer von denen, die mit Jesu waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. Da spricht Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert wieder an seinen Ort; denn alle, die das Schwert nehmen, werden durchs Schwert umkommen. Oder meinst du, dass ich nicht jetzt meinen Vater bitten könne, und er mir mehr als zwölf Legionen Engel stellen werde? Wie sollten denn die Schriften erfüllt werden, dass es also geschehen muss? In jener Stunde sprach Jesus zu den Volksmengen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und Stöcken, mich zu fangen? Täglich saß ich bei euch, im Tempel lehrend, und ihr habt mich nicht gegriffen. Aber dies alles ist geschehen, auf dass die Schriften der Propheten erfüllt würden. Da verließen ihn die Jünger alle und flohen.

Mk 14,51.52:
Und ein gewisser Jüngling folgte ihm, der eine feine Leinwand um den bloßen Leib geworfen hatte; und die Jünglinge greifen ihn. Er aber ließ die feine Leinwand fahren und floh nackt von ihnen.

Lk 22,53: Als ich täglich bei euch im Tempel war, habt ihr die Hände nicht gegen mich ausgestreckt; aber dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis.

„Während er noch redete“ – so beginnen übereinstimmend die drei ersten Evangelien den Bericht über den Gegenstand, dem wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden wollen. Während der Herr in unermüdlicher Treue mit den Seinen beschäftigt blieb, während eines letzten Versuchs gleichsam, die „vor Traurigkeit Eingeschlafenen“ auf das Kommende vorzubereiten, naht im Dunkel der Nacht der Verräter: „Judas, einer der Zwölf.“

Vielen von uns wird es nicht entgangen sein, dass der Heilige Geist der Tat des Judas in der Schrift einen besonderen und auffälligen Platz gibt. Von keiner Zeitspanne des Lebens unseres Herrn berichtet Er so viel wie von dieser Nacht; aber wenn Er sie kurz bezeichnen will, nennt Er sie „die Nacht, in welcher der Herr Jesus überliefert wurde“ (1Kor 11,23). Und nie wird der Name des Judas genannt, ohne dass auch zugleich an seinen Verrat erinnert wird: „Judas, der Iskariot, der ihn auch überlieferte“.

Furchtbare Tat! – „Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht; wehe aber jenem Menschen, durch welchen der Sohn des Menschen überliefert wird! Es wäre jenem Menschen gut, wenn er nicht geboren wäre“ (Mt 26,24). Von jeher hat der menschliche Verstand über die Person des Judas, über seine innere Stellung, über seinen Weg und sein hoffnungsloses Ende hin- und hergestritten, ohne zu einer befriedigenden Lösung zu kommen. Für das erleuchtete Auge ist auch hier alles einfach und klar, wenn auch voll ernstester Bedeutung und Belehrung. Judas stellt den Gipfelpunkt menschlicher Verworfenheit dar: Würde seine Gestalt in der Schrift fehlen, wüssten wir nicht, wohin der Mensch kommen kann.

Man kann „durch Jesu Namen weissagen“, „Dämonen austreiben“, ja „viele Wunderwerke tun“ (und auch Judas war, soweit wir wissen, als einer von den Zwölfen in dieser Weise tätig gewesen), man kann eine „Lampe“, das ist ein äußeres Bekenntnis, haben, kann „vor ihm gegessen und getrunken“ und oftmals zu Seinen Füßen gesessen haben und doch draußen stehen, wenn die Tür geschlossen ist, und von Ihm weichen müssen als einer, den Er „niemals gekannt“ hat. Man kann mit dem Licht wandeln, das in diese Welt gekommen ist, und doch nicht „zu dem Licht kommen“, weil man „die Finsternis mehr liebt als das Licht“, weil man „Arges tut“ und nicht will, dass „seine Werke bloßgestellt werden“. So war auch Judas „nicht rein“ (Joh 13,10.11), hatte nie wirklich den Stab über sein von der Geldliebe gefangenes Herz gebrochen, wurde schließlich „ein Dieb“ (Joh 12,6) und glitt immer tiefer hinab auf der schiefen Bahn, bis der Teufel ihm den schwärzesten Verrat „ins Herz gab“, den je ein Mensch beging, ja bis „der Satan in ihn fuhr“ (Joh 13,2.27) und sein Herz vollends verhärtet wurde. Mochten auch Menschen sich über seinen wahren Herzenszustand täuschen (und mögen sie es noch heute tun!), der Herr kannte Seinen falschen Jünger „von Anfang“; Sein Urteil über ihn lautete: „Er ist ein Teufel“, „der Sohn des Verderbens“ (Joh 6,64-71; 17,12). Ach! Wir verstehen gut, dass der Herr Jesus – bei dem letzten Zusammensein – „im Geist erschüttert wurde“, als Er ihnen feierlich ankündigen musste: „Einer von euch wird mich überliefern“ (Joh 13,21).

So stand es also um den, der unter die Apostel „gezählt war und das Los dieses Dienstes empfangen hatte“ – der „mit ihnen gegangen war in all der Zeit, in welcher der Herr Jesus bei ihnen aus- und einging“ (Apg 1,16-21) – und der „das Brot mit ihm aß“, „dessen Hand mit ihm über Tische war“ (Joh 13,18; Lk 22,21); er ist „denen, die Jesus griffen, ein Wegweiser geworden“. Eine „große Volksmenge mit Schwertern und Stöcken“ naht, und Judas „geht vor ihnen her“, auch die „Leuchten und Fackeln“ fehlen nicht – er hatte alles bis ins Kleinste durchdacht und vorbereitet! Wie gut wusste doch sein zu allem fähiges Herz die „gelegene Zeit“ zu finden (Mk 14,10-11). Wie trefflich wählte er auch den Ort, den er ja so gut kannte, „weil Jesus sich oft daselbst mit seinen Jüngern versammelte“ (Joh 18,2)! Stiegen keine Erinnerungen in ihm auf, kam ihm jetzt nicht wenigstens das Erbärmliche seines Tuns zum Bewusstsein? Ach, zu hart war das Herz, zu weit die Verstockung fortgeschritten; so blieb, wenn ich so sagen darf, Gott nur übrig, ihn zur Erfüllung Seiner Ratschlüsse zu benutzen.

„Was du tust, tue schnell“ (Joh 13,27), hatte der Herr zu ihm gesagt, und mit furchtbarer Entschlossenheit ging er nun den ihm von Satan eingegebenen Weg bis zum Ende. „Alsbald“ war er hinausgegangen in die dunkle Nacht, „alsbald“ erschien er mit der Volksmenge, „alsbald trat er zu Jesu und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi! Und küsste ihn sehr“ (Mt 26,49). Wir reden oft von einem Judaskuss; aber haben wir wohl schon einmal den Judasgruß beachtet? „Sei gegrüßt, Rabbi!“: „Freue dich!“ – denn so heißt der griechische Ausdruck wörtlich. Welcher Spott, welche grausame, herzlose Ironie! Denn das bleibt es, selbst wenn man einwendet, dass Judas sich des wahren Sinnes dieses Grußes nicht bewusst war. Er tut es den heidnischen Kriegsknechten gleich, die nachher seinen Herrn verspotteten (Mt 27,29).

„Der ihn aber überlieferte, hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen irgend ich küssen werde, der ist’s; ihn greifet und führet ihn sicher fort“ (Mk 14,44). Hätte es kein anderes Zeichen gegeben als diesen Kuss? Ach, er suchte den zu täuschen, der niemals zu täuschen war; er fürchtete, Gewalt würde an dem, der alle Gewalt besaß, zerschellen. Hatte Er sich nicht immer wieder Seinen Feinden entzogen?

Aber vergessen wir nicht, dass der Herr sowohl das Gute wie das Böse, das an Ihn herantrat, in vollkommener Weise empfand und fühlte. „Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen“, so hatte Er bei einer anderen Gelegenheit gesagt (Lk 7,38.45). Sowohl die kalte Gleichgültigkeit des Pharisäers Simon wie die Zuneigungen der heilsverlangenden Sünderin hinterließen ihre tiefe Spur in Seinem göttlichen Herzen. Wie viel mehr hier, wo sich in Judas der Mensch in seiner ganzen Verruchtheit offenbarte!

Noch ein drittes Mal finden wir in den Evangelien für einen Kuss den im Grundtext gebrauchten besonders innigen Ausdruck, dort nämlich, wo der verlorene Sohn dem „fernen Land“ den Rücken gewandt und sich aufgemacht hatte zu seinem Vater. „Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn sehr“ (Lk 15,20).

Das ist der Mensch und das ist Gott! Sollte diese Gegenüberstellung nicht zu unseren Herzen reden? Wie oft hatte der Herr mit der Schärfe des zweischneidigen Schwertes das Gewissen Seines Jüngers zu treffen gesucht: „Treu gemeint“ waren „die Wunden dessen, der liebt“, aber „überreichlich“ waren nun für Ihn „des Hassers Küsse“ (Spr 27,6). „Freund, wozu bist du gekommen?“ – „Judas, überlieferst du den Sohn des Menschen mit einem Kuss?“ Es klingt wie ein letzter, rührender Versuch, das Herz Seines Jüngers zu erreichen; es zeigt, wie tief dieser nun Seine heilige Seele verwundet hatte.

Wir wenden uns jetzt zunächst dem Bericht in Johannes zu, wo uns die Dinge von einer völlig anderen Seite dargestellt werden (Joh 18,1-11). Auch hier nimmt Judas die Schar[1] und von den Hohenpriestern und Pharisäern Diener, aber hier „geht“ der Verräter nicht „voran“, sondern steht nur „bei ihnen“. Hier kommt der Herr – völlig dem Charakter dieses Buches entsprechend – ihm zuvor, indem Er, „der alles wusste, was über ihn kommen würde“, Seinen Häschern entgegengeht mit der Frage: „Wen suchet ihr?“, worauf diese nur zu antworten wissen: „Jesus, den Nazaräer.“

„Jesus spricht zu ihnen: Ich bin es!“ – Er redete „wie einer, der Gewalt hat“. Er „trieb die Geister aus mit einem Wort“. Sein gebietender Zuruf weckte den Toten auf, der schon vier Tage im Grab gelegen hatte. „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch!“ Ein kurzes Wort aus Seinem göttlichen Mund genügte, um Seine Feinde zurückweichen zu lassen und sie zu Boden zu werfen! Nun hätte Er, wie einst am Rand des Berges von Nazareth, „durch ihre Mitte hindurchgehend, hinweggehen“ können (Lk 4,29.30). Doch Er bleibt, stellt sich schützend vor die geliebten Seinen und übergibt sich selbst Seinen Feinden. „Ich habe euch gesagt, dass ich es bin; wenn ihr nun mich suchet, so lasst diese gehen.“ Anbetend erkennt der Wissende in diesen wenigen Worten das ganze Werk der Errettung, wie auch die Tiefen der Liebe und Hingabe dessen, der es vollbracht hat. „Der Mietling … verlässt die Schafe und flieht“, der gute Hirte aber „legt sein Leben dar für die Schafe“ (Joh 10,11.12). Er lässt sich gefangen nehmen, um andere „in Freiheit hinzusenden“ (Lk 4,18). Und „hinaufgestiegen in die Höhe“, hat Er dann „die Gefangenschaft gefangen geführt“ (Eph 4,8). Wenn es Gott so zu verherrlichen galt, wie hätte Er „den Kelch, den ihm der Vater gegeben hatte“, nicht trinken sollen?

„Dann traten sie herzu und legten die Hände an Jesus und griffen ihn“ (Mt 26,50). Es ist das erste Mal, dass der Mensch die Hand an Ihn legt, mit der einzigen Ausnahme dort in Nazareth, wo sie Ihn „zur Stadt hinausstießen“. Bis dahin hieß es: „Niemand legte die Hand an ihn“; „niemand griff ihn“; „er entging ihrer Hand.“ Jetzt aber nahm unter der Zulassung Gottes das Böse seinen Lauf, jetzt war „seine Stunde gekommen“.

Die ganze Torheit des Fleisches wird darum offenbar, wenn Simon Petrus in diesem Augenblick das Schwert zieht. Freilich, es geschah in heißer Liebe zu seinem Herrn, und er war nicht der Einzige, der diesen Gedanken hatte; „als die, welche um ihn waren, sahen, was es werden würde“, da war es, wie wir gut verstehen können, um ihre Selbstbeherrschung geschehen. „Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“, sprachen sie zu Ihm. – „Herr, willst du, dass wir Feuer vom Himmel herabfallen und sie verzehren heißen?“, hatten einige von ihnen bei anderer Gelegenheit gesagt und damit gezeigt, dass sie „nicht wussten, wes Geistes sie waren“ (Lk 9,54.55). Es war ja schon eigenartig genug, dass zwei von ihnen ein Schwert trugen. Doch zu allen Zeiten der christlichen Kirche haben, buchstäblich oder nicht, Anhänger des Herrn „das Schwert gezogen“ und damit die Gesinnung des „Sanftmütigen und von Herzen Demütigen“ verleugnet. Wie milde weist Er auch hier wieder Seine Jünger zurecht: „Lasst es so weit.“ – „Stecke dein Schwert wieder an seinen Ort!“ Und Geschichte und Erfahrung zeigen uns die Wahrheit Seiner Worte, dass „alle, die das Schwert nehmen, durchs Schwert umkommen“.

Torheit war es auch, mit zwei Schwertern gegen die bewaffnete Schar des „Obersten über Tausend“ etwas ausrichten zu wollen. Recht unsicher war denn auch der Streich, den Simon führte, aber der Herr findet in all der nächtlichen Verwirrung noch Zeit, die schädlichen Folgen der voreiligen Handlung Seines Jüngers aus dem Weg zu räumen (Lk 22,51). Zum letzten Mal streckte Er Seine milde Hand aus, um „wohlzutun und zu heilen“ (Apg 10,38). Nur Lukas erwähnt dies, wie er uns so manche kleine, zu Herzen gehende Züge aus dem Leben des Herrn berichtet. – Johannes nennt den Namen des Knechtes: Malchus (Joh 18,10), was vermuten lässt, dass dieser Mann später errettet worden ist und den ersten Christen als einer der Ihren bekannt war. Torheit war das Tun des Petrus schließlich deshalb, weil er völlig die dem menschlichen Auge zwar verborgene, ihm aber doch offenbarte Herrlichkeit seines Meisters und Herrn außer Acht ließ. Nicht Seine zwölf Apostel bildeten Seinen Schutz – von denen einer Ihn ja sogar verraten hatte –, wohl aber hätte ein Ruf zu Seinem Vater genügt und es hätten Ihm „mehr als zwölf Legionen Engel“, die „Menge der himmlischen Heerscharen“, zur Verfügung gestanden. War Er nicht „der Herr der Heerscharen, der Mächtige Israels“ selbst, der sich „Genugtuung würde verschaffen an seinen Widersachern und Rache nehmen an seinen Feinden“ (Jes 1,24)? Doch dazu war es noch nicht an der Zeit; in Gnade war der Herr gegenwärtig, um das große Werk der Erlösung zu vollbringen, und so „musste es also geschehen“ (Mt 26,54). – Wenn der Herr das zweite Mal auf die Erde kommen wird, nicht in Gnade, sondern zum Gericht, nicht in Niedrigkeit, sondern „in seiner Herrlichkeit“, dann kommen „alle Engel mit ihm“ (Mt 25,31).

In Niedrigkeit steht der Herr vor uns, aber dennoch erhaben über alles, was auf Ihn eindringt. Er ist nicht mit sich selbst beschäftigt, sondern, wie wir sahen, mit Judas, mit den Seinen allen, mit Simon Petrus und dem Knecht des Hohenpriesters; zuletzt wendet Er sich in heiliger Gelassenheit an die Häscher insgesamt, um ihnen nun auch ihr törichtes Verhalten im göttlichen Licht zu zeigen. „Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und Stöcken, mich zu fangen?“ Wie bezeichnend für ihr schlechtes Gewissen war dieser Aufwand an Macht, wo Er doch „täglich bei ihnen gesessen hatte, im Tempel lehrend“! War es wirklich so schwer gewesen, Ihn zu greifen? Und dennoch – auch jetzt gelang es ihnen ja nur, „damit die Schriften der Propheten erfüllt würden“. Wie es Seine Stunde war, so auch – o furchtbares Wort! – die ihre „und die Gewalt der Finsternis“ (Lk 22,53): der Mensch und Satan im Bunde gegen Gott, um scheinbar zu siegen und dennoch zu unterliegen.

„Da verließen ihn die Jünger alle und flohen“ (Mt 26,56). Sie „ärgerten sich alle an ihm“, wie Er es vorausgesagt hatte, denn sie konnten Sein Tun und Seinen Weg nicht verstehen. So wurden „Freund und Genossen von ihm entfernt“ (Ps 88,18), „die Schafe der Herde zerstreut“ und der Hirte allein gelassen, gegen den das „Schwert erwacht“ war (Sach 13,7). Und doch, es konnte nicht anders sein! Die Bundeslade – Christus – musste den Abstand von „bei zweitausend Ellen“ gewinnen. „Ihr sollt ihr nicht nahen, auf dass ihr den Weg wisst, auf dem ihr gehen sollt“ (Jos 3,4.15). Was für einen Weg? Er führte durch den Jordan, der „voll war über alle seine Ufer“, und der Mensch war „dieses Weges früher nicht gezogen“. Versuchen nicht Tausende um uns her, weil sie kein Licht über sich selbst besitzen, ohne die Bundeslade durch den Jordan in das gelobte Land – ohne einen Erlöser durch den Tod in das himmlische Kanaan zu kommen? Schrecklicher Irrtum! Sie werden für ewig in den Fluten des „Jordan“ versinken. Ewige Trennung von Gott ist ihr Teil – der „zweite Tod“ –, weil sie glaubten, in ihren Sünden vor Seinem heiligen Angesicht erscheinen zu können.

„Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen“, hatte der Herr zu Petrus gesagt (Joh 13,36). Nur wer das völlige Verderben des natürlichen Menschen erkannt hat, kann dies verstehen. Daran aber fehlte es bei Petrus und bei den anderen Jüngern. Der „gewisse Jüngling“, der Ihm dennoch zu folgen versuchte, musste darum, wie auch später Petrus, elend zuschanden werden (Mk 14,51.52). Seine „feine Leinwand“ – von der er wohl einen gewissen Schutz erwartet, auf die er vertraut hatte – musste er „fahren lassen“, und das Einzige, was übrigblieb, war seine eigene traurige „Nacktheit“.

Und der Herr? „Die Schar nun und der Oberste und die Diener der Juden nahmen Jesus und banden ihn“ (Joh 18,12). Die Hände, die so viel Gutes getan, die eben noch das Ohr des Malchus geheilt hatten, die Er schützend über Seine Jünger gehalten hatte, sie fanden vonseiten des Menschen nichts anderes als die Fesseln und – bald darauf – die Nägel der Henkersknechte.

 

Anmerkungen

[1] Von dieser „Schar“ erfahren wir nur hier; danach hatte Judas nicht nur „die Diener“ der Hohenpriester und die (levitische) Tempelwache (Lk 22,52), sondern auch die römische Besatzung der Burg Antonia zur Verfügung. Dass sie von einem „Chiliarchen“, das ist einem „Obersten über Tausend“ (Joh 18,12), geführt wurde, lässt auf eine erhebliche Stärke schließen.


Originaltitel: „Verrat und Gefangennahme des Herrn“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1994, S. 66–75


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